Humanae vitae: „Eine mutige, aber keine prophetische Enzyklika“

Vor 50 Jahren, am 25. Juli 1968, wurde von Paul VI. die Enzyklika Humanae vitae veröffentlicht.
Vor 50 Jahren, am 25. Juli 1968, wurde von Paul VI. die Enzyklika Humanae vitae veröffentlicht.

Vor 50 Jah­ren, am 25. Juli 1968, wur­de von Paul VI. die Enzy­kli­ka Huma­nae vitae ver­öf­fent­licht. Der katho­li­sche Intel­lek­tu­el­le Rober­to de Mattei erklärt, war­um es sich dabei zwar um eine muti­ge, aber nicht um eine „pro­phe­ti­sche“ Enzy­kli­ka han­del­te. Zudem erör­tert er, wor­an Ehe und Fami­lie heu­te kran­ken und nennt die Mit­tel, die Abhil­fe schaf­fen kön­nen. Life­Si­teNews führ­te dazu ein Inter­view mit ihm.

Dia­ne Mon­ta­gna: Am 25. Juli 1968 pro­mul­gier­te Paul VI. die Enzy­kli­ka Huma­nae vitae. Wie lau­tet das histo­ri­sche Urteil 50 Jah­re nach die­sem Ereignis?

Prof. Rober­to de Mattei: Huma­nae vitae ist eine Enzy­kli­ka von gro­ßer histo­ri­scher Bedeu­tung, weil sie die Exi­stenz eines unver­än­der­li­chen Natur­rechts in einer Zeit in Erin­ne­rung geru­fen hat, in der der Bezugs­punkt von Kul­tur und Sit­ten die Leug­nung bestän­di­ger Wer­te in der Geschich­te war.
Das Doku­ment von Paul VI. war auch eine Ant­wort auf eine kirch­li­che Revo­lu­ti­on, die nach dem Ende des Zwei­ten Vati­ka­ni­schen Kon­zils die Kir­che von innen ange­grif­fen hat. Wir haben Paul VI. dafür zu dan­ken, daß er dem sehr star­ken Druck der Medi­en und der kirch­li­chen Lob­bys, die dies­be­züg­lich eine Ände­rung der kirch­li­chen Leh­re for­der­ten, nicht nach­ge­ge­ben hat.

Dia­ne Mon­ta­gna: Im Gegen­satz zu vie­len ande­ren hal­ten Sie Huma­nae vitae aber nicht für eine pro­phe­ti­sche Enzy­kli­ka. Warum?

Roberto de Mattei
Rober­to de Mattei

Prof. Rober­to de Mattei: Im all­ge­mei­nen Sprach­ge­brauch wird als pro­phe­tisch die Fähig­keit bezeich­net, durch die Gna­de erleuch­tet im Licht der Ver­nunft künf­ti­ge Ereig­nis­se vor­her­zu­sa­gen. Unter die­sem Aspekt waren die 500 Kon­zils­vä­ter „Pro­phe­ten“, die wäh­rend des Zwei­ten Vati­ka­ni­schen Kon­zils eine Ver­ur­tei­lung des Kom­mu­nis­mus gefor­dert hat­ten, wäh­rend jene, die sich einer sol­chen Ver­ur­tei­lung wider­setz­ten, weil sie der Über­zeu­gung waren, daß der Kom­mu­nis­mus etwas Gutes ent­hielt und noch Jahr­hun­der­te dau­ern wer­de, kei­ne „Pro­phe­ten“ waren. Zur glei­chen Zeit ver­brei­te­te sich in jenen Jah­ren der Mythos einer dro­hen­den Über­be­völ­ke­rung, und alle spra­chen von der Not­wen­dig­keit einer Geburtenkontrolle.
Kei­ne Pro­phe­ten waren jene wie Kar­di­nal Sue­n­ens, die den Gebrauch von Ver­hü­tungs­mit­teln erlau­ben woll­ten, um die Gebur­ten zu redu­zie­ren, wäh­rend jene Kon­zils­vä­ter wie die Kar­di­nä­le Otta­via­ni und Brown Pro­phe­ten waren, die sich die­ser For­de­rung wider­setz­ten, indem sie an die Wor­te der Gene­sis erin­ner­ten: „Seid frucht­bar und ver­mehrt euch“. Das Pro­blem, vor dem heu­te der Westen steht, ist mit Sicher­heit nicht die Über­be­völ­ke­rung, son­dern der demo­gra­phi­sche Zusam­men­bruch. Huma­nae vitae war kei­ne pro­phe­ti­sche Enzy­kli­ka, weil sie das Prin­zip der Gebur­ten­kon­trol­le in Form der „ver­ant­wor­te­ten Eltern­schaft“ akzep­tier­te. Sie war aller­dings ein muti­ges Doku­ment, weil sie die Ver­ur­tei­lung künst­li­cher Ver­hü­tungs­mit­tel und der Abtrei­bung bekräf­tig­te. Unter die­sem Gesichts­punkt ver­dient sie, gefei­ert zu werden.

Dia­ne Mon­ta­gna: Man­che haben nahe­ge­legt, Huma­nae vitae ent­hal­te eine neue Leh­re, weil dar­in die Untrenn­bar­keit der bei­den Ehe­zwecke betont wird, die Zeu­gung und die Ein­heit, die auf die­sel­be Stu­fe gestellt wur­den. Stim­men Sie dem zu?

Prof. Rober­to de Mattei: Die Untrenn­bar­keit der bei­den Ehe­zwecke ist Teil der kirch­li­chen Leh­re und Huma­nae vitae ruft sie rich­ti­ger­wei­se in Erin­ne­rung. Um aber Miß­ver­ständ­nis­se zu ver­mei­den, ist auch an die Exi­stenz einer Hier­ar­chie der Zwecke zu erin­nern. Gemäß der Leh­re der Kir­che ist die Ehe ihrem Wesen nach eine Insti­tu­ti­on recht­lich-mora­li­schen Cha­rak­ters, die vom Chri­sten­tum zur Wür­de eines Sakra­ments erho­ben wur­de. Ihr Haupt­zweck ist die Zeu­gung von Nach­kom­men, was nicht eine bloß bio­lo­gi­sche Funk­ti­on meint, son­dern untrenn­bar mit dem Geschlechts­akt ver­bun­den ist.
Die christ­li­che Ehe hat den Zweck, Gott und der Kir­che Kin­der zu schen­ken, damit aus ihnen künf­ti­ge Bür­ger des Him­mel­rei­ches wer­den. Wie der hei­li­ge Tho­mas von Aquin lehrt (Con­tra Gent. 4,58), macht die Ehe die Ehe­leu­te zu „Ver­brei­tern und Bewah­rern des geist­li­chen Lebens gemäß einem Amt, das zugleich kör­per­lich wie gei­stig ist“, das dar­in besteht, „den Nach­wuchs zu zeu­gen und zum gött­li­chen Kul­tus zu erzie­hen“ (Ef 5,28). Die Eltern über­ge­ben das über­na­tür­li­che Leben ihren Kin­dern nicht direkt, son­dern müs­sen deren Ent­wick­lung sicher­stel­len, indem sie ihnen begin­nend mit der Tau­fe das Erbe des Glau­bens wei­ter­ge­ben. Daher gehört zum Haupt­zweck der Ehe auch die Erzie­hung des Nach­wuch­ses: Ein Werk, wie Pius XII. in sei­ner Rede vom 19. Mai 1956 sag­te, das wegen sei­ner Trag­wei­te und sei­nen Fol­gen über die betref­fen­de Genera­ti­on hinausragt.

Dia­ne Mon­ta­gna: Wel­che lehr­amt­li­che Auto­ri­tät kommt Huma­nae vitae zu?

Prof. Rober­to de Mattei: Im Bemü­hen den dok­tri­nel­len Kon­flikt mit den Ver­hü­tungs-Ver­fech­tern unter den Katho­li­ken abzu­mil­dern, woll­te Paul VI. dem Doku­ment nicht den Cha­rak­ter einer Letzt­ent­schei­dung geben. Die Ver­ur­tei­lung der Ver­hü­tungs­mit­tel kann aber als unfehl­ba­rer Akt des ordent­li­chen Lehr­am­tes ver­stan­den wer­den, wo es bekräf­tigt, was schon immer gelehrt wur­de: Jeder Gebrauch von künst­li­chen Ver­hü­tungs­mit­teln beim Geschlechts­akt in der Ehe, um die Zeu­gung von Leben zu ver­hin­dern, ver­letzt das Natur­recht und stellt eine schwe­re Schuld dar.
Auch der Vor­rang des Zeu­gungs­zweckes der Ehe kann als unfehl­ba­re Leh­re des ordent­li­chen Lehr­am­tes betrach­tet wer­den, weil er auf fei­er­li­che Wei­se von Pius XI. in Casti con­nu­bii und von Pius XII. in sei­ner Grund­satz­re­de an die Heb­am­men vom 29. Okto­ber 1951 bekräf­tigt wur­de. Pius XII. stell­te klar und deut­lich fest:
„Die Wahr­heit ist, daß die Ehe, als einer natür­li­chen Ein­rich­tung, kraft des Wil­lens des Schöp­fers, nicht die per­sön­li­che Ver­voll­komm­nung der Ehe­gat­ten zum ersten und innig­sten Zweck hat, son­dern die Zeu­gung und Erzie­hung des neu­en Lebens. Die ande­ren Zwecke, obwohl auch Teil ihres Wesens, ste­hen nicht auf der­sel­ben Ebe­ne wie die Vor­ge­nann­ten, und schon gar nicht über die­sen, son­dern ihrem Wesen nach die­sen unter­ge­ord­net. Dies gilt für jede Ehe, auch wenn sie unfrucht­bar ist; so wie von jedem Auge gesagt wer­den kann, daß es beab­sich­tigt und geformt ist, um zu sehen, auch wenn es in Aus­nah­me­fäl­len wegen beson­de­rer inne­rer und äuße­rer Bedin­gun­gen nie zur visu­el­len Wahr­neh­mung imstan­de ist.“
Der Papst erin­ner­te an die­ser Stel­le, daß der Hei­li­ge Stuhl mit einem öffent­li­chen Dekret des Hei­li­gen Offi­zi­ums „ver­laut­bar­te, daß kei­ne Urtei­le von eini­gen jüng­sten Autoren zuläs­sig sind, die leug­nen, daß der Haupt­zweck der Ehe die Zeu­gung und Erzie­hung des Nach­wuch­ses ist, oder leh­ren, daß die zweit­ran­gi­gen Zwecke nicht dem Haupt­zweck unter­ge­ord­net, son­dern gleich­wer­tig und die­sem unab­hän­gig sind“ (S.C.S. Offi­cii, 1. April 1944 – Acta Apo­sto­li­cae Sedis„ Bd. 36, Jg. 1944).

Dia­ne Mon­ta­gna: In einem Auf­satz haben Sie her­vor­ge­ho­ben, daß sich im neu­en Buch von Msgr. Maren­go ein neu­es Ele­ment fin­det, näm­lich der voll­stän­di­ge Text des Erst­ent­wur­fes der Enzy­kli­ka von Paul VI., die ursprüng­lich den Titel De nas­cen­di pro­lis erhal­ten soll­te. Die­se Enzy­kli­ka wur­de dann zu Huma­nae vitae umge­wan­delt. Kön­nen Sie uns etwas über die­se Umwand­lung sagen?

Prof. Rober­to de Mattei: Die Ent­ste­hungs­ge­schich­te von Huma­nae vitae ist kom­plex und gequält. Am Beginn steht die Ableh­nung des vor­be­rei­te­ten Sche­mas über die Fami­lie und die Ehe durch die Kon­zils­vä­ter, das von der Vor­be­rei­tungs­kom­mis­si­on für das Zwei­te Vati­ka­ni­sche Kon­zil aus­ge­ar­bei­tet und von Johan­nes XXIII. appro­biert wor­den war. Der Haupt­ak­teur der Wen­de war Kar­di­nal Leo-Joseph Sue­n­ens, der dama­li­ge Erz­bi­schof von Brüs­sel, der maß­geb­li­chen Ein­fluß auf Gau­di­um et Spes hat­te und die Ad-hoc-Kom­mis­si­on zur Gebur­ten­re­ge­lung „steu­er­te“, die Johan­nes XXIII. ernannt und Paul VI. erwei­tert hatte.
Die­se Kom­mis­si­on erar­bei­te­te 1966 einen Text, in dem sich die Mehr­heit der Exper­ten für künst­li­che Ver­hü­tungs­mit­tel aus­sprach. Die bei­den fol­gen­den Jah­re waren kon­tro­vers und kon­fus, wie die neu­en, von Msgr. Maren­go ver­öf­fent­lich­ten Doku­men­te bestä­ti­gen. Dem Mehr­heits­be­richt, der 1967 vom Natio­nal Catho­lic Report ver­öf­fent­licht wur­de, stand der Min­der­heits­be­richt gegen­über, der sich dem Gebrauch künst­li­cher Ver­hü­tungs­me­tho­den wider­setz­te. Paul VI. ernann­te daher eine neue Stu­di­en­grup­pe, die von sei­nem Haus­theo­lo­gen, Msgr. Colom­bo, gelei­tet wur­de. Nach vie­len Dis­kus­sio­nen gelang­te man zu De nas­cen­di pro­lis, doch dann kam es zu einer neu­en Wen­dung, weil die fran­zö­si­schen Über­set­zer mas­si­ve Ein­wän­de gegen das Doku­ment vor­brach­ten. Paul VI. nahm neue Ände­run­gen vor und am 25. Juli 1968 wur­de end­lich Huma­nae vitae veröffentlicht.
Der Unter­schied zwi­schen bei­den Doku­men­ten bestand dar­in, daß erste­res mehr „dok­tri­nä­rer“, das zwei­te hin­ge­gen mehr „pasto­ra­ler“ Art war. Man spü­re dar­in, so Msgr. Maren­go, „den Wil­len, es zu ver­mei­den, daß die Suche nach dok­tri­nä­rer Klar­heit als unsen­si­ble Stren­ge ver­stan­den wer­den könn­te“. Die tra­di­tio­nel­le Dok­trin der Kir­che wur­de bekräf­tigt, aber die Leh­re von den Ehe­zwecken wur­de nicht mit der nöti­gen Klar­heit ausgedrückt.

Dia­ne Mon­ta­gna: In Ihrem Arti­kel schrei­ben Sie, daß Johan­nes Paul II. kraft­voll die Leh­re von Huma­nae vitae bekräf­tig­te, aber das Ver­ständ­nis der ehe­li­chen Lie­be, die sein gan­zes Pon­ti­fi­kat durch­zog, Grund für zahl­rei­che Miß­ver­ständ­nis­se war. Kön­nen Sie uns dazu etwas mehr sagen?

Prof. Rober­to de Mattei: Ich bin Johan­nes Paul II. dank­bar für die kla­re Bekräf­ti­gung des Sit­ten­ge­set­zes in Veri­ta­tis sple­ndor. Die Theo­lo­gie des Lei­bes von Johan­nes Paul II., die zum Teil Ein­gang in das neue Kir­chen­recht und den neu­en Kate­chis­mus gefun­den hat, bringt ein Ehe­ver­ständ­nis zum Aus­druck, das fast aus­schließ­lich auf der Lie­be der Ehe­gat­ten beruht. Nach 50 Jah­ren muß man den Mut haben, die Fra­ge einer objek­ti­ven Über­prü­fung zu unter­zie­hen, die allein vom Wunsch der Wahr­heits­su­che und des See­len­heils ange­trie­ben ist.
Die Früch­te der neu­en Pasto­ral ste­hen vor aller Augen. Die Ver­hü­tung ist in der katho­li­schen Welt weit­ver­brei­tet und die Recht­fer­ti­gung, die dem gege­ben wird, stellt eine ver­zerr­te Sicht der Lie­be und der Ehe dar. Wenn nicht die Hier­ar­chie der Zwecke wie­der­her­ge­stellt wird, besteht die Gefahr, daß geför­dert wird, was man ver­mei­den will: Span­nung, Kon­flikt und schließ­lich die Tren­nung der bei­den Ehezwecke.

Dia­ne Mon­ta­gna: Aber ist der Ehe­bund nicht auch ein Sym­bol der inni­gen Ver­bun­den­heit Chri­sti mit der Kirche?

Prof. Rober­to de Mattei: Natür­lich, aber der berühm­te Satz des hei­li­gen Pau­lus (Eph 5, 32) wird fast immer auf den Geschlechts­akt bezo­gen, wäh­rend die ehe­li­che Lie­be nicht nur gefühls­mä­ßi­ge Lie­be meint, son­dern vor allem ratio­na­le Lie­be. Die ratio­na­le Lie­be, von der Cari­tas erhöht, wird zu einer Form der über­na­tür­li­chen Lie­be, die die Ehe hei­ligt. Die gefühls­mä­ßi­ge Lie­be kann ver­zerrt wer­den, sogar soweit, den Ehe­gat­ten als Lust­ob­jekt zu sehen. Die­se Gefahr kann auch aus einer Über­be­to­nung des bräut­li­chen Cha­rak­ters der Ehe kommen.
Zudem sag­te Pius XII. bezüg­lich des Bil­des von der Ver­bin­dung Chri­sti mit sei­ner Kir­che: „Im einen wie im ande­ren ist die Selbst­hin­ga­be total, exklu­siv und unum­kehr­bar: im einen wie im ande­ren ist der Bräu­ti­gam das Haupt der Braut, die ihm zuge­ord­net ist wie dem Herrn (vgl. ibi­dem 22–23). Im einen wie im ande­ren wird das gegen­sei­ti­ge Schen­ken zum Prin­zip der Aus­brei­tung und der Quel­le des Lebens“ (Rede an die Braut­leu­te vom 23. Okto­ber 1940).
Heu­te liegt der Akzent nur auf dem gegen­sei­ti­gen Sich-Schen­ken, wäh­rend ver­schwie­gen wird, daß der Mann das Haupt der Frau und der Fami­lie ist, so wie Chri­stus das Haupt der Kir­che ist. Die impli­zi­te Leug­nung des Vor­ran­ges des Ehe­man­nes über die Ehe­frau ent­spricht ana­log der Unter­schla­gung des Vor­ran­ges der Zeu­gung vor der ehe­li­chen Gemein­schaft. Dadurch wird eine Rol­len­ver­wir­rung in die Fami­lie hin­ein­ge­tra­gen, deren Fol­gen wir heu­te deut­lich sehen.

Erst­ver­öf­fent­li­chung: LifeSiteNews
Über­set­zung: Giu­sep­pe Nardi
Bild: Cor­ris­pon­den­za Romana