Von Vigilius*
I. Der Synodale Weg
Der deutsche Synodale Weg ist ein lehrreicher Vorgang für die gesamte katholische Kirche. Denn er stellt in seiner grobschlächtigen Unverstelltheit eine heuristisch geradezu einzigartige Apocalypsis der kirchlichen Selbstdekonstruktion dar. Bevor ich auf die entscheidende Grundproblematik eingehe, schildere ich zunächst einen Konflikt, der sich bei der sechsten und letzten Sitzung des Synodalen Weges Ende Januar diesen Jahres zugetragen hat.
Das revolutionäre Bürgertum
Um die Bedeutung des Konfliktes zu verstehen, muß man wissen, dass sich die Klientel des Synodalen Weges neben den deutschen Bischöfen im Wesentlichen aus bezahlten und ehrenamtlichen Kirchenfunktionären, Parteigängern des in den 1990er Jahren in Österreich ersonnenen „Kirchenvolksbegehrens“ und der Bewegung „Wir-sind-Kirche“, ihrer selbst überdrüssigen Priestern, Frauenempowerment-Nonnen und Vertretern der akademischen Theologie zusammensetzte. Im Laufe der Jahre haben etliche der eher konservativen Katholiken den Synodalen Weg verlassen, so dass der Progressismus hier schließlich unter sich war. Es gab während des letzten Treffens eine Bemerkung des Berliner Bischofs Koch, die das gut illustrierte. Denn Koch warnte die Synodalen unter Verweis auf seine Erfahrung mit „Rechten“ innerhalb seiner Diözesangremien davor, zu übersehen, dass die Besetzung des Synodalen Weges keineswegs die Zusammensetzung des gesamten Kirchenvolkes abbilde. Um der jakobinischen Guillotine zu entgehen, versicherte Koch der Synodalversammlung freilich sogleich seine Wohlgesinntheit, indem er erklärte, man versuche natürlich, diese Rechten zu überzeugen; es würde sie aber nun einmal geben. Diese „Rechten“ werden vermutlich Katholiken sein, die die Kirche nicht erst mit dem II. Vaticanum beginnen lassen, regelmäßig zur Messe und zur Beichte gehen und den Rosenkranz beten.
Der soziologische Blick erhellt bereits das eigentliche Ziel des gesamten Synodalprojektes. Es geht um das, was diese Leute immer schon angestrebt haben: Die Umwälzung aller kirchlichen Verhältnisse, was primär deren durchgreifende Demokratisierung meint. Es dient lediglich der taktischen Verschleierung dieses Zieles, dass die Protagonisten des Synodalen Weges ständig davon reden, es handle sich um eine Reform. „Reform“ impliziert ja eine grundlegende Kontinuität. Die Wahrheit ist jedoch, dass es sich um ein disruptives Revolutionsprojekt handelt, weil eine grundstürzende ekklesiologische Neubestimmung der Position des Priesters, resp. ein „synodales Lehramt“ erreicht werden soll. Das logische Zentrum dieses Anliegens besteht deshalb in der Dekonstruktion des Bischofsamtes, mit der die Priesterherrschaft überhaupt gebrochen werden soll.
Es ist eine verkürzende Erzählung, wenn man, wie das von konservativer Seite gern geschieht, die einschlägigen Revolutionssubjekte schlicht als „Linke“ bezeichnet und deren Positionen gegen die sogenannten „bürgerlichen Werte“ kontrastiert. Man darf in diesem Zusammenhang nicht vergessen, dass das ursprüngliche revolutionäre Subjekt im 18. Jahrhundert das Bürgertum war. Schon lange vor der französischen Revolution hatte das Bürgertum in Frankreich große wirtschaftliche Macht erlangt und auf dieser Basis den Adel bereits ausgezehrt. Der Adel war käuflich geworden und hatte sich längst gemein gemacht. Durch die handgreifliche Revolution forderte das Bürgertum nun das ein, worauf es ein inneres Anrecht erworben zu haben glaubte: Formelle Gleichstellung und entsprechende gleichrangige Partizipationsmöglichkeiten an der politischen Macht, die ihm die absolutistische Ständegesellschaft nach wie vor versagte. Das heißt: Es betrieb nun direkt und formell die Abschaffung der Monarchie und des durch den König konstituierten Adelsstandes. Die französische Revolution von 1789 ist bahnbrechend geworden für alle weiteren bürgerlich-revolutionären Umstürze in Europa. In den Revolutionen von 1848/49 ging es dann auch in Italien und Deutschland sowie erneut in Frankreich um die Überwindung jener restaurativen Strukturen, die sich in der Zeit nach der französischen Mutterrevolution gebildet hatten. Der Bürger ist der Revolutionär katexochen.
Dass sich dieses Prinzip im Synodalen Weg wiederum manifestiert, ist kaum zu übersehen. Allerdings sind die heutigen Verhältnisse gegenüber den alten Konstellationen unübersichtlicher geworden. Denn tatsächlich gibt es innerhalb des spätmodernen Bürgertums mittlerweile eine deutliche Strömung, die man als „links“ bezeichnen könnte. Das ist aber nicht „links“ im Sinne jenes genuinen Marxismus‘, der sich vorzüglich entlang der Konfliktlinie von arm und reich, Kapitalist und Ausgebeutetem, also als antibürgerlich identifiziert. Dessen parteipolitische Repräsentation ist in etwa die Partei „Die Linke“. Das wohlsituierte, zumeist akademisch gebildete linksorientierte Bürgertum wird hingegen durch die „Grünen“ Robert-Habeck’scher Prägung oder die Merkel-CDU gut abgebildet. Weit eher als die nach wie vor oder wieder stalinistisch affinen Genossen sind die heutigen linksliberalen Bürgerlichen merkwürdige Mischwesen, in denen sich Motive des woken Neo- oder Kulturmarxismus mit emanzipatorisch-individualistischen, hedonistischen und ökosozialistischen Strömungen amalgamieren. Das beim Synodalen Weg antreffbare Klientel stammt weitestgehend aus dem Dunstkreis dieser grün-woken-liberalen Bürgerlichkeit.
Dieses soziale Milieu bildet aber keinen Bruch mit den bürgerlichen Revolutionären des 18. und 19. Jahrhunderts. Im Gegenteil. Hier wie dort ging und geht es stets um Emanzipation, also um die Verflüssigung des Traditionellen und die Schleifung hierarchischer Ordnungen. Alexander Grau hat Recht: „Am Ende dieser Dauerrevolution werden alle tradierten Institutionen pulverisiert sein: Religion, Familie, Nation, Kulturkanon, Geschlecht. Alles wird fluide, beliebig, posttraditionell und austauschbar geworden sein. Bürgerlichkeit bedeutet Dekonstruktion. Und erst die Postmoderne ist wahrhaft bürgerlich. Es ist kein Zufall, dass das Bürgertum stets Träger der künstlerischen Avantgarde ist, also der Eliminierung aller Grenzen, Regeln, Gesetze und Überlieferungen in der Kunst. Die Idee einer zeitlosen Ästhetik ist aristokratisch. In der bürgerlichen Welt ist jeder ein Künstler. Entsprechend kommt erst im diversen, flexiblen und linksliberalen Neubürgertum die Idee der Bürgerlichkeit zu sich selbst. Nicht Thomas Manns Senator Buddenbrook ist die Inkarnation des Bürgers, sondern Robert Habeck: postmaskulin, achtsam, postheroisch und multikulturell.“1
Der Gedanke, dass es Verhältnisse gibt, die sich nicht in den funktionalen Kategorien von Vertrag, individueller Selbstinszenierung und Optionenmaximierung, demokratischen Prozeduren, Herstellbarkeit und Geschäft beschreiben lassen, ist auch beim spätmodernen Bürgertum des Synodalen Wegs vollständig verschwunden. Es gibt vielmehr einen glühenden Hass auf das Unverfügbare, auf alle Naturwüchsigkeiten und dem Zugriff entzogenen Selbstzwecklichkeiten, auf das Unvordenkliche und Aristokratische. Alles muß „partizipativ“ und „inklusiv“, jedem prinzipiell zugänglich und zuhanden sein. Es ist evident, dass sich dieses Ressentiment schließlich auf den Priester richten muß, denn der Priester ist in einer von der bürgerlichen Machenschaftsrationalität durchdrungenen Welt die letzte Repräsentation der Idee sakraler Monarchie. Der von Christus selbst erwählte und geweihte Priester, der in alle Ewigkeit vom Laien „dem Wesen nach“ verschieden bleibt und zudem als die sakramentale Selbstrepräsentation Christi zölibatär lebt, ist eine Institution, die das Wertesystem linksliberaler Bürgerlichkeit zutiefst beleidigt.
Dass der Horizont unverfügbarer Sakralität beim Synodalen Weg ausgelöscht ist, sieht man neben den ressentimenthaften Einlassungen der Synodalen zum Priestertum vorzüglich an den dort praktizierten partizipativen Liturgien. Hier erkennt man unmittelbar, dass sich das Menschentum der Allverflüssigung angeschickt hat, selbst in den Raum des Heiligen vorzudringen, um die zeitlose Ästhetik des katholischen Ritus in ein beliebig modellierbares Vermittlungsgefüge von Subjekterlebnissen und spirituellen Selbstvergewisserungen des gemeinschaftlichen revolutionären Bewußtseins umzuschmelzen. Die „Beschlüsse“ des Synodalen Wegs entsprechen diesen Liturgien präzise. Wir treffen hier geradezu in Reinkultur auf die vom Philosophen Max Scheler beschriebene „langsame, lautlose fälschende Umwertung der christlichen Tugend- und Moralbegriffe in die Wertschätzung menschlicher Eigenschaften und Handlungseinheiten“, die das bürgerliche Verfügbarmachungsprojekt vorantreiben. Die geistlichen Leitkategorien des Neuen Testaments werden mit den synodal-bürgerlichen Kategorien von Inklusion, Geschlechtergerechtigkeit, Diversität und Wokeness identisch gesetzt und diese Identifizierung wird umstandslos als Tat des Heiligen Geistes selber proklamiert. Und in den als „Gottesdiensten“ ausgewiesenen Vollzügen feiern und bestätigen sich die Revolutionäre als gehorsame Medien dieses Gottesgeistes, der tatsächlich jedoch nichts anderes als eine Projektion des revolutionären Willens selber ist. Wir kennen diese Zirkularität aus der Geschichte der Revolutionen gut. Hätte Nietzsche, der den vulgären und verlogenen Charakter des modernen Bürgertums zutiefst verabscheut hat, das Synodalspektakel gesehen, wären diese Leute von ihm mit Kaskaden von Spott überzogen worden.
Die beim Synodalen Weg aktiven „Theolog:innen“ sind nahezu komplett Leute, die zur Fraktion der bürgerlich-liberalen Theologie zählen, deren Nestor Hans Küng selig war. Der beim Synodalen Weg das große Wort führende Thomas Söding ist ebenso ein Musterbeispiel einer durch und durch verbürgerlichten Theologie wie die bei der letzten Synodalversammlung hinter Reinhard Marx sitzende Dorothea Sattler, für die die Dinge „beziehungsweise“ funktionieren und die deswegen in Münster „ökumenische Theologie“ betreibt. Allerdings ist die Sattlerin ziemlich klug. So hat sie etwa eine Theorie der „Realpräsenz“ Christi im diakonischen Handeln formuliert, welche Theorie aber weit eher der dekonstruktiven Inflationierung dieser bislang dem Messgeschehen – und damit dem priesterlichen Handeln – vorbehaltenen Kategorie als der Grundlegung einer ernsthaften befreiungstheologischen Perspektive dient. Das wahrhaft virulente Thema ist auch für Sattler die Machtfrage, die sich in Sonderheit im Weiheamtsdiskurs manifestiert. Bei sehr vielen dieser Leute kreist das Bemühen stets um die Abarbeitung der kirchlich induzierten narzißtischen Kränkungen. Diese Kränkungen sind so kapital, dass das Ressentiment die Zerstörung des Priestertums überhaupt fordert; man will auf den Ruinen der alten Kirche seine Siegestänze aufführen. Ein formeller Wechsel zu den Protestanten würde nicht nur berufliche Nachteile, sondern auch keine echte Schmerzlinderung bringen, denn dann gäbe es die katholische Kirche ja immer noch, die sich sogar ohne dieses Milieu im Sinne der Tradition viel leichter erholen könnte. Befriedigt wird das revolutionäre Bewußtsein erst dann sein, wenn diese Institution – und zwar nicht durch äußere Gewalt, sondern durch Selbsttransformation – in den Protestantismus hinein verschwunden ist.
Es ist von daher auch leicht durchschaubar, dass die etwa von Bätzing und Overbeck permanent geführte Rede, man wolle eine Weltkirche mit unterschiedlichen Glaubens- und Moralauffassungen in den verschiedenen Kulturräumen, nur als transitorische Forderung konzipiert ist, die zunächst dazu dienen soll, den deutschen Sonderweg abzusichern. Mit einer derart pluralistischen Idee ist nämlich nicht nur das logische Problem aufgeworfen, dass es keine eine Kirche mehr ist, wenn diese Auffassungen unvermittelbar sind. Die Synodalrevolutionäre sind vielmehr selber radikal antiplural; ihr Ziel besteht darin, das traditionelle katholische Paradigma prinzipiell zu überwinden. Sonst wäre es auch nicht plausibilisierbar, warum es den deutschen Synodalen so bedeutsam ist, fortwährend voller Genugtuung darauf hinzuweisen, dass die Ideen des Synodalen Weges auch in anderen Ländern und Kulturkreisen bereits rezipiert würden. Der Anspruch des Synodalen Weges ist universalistisch.
Die forcierte Selbstverwindung der Kirche ist bereits weit fortgeschritten. Die entscheidende theologische Operation ist sogar schon fast komplett exekutiert. Sie besteht in der Transformation der Theologie der Messfeier als eines Opfergeschehens in eine gemeindetheoretische Theologie des eucharistischen Mahles. In dieser Theologie bildet die Gemeindefeier einen genitivus subjectivus et objectivus. Die Gemeinde ist zugleich feierndes Subjekt und gefeiertes Objekt. Mit dieser Achsenverschiebung bricht die gesamte vormalige Ekklesiologie entzwei; es kommt nicht von ungefähr, dass Luthers ekklesiologische Revolution, die die katholische Weiheamtstheologie vollständig zerstörte, zu ihrem Kern die Eliminierung des Opfercharakters der Messe hatte. Es war deswegen nur eine Frage der Zeit, bis die Rekapitulation der lutherischen Weichenstellungen in der katholischen Kirche selbst zu jener Dekonstruktionsforderung des Weiheamtes führen würde, die beim Synodalen Weg lautstark erhoben wurde. Tatsächlich trifft diese Forderung aber auf ein Weiheamt, das sich selber bereits weitgehend ausgehöhlt hat, weil sich die meisten Priester längst nicht mehr im Koordinatensystem der Messopfertheologie begreifen. Betrachtet man die Selbstinszenierung des Priesters in gewöhnlichen Sonntagsliturgien, läßt sich an unzähligen Miniaturen feststellen, dass dieses Setting mit der traditionellen Konzeption kaum mehr etwas zu tun hat. Es liegt in der Logik des Prozesses, dass sich die noch immer vorhandenen Restbestände des vormaligen Paradigmas progressiv verflüchtigen. Um die Totalisierung und damit um die Irreversibilität dieser Zäsur geht es dem Synodalen Weg.
Deswegen war den Revolutionären der Mißbrauchsskandal ebenso willkommen wie weiland Merkel das Atomunglück in Fukushima, das jene Energiewende legitimierte, durch die Merkel die immer schon ersehnte Koalition mit den Grünen vorbereiten wollte. Die Mißbrauchsreferenz des Synodalen Weges bildete ein vorzügliches Vehikel, das alle Operationen, um die es hintergründig in Wahrheit ging und geht, als nachgerade unumgängliche Maßnahmen ausweisen sollte. Notorisch behaupten die Synodalen bis heute, dass es einen inneren, spezifischen Zusammenhang zwischen dem Mißbrauch und der klerikal-hierarchischen Struktur der Kirche gäbe und blenden dabei alle Studien aus, die zeigen, dass der Protestantismus ineins mit vielen weiteren säkularen Institutionen vom Mißbrauchsphänomen mindestens ebenso sehr betroffen ist. Werden diese Daten ignoriert, weil es um das strategische Ziel der revolutionären Umwälzung aller kirchlichen Verhältnisse geht? Dass es sich hier nur um ein taktisches Manöver handelt, zeigte sich bei der jüngst zurückliegenden Versammlung des Synodalen Weges auch darin, dass die gelegentlich auftauchenden Erinnerungen an das Thema eigentümlich schal klagen. Offensichtlich dienten sie nur dazu, das bewährte Narrativ nochmals für’s Protokoll zu erwähnen. Bei dieser letzten Versammlung trat rein hervor, was immer schon die Wahrheit der Sache war: Es ging und geht um die Götterdämmerung der Bischöfe.
Der Streit um die Synodalkonferenz
Vor diesem Hintergrund wird verständlich, warum das eigentlich heiße Eisen während des gesamten Synodalen Weges die Frage war, ob aus dem zeitbefristet angelegten Synodalen Weg schließlich ein ständiges Gremium hervorgehen werde, das als Steuerungsgruppe die Implementierung der Beschlüsse des Synodalen Weges in den Diözesen auf allen Ebenen des kirchlichen Lebens mit Wirkmacht kontrollieren und vorantreiben kann und in dem sich die Klientel des Synodalen Weges selbstredend noch einmal repräsentativ abbildet. Den ersten Satzungsentwurf eines solchen verbindlich operierenden Synodalrates hat Rom abgewiesen, was aber nicht zur Folge hatte, dass die Sache selber von den Synodalen zu den Akten gelegt worden wäre. Das ist auch gar nicht möglich. Denn die Forderung nach einem Revolutionsrat ist nicht nur der Ruf nach einem Instrument, mit dem Ideen realisiert werden können, die von diesem Instrument selber verschieden sind, so dass nach vollbrachter Umsetzung das Instrument gar nicht mehr benötigt wird. Vielmehr ist dieses Gremium, und zwar exklusiv als verbindliches, selber der entscheidende Kern der Revolution, denn es ist an sich selbst die Überwindung des klassischen Begriffs des kirchlichen Weiheamtes, dem als solchem die Leitung der Kirche zukommt. Die Abschiednahme der Revolutionäre von der Idee eines Revolutionsrates wäre nichts geringeres als deren vollständige Kapitulation.
Nun ist dieses strategische Ziel den bischöflichen Hauptprotagonisten des Synodalen Weges von Anfang an klar gewesen. Zwar hatte Kardinal Marx, der den Synodalen Weg maßgeblich initiiert hat, zu Beginn des Unternehmens versichert, die Beschlüsse des Synodalen Weges, der ja keinen kirchenrechtlichen Status besitzt, seien juristisch unverbindlich, so dass die Diözesen noch einmal eigenständig darüber entscheiden können, ob und was sie von den Beschlüssen des Synodalen Weges umsetzen werden. Gleichwohl bestand niemals ein Zweifel darüber, dass sich die Synodalen damit nicht zufriedengeben würden. Das war aber nicht nur aufgrund der ewigen Revolutionslogik klar. Die Forderung nach einem wirkmächtigen Revolutionskomitee war auch deswegen immer schon klar erwartbar, weil die Perspektive auf ein derartiges Gremium von Gestalten wie Bätzing, Marx, Bode und Overbeck von Anfang an bei den Revolutionären moralisch genährt wurde. Nur so ist es überhaupt erklärbar, dass sich die Revolutionäre mit ihren Rollatoren auf den Weg gemacht haben. Man darf nicht vergessen, dass diese Herrschaften schon seit Jahrzehnten für die radikale Transformation der Kirche kämpfen und mittlerweile nicht nur ergraut, sondern angesichts der strukturell-politischen Erfolglosigkeit ihrer Agitation auch so tief frustriert sind, dass sie sich nur noch dann in eine neue Schlacht zu begeben willens gewesen sind, wenn die reale Aussicht darauf bestand, immerhin durch die systematische Revolutionierung der deutschen Kirchenverhältnisse einen Sprengsatz in der Gesamtkirche zünden zu können.
Genau das hat das sogenannte „Zentralkomitee der deutschen Katholiken“ den Bischöfen gegenüber schon mehrfach zur Geltung gebracht. Wiederholt haben diese Leute darauf hingewiesen, dass das Zentralkomitee von den Bischöfen selber in der Person des Reinhard Marx förmlich zum Synodalen Weg gedrängt worden sei und dass die Motivation, dieser Aufforderung zu folgen, nur in der Perspektive bestanden hat, dass durch den Synodalen Weg verlässlich das passieren wird, was Bischof Bode wiederholt betont hat: es werde „kein Stein auf dem anderen bleiben“. Das heißt: Dass die Synodalen die Auskunft des Reinhard Marx, die Beschlüsse des Synodalen Weges seien juristisch nicht bindend, überhaupt hingenommen haben und nicht sogleich von Bord gegangen sind, erklärt sich nur dadurch, dass sie diese Auskunft als eine lediglich notwendige Taktik gegenüber den römischen Behörden und zögerlichen Bischöfen betrachtet haben müssen – was nur plausibel ist, wenn diese Interpretation von den führenden Bischöfen des Synodalen Weges gefördert wurde. Und dass die Synodalen ebenfalls nicht von Bord gegangen sind, nachdem Rom einen die Autorität der Bischöfe aushöhlenden Synodalrat abgelehnt hat, ist ebenfalls nur dadurch erklärbar, dass die Synodalen sich auf jene bischöflichen Signale verlassen haben, die verhießen, man werde zum Schluß die römische Weisung unterlaufen und zumindest im Sinne einer verlässlichen Selbstverpflichtung ein de facto bindendes Revolutionskomitee konstituieren, dessen Machtergreifung im Laufe der Zeit über die etablierten Strukturen und Personalpolitiken automatisch immer unrevidierbarer werde. Es kann kein Zweifel darüber bestehen, dass ein solcher Synodalrat der apriori in Aussicht gestellte Ring der Macht war, mit dem die Revolutionäre wie Sauron in Tolkiens „Herr der Ringe“ bis ans Ende aller Tage über alles Leben in der deutschen Kirche bestimmen und die ausgebrüteten Ideen immer erfolgreicher in der ganzen Kirche verbreiten können. In den Worten Södings lautet das, dass die nun angedachte „neue Synodalkonferenz“ das Mandat haben soll, „die pastoralen Grundfragen gemeinsam zu erörtern und neu zu beantworten, etwa die Organisation des Gemeindelebens oder die Neujustierung von Katechese und Religionsunterricht“. Wenn die „neue Synodalkonferenz“ tatsächlich dazu käme, das Gemeindeleben „neu zu organisieren“, wäre es für die Priester empfehlenswert, im Ausland um Asyl anzusuchen.
Allerdings ist noch nicht klar, wie die Sache mit der Synodalkonferenz genau weitergehen wird. Denn es ereignete sich bei der letzten Synodalversammlung eine bemerkenswerte Irritation, in deren Mittelpunkt ausgerechnet Reinhard Marx stand. Marx verhält sich nämlich neuerdings gegenüber den Synodalen wie Wotan gegenüber den Riesen im „Rheingold“, denen Wotan den zunächst ausgemachten Preis für die Errichtung der Götterburg, nämlich die Lebensgöttin Freya, doch nicht überlassen will. Das war auch nur ein Scheinangebot, denn Wotan war schon klar, dass das Göttergeschlecht ohne Freya zugrunde gehen muß. Nicht zuletzt aufgrund ihres Unterhaltungswertes will ich die Einlassungen unseres Wotans im Bischofsgewand hier zitieren, die er während der Sitzung am 31. Januar 2026 zum Besten gab: „Ja, liebe Synodale, ich seh‘ da ne große Schwierigkeit. Wir haben in der Bischofskonferenz ja auch darüber diskutiert, das war ja bei einigen das Grummeln, auch bei mir, gibt es jetzt eine Oberinstanz, die ständig mich als Bischof kontrolliert. Das will ich nicht.“ Hier gab es dann laute Unmutsgeräusche im Plenum, woraufhin Marx nochmals nachlegte: „Nein, das will ich nicht. Das ist nicht, nein, so geht das nicht. Das ist genau das, was Rom auch kritisch angeschaut hat, gibt es jetzt hier eine Oberinstanz, die in die Bischöfe, die in die Bistümer hineinregieren kann. Das ist nicht gewollt. Und deswegen warne ich davor, diesen Weg zu beschreiten. Aber dass wir grundsätzlich natürlich in einer Kompro…, in einer Diskussion in der Synodalkonferenz über die Beschlüsse reden müssen und so weiter, aber ein solches Verfahren jetzt hier einzuführen, also ich bin dagegen. Dass das ganz klar ist.“ Dorothea Sattler saß während dieser trotzigen Intervention wie erstarrt und hochkonzentriert mit einem Kugelschreiber in der Hand hinter Marx und fixierte einen Punkt auf ihren Manuskripten.
Während ich befürchte, dass Georg Bätzing glaubt, was er sagt, klangen die Geschwisterlichkeitsphrasen des Synodalen Weges aus dem Munde des Reinhard Marx immer schon wie schepperndes Blech. Es gibt Leute, die halten Marx für einen veritablen, selbstaufgeklärten Nihilisten. Wenn es keinen objektiven, zumindest keinen erkenntnismäßig objektivierbaren metaphysischen Sinnzusammenhang und damit kein Ganzes mehr gibt, dann gibt es, wie bei Nietzsche, nur noch den Willen zur Macht als das Sein des Seienden. Wenn man die Nihilismusthese für einen Augenblick voraussetzt, ließe sich erklären, warum Marx nicht nur die alte Moral zugunsten eines vitalistischeren Zugangs zu den Dingen gern opfert, sondern auch niemals erkennbare Anstalten gemacht hat, sich für metaphysische Fragen wie die, ob Jesus Christus nun mit dem Vater wesensgleich ist oder nicht, zu verbrennen. Ebenso wenig wird er sich für die Ideologie des Synodalen Weges verbrennen. Für einen Nihilisten ist das alles gleichermaßen lächerlich. Es sei denn, es diente dem Machterhalt und der Machtsteigerung. Marx scheint die zugleich postmodernste und renaissanceartigste Erscheinung im deutschen Episkopat zu sein. „Substantiell“, so könnten bösartige Subjekte behaupten, sind für Marx nur das Brathähnchen auf dem Teller und die Macht.
Die zitierte Einlassung des Kardinals bestätigt diese Einschätzung. Verräterischerweise handelt Marx an keiner Stelle davon, dass die von den Revolutionären gewollte „Oberinstanz“ aus objektiven theologischen Gründen unmöglich sei – weil es hier um die Unverfügbarkeit der Wahrheit und die Autorität Jesu Christi selbst geht. Stattdessen formuliert er im subjektivitätstheoretischen Koordinatensystem des Willens zur Macht: Ich will das nicht. Die Willenssetzung ist zirkulärerweise ihr eigener Ausweis geworden, weil der Wille zum Willen zur Macht die Kategorien der Wahrheit und der Macht identisch gesetzt hat. Derjenige, der diese Selbstermächtigung des Willens zum Maß aller Dinge am unverhohlendsten formuliert, ist der Freiburger Fundamentaltheologe Magnus Striet, der zu den einflußreichsten Stichwortgebern des Synodalen Weges zählt. Auch die römische Perspektive rekonstruiert Marx, vermutlich völlig realitätsgerecht, im nihilistischen Machtparadigma: Das ist nicht gewollt. An dieser Stelle tritt die geheime Komplizenschaft zwischen den konfligierenden Parteien hervor, denn es kollidieren zwei Ansprüche, die sich ineinander spiegeln, weil sie sich beide schon in der Sphäre der neuzeitlichen Metaphysik des absolut gesetzten Willens bewegen. In ihrem Wesen sind sie identisch.
Dann stellt sich aber die Frage, wie Marx den Zentralkomiteeleuten den von ihm selber eifersüchtig gehüteten Ring der Macht avisieren konnte. Hat Marx diese Leute getäuscht? Wurden listenreich die Revolutionäre vor den Karren gespannt, um angesichts der Mißbrauchsskandale die Öffentlichkeit zu besänftigen, die Kirche als reformwillig zu präsentieren, auf diese Weise die linksliberale Kirchensteuerzahlergruppe bei der Stange zu halten und dabei auch lästige asketische Traditionsbestände loszuwerden, um schließlich das eine und entscheidende Opfer doch nicht zu bringen, nämlich seine eigene Macht. Denn gerade um deren Sicherung mitsamt den anderen üppigen Vorzügen des Amtes ist es ja für Marx beim Projekt des Synodalen Weges in Wahrheit gegangen. Man erinnert sich unweigerlich an den berühmten Ausspruch des jungen Adeligen in Lampedusas Roman „Der Leopard“, der sein revolutionäres Engagement mit dem Satz begründet: „Alles muß sich ändern, damit alles so bleiben kann, wie es ist.“Aus meiner Sicht ist nicht auszuschließen, dass Kardinal Marx im Zusammenhang mit der römischen Ablehnung des ersten Satzungsentwurfs auf eine enge Abstimmung mit vatikanischen Stellen gesetzt hat. Ebenso könnte seine jüngste Positionierung darauf hindeuten, dass er sich in der Machtfrage Rückendeckung aus Rom erhofft. „In die Bischöfe“ wird nicht reinregiert, da sei der Papst davor. Das „Nein, das will ich nicht“ und „Das ist nicht gewollt“ sind im Marx’schen Statement ja auch zu einer ununterscheidbaren Willensbekundung verschmolzen.
Das Statement wirft im Übrigen auch ein entlarvendes Licht auf die frühere Auskunft des Herrn Marx, er hielte eine synodale Reformulierung des Papstamtes für sinnvoll. Hier stellt man sich die Frage, wie Marx an seiner eigenen Machtkompetenz als Bischof festhalten kann, um gleichzeitig vom Papst zu erwarten, sein Amt als synodales Gremium neu zu konzipieren? Wenn der Bischof von München und Freising sagt, „nein, das will ich nicht“, wird er das dem Bischof von Rom auch zugestehen müssen. Das hat er natürlich stets getan. Auch diese Papstidee war nichts anderes als eine der Finten des Listenreichen. Außerdem benötigt Marx den starken Papst ja noch als Schutzschild gegen den revolutionären Mob.
Die Riesenseite kam im unmittelbaren Anschluß an die Intervention von Marx in der Person des berühmten Pastoralforschers Matthias Sellmann zu Wort. Forscher Sellmann ist eine intellektuelle Lichtgestalt, deren Lob ich bereits früher angestimmt habe2. Er ist ein ausgewiesener Experte für die systematische Erfassung und Überwachung eines Vorgangs oder Prozesses mittels technischer Hilfsmittel oder anderer Beobachtungssysteme. Schon nach Erscheinen der von Sellmanns Institut durchgeführten Priesterstudie im Jahre 2024, „Wer wird Priester? Ergebnisse einer Studie zur Soziodemografie und Motivation der Priesterkandidaten in Deutschland“, die das erschütternde Resultat eines zunehmend konservativen und synodalfeindlichen jungen Klerus ergeben hatte, führten zu Vorschlägen Sellmanns, die Kritiker als Versuch sehen, konservative Priesteramtskandidaten stärker zu filtern oder inhaltlich zu prägen. Er bot an, in den Ausbildungsinstituten Formatierungsstrategien zu implementieren, die dazu dienen sollen, in den Kandidaten ein primär an der Förderung des säkularen Gemeinwohls und überhaupt an den Ideen des Synodalen Weges orientiertes modernes Priesterbild zu verankern. Also ein Priesterbild, in dem der Priester verschwunden ist. Forscher Sellmann ist nicht nur subtiler dialektischer Denkbewegungen, sondern sogar der Paradoxie mächtig. Es liegt folglich nahe, dass sich Sellmann auch beim Synodalen Weg mit seiner ganzen Geisteskraft für das synodale „Monitoring“ engagiert, denn hier geht es ja präzise um das Anliegen, mittels geeigneter Kontrollmaßnahmen den Klerus zu domestizieren.
Und so erwiderte Sellmann dem Kardinal Marx in geschwisterlichem Freimut: „Ähm, das finde ich ein sehr schwieriges Verständnis, Erzbischof Kardinal Marx, wir erzielen hier Mehrheiten, wir erzielen hier Selbstverpflichtungen, wir sprechen hier gemeinsam, Synodalität bedeutet gemeinsam auf dem Weg zu sein, da kann ich wirklich, das kann ich wirklich nicht gut verstehen, dass Sie das als Oberinstanz und als Reinregieren in ihr Bistum empfinden, finde ich schwierig, und glaube ich das entspricht auch nicht dem, was hier gewachsen ist, man kann das auch als wechselseitiges Lernen beschreiben, als Möglichkeit, voneinander Kenntnis zu nehmen, als Ermächtigung auch von mehr Akteuren, auf die gemeinsame Entwicklung zu achten und sich wechselseitig Anreize zu geben, in die beschlossene gemeinsame Richtung voranzugehen …“ Das sind verschwurbelte Formulierungen für ein beinhartes Machtprojekt, zu dessen Durchsetzung Sellmann die moralische Guillotine auffährt und signalisiert, dass es von Marx und etwaigen Gesinnungsgenossen höchst verwerflich sei, die doch immerhin „gemeinsam beschlossene Richtung“ nicht konsequent auszuschreiten. Reinhard Marx, der sich der „Ermächtigung auch von mehr Akteuren“ widersetzt, wird fehlende Synodalitätsbereitschaft, mangelhafte Geschwisterlichkeit sowie Unredlichkeit vorgeworfen. Nicht zu Unrecht, möchte ich meinen.
Die weitere Entwicklung
Damit ist jener Grundkonflikt innerhalb des Synodalen Weges skizziert, der prinzipiell ein Pulverfaß bildet. Denn in der Sache sind die Perspektive des Kardinals und die der revolutionären Synodalen unvermittelbar. Es wäre freilich zu wünschen, dass es zu einer echten Explosion käme. Es steht aber zu vermuten, dass es zu keiner Eskalation des Konfliktes kommen wird. Schaut man auf die diversen Statements der Beteiligten im unmittelbaren Anschluß an die letzte Synodalversammlung, sah man schon, dass der Ball flach gehalten wird. Man lobt sich eifrig, preist das mittlerweile Erreichte und blickt erwartungsvoll in die Zukunft. Darauf hatte Marx auch spekuliert; er hatte sogar von Anfang an darauf spekuliert. Denn es war ihm nicht erst bei seiner Intervention beim letzten Synodaltreffen klar, dass die Revolutionäre mit fortschreitender Entwicklung des Synodalen Weges immer weniger Handlungsoptionen haben würden. Nach der ersten römischen Watschn wäre ein Bruch wohl gesichtswahrend möglich gewesen; aber es gab eben die gegenläufigen bischöflichen Winke. Heute gilt jedoch: Würden die Revolutionäre, weil sie jetzt immer noch keinen verbindlich operierenden Revolutionsrat bekommen, alles hinwerfen, würden sie sich nicht nur in der medialen Öffentlichkeit, sondern auch vor sich selbst als Gescheiterte präsentierten, die sich hinter die Fichte haben führen lassen und denen es an Ausdauer und Kraft zum Bohren dicker Bretter fehlt. „Wenn einer von euch einen Turm bauen will, setzt er sich dann nicht zuerst hin und rechnet, ob seine Mittel für das ganze Vorhaben ausreichen? Sonst könnte es geschehen, dass er das Fundament gelegt hat, dann aber den Bau nicht fertig stellen kann. Und alle, die es sehen, würden ihn verspotten.“ (Lk 14,28f)
Außerdem können die Revolutionäre in der Tat auch heute schon insofern relativ zufrieden sein, als sie die kirchlichen Verhältnisse hinterrücks spürbar untergraben und viele Bischöfe zumindest kräftig eingeschüchtert haben. Zudem haben selbst die skandalösesten Forderungen des Synodalen Weges stets eine nennenswerte Anzahl bischöflicher Zustimmungen erhalten. Das ist für alle Zeiten dokumentiert; aus dieser Nummer kommen die fraglichen Bischöfe nie wieder heraus. Und selbst die notorischen Enthalter haben sich durch ihr bloßes Schweigen diskreditiert, und das auch dann, wenn man ihr Schweigen nicht als Zustimmung interpretiert: „Weil du aber lau bist, weder heiß noch kalt, will ich dich aus meinem Mund ausspeien.“ (Off 3,16) Kurz: Aus Sicht mancher Beobachter könnte man sagen, dass der Episkopat sich durch sein Verhalten in hohem Maße für den Einfluss der Synodalen angreifbar gemacht hat. Würde er eine echte Reform der Kirche in Deutschland anstreben, könnte dies theoretisch nur durch einen geschlossenen Rücktritt aller Bischöfe möglich sein.
Damit trösten sich die Synodalen jetzt und werden die Synodalkonferenz unter allen Bedingungen mittragen, um zumindest die bisherige Wühlarbeit mit den bekannten Manipulations- und Druckmitteln fortsetzen zu können. Monitoringexperte Sellmann wird dem weiteren revolutionären Prozess mit Sicherheit erhalten bleiben; „der letzte Mensch lebt am längsten“ (Nietzsche). Dass es noch einen langen Atem benötigen wird, hat Söding in der Herder-Korrespondenz schon angedeutet: „Ein synodales Lehramt ist noch weit entfernt – aber es täte der Kirche gut.“ Irgendwann wird ein solcher Sowjet, der das oberste kirchliche Leitungs- und Lehramt bildet, schon das Licht der Welt erblicken. Von diesem eigentlichen revolutionären Zweck werden die Revolutionäre niemals lassen. Alle Kompromisse sind nur taktisch-transitorischer Natur. Wenn es aber irgendwann zum richtigen Reinregieren in die Bischöfe gekommen sein wird und die Bischöfe vollends jenen kuriosen Figuren gleichen, die im Protestantismus „Bischöfe“ heißen, wird sich Reinhard Marx längst auf der Jenseite befinden. Man weiß allerdings nicht, in welchem Zustand. Vielleicht sollte der Kardinal die Gemälde von Hieronymus Bosch näher betrachten. Es ist erstaunlich, was der andrängende Tod selbst bei solchen, die in vitalen Tagen pausbäckige Nihilisten waren, an Weisheits‑, zumindest an Klugheitspotentialen freisetzen kann. Auch die Furchtreue, so lehrt das Konzil von Trient, ist ein gottwohlgefälliger Akt. In der Alten Pinakothek in München hängt immerhin ein „Fragment des Jüngsten Gerichts“ im Stile des Hieronymus, damit ließe sich ja ein Anfang machen.
Wenngleich sich Marx sehr wahrscheinlich zunächst durchsetzen wird, werden sich die Bischöfe a la longue doch nicht in ihrer bisherigen Rolle halten können. Momentan spricht sehr viel dafür, dass die große Zukunft, und zwar auch auf weltkirchlicher Ebene, dem Synodalen Weg gehört. Das deutsche Projekt ist deswegen für die Kirche ein Menetekel, weil in ihm die Konsequenz einer Problematik konzentriert sichtbar wird, die aus viel größeren Tiefen herrührt als es den meisten revolutionären Akteuren selber klar sein dürfte. Analog zur französischen Revolution hat auch das Revolutionsprojekt des Synodalen Weges weit zurückreichende Ermöglichungsbedingungen. Wie in Wagners „Ring“ der Göttersitz Walhalla in einem Flammenmeer versinkt und das Göttergeschlecht zugrunde geht, wird es zu einer Götterdämmerung der Bischöfe kommen – wenn sich die Kirche nicht konsequent auf die Wahrheit und die innere Struktur des sakramentalen Amtes besinnt, welche Besinnung in die grundlegende Konzentration der Kirche auf ihr eigenes Wesen eingelassen sein muß. Darum soll es im folgenden Teil gehen.
*Vigilius ist ein deutscher Philosoph und Blogger auf www.einsprueche.substack.com, wo diese Analyse auch erstveröffentlicht wurde.
Bild: KI-Bild
1 https://www.nzz.ch/feuilleton/lastenrad-und-yogamatte-wie-buergerlich-ist-das-neue-buergertum-ld.1669655
2 https://einsprueche.substack.com/p/matthias-sellmann-und-die-priester
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