Baron Yves Marsaudon – Ein Hochgradfreimaurer im Malteserorden

Yves Marsaudon (1899-1985), Hochgradfreimaurer und Bevollmächtigter Minister des Malteserordens.
Yves Marsaudon (1899-1985), Hochgradfreimaurer und Bevollmächtigter Minister des Malteserordens.

von Pater Pao­lo M. Sia­no FFI*

Am 2. Febru­ar 2017 faß­te der Jour­na­list Ric­car­do Cascio­li mit sei­nen Wor­ten wie folgt den Inhalt eines Brie­fes von Papst Fran­zis­kus zusam­men, den die­ser am ver­gan­ge­nen 1. Dezem­ber Ray­mond Kar­di­nal Bur­ke, dem Patron des Sou­ve­rä­nen Mal­te­ser­or­dens über­mit­telt hat­te. Dar­in erteil­te er „eine Auf­for­de­rung zur Wach­sam­keit gegen die Zuge­hö­rig­keit von Ange­hö­ri­gen des Mal­te­ser­or­dens zur Frei­mau­re­rei und zum ent­schlos­se­nen Han­deln, um die Ver­ant­wort­li­chen für die Ver­tei­lung von Ver­hü­tungs­mit­teln im Zuge von Hilfs­pro­gram­men in armen Län­dern zu stop­pen“. Wie es scheint, ist im Brief nicht direkt von „Frei­mau­re­rei“ die Rede, son­dern von „Ver­ei­ni­gun­gen, Bewe­gun­gen und Orga­ni­sa­tio­nen, die gegen den katho­li­schen Glau­ben oder von rela­ti­vi­sti­scher Prä­gung sind“. Cascio­li tut gut dar­an, dar­in zumin­dest einen impli­zi­ten Hin­weis auf die Frei­mau­re­rei zu sehen.

Mir wur­de die Fra­ge gestellt: „Wie ist es mög­lich, daß ein Frei­mau­rer in den Mal­te­ser­or­den ein­tre­ten kann?“ Ich muß geste­hen, kei­ne nähe­re Kennt­nis über die aktu­el­le Situa­ti­on im Mal­te­ser­or­den zu haben, dem ich auf alle Fäl­le ein gutes Gedei­hen in völ­li­ger katho­li­scher Treue zu sei­nem reli­giö­sen und kari­ta­ti­ven Cha­ris­ma wün­sche.

Yves Marsaudon, 1926 Eintritt in die Loge, 1946 in den Malteserorden.
Yves Mar­s­audon, 1926 Ein­tritt in die Loge, 1946 in den Mal­te­ser­or­den.

Was ich mit Gewiß­heit weiß, ist hin­ge­gen, daß in noch nicht fer­ner Ver­gan­gen­heit eini­ge Fäl­le von Dop­pel­mit­glied­schaf­ten im Mal­te­ser­or­den und in der Frei­mau­re­rei bekannt­ge­wor­den sind. Der wohl auf­se­hen­er­re­gend­ste Fall dürf­te jener von Baron Yves Marie Antoi­ne Mar­s­audon (1899–1985) gewe­sen sein. Wich­ti­ge Details, um sein Leben und sein Den­ken ken­nen­zu­ler­nen, fin­den sich in sei­nen Büchern „L’Œcuménisme vu par un Franc-Maçon de Tra­di­ti­on“ (Die Öku­me­ne aus der Sicht eines tra­di­tio­nel­len Frei­mau­rers, Edi­ti­ons Vitia­no, Paris 1964), „De l’initiation maçon­ni­que à  l’orthodoxie chré­ti­en­ne“ (Von der frei­mau­re­ri­schen Initia­ti­on zur christ­li­chen Ortho­do­xie, Der­vy, Paris 1965) und „Sou­ve­nirs et Réfle­xi­ons. Un Haut Digni­ta­rie de la Franc-Maçon­ne­rie révè­le des secrets“ (Erin­ne­run­gen und Gedan­ken. Ein hoher Wür­den­trä­ger der Frei­mau­re­rei ent­hüllt Geheim­nis­se, Edi­ti­ons Vitia­no, Paris 1976).

Auf­ge­wach­sen in einer katho­li­schen Fami­lie ist Yves im Alter von 16–17 Jah­ren nur vage gläu­big und fällt in eine phi­lo­so­phi­sche und reli­giö­se Gleich­gül­tig­keit. 1926 läßt er sich als Frei­mau­rer in die Groß­lo­ge von Frank­reich (GLDF) auf­neh­men. Er ist damals ein jun­ger Unter­neh­mer, der im Han­del mit Süd­ame­ri­ka tätig ist. 1936 erhält er den 33. und höch­sten Grad des Alten und Ange­nom­me­nen Schot­ti­schen Ritus (AASR). 1937 wird er Mit­glied des Hohen Rates, der höch­sten Auto­ri­tät des AASR in Frank­reich, dem die Groß­lo­ge anhängt.

Als Hoch­g­rad­frei­mau­rer kehrt er der katho­li­schen Kir­che den Rücken und kon­ver­tiert zur ortho­do­xen Kir­che in Frank­reich. Er bezeich­ne­te sich selbst als Frei­mau­rer der (frei­mau­re­ri­schen) „Tra­di­ti­on“ und als „Spi­ri­tua­list“.

1964 kommt es zu einer Spal­tung des Hohen Rates des Alten und Ange­nom­me­nen Schot­ti­schen Ritus (AASR). Eine Grup­pe von Hoch­g­rad­frei­mau­rern des 33. Gra­des grün­det einen neu­en Hohen Rat des AASR für Frank­reich und schließt sich der Gran­de Loge Natio­na­le Fran­çai­se (GLNF) an, der ein­zi­gen frei­mau­re­ri­schen Obö­di­enz, die von der eng­li­schen Frei­mau­re­rei als regu­lär aner­kannt ist. Mar­s­audon 33° gehört zu die­ser Grup­pe, die über­tritt. Seit die­sem Jahr gehört er dem neu­en Hohen Rat der GLNF an. Er wird sogar (viel­leicht 1976 oder frü­her) zum Sou­ve­rä­nen Ehren­groß­kom­tur ernannt, dem höch­sten Ehren­amt des Hohen Rates des Alten und Ange­nom­me­nen Schot­ti­schen Ritus.

1946, zu einem Zeit­punkt als Mar­s­audon bereits Hoch­g­rad­frei­mau­rer des 33. Gra­des war, trat er in den Sou­ve­rä­nen Mal­te­ser­or­den ein. Als Magi­stral-Groß­kreuz-Rit­ter in gre­mio reli­gio­nis unter­steht er direkt der Ordens­lei­tung in Rom. Noch im sel­ben Jahr wird er Außer­or­dent­li­cher Gesand­ter und bevoll­mäch­tig­ter Mini­ster des Ordens in Frank­reich. Er unter­hält enge diplo­ma­ti­sche Kon­tak­te mit dem dama­li­gen Apo­sto­li­schen Nun­ti­us in Paris, Msgr. Ange­lo Ron­cal­li, den künf­ti­gen Papst Johan­nes XXIII. und Hei­li­gen. 1951 tritt er nach Kri­tik der „inte­gra­li­sti­schen Par­tei“, wie der über­zeug­te Frei­mau­rer Mar­s­audon sei­ne Kri­ti­ker an der Römi­schen Kurie nennt, von sei­nem Amt als Bevoll­mäch­tig­ter Mini­ster des Mal­te­ser­or­dens zurück, bleibt aber wei­ter­hin des­sen Eme­ri­tier­ter Mini­ster.  Dies zumin­dest bis 1976, dem Jahr, in dem sei­ne „Erin­ne­run­gen“ in Buch­form erschei­nen (also viel­leicht auch län­ger). In die­sem Buch ent­hüll­te er, nicht der ein­zi­ge frei­mau­re­ri­sche Mal­te­ser­rit­ter zu sein.

Die Ökumene aus der Sicht eines Freimaurers
Die Öku­me­ne aus der Sicht eines Frei­mau­rers

Sehen wir uns kurz eini­ge Ideen des Frei­mau­rers Mar­s­audon an, die er in sei­nen Büchern dar­leg­te. Im soeben genann­ten Buch von 1976 bezeich­net er sich als Schü­ler des Hoch­g­rad­frei­mau­rers des 33. Gra­des, Oswald Wirth, den er einen „Gro­ßen Initi­ier­ten“ nennt. Wirth (1860–1943) ist ein okkul­ti­sti­scher Frei­mau­rer, der vom Groß­ori­ent von Frank­reich zur Groß­lo­ge (GLDF) über­ge­tre­ten war. Im sel­ben Buch von Mar­s­audon 33° fin­den sich ver­schie­de­ne eso­te­ri­sche Bil­der, die typisch für die Bücher sei­nes Mei­sters Wirth sind. Mar­s­audon ist über­zeugt von den Temp­ler- und Rosen­kreu­zer­wur­zeln der moder­nen Frei­mau­re­rei und behaup­tet, daß das Rosen­kreu­zer­tum „chri­stisch“  und „kab­ba­li­stisch“ ist. In sei­nem Buch von 1964 lobt er das Den­ken von Teil­hard de Char­din (S. 60).

Mar­s­audon schreibt, daß die Kir­che eine „Gefan­ge­ne von dog­ma­ti­schen Tex­ten“ ist. Um die­se Behaup­tung zu unter­strei­chen, schil­dert er auf eben­so über­zo­ge­ne wie irri­ge, aber sen­ti­men­ta­le Wei­se die Situa­ti­on eines wie­der­ver­hei­ra­te­ten Geschie­de­nen: „die­ser darf nicht zu den Sakra­men­ten zuge­las­sen wer­den und wird ohne Abso­lu­ti­on ster­ben, außer er ver­leug­net die Mut­ter sei­ner Kin­der …“. Daher recht­fer­tigt Mar­s­audon die Schei­dung und nennt als posi­ti­ve Bei­spie­le die pro­te­stan­ti­schen „Kir­chen“ und die ortho­do­xe Kir­che, wäh­rend er in der römi­schen Kir­che nur dog­ma­ti­sche und unmensch­li­che Unnach­gie­big­keit sieht (S. 63f).

Mar­s­audon ver­ach­tet den Pri­mat des römi­schen Pap­stes und teilt die Ansicht von André Gide (1869–1951), eines homo­se­xu­el­len Lite­ra­tur­no­bel­preis­trä­gers aus cal­vi­ni­sti­schem Haus: „Was zählt, ist nicht, Katho­lik oder Pro­te­stant zu sein, son­dern ein­fach Christ zu sein“.

Mar­s­audon macht sich über bestimm­te Dog­men lustig, so zum Bei­spiel über die Höl­le (S. 65). Er lehnt das Dog­ma der Unbe­fleck­ten Emp­fäng­nis ab, eben­so die Mitt­ler­rol­le Mari­ens und die Unfehl­bar­keit des Pap­stes in Fra­gen des Glau­bens und der Moral (S. 85f)

Mar­s­audon ver­steht die Öku­me­ne im frei­mau­re­ri­schen Sinn als über­dog­ma­tisch und rela­ti­vi­stisch. Noch 1976 wünscht er, daß die römi­sche Katho­li­zi­tät sich der Gleich­heit aller christ­li­chen Kon­fes­sio­nen öff­ne … Mar­s­audon behaup­tet, daß „die Ortho­do­xe Kir­che den Evan­ge­li­en am näch­sten ist, der Vati­kan hin­ge­gen sich der Frei­mau­re­rei beu­gen und einen Schritt der Annä­he­rung set­zen muß und nicht umge­kehrt“ (S. 363).

Mar­s­audon hält sich in phi­lo­so­phi­schen und meta­phy­si­schen Fra­gen für tole­rant. Er läßt eine gewis­sen Pan­vi­ta­lis­mus durch­blicken, wenn er erklärt, jede Lebens­form zu respek­tie­ren (Umwelt, Ozea­ne, Pflan­zen, Tie­re), weil „das Leben eins ist“. Er ist gegen die Abtrei­bung, akzep­tiert aber die Ver­hü­tung. Er läßt auch eso­te­ri­sche Über­zeu­gun­gen erken­nen, wenn er behaup­tet, daß die Tie­re unse­re „unbe­kann­ten Obe­ren“ sind, ein Begriff, der typisch für die Hier­ar­chie der eso­te­ri­schen Bewe­gung des Mar­ti­nis­mus ist, und daß „wir das Para­dies auf Erden zurück­er­obern müs­sen“  (S. 380ff).

Der Fall Mar­s­audon irri­tiert tat­säch­lich: Einem Hoch­g­rad­frei­mau­rer des 33. Gra­des wird die Auf­nah­me in den Mal­te­ser­or­den gewährt und ihm eine hohe Wür­de ver­lie­hen, die ihm diplo­ma­ti­sche Immu­ni­tät sichert, wäh­rend er sich gleich­zei­tig für die Schei­dung aus­spricht (und impli­zit für die Kom­mu­ni­on für die wie­der­ver­hei­ra­te­ten Geschie­de­nen, bis er schließ­lich sogar zur ortho­do­xen Kir­che über­tritt) und sich für die Ver­hü­tung aus­spricht, der anti­ka­tho­lisch und anti­rö­misch wirkt, und der sich als anti­dog­ma­ti­scher und rela­ti­vi­sti­scher Öku­me­ni­ker sowie als eso­te­ri­scher Tier- und Umwelt­schüt­zer betä­tigt.

Ob es heu­te im Mal­te­ser­or­den jemand gibt, der ganz oder teil­wei­se die häre­ti­schen Über­zeu­gun­gen Mar­s­audons teilt, weiß ich nicht. Selbst aber wenn dem so wäre, wür­de es mich ange­sichts der der­zei­ti­gen kirch­li­chen Situa­ti­on nicht wun­dern.

*Pater Pao­lo M. Sia­no ist Prie­ster des Ordens der Fran­zis­ka­ner der Imma­ku­la­ta. Er gilt als einer der besten katho­li­schen Ken­ner der Frei­mau­re­rei.

Bild: Cor­ris­pon­den­za Roma­na

Mer­ken

Mer­ken

Mer­ken

Mer­ken

Mer­ken

Mer­ken

1 Kommentar

  1. Wie­der mal ein Bei­spiel dafür, dass die FM aller­höch­stes Inter­es­se haben, die kath. Kir­che zu unter­wan­dern und nach ihren Inter­es­sen umzu­ge­stal­ten!

Kommentare sind deaktiviert.