Zwei Bischöfe, die nicht schweigen

Wenn alle Synoden beendet und alle Dokumente vergessen sein werden, wird nur eine einzige Frage bleiben

Von Rober­to de Mattei*

Gibt es heu­te Bischö­fe, die sich mit einer kla­ren und ent­schie­de­nen, zugleich aber respekt­vol­len Spra­che an Rom wen­den kön­nen, ohne dabei die hier­ar­chi­sche Bin­dung an den Römi­schen Pon­ti­fex auf­zu­ge­ben? Zwei jüng­ste Bei­spie­le aus dem Monat August zei­gen, daß es sol­che Bischö­fe gibt.

Am 10. August erschien ein Arti­kel von Bischof Mari­an Ele­gan­ti, einem Bene­dik­ti­ner und ehe­ma­li­gen Weih­bi­schof der Diö­ze­se Chur, zum The­ma „Nie­der­gang des Petrus­am­tes?“. Bischof Ele­gan­ti nimmt die Pri­vat­au­di­enz, die Papst Leo XIV. im Juli der Punk-Iko­ne Pat­ti Smith gewähr­te, zum Anlaß, eine umfas­sen­de­re Kri­tik an der Ver­än­de­rung des Bil­des und der Aus­übung des Papst­am­tes in den ver­gan­ge­nen Jahr­zehn­ten zu formulieren.

„Schon lan­ge beun­ru­higt mich per­sön­lich die Tat­sa­che, dass Päp­ste seit Johan­nes Paul II. mehr und mehr bei allen mög­li­chen Gele­gen­hei­ten (z.B. im Flug­zeug oder am Stra­ssen­rand wie kürz­lich Papst Leo XIV. in Castel Gan­dol­fo) rein infor­mell sprechen.“

Das Pro­blem liegt in der Ten­denz, die sich ins­be­son­de­re seit Johan­nes Paul II. ent­wickelt hat: die Zahl der Inter­views, infor­mel­len Erklä­run­gen, Audi­en­zen für pro­mi­nen­te Per­sön­lich­kei­ten, Rei­sen und media­len Auf­trit­te immer wei­ter zu ver­meh­ren. All dies birgt die Gefahr, den Papst erschei­nen zu las­sen, als sei er „im Grun­de ein­fach auch ein Mit­glied des inter­na­tio­na­len Estab­lish­ments“. Petrus und Pau­lus hin­ge­gen such­ten nicht das Ram­pen­licht, son­dern ver­kün­de­ten das Evangelium.

Bischof Ele­gan­ti erin­nert an die Bezie­hun­gen von Papst Fran­zis­kus zu Emma Boni­no und Euge­nio Scal­fa­ri sowie an die Audi­en­zen, die er dem Jesui­ten James Mar­tin gewähr­te. Wenn der Papst bestimm­te Per­so­nen öffent­lich emp­fängt, ohne deren Irr­tü­mer eben­so öffent­lich zu kor­ri­gie­ren, „so ver­dun­kelt der Papst selbst die Posi­ti­on der Kir­che und gibt – je nach­dem – sogar den Gläu­bi­gen Ärger­nis“.

Nach Ansicht von Bischof Ele­gan­ti haben die Päp­ste auf die­se Wei­se nach und nach „an Auto­ri­tät und geist­li­chem Kapi­tal“ ver­lo­ren. Der Papst soll­te weni­ger spre­chen und sich, wenn er spricht, „ver­bind­lich und mit weni­gen, ein­deu­ti­gen und kla­ren Wor­ten“ aus­drücken. Der Schwei­zer Bischof for­dert eine ech­te Unter­schei­dung der Gei­ster, die dem Akti­vis­mus ent­ge­gen­ge­setzt ist, der Rei­sen, Audi­en­zen und Hän­de­schüt­teln ver­viel­facht, wäh­rend schwer­wie­gen­de Fra­gen der Leh­re unbe­ant­wor­tet bleiben.

Die­se Ent­wick­lung beginnt nicht erst mit Fran­zis­kus. Johan­nes Paul II. hat vor allem durch die Welt­ju­gend­ta­ge dazu bei­getra­gen, dem Papst Züge eines Super­stars zu ver­lei­hen. Bene­dikt XVI. ver­öf­fent­lich­te auch wäh­rend sei­nes Pon­ti­fi­kats wei­ter­hin Bücher und gab Inter­views; Fran­zis­kus ging sogar so weit, Auto­bio­gra­phien zu ver­öf­fent­li­chen. Auf die­se Wei­se setz­te sich all­mäh­lich eine unglück­li­che Unter­schei­dung zwi­schen dem Papst als Pri­vat­per­son, sei­nen Mei­nun­gen und sei­ner eigent­li­chen lehr­amt­li­chen Ver­kün­di­gung durch.

Der Papst ist nicht ein­fach nur ein Zuhö­rer: Er sitzt auf dem Stuhl Petri und ist in erster Linie Leh­rer der Chri­sten­heit. „Wer­den sie nicht vor allem in Rom gebraucht?“, fragt Bischof Ele­gan­ti. Sei­ne abschlie­ßen­de The­se lau­tet daher, daß die Päp­ste „in der Aus­übung ihres Amtes all­zu mensch­lich gewor­den“ sei­en: Die Per­son habe die Funk­ti­on ver­dun­kelt. Das Vor­bild soll­te viel­mehr die Regel des hei­li­gen Johan­nes des Täu­fers sein: „Er muß wach­sen, ich aber muß klei­ner wer­den“ (Joh 3,30). Der Papst ist der Freund und Stell­ver­tre­ter des Bräu­ti­gams, nicht der Bräu­ti­gam selbst: Allein Chri­stus muß im Mit­tel­punkt bleiben.

Drei Tage spä­ter, am 13. August, unter­zog Bischof Rob Muts­aerts, Weih­bi­schof von Her­zo­gen­busch in den Nie­der­lan­den, in einem aus­führ­li­chen offe­nen Brief an Papst Leo XIV. den syn­oda­len Pro­zeß einem Maß­stab, der über allen ande­ren kirch­li­chen Erwä­gun­gen steht: dem Heil der Seelen.

„Salus ani­ma­rum supre­ma lex“ – „Das Heil der See­len ist das ober­ste Gesetz“ –, erin­nert er und fragt sich, ob der syn­oda­le Pro­zeß die See­len tat­säch­lich näher zu Chri­stus und zum ewi­gen Heil geführt habe.

Sei­ne Kri­tik, so stellt er klar, ent­sprin­ge kei­nes­wegs einem Man­gel an Respekt gegen­über dem Papst und zie­le auch nicht dar­auf ab, die guten Absich­ten der­je­ni­gen infra­ge zu stel­len, die den syn­oda­len Pro­zeß tra­gen. Doch Absich­ten müß­ten an ihren Ergeb­nis­sen gemes­sen wer­den: „An ihren Früch­ten wer­det ihr sie erken­nen.“ Nach Jah­ren von Bera­tun­gen, Begeg­nun­gen und Doku­men­ten müs­se man sich des­halb fra­gen: Ist der Glau­be stär­ker gewor­den? Ist Chri­stus kla­rer ver­kün­det wor­den? Haben die Bekeh­run­gen, die Prie­ster­be­ru­fun­gen, die Teil­nah­me an der hei­li­gen Mes­se und die eucha­ri­sti­sche Fröm­mig­keit zugenommen?

Bischof Muts­aerts betont, daß das Pro­blem dort beginnt, wo die Syn­oda­li­tät, die eigent­lich ein Mit­tel sein soll­te, Gefahr läuft, zum Selbst­zweck zu wer­den und sich in einen dau­er­haf­ten Pro­zeß zu ver­wan­deln. Die Kir­che hat immer Kon­zi­li­en, Syn­oden und ver­schie­de­ne For­men der Bera­tung gekannt. Ihr Wesen aber lei­tet sich nicht aus dem Dia­log ab, son­dern aus Chri­stus und aus der emp­fan­ge­nen Offenbarung.

Der Glau­be wird nicht dadurch geschaf­fen, daß man die Mei­nun­gen der Gläu­bi­gen zusam­men­trägt, denn „die Wahr­heit wird nicht durch Kon­sens her­vor­ge­bracht“. Die Kir­che muß gewiß zuhö­ren – aber in erster Linie Chri­stus, der Hei­li­gen Schrift, der Tra­di­ti­on, den Hei­li­gen und dem Lehr­amt. Wenn man dage­gen von den Erwar­tun­gen des moder­nen Men­schen aus­geht und fragt, wie das Evan­ge­li­um an die­se Erwar­tun­gen ange­paßt wer­den kön­ne, ver­gißt man ein wesent­li­ches Wort des Chri­sten­tums: Bekehrung.

Sie ist „die gro­ße Abwe­sen­de“ des syn­oda­len Prozesses.

Die Kri­se der west­li­chen Kir­che liegt schließ­lich für alle sicht­bar vor Augen: lee­re Kir­chen, ver­schwin­den­de Klö­ster und Ordens­ge­mein­schaf­ten, weni­ge Beru­fun­gen, ver­wai­ste Beicht­stüh­le und Unkennt­nis der Glau­bens­wahr­hei­ten. Ange­sichts die­ser Situa­ti­on, so stellt der nie­der­län­di­sche Bischof fest, müß­te die ent­schei­den­de Fra­ge lau­ten: „Wie kön­nen wir die Welt für Chri­stus zurück­ge­win­nen?

Statt des­sen wer­de viel Ener­gie auf Struk­tu­ren, Betei­li­gung, Inklu­si­vi­tät, die Rol­le der Frau­en und Ent­schei­dungs­pro­zes­se ver­wen­det: „Ein bren­nen­des Haus hat ande­re Prio­ri­tä­ten als Fra­gen der Haus­halts­füh­rung.“

Die gro­ßen Refor­men der Kir­che, erin­nert Bischof Muts­aerts, sei­en nicht in erster Linie aus neu­en Struk­tu­ren her­vor­ge­gan­gen, son­dern aus den Hei­li­gen: Bene­dikt, Bern­hard, Fran­zis­kus, Domi­ni­kus, Tere­sa von Ávila, Karl Bor­ro­mä­us und Johan­nes Bosco.

„Eine Pfar­rei mit einem hei­lig­mä­ßi­gen Pfar­rer hat mehr Zukunft als eine Diö­ze­se mit zwan­zig Arbeits­grup­pen zur Synodalität.“

Auch die lit­ur­gi­sche Kri­se zei­ge, daß das grund­le­gen­de Pro­blem nicht admi­ni­stra­ti­ver, son­dern reli­giö­ser Natur sei: Wenn das Ver­ständ­nis für das Opfer der Mes­se, für das Hei­li­ge, für die Beich­te und für die eucha­ri­sti­sche Anbe­tung ver­lo­ren gehe, dann „hat die Kir­che kein Pro­blem mit der Lei­tung. Sie hat ein Pro­blem mit dem Glau­ben“.

Zum Schluß führt Bischof Muts­aerts die Geschich­te von den Jün­gern von Emma­us als Bild einer ech­ten Syn­oda­li­tät an. Chri­stus geht mit den Jün­gern, hört ihnen zu und läßt sie ihre Ent­täu­schun­gen zum Aus­druck brin­gen. Aber anschlie­ßend bestä­tigt er nicht ihre Inter­pre­ta­ti­on, son­dern kor­ri­giert sie, indem er ihnen die Schrif­ten erklärt.

Und die Jün­ger blei­ben nicht in Emma­us, um auf unbe­stimm­te Zeit über ihre Erfah­rung zu dis­ku­tie­ren: Sie ste­hen auf, keh­ren nach Jeru­sa­lem zurück und ver­kün­den Christus.

„Der syn­oda­le Pro­zeß ist in Emma­us geblie­ben“, erklärt Bischof Mutsaerts.

Dar­aus ergibt sich sein abschlie­ßen­der Appell an Leo XIV.: „Geben Sie uns Klar­heit.“

Die Welt brau­che kei­ne Kir­che, die den Geist der Zeit wider­spie­ge­le, son­dern eine mis­sio­na­ri­sche Kir­che, die Chri­stus verkündet.

Wenn alle Syn­oden been­det und alle Doku­men­te ver­ges­sen sein wer­den, wird nur eine ein­zi­ge Fra­ge bleiben:

„Haben wir die Men­schen, die unse­rer Sor­ge anver­traut sind, näher zu Jesus Chri­stus geführt?“

*Rober­to de Mat­tei, Histo­ri­ker, Vater von fünf Kin­dern, Pro­fes­sor für Neue­re Geschich­te und Geschich­te des Chri­sten­tums an der Euro­päi­schen Uni­ver­si­tät Rom. De Mat­tei ist zudem Autor zahl­rei­cher Stan­dard­wer­ke, Vor­sit­zen­der der Stif­tung Lepan­to für den Erhalt der katho­li­schen Tra­di­ti­on, Schrift­lei­ter des Inter­net­me­di­ums Cor­ri­spon­den­za Roma­na und der Monats­zeit­schrift Radi­ci Cri­stia­ne. Von 2002 bis 2011 war er Vize­prä­si­dent des ita­lie­ni­schen Natio­na­len For­schungs­ra­tes (CNR) mit Zustän­dig­keit für die Gei­stes­wis­sen­schaf­ten. Er ver­öf­fent­lich­te mehr als drei­ßig Bücher, die in zahl­rei­che Spra­chen über­setzt wurden.

Über­set­zung: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Cor­ri­spon­den­za Romana

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