Von Cristina Siccardi*
Es war Samstagmittag (ein Marientag), der 13. Oktober 1917, als Tausende von Menschen, die sich in der Cova da Iria in Portugal versammelt hatten, sahen, wie die Sonne etwa zehn Minuten lang ihre Farbe, Größe und Position veränderte und sich anschließend immer weiter der Erde zu nähern schien, als würde sie auf sie herabstürzen – doch sie stürzte nicht herab. Eine Ankündigung möglicher künftiger Strafen?
Es war ein ausgesprochen göttliches Geschehen, auf das der Mensch keinerlei Einfluß hatte und das von Gott selbst gewollt war, um die Erscheinungen Unserer Lieben Frau von Fatima zu besiegeln. Sie war gekommen, um zur Bekehrung aufzurufen und um zu Opfern, zum Gebet und zum Rosenkranz für die Sünder einzuladen und dabei an die Wirklichkeit der Hölle zu erinnern, die den Verdammten bestimmt ist.
Heute lautet die gängige Auffassung, daß wir für die Veränderungen des Klimas verantwortlich seien und diese daher auch steuern könnten. Diese Paranoia nennt sich Übermensch: Nietzsches Übermensch, der die traditionelle Moral überschreitet, den Tod Gottes akzeptiert und sich in der Lage sieht, die Kräfte des Universums, einschließlich des Klimas, zu verändern. Dieses Überschreiten führt ihn jedoch dazu, gegen die Mauer der Wirklichkeit zu prallen, die nicht nur horizontal, sondern auch vertikal ist.
Der ungläubige, selbstgefällige, von Anmaßung erfüllte Mensch, der allein an die Macht der Wissenschaft ohne Weisheit glaubt und über das Naturrecht und das göttliche Recht hinausgeht, hat sich so sehr überschätzt, daß er nicht mehr zulassen will, daß es Strafen Gottes gibt – eine vernünftige Wirklichkeit, die im katholischen Denken verankert ist, sofern dieses frei von ideologischen Verfälschungen bleibt.
Bislang ist das tragische 20. Jahrhundert, in dem Satan entfesselt zu sein schien und die Gottesmutter die Menschheit vor der Gefahr schwerer weltweiter Strafen warnte, falls die Menschen sich nicht bekehren würden, jenes Jahrhundert, in dem es in der gesamten Geschichte die meisten Opfer von Kriegen und Ideologien gab: die bolschewistische Revolution, der Erste und der Zweite Weltkrieg, der Vietnamkrieg, der Völkermord an den Armeniern, das Massaker in Kambodscha, die grausamen Verfolgungen und Massenmorde der Nationalsozialisten, Sowjets und Maoisten.
Aufgrund der Komplexität der Berechnungen, der Vernichtung von Aufzeichnungen und der unterschiedlichen historiographischen Einschätzungen – insbesondere hinsichtlich der durch kommunistische Regime herbeigeführten Hungersnöte – bleiben genaue Zahlen unter Historikern umstritten. Addiert man daher die am meisten anerkannten historischen Schätzungen, bewegt sich die Gesamtzahl der Toten zwischen mindestens 140 Millionen und mehr als 210 Millionen.
Als Erben dieses verhängnisvollen vergangenen Jahrhunderts, in dem sich auch die Kulturrevolution von 1968 vollzog, welche die Grundpfeiler der Stabilität der Familie zerstörte, leben wir in einer Zeit großer Umwälzungen und Katastrophen: von der Covid-Zeit bis zu den weltweit ausgedehnten Kriegen – gegenwärtig gibt es 56 bewaffnete Konflikte, verteilt auf den Nahen Osten, Europa, Afrika, Asien und Amerika; von der Dürre infolge der großen Hitze, die von der Nachrichtenagentur AGI als „höllische Hitze“ bezeichnet wurde und erschreckende Brände verursacht hat, bis hin zu Erdbeben in Venezuela, Kolumbien und Indonesien.
Der „Tod Gottes“ in den westlichen Gesellschaften führt zu immer mehr Gewalt auf den Straßen und in den Häusern; und in Europa leidet etwa jeder Sechste, rund 140 Millionen Menschen, an psychischen Störungen. Die Daten der WHO und der OECD zeigen, daß neuropsychiatrische Erkrankungen bei Jung und Alt die dritthäufigste Todesursache auf dem Kontinent darstellen. Man könnte sagen: Der Mensch zerstört sich selbst. Wenn man nicht mehr unter dem Blick unseres Herrn steht, verliert die Seele den wirklichen Weg.
Der Begriff der Strafe erschreckt die Laizisten. Dennoch sind die Strafen deshalb nicht vom Angesicht der Erde verschwunden. Im weit verbreiteten Klima des Glaubensabfalls glaubt leider auch ein großer Teil des Klerus und der Ordensleute nicht mehr daran, daß Gott die Menschen schon in diesem Leben und nach dem Tod bestrafen kann, obwohl das Alte und das Neue Testament dies mit Gewißheit bezeugen.
Die gegenwärtig in der Kirche ergriffenen Initiativen sind gelinde gesagt erschütternd. So hat Bischof Rob Mutsaerts, Weihbischof der niederländischen Diözese Herzogenbusch, einen langen und eindringlichen Appell an den Papst gerichtet, in dem er schreibt:
„Die Kirche existiert in erster Linie nicht dazu, die Menschen in dem zu bestätigen, was sie bereits sind. Sie existiert, um sie zu Christus zu führen. Die ersten Worte der öffentlichen Verkündigung Jesu lauten nicht: ‚Sagt mir zuerst, wie ihr euch angesichts der gegenwärtigen kirchlichen Strukturen fühlt.‘ Sondern: ‚Kehrt um und glaubt an das Evangelium‘ […].
Die großen katholischen Reformen gingen fast nie von den Strukturen aus [in diesem Fall bezieht sich der Bischof auf den synodalen Prozeß, Anm. der Autorin]. Sie gingen von den Heiligen aus. Nach Zeiten der Korruption kamen die Reformer: Benedikt, Bernhard, Franziskus, Dominikus, Katharina von Siena, Ignatius von Loyola, Teresa von Ávila, Karl Borromäus, Franz von Sales, Johannes Bosco, Therese von Lisieux, Maximilian Kolbe […].
Die Ernte ist groß. Der Arbeiter sind wenige. Die Kirchen des Westens leeren sich, während zugleich die jüngeren Generationen offenbar wieder nach Wahrheit und Transzendenz suchen. Gerade jetzt brauchen wir keine zögernde Kirche, sondern eine missionarische Kirche, die weiß, worin ihr Schatz besteht, und keine Angst davor hat, ihn der Welt zu zeigen. […]
Deshalb bete ich darum, daß Ihr Pontifikat von einer erneuerten Konzentration auf das geprägt sein möge, was letztlich das Herz jeder wahren kirchlichen Reform ausmacht: Christus, die Bekehrung, die Heiligkeit, die Eucharistie, die Evangelisierung und das Heil der Seelen. Denn wenn einmal alle Synoden beendet, alle Dokumente verfaßt, alle Kommissionen aufgelöst und unsere Namen vergessen sein werden, bleibt nur die Frage, die wirklich zählt: Haben wir die uns anvertrauten Menschen Jesus Christus nähergebracht?“
Nichts wird wirklich unternommen, um die Gewissen zu erneuern und sie – wie der heilige Pfarrer von Ars – zu den himmlischen Zielen zu führen, indem man einen regelrechten Kampf gegen die Sünden der Seelen führt, die einem anvertraut sind.
Sünden gibt es auch in der Kirche, vor allem durch schlechte Lehrer, denen alles erlaubt wird, ohne irgendeine Korrektur, weil dies alles unter das Schlagwort unserer Zeit fällt: „Inklusivität“, einschließlich der Inklusivität gegenüber dem Irrtum und gegenüber denen, die ihn verbreiten.
Einige jüngere Beispiele:
- Papst Leo empfing am vergangenen 31. Juli ehrenvoll Patti Smith (Jahrgang 1946), die aus Chicago stammende Abtreibungsbefürworterin, bekannt als die „verfluchte Priesterin des Rock“, die einst sang: „Jesus starb für die Sünden von jemandem, aber nicht für meine“;
- der Bischof von Modena, Erio Castellucci, schlug vor, den ersten Teil der Messe von einer Frau leiten zu lassen;
- der Erzbischof von Brüssel, Luc Terlinden, setzt sich im Namen der belgischen Bischöfe für die Einführung verheirateter Priester ein, die seiner Ansicht nach die Kirche bereichern würden;
- Pater James Martin SJ fordert, daß Homosexuelle zu Priestern geweiht werden;
- Kardinal Timothy Radcliffe OP hielt eine Feier zum Jahrestag eines homosexuellen Paares;
- in Los Angeles wurde eine „aztekische Messe“ mit heidnischen Stammestänzen gefeiert;
- die Kathedrale von San Diego in Kalifornien veranstaltete eine Messe zum Thema „LGBT“;
- in Eichstätt befürwortet der neue Bischof Christian Würtz offen Segnungen homosexueller Paare in der Kirche;
- und um dem Anliegen einer „Kirche im Aufbruch“ nachzukommen, nahm Don Nico Passero, Pfarrer der St.-Josephs-Kirche in Grimsby, Kanada, an der Hochzeit seines Bruders mit dessen Homo-Partner teil und bezeichnete das Ereignis als „episch und außergewöhnlich“.
Das Thema der Strafen Gottes – mit dem auch die Frage verbunden ist, warum Unser Herr das Böse in der Welt zuläßt –, das in den Bereich der Theodizee gehört, also eines Zweiges der Theologie, der das Verhältnis zwischen der Gerechtigkeit Gottes und der Existenz des Bösen in der Welt untersucht, ist ein wesentlicher Bestandteil der Tradition der Kirche. Daran erinnert das Schuldbekenntnis bzw. der Reueakt, ein unverzichtbares Gebet beim Sakrament der Beichte:
„O mein Gott, ich bereue von ganzem Herzen alle meine Sünden, weil ich durch sie Deine Strafe verdient habe…“
Dieses Thema stand vor einigen Jahren dank der Überlegungen des Historikers Roberto de Mattei im Mittelpunkt des kulturellen Interesses. Anlaß war das Erdbeben in Japan im Jahr 2011. Seine Überlegungen lösten Diskussionen und heftige Kontroversen aus, die anschließend in dem vom Verlag Fede & Cultura im November desselben Jahres veröffentlichten Buch „Il mistero del male e i castighi di Dio“ („Das Geheimnis des Bösen und die Strafen Gottes“) gesammelt wurden. Im Jahr 2020 wurde das Werk unter dem Titel „Dio castiga il mondo? La fede di fronte al mistero del male“ („Bestraft Gott die Welt? Der Glaube angesichts des Geheimnisses des Bösen“) erneut herausgegeben und um Beiträge weiterer katholischer Autoren ergänzt.
Ein wichtiges und weiterhin gültiges Buch – frei von modischen Ideen.
Der Begriff der Strafe, wie gesagt, macht Angst. Obwohl die menschliche Mentalität sehr zynisch geworden ist und daran gewöhnt, in Kinofilmen mit Katastrophen oder beispielloser Gewalt nach Adrenalin zu suchen, ist das Thema der göttlichen Strafe verbannt. Denn diese moderne Welt, in der der Allmächtige und Allwissende auf unvernünftige und barbarische Weise beseitigt worden ist, ist derart deistisch-rational geworden, daß sie die nicht berechenbaren und übernatürlichen Elemente nicht mehr berücksichtigt.
Der Prophet Zefanja spricht von Strafen, und zwar ausdrücklich – nicht um Angst einzujagen, sondern um zu warnen, wie es die heiligste Maria in Fatima und bei anderen Erscheinungen getan hat, vor den Gefahren, zu denen die menschliche Ungerechtigkeit führen kann, wenn sie die Gottesfurcht vergißt. Gottesfurcht bedeutet dabei ehrfürchtige Liebe und das Bewußtsein von der Größe Gottes und ist die siebte Gabe des Heiligen Geistes.
Wirklich erschreckend sollte vielmehr die Todsünde sein, die als fortdauernde Ursache all dieser Übel jene Strafen hervorrufen kann.
Die Päpste unserer Zeit bemühen sich unaufhörlich um Appelle für den Frieden in der Welt, jedoch ohne konkrete Ergebnisse. Der Grund dafür liegt auf der Hand: Wie kann man Unseren Herrn, den Gott der Heerscharen – im sakralen Sprachgebrauch Deus Sabaoth, eine Bezeichnung, die in der modernen Sprache durch „Herr, Gott des Universums“ ersetzt wurde – und den Gott der Gerechtigkeit um Frieden bitten, wenn die ehemals christliche Welt mit „Menschen bösen Willens“ hartnäckig in Lastern und schrecklichen Sünden lebt, die in großem Maßstab eingeführt, gefördert und gesetzlich legitimiert wurden, die vor seinem Angesicht zum Himmel schreien und unter dem Namen „Bürgerrechte“ auftreten?
Der amerikanische Erzbischof und Theologe Fulton John Sheen (1895–1979) hinterläßt uns eine unwiderlegbare Lehre:
„Im allgemeinen leugnet der Stolz die persönliche Verantwortung für das Böse. Die Menschen leugnen zumeist, Sünder zu sein. Die Tragödie dieser Leugnung besteht darin, daß sie niemals das Bedürfnis nach einem Erlöser empfinden. Ein Blinder, der leugnet, blind zu sein, wird niemals den Wunsch haben zu sehen.
Zwei Soziologen leugneten die persönliche Schuld. Während sie den Fall eines Verbrechers diskutierten, gestand einer von ihnen: ‚Ich weiß, daß er einen Mord begangen und eine Bank ausgeraubt hat, aber denk daran, daß er Waise war.‘ Der andere Soziologe erwiderte: ‚Ja, aber er war Waise, weil er im Alter von neun Jahren seine Eltern getötet hatte.‘ Der erste Soziologe antwortete: ‚Ich weiß, aber es geschah aus Notwehr.‘
Der moderne Gott kann das Ego sein, also das eigene Ich. […] Der Stolz, indem er die Fügsamkeit tötet, bringt den Menschen in einen Zustand, in dem er niemals von Gott geholfen werden kann.
Die begrenzte Erkenntnis des beschränkten Geistes beansprucht, über alles das letzte Wort zu haben […]. Wenn der Stolz unbewußt ist, wird er beinahe unheilbar, weil er die Wahrheit mit seiner eigenen Wahrheit gleichsetzt. Stolz ist ein Eingeständnis von Schwäche und fürchtet insgeheim jeden Wettbewerb und jeden möglichen Rivalen. Selten wird er geheilt, wenn ein Mensch aufrecht steht, das heißt gesund und erfolgreich ist; er kann jedoch geheilt werden, wenn der Patient horizontal liegt, also krank und enttäuscht ist. Deshalb sind in einem Zeitalter voller Stolz Katastrophen notwendig, um die Menschen zu Gott und zum Heil ihrer Seelen zurückzuführen.“
Seit langem haben die hohen kirchlichen Hierarchien beschlossen, ihre größte Aufmerksamkeit eher soziologischen und politischen Fragen als den übernatürlichen Wirklichkeiten zu widmen. Aus diesem Grund wird heute eine „ökologische Bekehrung“ gefordert und nicht die Bekehrung von den Sünden. Auf diese Weise entsteht eine weitgehend anthropozentrische, protestantisierende und neopaganische Religion, die uns die Strafen bringt – sichtbares Ergebnis der inzwischen unaufhaltsamen Beleidigungen des Schöpfers – und zwar als Folge eines Lebens, das geführt wird, als ob Gott („Ich bin, der ich bin!“, Ex 3,14) nicht existierte.
Doch Gott existiert – allen möglichen menschlichen Meinungen zum Trotz!
Es ist, als stünden wir vor einer Finsternis Gottes … Hinter der schwarzen Scheibe, die durch falsche und trügerische Vorstellungen vor ihn geschoben wurde, ist die Sonne dennoch da.
*Cristina Siccardi, Historikerin und Publizistin, zu ihren jüngsten Buchpublikationen gehören „L’inverno della Chiesa dopo il Concilio Vaticano II“ (Der Winter der Kirche nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil. Veränderungen und Ursachen, 2013); „San Pio X“ („Der heilige Pius X. Das Leben des Papstes, der die Kirche geordnet und erneuert hat“, 2014), „San Francesco“ („Heiliger Franziskus. Eine der am meisten verzerrten Gestalten der Geschichte“, 2019), „Quella messa così martoriata e perseguitata, eppur così viva!“ „Diese so geschlagene und verfolgte und dennoch so lebendige Messe“ zusammen mit P. Davide Pagliarani, 2021), „Santa Chiara senza filtri“ („Die heilige Klara ungefiltert. Ihre Worte, ihre Handlungen, ihr Blick“, 2024),
Übersetzung: Giuseppe Nardi
Bild: Corrispondenza Romana
Hinterlasse jetzt einen Kommentar