Gegner der Ostpolitik: Pater Alessio Ulisse Floridi (1920–1986)

Alexis Ulysses Floridi
Pater Alexis Ulysses Floridi SJ war einer der besten römischen Kenner der Sowjetunion und ein strikter Gegner der vatikanischen Ostpolitik.

Von Rober­to de Mattei*

Unter den ent­schie­de­nen Geg­ner der vati­ka­ni­schen Ost­po­li­tik ist an eine Gestalt von bemer­kens­wer­ter kul­tu­rel­ler und mora­li­scher Grö­ße zu erin­nern: an Pater Ales­sio Ulis­se Flo­ridi (1920–1986), auch als Pater Alexis Ulysses Flo­ridi bekannt.

Brüsk vor die Tür gesetzt

Bereits in jun­gen Jah­ren trat der jun­ge Ita­lie­ner in die Gesell­schaft Jesu ein. Er stu­dier­te am Päpst­li­chen Col­le­gi­um Rus­si­cum in Rom, wo er die rus­si­sche Spra­che per­fekt erlern­te und 1949 im byzan­ti­ni­schen-sla­wi­schen Ritus zum Prie­ster geweiht wur­de. Sein Wunsch war es, im Unter­grund­a­po­sto­lat in Ruß­land tätig zu wer­den, wie es ande­re sei­ner Mit­brü­der taten. Die Obe­ren bestimm­ten für ihn aber den Ein­tritt in die Redak­ti­on der römi­schen Jesui­ten­zeit­schrift La Civil­tà Cat­to­li­ca, die das Aus­hän­ge­schild des Ordens war. Pater Flo­ridi wur­de zum Sowje­to­lo­gen par excel­lence der Zeit­schrift, der er Arti­kel lie­fer­te, deren Quel­len aus erster Hand stamm­ten, indem er Tages­zei­tun­gen, Zeit­schrif­ten und Doku­men­te aus­wer­te­te, die direkt aus der Sowjet­uni­on stamm­ten. Sei­ne sach­kun­di­gen Arti­kel, die reich an Fuß­no­ten und Anmer­kun­gen waren, wur­den wegen ihrer Serio­si­tät sogar von den Kom­mu­ni­sten gele­sen und geschätzt, sowohl in Ita­li­en als auch im Aus­land.

Willebrands mit Metropolit Nikodim
Wil­lebrands mit Metro­po­lit Niko­dim

Die Wahl von Johan­nes XXIII. und die Ein­be­ru­fung des Zwei­ten Vati­ka­ni­schen Kon­zils bedeu­te­ten eine Wen­de im Leben der Autoren der Civil­tà Cat­to­li­ca. Die Jesui­ten­zeit­schrift schrieb im Nach­ruf auf Pater Flo­ridi vom 20. Dezem­ber 1986, daß er die Civil­tà Cat­to­li­ca ver­ließ, weil ihm das Leben als Autor „zu sta­tisch und seß­haft“ erschien. In Wirk­lich­keit, wie mir Pater Flo­ridi per­sön­lich sag­te, war er auf schrof­fe Wei­se vor die Tür gesetzt wor­den, weil er sich der neu­en, von den Obe­ren ver­lang­ten Linie nicht gebeugt hat­te. Man hat­te von ihm gefor­dert, gegen­über dem Kom­mu­nis­mus den Grund­satz des hei­li­gen Franz von Sales anzu­wen­den: „Ein Trop­fen Honig lockt mehr Flie­gen als ein gan­zes Faß voll Essig“. Das­sel­be wur­de von Pater Gio­van­ni Caprile (1917–1993) gefor­dert, der im Gegen­satz zu Pater Flo­ridi sich die Emp­feh­lung zu eigen mach­te und vom uner­bitt­li­chen Kri­ti­ker zum Apo­lo­ge­ten der Frei­mau­re­rei wur­de.

Aus Rom entfernt

Pater Flo­ridi ver­wies hin­ge­gen auf das Gehor­sams­ge­lüb­de der Jesui­ten, das kei­nes­wegs bedin­gungs­los ist, wie vie­le mei­nen, son­dern viel­mehr ver­langt, über­all­hin zu gehen, wo der Papst sie hin­schickt,unter die Gläu­bi­gen und die Ungläu­bi­gen“ (Kon­sti­tu­tio­nen § 7, Rand­num­mer 609).((„Wer durch Sei­ne Hei­lig­keit bestimmt wird, irgend­wo hin­zu­ge­hen, soll sich selbst frei­gie­big anbie­ten, ohne für das Rei­se­geld zu bit­ten noch um irgend etwas Zeit­li­ches bit­ten zu las­sen; son­dern Sei­ne Hei­lig­keit wol­le ihn so sen­den, wie er es für den grö­ße­ren Dienst für Gott und den Apo­sto­li­schen Stuhl hält, ohne bei ihm auf etwas ande­res ach­ten zu müs­sen“ (Monu­men­ta SJ, Monu­men­ta lgna­tia­na, Con­sti­tu­tio­nes I).)) Des­halb folg­te er im Gehor­sam, als dar­auf­hin von oben beschlos­sen wur­de, ihn soweit als mög­lich von der Vil­la Mal­ta, dem Sitz der Civil­tà Cat­to­li­ca in Rom, zu ent­fer­nen.

So gelang­te er nach Bra­si­li­en, wo er unter den rus­si­schen Flücht­lin­gen wirk­te, und dann in die USA, wo er eine frucht­ba­re Mis­si­on unter den ukrai­ni­schen Katho­li­ken des byzan­ti­ni­schen Ritus ent­fal­te­te. Sei­ne Hal­tung gegen­über dem neu­en vati­ka­ni­schen Kurs änder­te er aber nicht.

Moskau und der Vatikan

Alessio Ulisse Floridi
Flo­rid­is Buch: Mos­kau und der Vati­kan

Als ich Pater Flo­ridi 1977 ken­nen­lern­te, war er ein Mann von beein­drucken­der Gestalt. Er war 57 Jah­re alt und sein schwar­zer Bart umrahm­te ein offe­nes und jovia­les Gesicht. Vor allem besaß er jenen Humor, der typisch für die ech­ten „roma­ni de Roma“, die „Römer aus Rom“ ist, wie sich die Bewoh­ner der Stadt Rom selbst nen­nen.

1976 hat­te er für den Ver­lag La Casa di Matr­io­na((Der 1975 gegrün­de­te Ver­lag ver­öf­fent­licht Schrif­ten lite­ra­ri­schen, reli­giö­sen, phi­lo­so­phi­schen, histo­ri­schen und kunst­hi­sto­ri­schen Inhalts über Ruß­land. Dort erschien der welt­weit erste Bild­band über die Solo­wez­ki-Inseln. Als Alex­an­der Sol­sche­ni­zyn den Begriff Archi­pel Gulag präg­te, dach­te er auch an das Archi­pel Solow­ki, ursprüng­lich eine Mönchs­in­sel, wo von den Kom­mu­ni­sten 1920 das erste Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger für poli­ti­sche Gefan­ge­ne, das SLON (Lager zur Spe­zi­al­ver­wen­dung), ein­ge­rich­tet wur­de. Das Lager, in dem Tau­sen­de Gefan­ge­ne hin­ge­rich­tet wur­den, an Unter­ernäh­rung, Erfrie­rung oder an Typhus star­ben, wur­de zum Pro­to­ty­pen des sowje­ti­schen Lager­sy­stems. 1939 wur­de das Lager wegen der Grenz­nä­he zu Finn­land auf­ge­las­sen, das Ende 1939 von der Sowjet­uni­on im Win­ter­krieg ange­grif­fen wur­de. Nach dem Zusam­men­bruch der UdSSR kehr­ten wie­der ortho­do­xe Mön­che auf die Inseln zurück.)) das Buch „Mos­kau und der Vatikan“(Mosca e il Vati­ca­no) ver­öf­fent­licht, das in ver­schie­de­ne Spra­chen über­setzt wur­de und noch heu­te ein Stan­dard­werk über die Bezie­hun­gen zwi­schen dem Vati­kan und dem Kreml ist.

Am 28. Novem­ber 1977 führ­te ich mit ihm für die Monats­zeit­schrift Cri­stia­ni­tà ein umfang­rei­ches Inter­view, das ich voll­stän­dig wie­der­ge­be. Als ich es erneut las, wur­de mir klar, daß die dar­in ent­hal­te­ne histo­ri­sche Ana­ly­se hel­fen kann, die Ost­po­li­tik von gestern und von heu­te bes­ser zu ver­ste­hen.((Cri­stia­ni­tà, 32 (1977), S. 3f.))

Dissidenz war breites Phänomen

Fra­ge: Der Zuschnitt, den sie Ihrem Buch „Mos­kau und der Vati­kan“ gege­ben haben ist sehr eigen. Der Unter­ti­tel lau­tet: „Die sowje­ti­schen Dis­si­den­ten und der ‚Dia­log‘“. Die Ent­span­nungs­po­li­tik zwi­schen dem Hei­li­gen Stuhl und dem Kreml wird vom Blick­win­kel der sowje­ti­schen Dis­si­den­ten aus beur­teilt. Aus wel­chem Grund inter­es­sie­ren Sie sich für die „sowje­ti­schen Dis­si­den­ten“?

Pater Flo­ridi: Das ist ganz ein­fach: Ich habe die Sowjet­uni­on stu­diert, beson­ders den „Homo sovie­ti­cus“, einen Men­schen, des­sen Natur trotz der „Unna­tür­lich­keit“ des Regimes, in dem er lebt, nicht anders ist als die unse­re. Ich wur­de mir des­halb gewußt, daß sich in die­ser Welt etwas beweg­te, daß sich der Beginn einer Reak­ti­on abzeich­ne­te.

Fra­ge: Ist die­se Reak­ti­on auf eine kul­tu­rel­le Eli­te beschränkt oder erstreckt sie sich auf das sowje­ti­sche Volk? Es besteht der Ver­dacht, daß es sich um ein nicht aus­rei­chend ver­wur­zel­tes Phä­no­men hal­ten könn­te, fast eine Art von kul­tu­rel­ler „Mode“…

Pater Flo­ridi: Das Phä­no­men ist abso­lut nicht auf eine intel­lek­tu­el­le Eli­te beschränkt. Beson­ders im reli­giö­sen Bereich erstreckt sich das Dis­si­den­ten­tum auf wei­te Tei­le der Bevöl­ke­rung. Ich den­ke zum Bei­spiel an die ukrai­ni­schen und litaui­schen Katho­li­ken, an die Bap­ti­sten, an die ortho­do­xe Unter­grund­kir­che, an die Anhän­ger von Pater Dud­ko oder an das, was in Polen geschieht, wo die Dis­si­denz sich unter den Arbei­tern ent­wickelt und aus­brei­tet. Es ist jedoch hin­zu­zu­fü­gen, daß die Wirk­lich­keit des Dis­si­den­ten­tums nicht immer und not­wen­di­ger­wei­se mit dem Bild über­ein­stimmt, das man sich im Westen davon macht. Im Westen ist nur eine gewis­se Dis­si­denz bekannt, jene der intel­lek­tu­el­len Kanä­le. Wir ken­nen aber viel weni­ger die Wirk­lich­keit der reli­giö­sen Dis­si­denz des Vol­kes.

Dissidenten lehnten Ostpolitik ab

Das Original des Interviews von 1977
Das Ori­gi­nal des Inter­views von 1977

Fra­ge: Wel­che Mei­nung haben die „Dis­si­den­ten“ zum „Dia­log“ zwi­schen Mos­kau und dem Vati­kan?

Pater Flo­ridi: Eine extrem nega­ti­ve. Die Dis­si­den­ten haben kein Ver­trau­en in den Dia­log, von dem sie vor allem die kon­kre­ten Fol­gen zu spü­ren bekom­men. Sie soll­ten die Nutz­nie­ßer die­ser Ent­span­nungs­po­li­tik sein und sind in Wirk­lich­keit deren Opfer. Las­sen Sie mich aber auch sagen, daß es mir unfaß­bar scheint, daß es auf katho­li­scher Sei­te jeman­den gibt, der auf sie den Schat­ten des Miß­trau­ens und des Ver­dachts len­ken will. Ich bezie­he mich auf den Arti­kel eines Schwei­zer Mit­bru­ders von mir, Pater Hotz, der in der Civil­tà Cat­to­li­ca ver­öf­fent­licht und im übri­gen von Ihrer Zeit­schrift bril­lant wider­legt wur­de. Es scheint mir para­dox, daß die Dis­si­den­ten die Katho­li­ken des Westens beschwö­ren, dem Dia­log zu miß­trau­en, wäh­rend aus­ge­rech­net die Katho­li­ken im Westen dazu auf­ru­fen, an den Dis­si­den­ten zu zwei­feln und ihnen zu miß­trau­en.

Das Schweigen des Vatikans: Linie Casaroli

Fra­ge: Wel­ches Inter­es­se hat der Kreml am „Dia­log“?

Pater Flo­ridi: Durch den Dia­log erreicht die Sowjet­uni­on das Schwei­gen des Vati­kans. Die­ses Schwei­gen schwächt die inne­re und äuße­re Oppo­si­ti­on gegen das kom­mu­ni­sti­sche Regime und trägt so dazu bei, nach innen die Posi­tio­nen des Sowjet­rei­ches zu festi­gen und sein inter­na­tio­na­les Expan­si­ons­stre­ben zu för­dern. Es ist offen­sicht­lich, daß Mos­kau die Unter­stüt­zung Roms sucht, um auf inter­na­tio­na­ler Ebe­ne die eige­ne „Glaub­wür­dig­keit“ zu erhö­hen. Die „Ent­span­nung“ wird um so stär­ker gesucht, je mehr die inne­ren Span­nun­gen zuneh­men.

Fra­ge: Wel­che Grün­de bewe­gen hin­ge­gen, Ihrer Mei­nung nach, den Vati­kan, den „Dia­log“ mit dem Kreml zu suchen?

Pater Flo­ridi: Auf die­ser Sei­te ist die Sache kom­ple­xer. Ich wür­de sagen, daß man zumin­dest zwei stra­te­gi­sche Lini­en aus­ma­chen kann. Die erste ist diplo­ma­ti­scher Natur, sie sucht einen Ver­gleich und zielt dar­auf ab, einen modus viven­di zwi­schen dem Vati­kan und dem kom­mu­ni­sti­schen Staat zu fin­den mit dem Ziel, den inter­na­tio­na­len „Frie­den“ und die Struk­tur der katho­li­schen Kir­che auf dem Gebiet des Sowjet­rei­ches zu bewah­ren. Der Vati­kan zieht es daher vor, die Unter­grund­kir­che in den Kata­kom­ben, obwohl sie hin­ter dem Eiser­nen Vor­hang ein hel­den­haf­tes Apo­sto­lat gelei­stet hat und lei­stet, ein­fach zu über­se­hen, um mit der kom­mu­ni­sti­schen Füh­rung eine neue Art von Bezie­hun­gen „unter dem Licht der Son­ne“ zu schaf­fen. Das bedeu­tet zum Bei­spiel, daß die katho­li­schen Bischö­fe für ihre Ernen­nung die sowje­ti­sche Zustim­mung brau­chen… Die­se Stra­te­gie geht von Kuri­en­erz­bi­schof Casa­ro­li und sei­nem Dikaste­ri­um aus.((Msgr. Agosti­no Casa­ro­li war seit 1967 Titu­lar­erz­bi­schof und Sekre­tär des Päpst­li­chen Rates für die öffent­li­chen Ange­le­gen­hei­ten der Kir­che, und damit „Außen­mi­ni­ster“ des Hei­li­gen Stuhls.  1979 wur­de er zum Staats­se­kre­tär des Hei­li­gen Stuhls ernannt und zum Kar­di­nal erho­ben.)) Casa­ro­li selbst hat am 20. Janu­ar 1972 in sei­ner in Mai­land gehal­te­nen Rede „Der Hei­li­ge Stuhl und Euro­pa“ ein aus­rei­chend deut­li­ches Pro­gramm skiz­ziert.

Das Schweigen des Vatikans: Linie Willebrands

Fra­ge: Sie spra­chen noch von einer zwei­ten stra­te­gi­schen Linie…

Pater Flo­ridi: Ja, die­se könn­te man die „öku­me­ni­sche“ nen­nen. Sie geht vom Sekre­ta­ri­at für die Ein­heit der Chri­sten aus, das von Kar­di­nal Wil­lebrands gelei­tet wird. Es han­delt sich um den „öku­me­ni­schen Dia­log“ zwi­schen der römisch-katho­li­schen Kir­che und dem ortho­do­xen Patri­ar­chat von Mos­kau. Msgr. Willebrands((Der Nie­der­län­der Johan­nes Wil­lebrands war 1960 von Johan­nes XXIII. als Sekre­tär für das neu errich­te­te Sekre­ta­ri­at für die Ein­heit der Chri­sten an die Römi­sche Kurie beru­fen wor­den. Wäh­rend des Zwei­ten Vati­ka­ni­schen Kon­zils wirk­te er maß­geb­lich an ver­schie­de­nen Doku­men­ten zu Öku­me­ne, Dia­log mit nicht-christ­li­chen Reli­gio­nen und Reli­gi­ons­frei­heit mit (Nostra Aeta­te, Uni­ta­tis red­in­te­gra­tio und Digni­ta­tis huma­nae). 1969 erhob ihn Paul VI. in den Kar­di­nal­s­rang und mach­te ihn zugleich zum Vor­sit­zen­den des Sekre­ta­ri­ats.)) „ver­han­del­te“ als Sekre­tär des Dikaste­ri­ums, im Zuge sei­nes Mos­kau-Auf­ent­hal­tes (27. Sep­tem­ber bis 2. Okto­ber 1962) die Teil­nah­me ortho­do­xer Rus­sen als Beob­ach­ter beim Zwei­ten Vati­ka­ni­schen Kon­zil. Die rus­si­schen Ver­tre­ter waren sogar über­haupt die ersten ortho­do­xen Beob­ach­ter, die seit dem Tag der Kon­zil­s­er­öff­nung (11. Okto­ber) in Rom anwe­send waren.
Gera­de in die­sen Tagen befin­det sich eine ortho­do­xe Dele­ga­ti­on am Rus­si­cum, die offi­zi­ell im Rah­men einer Wall­fahrt kom­men.
In einem ANSA-Bericht heißt es, daß „die Tref­fen im Zuge regel­mä­ßi­ger Besu­cher­aus­tau­sche zwi­schen dem Hei­li­gen Stuhl und der rus­sisch-ortho­do­xen Kir­che erfol­gen und mit dem Besuch einer vati­ka­ni­schen Dele­ga­ti­on beim Mos­kau­er Patri­ar­chat zusam­men­fal­len.“
Das Zwei­te Vati­ka­ni­sche Kon­zil stell­te also eine histo­ri­sche Wen­de in den Bezie­hun­gen zwi­schen der Kir­che von Rom und dem ortho­do­xen Patri­ar­chat von Mos­kau dar, die bis dahin durch eine radi­kal anti­ka­tho­li­sche Hal­tung geprägt war.

Fra­ge: Was sind Ihrer Mei­nung nach die Grün­de für die­se Kurs­än­de­rung?

Pater Flo­ridi: Man darf nicht die enge Ver­bin­dung und direk­te Abhän­gig­keit des Mos­kau­er Patri­ar­chats vom Kreml ver­ges­sen. Sicher ist, daß es ein mehr als gro­ßes Inter­es­se des Kremls gab, jeden Ver­such einer mög­li­chen, offi­zi­el­len Ver­ur­tei­lung des Kom­mu­nis­mus durch das Kon­zil zu ver­hin­dern. Es fehl­te nicht an Gele­gen­hei­ten, in  denen die rus­si­schen Gäste deut­lich zu ver­ste­hen gaben, daß das Schwei­gen zum Kom­mu­nis­mus eine con­di­tio sine qua non für die Fort­set­zung ihrer Anwe­sen­heit in Rom war. Die ortho­do­xe Kir­che gab ihre „Vor­be­hal­te“ gegen das Kon­zil erst auf, als klar war, daß das Kon­zil den Kom­mu­nis­mus nicht ver­ur­tei­len wird.

Katholische Ukrainer als „Haupthindernis“

Fra­ge: Auf wel­che „Hin­der­nis­se“ trifft der Hei­li­ge Stuhl in sei­nem „öku­me­ni­schen Dia­log“ mit dem Mos­kau­er Patri­ar­chat?

Pater Flo­ridi: Ein Haupt­hin­der­nis ist heu­te die unbe­que­me Exi­stenz von sechs Mil­lio­nen ukrai­ni­schen Katho­li­ken die ent­schlos­sen sind, ihrer reli­giö­sen, histo­ri­schen und kul­tu­rel­len Tra­di­ti­on treu zu blei­ben. Der Hei­li­ge Stuhl will das ukrai­ni­sche Patri­ar­chat nicht aner­ken­nen, bzw. nur zur Hälf­te, um die ukrai­nisch-katho­li­sche Kir­che in der Hei­mat und im Aus­land am Leben zu erhal­ten, weil die ortho­do­xe Kir­che von Mos­kau die Besei­ti­gung der ukrai­ni­schen Katho­li­ken ver­langt. Der Vati­kan nimmt heu­te mehr Rück­sicht auf die schis­ma­ti­schen Metro­po­li­ten Niko­dim und Pimen als auf den katho­li­schen Patri­ar­chen Slipyj.((Josef Kar­di­nal Sli­pyj (1892–1984) war im ukrai­ni­schen Teil Öster­reichs gebo­ren wor­den. Nach sei­nem Stu­di­um in Inns­bruck und Lem­berg wur­de er 1917 zum Prie­ster der mit Rom unier­ten, ukrai­ni­schen grie­chisch-katho­li­schen Kir­che geweiht. 1939 mach­te ihn Papst Pius XII. zum Koad­ju­tor für das Erz­bis­tum Lem­berg. Wäh­rend der deut­schen Beset­zung stand er unter Auf­sicht. 1944 wur­de er Metro­po­lit von Lem­berg. Im April 1945 wur­de er von den Sowjets ver­haf­tet und nach Sibi­ri­en depor­tiert. Erst 1963 wur­de er auf Inter­ven­ti­on von Johan­nes XXIII. wegen des Zwei­ten Vati­ka­ni­schen Kon­zils frei­ge­las­sen. Im sel­ben Jahr wur­de Lem­berg zum Groß­erz­bis­tum, aber nicht zum Patri­ar­chat erho­ben, wie es für die byzan­ti­ni­sche Tra­di­ti­on üblich wäre, um die Eigen­stän­dig­keit zu zei­gen. Groß­erz­bi­schof Sli­pyj per­sön­lich wur­de zum Kar­di­nal erho­ben, muß­te aber in Rom im Exil blei­ben, wo er 1984 starb. 1992 wur­den sei­ne sterb­li­chen Über­re­ste in sei­ne inzwi­schen unab­hän­gig gewor­de­ne Ukrai­ne über­führt.))

Abhängigkeit des Patriarchats vom Kreml

Fra­ge: War­um gibt es die­se enge Ver­bin­dung zwi­schen dem Kreml und dem Mos­kau­er Patri­ar­chat?

Pater Flo­ridi: Das Patri­ar­chat von Mos­kau erfüllt zwei Haupt­funk­tio­nen. Die erste, inter­ne, ist eine Fil­ter­funk­ti­on. Sie besteht dar­in, dafür zu sor­gen, daß sich die Gläu­bi­gen dem kom­mu­ni­sti­schen Regime unter­wer­fen. Die zwei­te, exter­ne, besteht dar­in, die Ober­häup­ter der ande­ren christ­li­chen Kir­chen davon zu über­zeu­gen, daß der Kom­mu­nis­mus gar nicht so schlecht sei, wie er dar­ge­stellt wird, und sei­nen „Ein­satz“ für den Frie­den in der Welt her­aus­zu­strei­chen. Von Bedeu­tung in die­sem Sinn ist die Funk­ti­on, die das Mos­kau­er Patri­ar­chat in jenem Welt­kir­chen­rat spielt, der sich wei­gert, die fried­li­chen Dis­si­den­ten in der Sowjet­uni­on zu unter­stüt­zen, wäh­rend er kei­ne Pro­ble­me hat, sei­ne Unter­stüt­zung den „Dis­si­den­ten“ in den west­li­chen Staa­ten zukom­men zu las­sen, obwohl es sich nicht sel­ten um Ter­ro­ri­sten han­delt.

Fra­ge: Den­ken Sie nicht, daß der Kreml die Ent­wick­lung sei­ner Bezie­hun­gen zum Vati­kan ähn­lich sieht?

Pater Flo­ridi: Natür­lich. In den kom­mu­ni­sti­schen Staa­ten, mit denen diplo­ma­ti­sche Bezie­hun­gen her­ge­stellt oder ein Kon­kor­dat ver­ein­bart wird, gewäh­ren die Regie­run­gen ihre Zustim­mung zur Ernen­nung von Bischö­fen nur unter der Bedin­gung, daß die­se das gesam­te Sowjet­ge­setz akzep­tie­ren, natür­lich ein­schließ­lich jenes Teils, der die Reli­gi­on betrifft. Auf die­se Wei­se wälzt die Regie­rung die ver­haß­te Last, dafür zu sor­gen, daß auch unge­rech­te Geset­ze ein­ge­hal­ten wer­den, auf die kirch­li­chen Auto­ri­tä­ten ab. Der eif­ri­ge Prie­ster, der heu­te den Kate­chis­mus lehrt, wird vor allem vom Bischof bestraft, noch vor den staat­li­chen Behör­den.

Gläubige gehen schwierigeren, aber mutigeren Weg

Fra­ge: Wie reagie­ren die Gläu­bi­gen auf die­se dra­ma­ti­sche Situa­ti­on?

Pater Flo­ridi: Die Gläu­bi­gen hin­ter dem Eiser­nen Vor­hang ste­hen viel­fach vor regel­rech­ten Gewis­sens­dra­men. Sie lösen sie gene­rell, indem sie den schwie­ri­ge­ren, aber muti­ge­ren Weg des Wider­stan­des gegen die kirch­li­che Auto­ri­tät gehen. Das ist viel­leicht der inter­es­san­te­ste Aspekt des Phä­no­mens: die Aus­wei­tung der Dis­si­denz vom staat­li­chen Bereich auf den kirch­li­chen. Das geschieht in Ungarn, in der Tsche­cho­slo­wa­kei, in Litau­en. Mehr als hun­dert litaui­sche Prie­ster haben den Hei­li­gen Vater ersucht, lie­ber ohne einen Bischof zu blei­ben, als den Auf­trag Chri­sti zu ver­ra­ten.

Fra­ge: Hal­ten auch Sie einen modus viven­di zwi­schen dem Sowjet­staat und dem Vati­kan für unmög­lich?

Pater Flo­ridi: Ich befürch­te, daß der Vati­kan etwas ver­gißt, was von den Dis­si­den­ten auch bei den Audi­en­zen für Sach­a­row betont wur­de, näm­lich, daß der Sowjet­staat die Ver­nich­tung jeder Reli­gi­on will und daher auch der katho­li­schen Reli­gi­on. Ich sehe daher nicht, wel­che Ele­men­te es geben könn­te, auf denen ein modus viven­di zwi­schen der katho­li­schen Kir­che und dem kom­mu­ni­sti­schen Athe­is­mus errich­tet wer­den könn­te.

Einige Kirchenvertreter haben die Prioritäten aus den Augen verloren

Fra­ge: Was hal­ten Sie von der The­se, daß eine Ver­här­tung des Vati­kans den inter­na­tio­na­len Frie­den gefähr­den könn­te?

Pater Flo­ridi: Uns wur­de, seit ich ein Kind war, in der Kate­che­se gelehrt, daß Gott allem vor­an­zu­stel­len ist, und es bes­ser wäre, daß die Welt zugrun­de gin­ge, als eine Sün­de  zu bege­hen, also Gott zu belei­di­gen. Eine Nukle­ar­ka­ta­stro­phe wäre also weni­ger schlimm als eine Tod­sün­de. Die­ser feste Glau­be scheint bei den kirch­li­chen Auto­ri­tä­ten zurück­ge­gan­gen zu sein, die dar­auf fixiert sind, einen Frie­den um jeden Preis zu suchen. Die Ret­tung der Men­schen­le­ben scheint ihnen wich­ti­ger als die Ver­let­zung des Gött­li­chen Rechts. Das ist ein sehr schwer­wie­gen­des Pro­blem, des­sen Lösung den Theo­lo­gen, den Bischö­fen und dem Papst zukommt. Ich gebe also die Fra­ge an sie wei­ter. Die­se Hal­tung recht­fer­tigt, wie ich mei­ne, die reli­giö­se Dis­si­denz, die sich die Leh­re des hei­li­gen Petrus zu eigen macht, der­zu­fol­ge „Gott mehr zu gehor­chen ist als den Men­schen“ (Apg 5,29).

Pater Ales­sio Ulis­se Flo­ridi starb am 7. Novem­ber 1986 in der Kli­nik Regi­na Apo­sto­lo­rum von Alba­no (Rom) nach­dem es im Gefol­ge einer Ope­ra­ti­on zu Kom­pli­ka­tio­nen gekom­men war. Die Ordens­frau­en der Kli­nik beschrie­ben sei­ne Hal­tung in der Krank­heit als sehr erbau­lich. Wir rufen ihn heu­te als Zeu­gen der Ankla­ge gegen den „Aus­ver­kauf“ der chi­ne­si­schen Kir­che an das kom­mu­ni­sti­sche Regime durch Papst Fran­zis­kus und Kar­di­nal­staats­se­kre­tär Paro­lin an.

*Rober­to de Mattei, Histo­ri­ker, Vater von fünf Kin­dern, Pro­fes­sor für Neue­re Geschich­te und Geschich­te des Chri­sten­tums an der Euro­päi­schen Uni­ver­si­tät Rom, Vor­sit­zen­der der Stif­tung Lepan­to, Autor zahl­rei­cher Bücher, zuletzt in deut­scher Über­set­zung: Ver­tei­di­gung der Tra­di­ti­on: Die unüber­wind­ba­re Wahr­heit Chri­sti, mit einem Vor­wort von Mar­tin Mose­bach, Alt­öt­ting 2017.

Über­set­zung: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Cor­ris­pon­den­za Romana/Wikicommons/Alleanza cat­to­li­ca (Screen­shots)