Die Reform von Papst Franziskus wurde bereits von Martin Luther geschrieben

Papst Franziskus mit Pastor Jens-Martin Kruse von der evangelisch-lutherischen Kirche in Rom (November 2015).
Papst Franziskus mit Pastor Jens-Martin Kruse von der evangelisch-lutherischen Kirche in Rom (November 2015).

(Rom) Rund um den fünf­ten Jah­res­tag des Pon­ti­fi­kats von Papst Fran­zis­kus wur­de viel geschrie­ben. Beson­ders häu­fig wur­de dabei der Begriff „Revo­lu­ti­on“ gebraucht. Der Vati­ka­nist San­dro Magi­ster ver­öf­fent­lich­te auf sei­nem Blog Set­ti­mo Cie­lo die Ana­ly­se von Rober­to Per­ti­ci, Ordi­na­ri­us für Zeit­ge­schich­te an der Uni­ver­si­tät Ber­ga­mo. Per­ti­cis For­schungs­schwer­punkt sind das 19. und 20. Jahr­hun­dert mit beson­de­rer Berück­sich­ti­gung der Bezie­hun­gen von Staat und Kir­che. Sein Text stellt eine inter­es­san­te, strecken­wei­se bemer­kens­wert Ana­ly­se der Umwäl­zungs­pro­zes­se dar, die der­zeit in der Kir­che vor­an­ge­trie­ben wer­den. Wer wis­sen will, was Papst Fran­zis­kus antreibt, was er anstrebt und wie weit er auf die­sem Weg bereits vor­an­ge­schrit­ten ist, soll­te Per­ti­cis auf­schluß­rei­che Ana­ly­se lesen.

Das Ende des „römischen Katholizismus“?

von Rober­to Per­ti­ci

1.

An die­sem Punkt des Pon­ti­fi­kats von Fran­zis­kus kann mei­nes Erach­tens begrün­det behaup­tet wer­den, daß es den Unter­gang jener so macht­vol­len geschicht­li­chen Rea­li­tät signa­li­siert, der als „römi­sche Katho­li­zis­mus“ bezeich­net wird.

Das bedeu­tet wohl­ver­stan­den nicht, daß die katho­li­sche Kir­che am Ende ist, aber daß die Art und Wei­se, in der sie sich in den ver­gan­ge­nen Jahr­hun­der­ten histo­risch struk­tu­riert und selbst dar­ge­stellt hat, ihrem Unter­gang zustrebt.

Das ist das Pro­jekt, das scheint mir offen­sicht­lich, das vom „Brain Trust“, der sich um Fran­zis­kus schart, bewußt vor­an­ge­trie­ben wird: ein Pro­jekt, das sowohl als eine extre­me Ant­wort auf die Kri­se im Ver­hält­nis von Kir­che und moder­ner Welt als auch als eine Vor­stu­fe für einen erneu­er­ten öku­me­ni­schen Weg in Gemein­schaft mit den ande­ren christ­li­chen Kon­fes­sio­nen, beson­ders den pro­te­stan­ti­schen, ver­stan­den wird.

2.

Unter „römi­schem Katho­li­zis­mus“ ver­ste­he ich die gro­ße geschicht­li­che, theo­lo­gi­sche und recht­li­che Kon­struk­ti­on, die ihren Anfang in der Hel­le­ni­sie­rung (wegen des phi­lo­so­phi­schen Aspek­tes) und in der Roma­ni­sie­rung des frü­hen Chri­sten­tums (wegen des poli­tisch-recht­li­chen  Aspek­tes) nahm und sich auf den Pri­mat der Nach­fol­ger des Petrus stützt, wie er aus der Kri­se der spät­an­ti­ken Welt und der  theo­re­ti­schen Syste­ma­ti­sie­rung in Gre­go­ria­ni­schen Zeit (“Dic­ta­tus Papae“) her­vor­ging.

In den fol­gen­den Jahr­hun­der­ten gab sich die Kir­che zudem ein eige­nes, inter­nes Recht, das Kano­ni­sche Recht, des­sen Vor­bild das Römi­sche Recht war. Die­ses recht­li­che Ele­ment hat zur schritt­wei­sen Aus­for­mung einer kom­ple­xen hier­ar­chi­schen Orga­ni­sa­ti­on mit prä­zi­sen inter­nen Nor­men geführt, die sowohl das Leben der „zöli­ba­tä­ren Büro­kra­tie“ (Carl Schmitt) regeln, die sie ver­wal­tet, als auch der Lai­en, die ein Teil davon sind.

Das ande­re ent­schei­den­de Moment in der Aus­for­mung des „römi­schen Katho­li­zis­mus“ ist die vom Kon­zil von Tri­ent erar­bei­te­te Ekkle­sio­lo­gie. Sie bekräf­tigt gegen die luthe­ri­schen The­sen vom „uni­ver­sa­len Prie­ster­tum“ die Zen­tra­li­tät der kirch­li­chen Ver­mitt­lung für die Erlan­gung des ewi­gen See­len­heils und schreibt den hier­ar­chi­schen, ein­heit­li­chen und zen­tra­li­sier­ten Cha­rak­ter der Kir­che fest, damit auch ihr Kon­troll­recht und wenn not­wen­dig das Recht, Posi­tio­nen, die der ortho­do­xen For­mu­lie­rung der Glau­bens­wahr­hei­ten wider­spre­chen, zu ver­ur­tei­len und ihre Rol­le bei der Sakra­men­ten­ver­wal­tung.

Es wäre zu kurz gegrif­fen, wenn wir uns nur auf das bis­her Gesag­te beschrän­ken wür­den, denn es gibt oder bes­ser, es gab, auch eine ver­brei­te­tes „katho­li­schen Füh­len“:

  • eine kul­tu­rel­le Hal­tung, die, was die mensch­li­che Natur betrifft, auf einen Rea­lis­mus grün­det, aber ernüch­tert bereit ist, „alles zu ver­ste­hen“ als Vor­aus­set­zung, um „alles zu ver­ge­ben“;
  • eine nichtasze­ti­sche Spi­ri­tua­li­tät, die Ver­ständ­nis für gewis­se mate­ri­el­le Aspek­te des Lebens hat, und sie auch nicht ver­ach­tet;
  • enga­giert in der täg­li­chen Cari­tas gegen­über den Armen und Bedürf­ti­gen, ohne jede Not­wen­dig­keit sie zu idea­li­sie­ren oder zu neu­en Ido­len zu machen;
  • bereit auch, sich in der eige­nen Pracht zu zei­gen, also kei­nes­wegs taub gegen­über der Schön­heit und den Kün­sten als Zeu­gen einer höhe­ren Schön­heit, der sich der Christ zunei­gen soll;
  • auf­merk­sa­mer Erfor­scher der ver­bor­gen­sten Beweg­grün­de des Her­zen, des inne­ren Kamp­fes zwi­schen Gut und Böse, der Dia­lek­tik zwi­schen den „Ver­su­chun­gen“ und der Ant­wort des Gewis­sens.

Man könn­te daher sagen, daß in dem, was wir „römi­schen Katho­li­zis­mus“ nen­nen, neben dem reli­giö­sen noch drei Aspek­te zusam­men­flie­ßen: der ästhe­ti­sche, der recht­li­che und der poli­ti­sche. Es han­delt sich um eine ratio­na­le Sicht der Welt, die sich zur sicht­ba­ren und kom­pak­ten Insti­tu­ti­on macht und unver­meid­lich in einen Kon­flikt mit dem aus der Moder­ne her­vor­ge­gan­ge­nen Ver­tre­tungs­an­spruch gera­ten muß, der sich auf den Indi­vi­dua­lis­mus und einem Ver­ständ­nis von Macht grün­det, die von unten aus­geht, und daher das Auto­ri­täts­prin­zip in Fra­ge stellt.

3.

Die­ser Kon­flikt wur­de von jenen, die ihn ana­ly­siert haben, unter ver­schie­de­nen, oft gegen­sätz­li­chen Gesichts­punk­ten betrach­tet. Carl Schmitt schau­te mit Bewun­de­rung auf die „Wider­stands­kraft“ des „römi­schen Katho­li­zis­mus“, den er als letz­te Basti­on sah, die imstan­de war, den zer­set­zen­den Kräf­ten der Moder­ne Ein­halt zu gebie­ten. Ande­re haben ihn hin­ge­gen hart kri­ti­siert: In die­sem Kampf habe die katho­li­sche Kir­che ihre recht­lich-hier­ar­chi­schen, auto­ri­tä­ren, äuße­ren Züge auf ver­derb­li­che Wei­se betont.

Von den ent­ge­gen­ge­setz­ten Bewer­tun­gen ein­mal abge­se­hen herrscht jedoch ein­ver­neh­men dar­in, daß der „römi­sche Katho­li­zis­mus“ in den ver­gan­ge­nen Jahr­hun­der­ten in eine defen­si­ve Posi­ti­on gedrängt wur­de. Vor allem das Ent­ste­hen der Indu­strie­ge­sell­schaft und die dar­aus fol­gen­de Moder­ni­sie­rung stell­te ihre sozia­le Prä­senz schritt­wei­se in Fra­ge und löste eine Rei­he von anthro­po­lo­gi­schen Ver­än­de­run­gen aus, die noch heu­te im Gan­ge sind: Fast so, als sei der „römi­sche Katho­li­zis­mus“ „orga­ni­scher“ Teil einer agra­ri­schen, hier­ar­chi­schen, sta­ti­schen, auf Armut und Angst beru­hen­den Gesell­schaft, die aber kei­ne Rele­vanz in einer „flie­ßen­den“, dyna­mi­schen Gesell­schaft erlan­gen kön­ne, die von sozia­ler Mobi­li­tät geprägt ist.

Eine Ant­wort auf die­se Kri­sen­si­tua­ti­on wur­de vom Zwei­ten Vati­ka­ni­schen Kon­zil (1962–1965) gege­ben, das nach den Absich­ten von Papst Johan­nes XXIII., der es ein­be­ru­fen hat­te, eine „pasto­ra­le Aktua­li­sie­rung“ (aggior­na­men­to) durch­füh­ren soll­te, d.h., mit neu­em Opti­mis­mus auf die moder­ne Welt zu schau­en und kurz­um die Wach­sam­keit abzu­bau­en. Es ging nicht mehr dar­um, ein jahr­hun­der­te­al­tes Duell fort­zu­set­zen, son­dern sich dem Dia­log zu öff­nen und die Begeg­nung zu suchen.

Die Welt erleb­te in jenen Jah­ren  außer­ge­wöhn­li­che Ver­än­de­run­gen und eine bis dahin nicht gekann­te wirt­schaft­li­che Ent­wick­lung: nach Eric J. Hobs­bawm wahr­schein­lich die sen­sa­tio­nell­ste, schnell­ste und trief­grei­fend­ste Revo­lu­ti­on der mensch­li­chen Lebens­be­din­gun­gen der Geschich­te. Das Ereig­nis Kon­zil trug zu die­ser Ver­än­de­rung bei, wur­de aber auch von ihr mit­ge­ris­sen: Der Rhyth­mus der „Aggior­na­men­ti“ (Aktua­li­sie­run­gen), die auch vom schwin­del­erre­gen­den Wan­del des Gesamt­kli­mas und der all­ge­mei­nen Über­zeu­gun­gen –  besun­gen von Bob Dyl­an mit „The Times They Are A Chan­gin“ – begün­stigt wur­de, ent­glitt der Hier­ar­chie aus den Hän­den, oder bes­ser gesagt, jenem Teil, der eine Reform, aber kei­ne Revo­lu­ti­on durch­füh­ren woll­te.

So erleb­te man zwi­schen 1967 und 1968 die „Wen­de“ von Paul VI., die zuerst in einer besorg­ten Ana­ly­se der ´68er-Unru­hen und dann der „sexu­el­len Revo­lu­ti­on“ zum Aus­druck kam, die in der Enzy­kli­ka Huma­nae vitae von 1968 ent­hal­ten ist. Der Pes­si­mis­mus die­ses gro­ßen Pap­stes ging in den 70er Jah­ren soweit, daß er im Gespräch mit dem Phi­lo­so­phen Jean Guit­ton sich und ihm die beun­ru­hi­gen­de Fra­ge des Lukas­evan­ge­li­ums stell­te: „Wird der Men­schen­sohn, wenn er wie­der­kommt, auf der Erde noch Glau­ben vor­fin­den?“ (Lk 18,8). Und er füg­te hin­zu: „Was mich am mei­sten bewegt, wenn ich die katho­li­sche Welt betrach­te, ist, daß im Inne­ren  der Katho­li­zi­tät manch­mal ein nicht­ka­tho­li­sches Den­ken vor­herr­schend scheint, und es kann sein, daß die­ses nicht­ka­tho­li­sche Den­ken im Inne­ren der Katho­li­zi­tät mor­gen das Stär­ke­re sein wird.“

4.

Es ist bekannt, wel­che Ant­wort die Nach­fol­ger von Paul VI. auf die­se Situa­ti­on gege­ben haben: Wan­del und Kon­ti­nui­tät kon­ju­gie­ren; zu eini­gen Fra­gen die nöti­gen Kor­rek­tu­ren vor­neh­men (unter die­sem Gesichts­punkt beson­ders denk­wür­dig ist die Ver­ur­tei­lung der „Befrei­ungs­theo­lo­gie“); den Dia­log mit der Moder­ne suchen, der gleich­zei­tig auch Her­aus­for­de­rung ist: zu Fra­gen des Lebens, der mensch­li­chen Bezie­hun­gen, der reli­giö­sen Frei­heit.

Bene­dikt XVI. bekräf­tig­te in sei­ner Rede an die Römi­sche Kurie vom 22. Dezem­ber 2005, der wirk­lich pro­gram­ma­ti­schen Rede sei­nes Pon­ti­fi­kats, einen Fix­punkt: Die gro­ßen Ent­schei­dun­gen des Zwei­ten Vati­ka­ni­schen Kon­zils sind im Licht der Tra­di­ti­on der Kir­che zu lesen und zu inter­pre­tie­ren, also auch im Sin­ne der Ekkle­sio­lo­gie des Kon­zils von Tri­ent und des Ersten Vati­ka­ni­schen Kon­zils. Dies schon allein aus dem ein­fa­chen Grund, weil es nicht mög­lich ist, den von vie­len Genera­tio­nen geglaub­ten und geleb­ten Glau­ben for­mal zu wider­spre­chen, ohne der Selbst­dar­stel­lung und Wahr­neh­mung einer Insti­tu­ti­on wie der katho­li­schen Kir­che ein nicht wie­der gut­zu­ma­chen­des vul­nus [Ver­let­zung] zuzu­fü­gen.

Bekannt ist auch, daß die­se Linie nicht nur extra eccle­si­am auf brei­te Ableh­nung stieß, die Medi­en und Intel­lek­tu­el­le gegen Papst Bene­dikt in unge­wohnt aggres­si­ver Form zum Aus­druck brach­ten, son­dern auf niko­de­mi­ti­sche Wei­se und lau­tes Gemur­mel auch in der kle­ri­ka­len Welt, also auch im Cor­pus eccle­siar­um, von dem die­ser Papst in den schwie­rig­sten Momen­ten sei­nes Pon­ti­fi­kats weit­ge­hend allein­ge­las­sen wur­de. Daher, so mei­ne Über­zeu­gung, rührt auch sein Amts­ver­zicht im Febru­ar 2013, der trotz beru­hi­gen­der Erklä­run­gen ein epo­cha­les Ereig­nis ist, des­sen Grün­de und lang­fri­sti­gen Impli­ka­tio­nen erst noch zu klä­ren sind.

5.

Das war die von Papst Fran­zis­kus geerb­te Situa­ti­on. Ich beschrän­ke mich dar­auf, jene bio­gra­phi­schen und kul­tu­rel­len Aspek­te anzu­deu­ten, die Jor­ge Mario Ber­go­glio, zum Teil ab ini­tio, dem fremd sein­lie­ßen, was ich „römi­schen Katho­li­zis­mus“ genannt habe.

  • Der Cha­rak­ter sei­ner Aus­bil­dung an der Peri­phe­rie, die tief in der latein­ame­ri­ka­ni­schen Welt ver­wur­zelt ist und ihn schwer die Uni­ver­sa­li­tät der Kir­che ver­kör­pern läßt, oder zumin­dest dazu treibt, sie auf neue Wei­se zu leben, indem er die euro­päi­sche und nord­ame­ri­ka­ni­schen Zivi­li­sa­ti­on ad acta legt;
  • Die Zuge­hö­rig­keit zu einem Orden, der Gesell­schaft Jesu, der im ver­gan­ge­nen hal­ben Jahr­hun­dert eine der auf­se­hen­er­re­gend­sten poli­tisch-kul­tu­rel­len Neu­po­si­tio­nie­run­gen vor­nahm, von der man in der jün­ge­ren Geschich­te Kennt­nis hat, indem er von einer „reak­tio­nä­ren“ zu einer ver­schie­den­ar­tig „revo­lu­tio­nä­ren“ Posi­ti­on wech­sel­te und einen Prag­ma­tis­mus an den Tag legt, der unter vie­len Aspek­ten Gegen­stand einer Refle­xi­on sein soll­te;
  • Die Distan­ziert­heit gegen­über dem ästhe­ti­schen Ele­ment, das dem „römi­schen Katho­li­zis­mus“ eigen ist, sei­ne hart­näcki­ge Ableh­nung jeder sicht­ba­ren Aus­drucks­form der Wür­de sei­nes Amtes (die päpst­li­che Woh­nung, die Mozzet­ta, der gewohn­te päpst­li­che Appa­rat, die Reprä­sen­ta­ti­ons­fahr­zeu­ge, die Som­mer­re­si­denz Castel Gan­dol­fo) und des­sen, was er „Gewohn­hei­ten eines Renais­sance-Für­sten“ nennt (von der anfäng­li­chen Ver­spä­tung, dann der völ­li­gen Abwe­sen­heit bei Kon­zer­ten klas­si­scher Musik, die ihm zu Ehren am Beginn sei­nes Pon­ti­fi­kats gege­ben wur­den).

Ich will aber ver­su­chen, das her­aus­zu­strei­chen, was mei­nes Erach­tens den zahl­rei­chen Ver­än­de­run­gen gemein­sam ist, die Papst Fran­zis­kus in die katho­li­sche Tra­di­ti­on ein­führt.

Dabei stüt­ze ich mich auf das klei­ne Buch eines füh­ren­den Kir­chen­man­nes, der all­ge­mein als Haupt­theo­lo­ge des der­zei­ti­gen Pon­ti­fi­kats gese­hen wird,  und den Fran­zis­kus elo­quent bereits bei sei­nem ersten Ange­lus am 17. März 2013 zitier­te:

„In die­sen Tagen hat­te ich die Gele­gen­heit, das Buch eines Kar­di­nals – Kar­di­nal Kas­pers, eines Theo­lo­gen, der sehr tüch­tig ist, eines guten Theo­lo­gen – über die Barm­her­zig­keit zu lesen. Und jenes Buch hat mir sehr gut getan, doch glaubt jetzt nicht, daß ich Wer­bung für die Bücher mei­ner Kar­di­nä­le mache! Dem ist nicht so! Doch es hat mir so gut, so gut getan.“

Das Buch von Wal­ter Kas­per, auf das ich mich bezie­he, trägt den Titel: „Mar­tin Luther —  Eine öku­me­ni­sche Per­spek­ti­ve“ und ist die über­ar­bei­te­te und erwei­ter­te Fas­sung eines Vor­tra­ges, den der Kar­di­nal am 18. Janu­ar 2016 in Ber­lin hielt. Das Kapi­tel, auf das ich die Auf­merk­sam­keit len­ken will, ist das sech­ste: „Mar­tin Luthers öku­me­ni­sche Aktua­li­tät“.

Das gan­ze Kapi­tel ist auf einer dua­len Argu­men­ta­ti­on kon­stru­iert, laut der Luther haupt­säch­lich durch die Reform­ver­wei­ge­rung des Pap­stes und der Bischö­fe, ver­an­laßt wur­de, den Bruch mit Rom zu ver­tie­fen. Nur wegen der Taub­heit Roms – schreibt Kas­per – muß­te der deut­sche Refor­ma­tor auf der Grund­la­ge sei­nes Ver­ständ­nis­ses von einem all­ge­mei­nen Prie­ster­tum zum Mit­tel einer Not­ord­nung grei­fen. Er habe aber wei­ter­hin dar­auf ver­traut, daß sich die Wahr­heit des Evan­ge­li­ums durch­set­zen wer­de, und hat daher die Tür für eine künf­ti­ge Ver­stän­di­gung grund­sätz­lich offen­ge­las­sen.

Aber auch auf katho­li­scher Sei­te blie­ben am Beginn des 16. Jahr­hun­derts vie­le Türen offen. Es herrsch­te kurz­um eine Situa­ti­on, die im Fluß war. Kas­per schreibt: Es gab kei­ne har­mo­nisch struk­tu­rier­te katho­li­sche Ekkle­sio­lo­gie, son­dern ledig­lich Ansät­ze, die mehr eine Dok­trin über die Hier­ar­chie als eine wirk­li­che Ekkle­sio­lo­gie waren. Die syste­ma­ti­sche Aus­ar­bei­tung der Ekkle­sio­lo­gie erfolg­te erst mit der Kon­tro­vers­theo­lo­gie als Anti­the­se zur Pole­mik der Refor­ma­ti­on gegen das Papst­tum. Das Papst­tum wur­de so auf eine bis dahin so nicht gekann­te Wei­se zum ent­schei­den­den Wesens­merk­mal der katho­li­schen Iden­ti­tät. Die jewei­li­gen kon­fes­sio­nel­len The­sen und Gegen­the­sen beding­ten und blockier­ten sich gegen­sei­tig.

Heu­te muß man – folgt man dem Gesamt­sinn von Kas­pers Argu­men­ta­ti­on – eine „Ent­kon­fes­sio­na­li­sie­rung“ vor­an­trei­ben, sowohl der Kon­fes­sio­nen der Refor­ma­ti­on als auch der katho­li­schen Kir­che, obwohl letz­te­re sich nie als eine „Kon­fes­si­on“ ver­stan­den hat, son­dern als Welt­kir­che. Man muß wie­der zu etwas ähn­li­chem zurück­keh­ren wie der Situa­ti­on, die vor dem Aus­bruch der reli­giö­sen Kon­flik­te des 16. Jahr­hun­derts herrsch­te.

Wäh­rend im luthe­ri­schen Bereich die­se „Ent­kon­fes­sio­na­li­sie­rung“ heu­te bereits weit­ge­hend voll­zo­gen ist (durch die star­ke Säku­la­ri­sie­rung jener Gesell­schaf­ten, wes­halb die Pro­ble­me, die der Grund für die kon­fes­sio­nel­len Kon­tro­ver­sen waren, für die gro­ße Mehr­heit der „refor­mier­ten“ Chri­sten irrele­vant gewor­den sind), ist im katho­li­schen Bereich noch viel zu tun, weil dort Aspek­te und Struk­tu­ren von dem über­lebt haben, was  ich „römi­schen Katho­li­zis­mus“ genannt habe. Daher ist die Auf­for­de­rung zur „Ent­kon­fes­sio­na­li­sie­rung“ vor allem an die katho­li­sche Welt gerich­tet. Kas­per for­dert sie als eine „Wie­der­ent­deckung“ der ursprüng­li­chen Katho­li­zi­tät, die nicht auf eine kon­fes­sio­nel­le Sicht­wei­se ein­ge­engt ist.

Zu die­sem Zweck sei es not­wen­dig, die Über­win­dung der triden­ti­ni­schen Ekkle­sio­lo­gie und jene des Ersten Vati­ca­num kon­se­quent durch­zu­füh­ren. Laut Kas­per hat das Zwei­te Vati­ka­ni­sche Kon­zil dafür den Weg geöff­net, aber sei­ne Rezep­ti­on  war umstrit­ten und ver­lief alles ande­re als line­ar. Dar­aus erge­be sich die Rol­le des der­zei­ti­gen Pap­stes: Papst Fran­zis­kus habe eine neue Pha­se in die­sem Rezep­ti­ons­pro­zeß ein­ge­lei­tet. Er betont die Ekkle­sio­lo­gie des Vol­kes Got­tes, des wan­dern­den Vol­kes Got­tes, den Glau­bens­sinn des Vol­kes Got­tes, die syn­oda­le Struk­tur der Kir­che, und um das Ver­ständ­nis für die Ein­heit zu för­dern, bringt er einen inter­es­san­ten neu­en Ansatz ins Spiel. Er beschreibt die öku­me­ni­sche Ein­heit nicht mehr als kon­zen­tri­sche Krei­se um das Zen­trum, son­dern als Poly­eder, das heißt, als eine Rea­li­tät mit vie­len Sei­ten. Nicht ein von außen zusam­men­ge­füg­tes Puz­zle, son­dern ein Gan­zes, und wie ein Edel­stein reflek­tiert es das Licht, das auf wun­der­bar viel­fäl­ti­ge Wei­se dar­auf fällt. Unter Rück­griff auf Oscar Cull­mann greift Papst Fran­zis­kus das Kon­zept der ver­söhn­ten Ver­schie­den­heit auf.

6.

Wenn wir kurz in die­sem Licht die Hand­lun­gen von Fran­zis­kus Revue pas­sie­ren las­sen, die für Auf­se­hen sorg­ten, ver­ste­hen wir die Logik, die sie ver­bin­det:

  • die Beto­nung, seit dem ersten Tag sei­ner Wahl, sei­nes Amtes als Bischof von Rom anstatt als Papst der Welt­kir­che;
  • die Destruk­tu­rie­rung der kano­ni­schen Figur des römi­schen Pap­stes (das berühm­te: „Wer bin ich, um zu urtei­len?“), der also nicht nur cha­rak­ter­li­che Eigen­schaf­ten, wie oben beschrie­ben, zugrun­de lie­gen, son­dern ein tie­fe­rer, theo­lo­gi­scher Beweg­grund;
  • die fak­ti­sche Schwä­chung eini­ger der cha­rak­te­ri­stisch­sten Sakra­men­te des „katho­li­schen Füh­lens“ (die Ohren­beich­te, die unauf­lös­li­che Ehe, die Eucha­ri­stie) aus pasto­ra­len Grün­den der „Barm­her­zig­keit“ und des „Anneh­mens“;
  • die Über­be­to­nung der Par­r­he­sia im Inne­ren der Kir­che, der angeb­lich krea­ti­ven Ver­wir­rung, mit der ein Ver­ständ­nis von Kir­che fast als einer Art Föde­ra­ti­on von Orts­kir­chen ver­bun­den ist, die mit weit­ge­hen­den dis­zi­pli­nä­ren, lit­ur­gi­schen und auch dok­tri­nel­len Befug­nis­sen aus­ge­stat­tet sind.

Man­che emp­fin­den es als Skan­dal, daß in Polen eine ande­re Inter­pre­ta­ti­on von Amo­ris lae­ti­tia bezüg­lich der Kom­mu­ni­on für die wie­der­ver­hei­ra­te­ten Geschie­de­nen gel­ten wird als in Deutsch­land oder in Argen­ti­ni­en. Fran­zis­kus aber könn­te dar­auf ant­wor­ten, daß es sich eben um ver­schie­de­ne Sei­ten jenes Poly­eders han­delt, das die katho­li­sche Kir­che ist, dem sich frü­her oder spä­ter – war­um nicht? – in einem Geist der „ver­söhn­ten Ver­schie­den­heit“ auch die post-luthe­ri­schen Kir­chen der Refor­ma­ti­on hin­zu­fü­gen könn­ten.

Auf die­sem ein­ge­schla­ge­nen Weg ist es nicht schwer, vor­her­zu­se­hen, daß die näch­sten Schritt eine Neu­aus­rich­tung der Kate­che­se und der Lit­ur­gie im öku­me­ni­schen Sinn sein wer­den, auch hier, wenn man die ver­schie­de­nen Aus­gangs­punk­te betrach­tet, mit einem für die katho­li­sche Sei­te weit anspruchs­vol­le­ren Weg als für die „pro­te­stan­ti­sche“. Dazu gehört auch eine Schwä­chung des Wei­he­sa­kra­ments in sei­nem „katho­lisch­sten“ Aspekt, dem Zöli­bat, womit die katho­li­sche Hier­ar­chie auch auf­hö­ren wird, die „zöli­ba­tä­re Büro­kra­tie“ nach Schmitt zu sein.

In die­sem Zusam­men­hang ver­steht man die star­ke Her­vor­he­bung von Luthers Gestalt und Werk bes­ser, die durch die Spit­ze der katho­li­schen Kir­che anläß­lich des 500. Jah­res­ta­ges von 1517 statt­fand bis hin zur umstrit­te­nen Brief­mar­ke, die ihm von der Vati­ka­ni­schen Post gewid­met wur­de und ihn zusam­men mit Melan­chton zu Füßen von Chri­stus am Kreuz zeigt.

Per­sön­lich habe ich kei­nen Zwei­fel, daß Luther einer der Gigan­ten der „Welt­ge­schich­te“ ist, wie man einst zu sagen pfleg­te, aber est modus in rebus: gera­de die Insti­tu­tio­nen müs­sen eine Art von Scham­ge­fühl haben, wenn sie Umbrü­che von sol­chen Dimen­sio­nen ins Werk zu set­zen, denn sonst lau­fen sie Gefahr, sich lächer­lich zu machen. Das haben wir im 20. Jahr­hun­dert erlebt, als die Kom­mu­ni­sten von damals durch die Bank und wie auf Kom­man­do die bis zum Vor­tag ver­ur­teil­ten und uner­bitt­lich bekämpf­ten  „Abweich­ler“  reha­bi­li­tier­ten: der „Gegen­be­fehl, Genos­sen!“ der Kari­ka­tu­ren von Gio­van­ni­no Gua­re­schi.

7.

Wenn also gestern der „römi­sche Katho­li­zis­mus“ als ein Fremd­kör­per der Moder­ne wahr­ge­nom­men wur­de – eine Fremd­heit, die ihm nicht ver­zie­hen wur­de –, dann ver­steht sich, daß heu­te sein Unter­gang von der „moder­nen Welt“ in ihren Insti­tu­tio­nen in Poli­tik, Medi­en und Kul­tur freu­dig begrüßt wird, und der der­zei­ti­ge Papst als der gese­hen wird, der den Bruch zwi­schen der Kir­chen­füh­rung und der Welt der Infor­ma­ti­on, der Orga­ni­sa­tio­nen, der inter­na­tio­na­len Think Tank behebt, der sich 1968 mit Huma­nae vitae auf­tat und in den dar­auf fol­gen­den Pon­ti­fi­ka­ten wei­ter ver­tief­te.

Eben­so klar ist, daß die kirch­li­chen Grup­pen und Krei­se, die sich bereits in den 60er Jah­ren eine Über­win­dung der triden­ti­ni­schen Kir­che wünsch­ten, und die das Zwei­te Vati­ca­num in die­sem Sin­ne ver­stan­den, nach­dem sie in den ver­gan­ge­nen 40 Jah­ren sich ver­bor­gen hal­ten muß­ten, nun ans Licht kom­men und zusam­men mit ihren Erben unter den Lai­en und Kle­ri­kern jenen „Brain Trust“ bil­den, von dem am Beginn die Rede war.

Eini­ge Fra­gen blei­ben jedoch offen und ver­lan­gen ein wei­ter­ge­hen­de und alles ande­re als leich­tes Nach­den­ken.

Wird die von Papst Fran­zis­kus und sei­ner Entou­ra­ge vor­an­ge­brach­te Ope­ra­ti­on einen dau­er­haf­ten Erfolg haben, oder wird sie inner­halb der Hier­ar­chie, und dem was vom katho­li­schen Volk bleibt, auf Wider­stän­de sto­ßen, die stär­ker sind, als die letzt­lich mar­gi­na­len, die bis­her auf­ge­tre­ten sind?

Wel­che Art von neu­er „katho­li­scher“ Rea­li­tät in der west­li­chen Gesell­schaft wird sie her­vor­brin­gen?

Und all­ge­mei­ner: Wel­che Aus­wir­kun­gen wird sie auf das gesam­te kul­tu­rel­le, poli­ti­sche, reli­giö­se Leben der west­li­chen Welt haben, die – obwohl in einem eine hohen Maße säku­la­ri­siert  – lan­ge Zeit eine ihrer tra­gen­den Struk­tu­ren im „römi­schen Katho­li­zis­mus“ hat­te?

Es emp­fiehlt sich aber, daß Histo­ri­ker kei­ne Pro­phe­zei­un­gen machen, son­dern sich damit begnü­gen, etwas, wenn es ihnen gelingt, von den statt­fin­den­den Pro­zes­sen zu begrei­fen.

Text: Erst­ver­öf­fent­li­chung Set­ti­mo Cie­lo
Über­set­zung: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: CTV (Screen­shot)

2 Kommentare

  1. Wenn das die Zukunft ist, wozu dann noch katho­lisch sein?
    Mei­ne Lie­be zur Kir­che wird unter die­sem Papst immer mehr erschüt­tert.
    Es bleibt wohl per­spek­ti­visch tat­säch­lich nichts ande­res als der Gang
    zu den Pius­brü­dern.

  2. Lie­ber Aven­tin,
    wir sind uns hier oder anders­wo schon ein­mal begeg­net. Heu­er ist der 51. Jahr­tag einer Fehl­ent­schei­dung — Gol­de­ne Hoch­zeit.

    Weder Papst Fran­zis­kus noch sonst einer kann mich aus der Kir­che ver­trei­ben. Wir haben hier zwei gute Prie­ster, die aber in ihrem Bemü­hen die Kir­che leer-reden. Ich bin aus­rei­chend pel­zig. Neu­lich wur­de die Abend­mes­se im Nach­bar­dorf um eine Stun­de vor­ver­legt. Ich habe dann die Mes­se in Goas­sau mit­ge­fei­ert und klas­se Pre­digt bekom­men.

Kommentare sind deaktiviert.