Kardinal Zen stellt sich hinter die Tradition

Zweifel am Dialog Vatikan-Piusbruderschaft – Leo XIV. soll klären


Kardinal Joseph Zen 2012 bei der Zelebration im überlieferten Römischen Ritus
Kardinal Joseph Zen 2012 bei der Zelebration im überlieferten Römischen Ritus

Der Hong­kon­ger Kar­di­nal Joseph Zen hat sich mit unge­wöhn­lich kla­ren Wor­ten zur Lage der Prie­ster­bru­der­schaft St. Pius X. (FSSPX) geäu­ßert. In einer geist­li­chen Betrach­tung zum Frei­tag der zwei­ten Fasten­wo­che ver­bin­det der eme­ri­tier­te Bischof von Hong­kong die bibli­schen Tages­le­sun­gen mit der seit Jahr­zehn­ten andau­ern­den Span­nung zwi­schen der Bru­der­schaft und dem Vati­kan. Sein Text ist weni­ger eine theo­lo­gi­sche Abhand­lung als viel­mehr eine poin­tier­te Deu­tung der kirch­li­chen Kon­flikt­la­ge – und zugleich ein Appell an den Papst.

Ein Konflikt zwischen Einheit und Gewissen

Aus­gangs­punkt der Über­le­gun­gen ist die Beob­ach­tung, daß selbst inner­halb des tra­di­tio­na­li­sti­schen Milieus kei­ne ein­heit­li­che Hal­tung gegen­über der FSSPX besteht. Kar­di­nal Zen hält die­se Spal­tung für nach­voll­zieh­bar, da zwei grund­le­gen­de Anlie­gen aufeinanderprallen.

Einer­seits müs­se ein for­ma­les Schis­ma mit allen Mit­teln ver­mie­den wer­den. Eine dau­er­haf­te Kir­chen­spal­tung wür­de erheb­li­chen und lang­fri­sti­gen Scha­den für die katho­li­sche Kir­che ver­ur­sa­chen. Ande­rer­seits gebe es ein ernst­haf­tes Gewis­sens­pro­blem für jene Gläu­bi­gen, die über­zeugt sei­en, daß bestimm­te nach­kon­zi­lia­re Ent­wick­lun­gen der kirch­li­chen Tra­di­ti­on wider­spre­chen. Nie­mand kön­ne gezwun­gen wer­den, Leh­ren zu akzep­tie­ren, die aus sei­ner Sicht der über­lie­fer­ten Tra­di­ti­on entgegenstehen.

Damit beschreibt Kar­di­nal Zen die zen­tra­le Span­nung des Kon­flikts: den Ver­such, kirch­li­che Ein­heit zu bewah­ren, ohne legi­ti­me Gewis­sens­fra­gen zu ignorieren.

Skepsis gegenüber dem Dialog im Vatikan

Der Vati­kan habe die Pius­bru­der­schaft zu Gesprä­chen mit dem Prä­fek­ten des Dik­aste­ri­ums für die Glau­bens­leh­re ein­ge­la­den, also mit Kar­di­nal Víc­tor Manu­el Fernán­dez. Kar­di­nal Zen äußer­te sich wenig opti­mi­stisch, daß unter die­sen Umstän­den ech­te Fort­schrit­te mög­lich sind.

In sei­ner alle­go­ri­schen Les­art der bibli­schen Josephs­ge­schich­te aus der Tages­lit­ur­gie stell­te er eine sym­bo­li­sche Zuord­nung her: Die Pius­bru­der­schaft erschei­ne als Joseph, des­sen Brü­der ihn aus Neid und Feind­schaft ableh­nen. Fernán­dez, von Kar­di­nal Zen mit sei­nem Spitz­na­men „Tucho“ bezeich­net, wird dabei impli­zit mit den feind­se­li­gen Brü­dern ver­gli­chen. Der chi­ne­si­sche Kar­di­nal deu­tet damit an, daß der argen­ti­ni­sche Theo­lo­ge kei­ne Sym­pa­thie für die tra­di­tio­na­li­sti­sche Bru­der­schaft hege und eine har­te dis­zi­pli­na­ri­sche Maß­nah­me – bis hin zur Exkom­mu­ni­ka­ti­on – wohl begrü­ßen würde.

Das mache ver­ständ­lich, so der Kar­di­nal, war­um ein Teil der kirch­li­chen Tra­di­ti­on gegen­über der aktu­el­len Lei­tung der Glau­bens­be­hör­de höchst miß­trau­isch ist.

Hoffnung auf päpstliche Vermittlung

Trotz sei­ner Skep­sis sieht Zen einen mög­li­chen Aus­weg – in der Rol­le des Pap­stes. In sei­ner bibli­schen Par­al­le­le führt er wei­ter aus: Wenn es in der Josephs­ge­schich­te einen Bru­der gibt, der ver­sucht, Unrecht zu ver­hin­dern, dann ist es Ruben. In Zens Deu­tung ent­spricht die­ser Rol­le der heu­ti­ge Papst Leo XIV.

Der Papst erschei­ne als jemand, der zuhört und bereit sei zu dif­fe­ren­zie­ren. Nach Zens Erwar­tung könn­te Leo XIV. deut­lich machen, daß vie­les, was in den Jahr­zehn­ten nach dem Zwei­tes Vati­ka­ni­sches Kon­zil im Namen des soge­nann­ten „Kon­zils­gei­stes“ ein­ge­führt wur­de, nicht zwin­gend dem tat­säch­li­chen Inhalt der Kon­zils­do­ku­men­te entspricht.

Eine sol­che Klä­rung könn­te hel­fen, den Kon­flikt zu entschärfen.

Die Liturgie als Kernfrage

Ein zen­tra­ler Punkt bleibt für Zen die Lit­ur­gie. Die über­lie­fer­te latei­ni­sche Mes­se dür­fe nicht ver­drängt wer­den. Der Ver­such, sie voll­stän­dig aus dem kirch­li­chen Leben zu ent­fer­nen, sei ein Fehler.

Der eme­ri­tier­te Kar­di­nal erin­nert in die­sem Zusam­men­hang an Über­le­gun­gen von Bene­dikt XVI., der von einer „Reform der Reform“ gespro­chen hat­te. Nach die­ser Vor­stel­lung könn­ten sich die bei­den For­men des römi­schen Ritus gegen­sei­tig berei­chern: die nach­kon­zi­lia­re Lit­ur­gie und die älte­re Form, die vor der nach­kon­zi­lia­ren Reform üblich war.

Auch Weih­bi­schof Atha­na­si­us Schnei­der (Ast­a­na in Kasach­stan) wur­de von Kar­di­nal Zen erwähnt. Schnei­der argu­men­tiert seit Jah­ren, daß die kon­kre­te Lit­ur­gie­re­form in meh­re­ren Punk­ten über die Inten­tio­nen der Kon­zils­vä­ter hin­aus­ge­gan­gen sei.

Rückkehr zu den Konzilsdokumenten

Am Ende sei­nes Tex­tes for­mu­liert Kar­di­nal Zen eine kla­re Erwar­tung: Die Kir­che müs­se zu den tat­säch­li­chen Doku­men­ten des Zwei­ten Vati­ka­ni­schen Kon­zils zurück­keh­ren, statt sich auf dif­fu­se Inter­pre­ta­tio­nen des „Kon­zils­gei­stes“ zu beru­fen. Daß Papst Leo XIV. eine Kate­che­se­rei­he über die­se Tex­te begon­nen hat, wer­tet er als posi­ti­ves Signal.

Sein Fazit ist daher nicht pes­si­mi­stisch. Trotz der tie­fen Span­nun­gen setzt Kar­di­nal Zen auf eine päpst­li­che Ver­mitt­lung, die sowohl die Ein­heit der Kir­che wahrt als auch die Anlie­gen der Tra­di­ti­on ernst nimmt. Für ihn hängt die Zukunft der Bezie­hung zwi­schen Rom und der Prie­ster­bru­der­schaft St. Pius X. letzt­lich davon ab, ob die­se Ver­mitt­lung gelingt.

Text: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: New Lit­ur­gi­cal Movement

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