Venite ad me – Das neue und gute Dokument von Tucho, das allerdings hätte wesentlich besser sein können

Wenn der Vatikan einen Vers zu früh stehenbleibt

"Venite ad me", sagt Christus zu den Menschen und bietet damit das an, was die Welt nicht geben kann.
"Venite ad me", sagt Christus zu den Menschen und bietet damit das an, was die Welt nicht geben kann.

Von Cami­nan­te Wanderer*

Am 22. Okto­ber ver­öf­fent­lich­te das Dik­aste­ri­um für die Glau­bens­leh­re das Doku­ment Veni­te ad me. Erwä­gun­gen zur Wei­ter­ga­be des Glau­bens im epo­cha­len Wan­del. Unter­zeich­net ist es von Kar­di­nal Vic­tor Manu­el Fernán­dez; die Zustim­mung von Leo XIV. erhielt es in der Audi­enz vom 21. August. Wie uns der Text selbst mit­teilt, ging der Auf­trag noch auf Papst Fran­zis­kus zurück; das neue Pon­ti­fi­kat und das Hei­li­ge Jahr beschleu­nig­ten dann die Ausarbeitung.

Lei­der bleibt das Doku­ment weit­ge­hend unbe­ach­tet. Obwohl es mei­nes Erach­tens eini­ge Aspek­te ent­hält, die bes­ser hät­ten aus­ge­ar­bei­tet wer­den kön­nen, wür­de ich sagen, daß es – gemes­sen an den heu­ti­gen Ver­hält­nis­sen und an der Per­son, die es unter­zeich­net hat – ein gutes Doku­ment ist. Daß es weit­ge­hend ohne Beach­tung bleibt, liegt zu einem erheb­li­chen Teil dar­an, daß eben die­se Per­son, Kar­di­nal Tucho Fernán­dez, selbst dafür gesorgt hat, sei­nen Wert her­ab­zu­set­zen. Vor weni­gen Tagen erklär­te er in einem Inter­view, es hand­le sich um einen Text, der nie­man­den inter­es­sie­re – soll das etwa eine Bot­schaft an Papst Leo sein, mit der er ihm mit­teilt, daß sich allein die­ser dafür inter­es­sie­re? Dar­über hin­aus lei­ste­te er sich einen sei­ner typi­schen Fehl­trit­te: Er teil­te die Kir­che in Pro­gres­si­ve und Kon­ser­va­ti­ve ein und zeich­ne­te natür­lich eine Kari­ka­tur der Letzteren.

Die pro­gres­si­ven Krei­se beun­ru­higt die­se Fra­ge nicht. Sie begei­stern sich für struk­tu­rel­le Ver­än­de­run­gen und den Dia­log mit der Gesell­schaft. Was die kon­ser­va­ti­ven Krei­se umtreibt, ist die Wei­ter­ga­be der Sexu­al­mo­ral. In den Brü­dern die fas­zi­nie­ren­de Erfah­rung eines leben­di­gen Chri­stus zu wecken, der ihnen sei­ne Freund­schaft und sein neu­es Leben anbie­tet, klingt für bei­de Lager nach etwas „Roman­ti­schem“, nach etwas, das kaum mit der Wirk­lich­keit zu tun hat. Dar­in sind sie sich einig.

Es ist bemer­kens­wert dreist, daß Kar­di­nal Fernán­dez ein der­art gro­bes Vor­ur­teil öffent­lich zur Schau stellt: Uns Kon­ser­va­ti­ven lie­ge aus­schließ­lich die Sexu­al­mo­ral am Her­zen. Es han­delt sich um eine Ver­all­ge­mei­ne­rung, die zur Ver­leum­dung und üblen Nach­re­de wird. Daß es bestimm­te Kon­ser­va­ti­ve geben mag, die sich aus­schließ­lich für sol­che Fra­gen inter­es­sie­ren, bedeu­tet kei­nes­wegs, daß dies für uns alle gilt. Das wäre unge­fähr so, als wür­de ich – um ein völ­lig unglaub­wür­di­ges Bei­spiel anzu­füh­ren – behaup­ten, sämt­li­che Mit­glie­der des Kar­di­nals­kol­le­gi­ums sei­en Por­no­gra­phen und Wüst­lin­ge, nur weil es einen Kar­di­nal gibt, der sich nicht für die Sexu­al­mo­ral, son­dern schlicht und ein­fach für Sex inter­es­siert und Bücher über die Kunst des Küs­sens und, wenn ihn geist­li­che Anwand­lun­gen über­kom­men, über Orgas­mus und mysti­sche Kon­tem­pla­ti­on schreibt. Die Schwe­re und Unge­rech­tig­keit einer sol­chen unwahr­schein­li­chen Behaup­tung ent­spricht genau dem, was Tucho von sich gibt. Und damit nicht genug: Er wirft uns außer­dem vor, der „lebens­spen­den­den Erfah­rung Chri­sti“ gegen­über nicht auf­ge­schlos­sen zu sein. Neben sei­ner her­aus­ra­gen­den theo­lo­gi­schen Bega­bung ist er offen­bar auch ein kun­di­ger Erfor­scher der Herzen.

Die Gat­tung die­ses Doku­ments ist eigen­tüm­lich, und der Ver­fas­ser bemüht sich mit einer gewis­sen Koket­te­rie, dies klar­zu­stel­len. Es han­delt sich nicht um eine Dok­tri­nel­le Note, son­dern um Erwä­gun­gen. Des­halb, so heißt es in Nr. 8, zeich­ne sich der Text – anders als ande­re Ver­öf­fent­li­chun­gen des Dik­aste­ri­ums – weder durch sprach­li­che Prä­zi­si­on noch durch eine syste­ma­ti­sche Behand­lung des The­mas aus. Das ist ein bemer­kens­wer­tes Ein­ge­ständ­nis: Das Dik­aste­ri­um, das mit der Bewah­rung der Glau­bens­leh­re betraut ist, kün­digt vor­sorg­lich an, daß es dies­mal nicht beson­ders prä­zi­se sein wer­de. Für die­se Ehr­lich­keit kann man dank­bar sein, auch wenn man sich unwill­kür­lich fragt, wozu ein Glau­bens­dik­aste­ri­um eigent­lich sonst da ist.

Aller­dings wäre es unge­recht, den Text mit ein paar spöt­ti­schen Bemer­kun­gen abzu­tun. Veni­te ad me ent­hält durch­aus gute, ja sogar sehr gute Pas­sa­gen. Des­halb wage ich die Behaup­tung, daß die vor­ge­leg­te Dia­gno­se zutref­fend, die ange­bo­te­ne The­ra­pie jedoch schwach ist.

Das Gute und das sehr Gute an dem Dokument

Begin­nen wir mit dem Guten, und davon gibt es nicht wenig. Nr. 32 ver­tei­digt die Kin­der­tau­fe gegen das so häu­fig vor­ge­brach­te Argu­ment, man sol­le war­ten, bis die Kin­der selbst eine Ent­schei­dung tref­fen kön­nen. Dies geschieht anhand eines ein­leuch­ten­den Ver­gleichs aus dem gesun­den Men­schen­ver­stand: Nie­mand läßt ein Neu­ge­bo­re­nes ohne Klei­dung und Nah­rung, nur damit es spä­ter, wenn es groß gewor­den ist, selbst ent­schei­den kann, was es anzie­hen und essen möch­te. Daß man dies über­haupt in einem römi­schen Doku­ment sagen muß, spricht für sich; das räu­me ich durch­aus ein. Daß es aber gesagt wird, ist eine gute Nach­richt, und es ist wich­tig, dies hervorzuheben.

Die Num­mern 35 bis 37 sind viel­leicht die schön­sten Pas­sa­gen des gesam­ten Tex­tes. Sie hät­ten ohne wei­te­res Bestand­teil eines Kapi­tels von „Das Erwa­chen der Seño­ri­ta Prim“ sein oder von John Seni­or zitiert wer­den kön­nen. Dort wird die Erin­ne­rung des Jesui­ten Aimé Duval an das abend­li­che Gebet in sei­nem Eltern­haus auf dem Lan­de auf­ge­grif­fen: der Vater, stark und stolz im Umgang mit dem Bür­ger­mei­ster und den Rei­chen, kniet vor Gott nie­der, die Stirn in die Hän­de gelegt; die Mut­ter sitzt mit dem jüng­sten Kind auf dem Arm da und blickt wäh­rend des Gebets jedes ihrer Kin­der an.

Anschlie­ßend wer­den ganz unbe­fan­gen jene Bräu­che auf­ge­zählt, die von der nach­kon­zi­lia­ren Pasto­ral jahr­zehn­te­lang als über­hol­te Über­bleib­sel abge­tan wur­den: die Schutz­hei­li­gen, die Anru­fung der Jung­frau Maria, die Sonn­tags­mes­se, die Wall­fahrts­hei­lig­tü­mer, das Tisch­ge­bet, die Weih­nachts­krip­pe. Mit ande­ren Wor­ten: der Katho­li­zis­mus unse­rer Groß­müt­ter, die den Glau­ben ohne Arbeits­pa­pie­re und Kom­mis­sio­nen wei­ter­ga­ben, son­dern ihn „in ihrem Dia­lekt“ vermittelten.

Auch die Dia­gno­se des drit­ten Kapi­tels spart nicht mit Kri­tik an der gegen­wär­ti­gen Welt. Offen ist von „nach­christ­li­chen Gesell­schaf­ten“ (Nr. 55) und von der Kri­se des „Modells der Chri­sten­heit“ (Nr. 53) die Rede. Die „Sou­ve­rä­ni­tät des Ich“, die Schwä­chung des Sün­den­be­wußt­seins und das Vor­drin­gen des Rela­ti­vis­mus wer­den ange­pran­gert (Nr. 56–57). Die lai­zi­sti­sche Gesetz­ge­bung Frank­reichs und Kana­das, die das öffent­li­che Bekennt­nis des Glau­bens ein­schränkt, wird kri­ti­siert (Nr. 58). Und zu Recht wird die nach eige­nem Geschmack zurecht­ge­leg­te, „maß­ge­schnei­der­te“ Glau­bens­auf­fas­sung geta­delt, die sich nicht an der Leh­re der Kir­che, son­dern an den per­sön­li­chen Vor­lie­ben ori­en­tiert (Nr. 60).

Dar­über hin­aus gibt es eine Pas­sa­ge, die beson­ders her­vor­ge­ho­ben wer­den soll­te. Bei der Erwäh­nung des spek­ta­ku­lä­ren Anstiegs der Erwach­se­nen­tau­fen in Frank­reich – ihre Zahl hat sich inner­halb eines Jahr­zehnts mehr als ver­drei­facht, ins­be­son­de­re bei jun­gen Men­schen zwi­schen 18 und 25 Jah­ren – zählt Nr. 65 zu den Zei­chen des Wir­kens des Hei­li­gen Gei­stes auch „eine gewis­se Wie­der­ent­deckung des Alten und der Tra­di­tio­nen“. Das ist in einem Doku­ment die­ser Her­kunft kei­ne belang­lo­se For­mu­lie­rung, zumal weni­ge Zei­len zuvor die Bedeu­tung von Wall­fahr­ten als Ein­la­dung her­vor­ge­ho­ben wor­den war, tie­fer in den Glau­ben einzudringen.

Es scheint sich um die Aner­ken­nung einer offen­kun­di­gen Tat­sa­che zu han­deln. Es scheint, als hole Kar­di­nal Fernán­dez auf sub­ti­le Wei­se jene aus der Unsicht­bar­keit her­vor, die bis vor kur­zem für eini­ge über­haupt nicht exi­stent waren. Es fällt mir schwer zu glau­ben, daß dies aus eige­nem ehr­li­chem Antrieb gesche­hen ist. Wir haben bereits gese­hen, daß es ihm an Ehr­lich­keit fehlt, wenn er sich in der beschrie­be­nen Wei­se über die „Kon­ser­va­ti­ven“ aus­läßt. Ich nei­ge viel­mehr zu der Annah­me, daß die­se Absät­ze und For­mu­lie­run­gen eher auf aus­drück­li­che Anwei­sun­gen oder Anre­gun­gen einer Per­son zurück­ge­hen, die über grö­ße­re Macht verfügt.

Sein bestes Niveau erreicht der Text jedoch im Bereich der Lit­ur­gie. Er beruft sich auf das Prin­zip lex oran­di, lex cre­den­di (Nr. 92) und stellt fest, daß das Fei­ern vor allem bedeu­tet, einen Glau­ben zu emp­fan­gen, den ande­re vor uns bereits geglaubt, gelebt und im Gebet voll­zo­gen haben (Nr. 90). Er erin­nert an die Trä­nen des Augu­sti­nus ange­sichts der Hym­nen der Kir­che von Mailand.

Vor allem aber zitiert er aus­führ­lich Roma­no Guar­di­ni, der am Grün­don­ners­tag in Mon­rea­le die sizi­lia­ni­sche Bevöl­ke­rung beob­ach­te­te: Men­schen, die kaum lesen und sich kaum durch Ant­wor­ten am Gesche­hen betei­li­gen, aber den­noch durch ihr Schau­en und durch ihr Erle­ben, durch das, was sie „mit den Augen“ auf­neh­men, an einer vier­stün­di­gen Fei­er teil­neh­men. Guar­di­ni kommt zu dem Schluß, daß die Men­schen des Nor­dens nur jene Form der Teil­nah­me kann­ten, die aus Zuhö­ren, Spre­chen und Gesti­ku­lie­ren besteht, wäh­rend ihnen die ande­re Form ver­lo­ren­ge­gan­gen war (Nr. 93).

Wer ein hal­bes Jahr­hun­dert lang unter einer actuo­sa par­ti­ci­pa­tio zu lei­den hat­te, die als blo­ße ver­ba­le Gym­na­stik ver­stan­den wur­de, wird die­ses Zitat zu wür­di­gen wis­sen. Schließ­lich for­dert Nr. 94, daß die Gläu­bi­gen und die­je­ni­gen, die in die Kir­che zurück­keh­ren, in jeder Diö­ze­se mit den „ver­schie­de­nen lit­ur­gi­schen Emp­fin­dungs­wei­sen“ der katho­li­schen Tra­di­ti­on in Berüh­rung kom­men kön­nen. Auf das Klein­ge­druck­te wer­den wir noch zurückkommen.

Was könnte besser sein

Das Pro­blem beginnt bereits im ersten Kapi­tel, und zwar genau dort, wo die Bot­schaft for­mu­liert wird, die eigent­lich wei­ter­ge­ge­ben wer­den soll. Eine bestimm­te For­mel kehrt dar­in wie ein Refrain immer wie­der: Gott ist „für immer und für alle“ Lie­be, sei­ne Barm­her­zig­keit gilt „allen“, sogar jenen, die den Sohn Got­tes ver­ur­teilt und getö­tet haben (Nr. 10 und 20). Es gibt kei­nen mensch­li­chen Lebens­be­reich, der durch Schei­tern oder Sün­de gekenn­zeich­net wäre und nicht wie­der ein­ge­glie­dert wer­den könn­te (Nr. 11). Got­tes „Ja“ kann nie­mals zu einem „Nein“ werden.

All dies läßt sich durch­aus im katho­li­schen Sin­ne ver­ste­hen, und ich habe kei­nen Zwei­fel dar­an, daß die Ver­fas­ser es auch so beab­sich­ti­gen. Aller­dings sind wir alle inzwi­schen ziem­lich emp­find­lich gewor­den. Doch ein Keryg­ma ist sei­ner Defi­ni­ti­on nach eine Zusam­men­fas­sung. Und was in einer Zusam­men­fas­sung aus­ge­las­sen wird, fehlt auch in der Dar­stel­lung des Wesent­li­chen. Hier aber fehlt gera­de das, was der hei­li­ge Pau­lus in den Mit­tel­punkt sei­ner eige­nen Zusam­men­fas­sung gestellt hat: daß Chri­stus für unse­re Sün­den gestor­ben ist, gemäß den Schrif­ten (1 Kor 15,3).

Es fehlt der Auf­ruf zur Umkehr als not­wen­di­ge Bedin­gung. Es fehlt das Gericht. Es fehlt die rea­le – und erschrecken­de – Mög­lich­keit, daß ein Mensch die Gna­de zurück­weist. Es fehlt die Mög­lich­keit der ewi­gen Ver­damm­nis und der Höl­le. Das Doku­ment zitiert zu Recht 1 Kor 15,14, wo es um die Auf­er­ste­hung geht. Um so bemer­kens­wer­ter ist es, daß es elf Ver­se zurück­springt, ohne bei Vers 3 innezuhalten.

Die­se Aus­las­sung hat Fol­gen für das Ver­ständ­nis des Kreu­zes. In den Num­mern 16 bis 19 erscheint der Tod Chri­sti vor allem als Aus­gang eines Kon­flikts mit den poli­ti­schen und reli­giö­sen Macht­ha­bern sei­ner Zeit, die eine inklu­si­ve Ver­kün­di­gung nicht ertra­gen konn­ten. Für den Fall, daß dies noch nicht deut­lich genug sein soll­te, wird hin­zu­ge­fügt, daß die Dis­kri­mi­nie­rung ein Merk­mal jenes reli­giö­sen Milieus gewe­sen sei – „genau­so wie in unse­rem“ (Nr. 18).

Die Opfer- und Süh­ne­di­men­si­on des Lei­dens Chri­sti bleibt dabei im Dun­keln. Chri­stus stirbt, weil er den Pha­ri­sä­ern unbe­quem war, nicht weil er sich dem Vater für die Sün­den der Welt dar­bringt. Auch eine For­mu­lie­rung der­sel­ben Num­mer – kei­ne Gesetz­ge­bung und kei­ne reli­giö­se Auto­ri­tät kön­ne irgend jeman­den für „unwür­dig“ erklä­ren – ist so mehr­deu­tig, daß jeder Leser sie auf jene Fra­gen der Sakra­men­ten­dis­zi­plin anwen­den kann, die ihm gera­de gele­gen kommen.

Wir alle erin­nern uns an die pein­li­che Pre­digt von Tucho Fernán­dez, damals Erz­bi­schof von La Pla­ta, in der er gegen die Kir­che wet­ter­te, die so lan­ge zwi­schen jenen unter­schie­den habe, die zur Kom­mu­ni­on gehen durf­ten, und jenen, denen dies nicht gestat­tet war.

Es gibt noch wei­te­re klei­ne­re Kost­bar­kei­ten. Daß die Fro­he Bot­schaft von der Lie­be Got­tes „bis zu Jesus unbe­kannt“ gewe­sen sei (Nr. 10), dürf­te jeden über­ra­schen, der jemals die Psal­men gebe­tet hat, in denen die gött­li­che hesed – die treue, erbar­men­de Lie­be Got­tes – auf jeder Sei­te besun­gen wird. Und daß Jesus „weder ein eige­nes Hei­lig­tum noch eine Schu­le grün­det“ (Nr. 14), ist eine merk­wür­di­ge Aus­sa­ge über jeman­den, der den Tem­pel rei­nig­te, die Zwölf drei Jah­re lang unter­wies und die Kir­che gründete.

Der zwei­te Pro­blem­kom­plex ist erkennt­nis­theo­re­ti­scher Natur. Das Doku­ment erklärt, der Glau­be wer­de „nicht in erster Linie“ als Gesamt­heit lehr­mä­ßi­ger Inhal­te wei­ter­ge­ge­ben, son­dern als eine Form kirch­li­chen Lebens (Nr. 29). Die Ver­kün­di­gung müs­se „per­for­ma­tiv“ sein und das Ziel ver­fol­gen, „eine Glau­bens­er­fah­rung her­vor­zu­ru­fen“ (Nr. 76–77).

Zwar unter­schei­det Nr. 5 zwi­schen fides qua und fides quae und über­läßt die Ver­mitt­lung der letz­te­ren der geord­ne­ten Kate­che­se. Doch das gesam­te Gewicht des Tex­tes liegt ein­deu­tig auf einer Sei­te, und am Ende wird die Erfah­rung zum Maßstab.

Das ist pro­ble­ma­tisch, wenn man bedenkt, aus wel­chem Dik­aste­ri­um die­ses Doku­ment stammt. Das Erste Vati­ka­ni­sche Kon­zil defi­nier­te den Glau­ben als Zustim­mung zu dem, was Gott offen­bart hat, weil Gott selbst der Offen­ba­ren­de ist – und nicht auf­grund inne­rer Evi­denz oder einer Erschüt­te­rung des Her­zens. Und der hei­li­ge Pius X. wid­me­te einen beträcht­li­chen Teil sei­ner Enzy­kli­ka Pas­cen­di der War­nung vor einer Reli­gi­on, die auf Erfah­rung grün­det und schließ­lich die offen­bar­te Wahr­heit danach bemißt, was das Sub­jekt empfindet.

Ich wer­fe dem Doku­ment kei­nen Moder­nis­mus vor; das wäre unge­recht und dar­über hin­aus lang­wei­lig. Ande­rer­seits kann nie­mand die Bedeu­tung der per­sön­li­chen Erfah­rung für den Glau­ben bestrei­ten. Mehr noch: Ich habe mehr­fach jene kri­ti­siert, die mei­nen, der Glau­be sei nichts ande­res als der Den­zin­ger. Ich möch­te jedoch dar­auf hin­wei­sen, daß eine Pasto­ral, die die Erfah­rung in den Mit­tel­punkt stellt, ob sie es will oder nicht, auch deren Schwä­che über­nimmt: Was man an einem Sonn­tag emp­fin­det, kann am Mon­tag bereits ver­schwun­den sein.

Damit gelan­gen wir zu Nr. 80. Dort wird gefor­dert, die Wei­ter­ga­be des Glau­bens dür­fe nicht auf Aus­drucks­for­men beschränkt blei­ben, die als „scho­la­stisch“, „dog­ma­tisch“ oder „mora­li­stisch“ bezeich­net wer­den könn­ten. Die­se Drei­er­grup­pe ist aufschlußreich.

Die Scho­la­stik erscheint hier als Syn­onym für begriff­li­che Käl­te, obwohl sie gera­de den gewal­tig­sten Ver­such in der Geschich­te dar­stellt, den Glau­ben ver­ständ­lich zu machen, ohne ihn zu ver­fäl­schen. Prä­zi­si­on ist nicht das Gegen­teil der Näch­sten­lie­be, son­dern eine Form gei­sti­ger Näch­sten­lie­be, weil sie die Gläu­bi­gen vor Mehr­deu­tig­keit schützt.

Der hei­li­ge Tho­mas von Aquin ver­faß­te sei­ne Sum­ma für Anfän­ger – ad eru­di­tio­nem inci­pi­en­ti­um, wie es im Vor­wort heißt. Und der Kate­chis­mus des hei­li­gen Pius X. bil­de­te gan­ze Gene­ra­tio­nen von Bau­ern, die wuß­ten, wes­halb sie glaub­ten, was sie glaub­ten. Daß das­sel­be Dik­aste­ri­um, das in Nr. 8 auf Prä­zi­si­on ver­zich­tet, in Nr. 80 den prä­zi­sen Aus­drucks­for­men miß­traut, hat zumin­dest den Vor­zug inne­rer Folgerichtigkeit.

Nr. 84 ver­voll­stän­digt das Bild. Dort wird die „Hier­ar­chie der Wahr­hei­ten“ aus Unita­tis red­in­te­gra­tio 11 ange­führt, um dar­aus zu schlie­ßen, daß man sich bei Jugend­li­chen, erwach­se­nen Katechu­me­nen und Rück­keh­rern nicht in den zahl­rei­chen Berei­chen der Glau­bens­leh­re „ver­zet­teln“ solle.

Das kon­zi­lia­re Prin­zip ent­stand im Zusam­men­hang mit dem öku­me­ni­schen Dia­log und bezog sich auf den unter­schied­li­chen Zusam­men­hang, in dem die ein­zel­nen Wahr­hei­ten mit dem Fun­da­ment des Glau­bens ste­hen – nicht aber auf ihren unter­schied­li­chen Ver­bind­lich­keits­grad: Alles, was offen­bart wor­den ist, wird mit dem­sel­ben gött­li­chen Glau­ben angenommen.

Die­ses Prin­zip als Aus­wahl­kri­te­ri­um auf die Kate­che­se zu über­tra­gen, öff­net einer zurecht­ge­stutz­ten Glau­bens­auf­fas­sung Tür und Tor, wie sie gewöhn­lich in Pfar­rei­en und ver­meint­lich katho­li­schen Schu­len ver­mit­telt wird. Und hier gerät das Doku­ment in Wider­spruch zu sich selbst, denn zwan­zig Num­mern zuvor hat­te es gera­de den Glau­ben ver­ur­teilt, den sich jeder nach eige­nem Maß zurechtlegt.

Das Kleingedruckte und das, worüber geschwiegen wird

Ich kom­me noch ein­mal auf die Lit­ur­gie zurück. Die ent­spre­chen­den Sei­ten sind schön, doch die Mes­se wird dar­in an kei­ner Stel­le aus­drück­lich als Opfer bezeich­net. Auch von der wirk­li­chen Gegen­wart Chri­sti in der Eucha­ri­stie ist nicht die Rede. Statt des­sen spricht man von Gesten, Sym­bo­len, Stil­le, Erin­ne­rung und Gemeinschaft.

All das ist wahr, aber eben auch unzu­rei­chend. Eine Lit­ur­gie zu beschrei­ben, ohne ihren Opfer­cha­rak­ter zu erwäh­nen, ist, als beschrie­be man eine Kathe­dra­le, ohne ihren Altar zu erwähnen.

Dann ist da noch das Klein­ge­druck­te in Nr. 94. Die Hir­ten sol­len den Reich­tum des lit­ur­gi­schen Erbes zur Gel­tung brin­gen, und zwar „unter Beach­tung der gel­ten­den lit­ur­gi­schen Nor­men“. Die­se bei­läu­fig ein­ge­streu­te For­mu­lie­rung läßt ver­schie­de­ne Deu­tun­gen zu.

Wir könn­ten bei­spiels­wei­se sagen, daß in Jujuy die „gel­ten­den lit­ur­gi­schen Nor­men“ den Tanz des Car­na­va­li­to nicht als Bestand­teil des lit­ur­gi­schen Erbes aner­ken­nen. Man kann die For­mu­lie­rung aber eben­so als Erin­ne­rung dar­an ver­ste­hen, daß Tra­di­tio­nis cus­to­des wei­ter­hin in Kraft ist.

Die Tür, die sich für die „ver­schie­de­nen Emp­fin­dungs­wei­sen“ einen Spalt weit öff­net, hat einen Tür­hü­ter, der in vie­len Diö­ze­sen kei­nes­wegs bereit ist, sie auf­zu­schlie­ßen. Und das Bei­spiel, das der Text selbst zur Ver­an­schau­li­chung des Reich­tums des lit­ur­gi­schen Erbes anführt, ist die „Viel­falt musi­ka­li­scher Stil­rich­tun­gen“ – ohne auch nur ein ein­zi­ges Mal den Gre­go­ria­ni­schen Cho­ral zu erwäh­nen, dem Sacro­sanc­tum Con­ci­li­um 116 den ersten Platz zuer­kannt hat­te. Von Latein hat Tucho offen­bar ohne­hin noch nichts mitbekommen.

Ich emp­feh­le den katho­li­schen Gläu­bi­gen in Pana­ma, ihre Bischö­fe in aller Demut dar­auf hin­zu­wei­sen, daß der Emp­fang der hei­li­gen Kom­mu­ni­on kniend und auf die Zun­ge sowie das Tra­gen des Schlei­ers wäh­rend der hei­li­gen Mes­se kei­ne „lit­ur­gi­schen Extre­mis­men“ sind, son­dern unbe­streit­bar zum lit­ur­gi­schen Erbe der Kir­che gehören.

Die auf­schluß­reich­ste Aus­las­sung fin­det sich jedoch nicht in einem bestimm­ten Absatz, son­dern im Gesamt­zu­sam­men­hang des Doku­ments. Dut­zen­de von Num­mern wid­men sich der Beschrei­bung der Ursa­chen für die Kri­se in der Glau­bens­wei­ter­ga­be: Säku­la­ri­sie­rung, Glo­ba­li­sie­rung, digi­ta­le Tech­no­lo­gien, künst­li­che Intel­li­genz, Indi­vi­dua­lis­mus, Kon­sum­den­ken, Migra­ti­on und Wohlstandsevangelien.

All dies sind äuße­re Ursa­chen. Doch kei­ne ein­zi­ge Zei­le beschäf­tigt sich mit der Kate­che­se der ver­gan­ge­nen sechs Jahr­zehn­te, mit den Unter­richts­ma­te­ria­li­en, die den Kate­chis­mus durch Grup­pen­dy­na­mik ersetzt haben, mit der Lit­ur­gie­re­form und ihren Fol­gen, mit der lehr­mä­ßi­gen Ver­wir­rung, die von den Lehr­stüh­len und den Kan­zeln aus ver­brei­tet wur­de, mit dem Ver­trau­ens­ver­lust infol­ge der Miß­brauchs­skan­da­le oder mit Prie­stern und Kar­di­nä­len, die ero­ti­sche oder por­no­gra­phi­sche Bücher schreiben.

Dem Doku­ment zufol­ge ist die Kir­che ein Opfer des epo­cha­len Wan­dels, nie­mals aber einer sei­ner Mitverursacher.

Nr. 79 stellt fest, daß eine gro­ße Zahl von Kin­dern die Kir­che ver­läßt, sobald sie die Kate­che­se oder die katho­li­sche Schu­le abge­schlos­sen hat. Das ist ein ehr­li­ches Ein­ge­ständ­nis. Doch die nahe­lie­gen­de Fra­ge – was hat man ihnen wäh­rend die­ser Jah­re eigent­lich bei­gebracht? – wird nicht gestellt.

Und sie wird nicht gestellt, weil die Ant­wort unan­ge­nehm wäre: Jahr­zehn­te­lang hat man genau das getan, was die­ses Doku­ment nun vor­schlägt – eine erfah­rungs­ori­en­tier­te, gefühls­be­ton­te, wenig „dog­ma­ti­sche“ und über­haupt nicht „scho­la­sti­sche“ Kate­che­se. Die Ergeb­nis­se lie­gen offen zuta­ge. Der Text selbst beschreibt sie, nennt aber merk­wür­di­ger­wei­se nicht die­je­ni­gen, die dafür ver­ant­wort­lich sind.

Und hier liegt mei­nes Erach­tens der zen­tra­le Wider­spruch von Veni­te ad me. Nr. 64 stellt mit Sor­ge fest, daß vie­le fran­zö­si­sche Neu­ge­tauf­te schon kur­ze Zeit nach ihrer Tau­fe wie­der in prak­ti­sche Gleich­gül­tig­keit zurück­fal­len. Nr. 65 erkennt an, daß eines der Din­ge, die die­se Neu­be­kehr­ten anzie­hen, die Wie­der­ent­deckung des Alten und der Tra­di­tio­nen ist.

Man muß nur bei­de Num­mern neben­ein­an­der­stel­len, und die Schluß­fol­ge­rung drängt sich von selbst auf: Die jun­gen Men­schen kom­men auf der Suche nach der Tra­di­ti­on und tref­fen auf eine Pasto­ral, die ihnen eben die­se Tra­di­ti­on vor­ent­hält. Sie kom­men auf der Suche nach dem Myste­ri­um und bekom­men eine Grup­pen­dy­na­mik ange­bo­ten. Sie kom­men auf der Suche nach einer soli­den Glau­bens­leh­re, die sie auch dann trägt, wenn die anfäng­li­che Begei­ste­rung nach­läßt, und man erklärt ihnen, daß sie sich nicht zu sehr mit den ver­schie­de­nen Berei­chen der Glau­bens­leh­re beschäf­ti­gen sollten.

Es ist daher nicht ver­wun­der­lich, daß sie wie­der gehen. Was einen Zwan­zig­jäh­ri­gen anzieht, der in der Lee­re einer Welt auf­ge­wach­sen ist, die nur das Dies­seits kennt, ist nicht eine wär­me­re Vari­an­te der­sel­ben Lee­re. Ihn zieht viel­mehr etwas an, das ihm vor­aus­geht und ihn über­steigt: eine Lit­ur­gie, die nicht von sei­nem Pfar­rer erfun­den wur­de; ein Kate­chis­mus, über den nicht ver­han­delt wird; eine Moral, die For­de­run­gen stellt; und ein Gott, der rich­tet, weil er die Frei­heit des Men­schen ernst nimmt.

Mit einem Wort: das, was die Kir­che seit jeher tra­di­tio genannt hat. Und genau das ist es, was die­ses Doku­ment wei­ter­ge­ben möchte.

Der Text endet mit dem Bild der Oster­ker­ze, die ande­re Ker­zen ent­zün­det. Es ist ein wun­der­schö­nes Bild, das der Enzy­kli­ka Lumen fidei ent­nom­men ist. Doch soll­te man sich dar­an erin­nern, was die Lit­ur­gie der Oster­nacht beim Ent­zün­den der Ker­ze singt: Lumen Chri­sti.

Das Licht, das wei­ter­ge­ge­ben wird, ist das Licht Chri­sti – und zwar in sei­ner gan­zen Fül­le: mit sei­nem Kreuz und sei­nem Gericht, mit sei­nem Opfer und sei­ner wirk­li­chen Gegen­wart, mit sei­nen Dog­men und sei­nen For­de­run­gen. Eine hal­be Flam­me ent­zün­det nichts. Sie qualmt allenfalls.

Veni­te ad me, sag­te der Herr; das ist wahr. Doch der Satz geht wei­ter: „Nehmt mein Joch auf euch“ (Mt 11,29). Tucho ist einen Vers zu früh stehengeblieben.

*Cami­nan­te Wan­de­rer ist ein argen­ti­ni­scher Phi­lo­soph und Blogger.

Über­set­zung: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Cami­nan­te Wan​de​rer/Katholisches.info

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