Der Hongkonger Kardinal Joseph Zen hat sich mit ungewöhnlich klaren Worten zur Lage der Priesterbruderschaft St. Pius X. (FSSPX) geäußert. In einer geistlichen Betrachtung zum Freitag der zweiten Fastenwoche verbindet der emeritierte Bischof von Hongkong die biblischen Tageslesungen mit der seit Jahrzehnten andauernden Spannung zwischen der Bruderschaft und dem Vatikan. Sein Text ist weniger eine theologische Abhandlung als vielmehr eine pointierte Deutung der kirchlichen Konfliktlage – und zugleich ein Appell an den Papst.
Ein Konflikt zwischen Einheit und Gewissen
Ausgangspunkt der Überlegungen ist die Beobachtung, daß selbst innerhalb des traditionalistischen Milieus keine einheitliche Haltung gegenüber der FSSPX besteht. Kardinal Zen hält diese Spaltung für nachvollziehbar, da zwei grundlegende Anliegen aufeinanderprallen.
Einerseits müsse ein formales Schisma mit allen Mitteln vermieden werden. Eine dauerhafte Kirchenspaltung würde erheblichen und langfristigen Schaden für die katholische Kirche verursachen. Andererseits gebe es ein ernsthaftes Gewissensproblem für jene Gläubigen, die überzeugt seien, daß bestimmte nachkonziliare Entwicklungen der kirchlichen Tradition widersprechen. Niemand könne gezwungen werden, Lehren zu akzeptieren, die aus seiner Sicht der überlieferten Tradition entgegenstehen.
Damit beschreibt Kardinal Zen die zentrale Spannung des Konflikts: den Versuch, kirchliche Einheit zu bewahren, ohne legitime Gewissensfragen zu ignorieren.
Skepsis gegenüber dem Dialog im Vatikan
Der Vatikan habe die Piusbruderschaft zu Gesprächen mit dem Präfekten des Dikasteriums für die Glaubenslehre eingeladen, also mit Kardinal Víctor Manuel Fernández. Kardinal Zen äußerte sich wenig optimistisch, daß unter diesen Umständen echte Fortschritte möglich sind.
In seiner allegorischen Lesart der biblischen Josephsgeschichte aus der Tagesliturgie stellte er eine symbolische Zuordnung her: Die Piusbruderschaft erscheine als Joseph, dessen Brüder ihn aus Neid und Feindschaft ablehnen. Fernández, von Kardinal Zen mit seinem Spitznamen „Tucho“ bezeichnet, wird dabei implizit mit den feindseligen Brüdern verglichen. Der chinesische Kardinal deutet damit an, daß der argentinische Theologe keine Sympathie für die traditionalistische Bruderschaft hege und eine harte disziplinarische Maßnahme – bis hin zur Exkommunikation – wohl begrüßen würde.
Das mache verständlich, so der Kardinal, warum ein Teil der kirchlichen Tradition gegenüber der aktuellen Leitung der Glaubensbehörde höchst mißtrauisch ist.
Hoffnung auf päpstliche Vermittlung
Trotz seiner Skepsis sieht Zen einen möglichen Ausweg – in der Rolle des Papstes. In seiner biblischen Parallele führt er weiter aus: Wenn es in der Josephsgeschichte einen Bruder gibt, der versucht, Unrecht zu verhindern, dann ist es Ruben. In Zens Deutung entspricht dieser Rolle der heutige Papst Leo XIV.
Der Papst erscheine als jemand, der zuhört und bereit sei zu differenzieren. Nach Zens Erwartung könnte Leo XIV. deutlich machen, daß vieles, was in den Jahrzehnten nach dem Zweites Vatikanisches Konzil im Namen des sogenannten „Konzilsgeistes“ eingeführt wurde, nicht zwingend dem tatsächlichen Inhalt der Konzilsdokumente entspricht.
Eine solche Klärung könnte helfen, den Konflikt zu entschärfen.
Die Liturgie als Kernfrage
Ein zentraler Punkt bleibt für Zen die Liturgie. Die überlieferte lateinische Messe dürfe nicht verdrängt werden. Der Versuch, sie vollständig aus dem kirchlichen Leben zu entfernen, sei ein Fehler.
Der emeritierte Kardinal erinnert in diesem Zusammenhang an Überlegungen von Benedikt XVI., der von einer „Reform der Reform“ gesprochen hatte. Nach dieser Vorstellung könnten sich die beiden Formen des römischen Ritus gegenseitig bereichern: die nachkonziliare Liturgie und die ältere Form, die vor der nachkonziliaren Reform üblich war.
Auch Weihbischof Athanasius Schneider (Astana in Kasachstan) wurde von Kardinal Zen erwähnt. Schneider argumentiert seit Jahren, daß die konkrete Liturgiereform in mehreren Punkten über die Intentionen der Konzilsväter hinausgegangen sei.
Rückkehr zu den Konzilsdokumenten
Am Ende seines Textes formuliert Kardinal Zen eine klare Erwartung: Die Kirche müsse zu den tatsächlichen Dokumenten des Zweiten Vatikanischen Konzils zurückkehren, statt sich auf diffuse Interpretationen des „Konzilsgeistes“ zu berufen. Daß Papst Leo XIV. eine Katechesereihe über diese Texte begonnen hat, wertet er als positives Signal.
Sein Fazit ist daher nicht pessimistisch. Trotz der tiefen Spannungen setzt Kardinal Zen auf eine päpstliche Vermittlung, die sowohl die Einheit der Kirche wahrt als auch die Anliegen der Tradition ernst nimmt. Für ihn hängt die Zukunft der Beziehung zwischen Rom und der Priesterbruderschaft St. Pius X. letztlich davon ab, ob diese Vermittlung gelingt.
Text: Giuseppe Nardi
Bild: New Liturgical Movement
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