Mit einem Beitrag für Chicago Catholic, das offizielle Medium der Erzdiözese Chicago, schaltete sich Kardinal Blase Cupich, Erzbischof von Chicago, erneut in die innerkirchliche Auseinandersetzung um Liturgie und Tradition ein. Anlaß war seine Teilnahme am jüngsten Konsistorium, das Papst Leo XIV. in Rom einberufen hatte. Was Cupich als pastorale Reflexion präsentiert, erweist sich bei näherem Hinsehen als eine theologisch einseitige und kirchenpolitisch aufgeladene Deutung der liturgischen Tradition.
Konsistorium und vorbereitende Dokumente
Papst Leo XIV. hatte für das Konsistorium vier Themen benannt: die evangelisierende Sendung der Kirche unter besonderer Bezugnahme auf Evangelii gaudium, die Reform der Römischen Kurie gemäß Praedicate Evangelium, die Synodalität sowie die Liturgie. Vier Kardinäle der Kurie – darunter Kardinal Arthur Roche, Präfekt des Dikasteriums für den Gottesdienst – erarbeiteten hierzu Arbeitsdokumente.
Obwohl im Konsistorium letztlich nur Mission und Synodalität vertieft behandelt wurden, erhielten alle Kardinäle auch die Texte zu den anderen beiden Themen: Liturgie und Kurienreform. Cupich greift in seinem Artikel ausschließlich auf das Papier von Kardinal Roche zurück und übernimmt dessen Grundannahmen nahezu vollständig.
Liturgie als permanente Reformbaustelle
Zentral ist dabei die Behauptung, die Liturgie sei ihrem Wesen nach einer ständigen Reform unterworfen. Unter Berufung auf Roche wird von Cupich darauf verwiesen, daß es seit den Anfängen der Kirche liturgische Veränderungen gegeben habe, weshalb man von einer „kontinuierlichen organischen Entwicklung“ sprechen müsse.
Diese historisch unbestrittene Feststellung wird jedoch vom Erzbischof von Chicago in einer Weise ausgelegt, die die normative und empfangene Dimension der Tradition faktisch relativiert. Liturgie erscheint primär als kulturell bedingtes Ausdrucksmittel, das sich fortlaufend an veränderte gesellschaftliche Gegebenheiten anzupassen habe. Die Tradition wird so nicht als verbindliche Weitergabe, sondern als formbares Material verstanden.
Die problematische Metapher vom „lebendigen Fluß“
Besondere Bedeutung mißt Cupich der von Papst Benedikt XVI. verwendeten Metapher der Tradition als „lebendigem Fluß“ bei. Benedikt hatte damit betont, daß Tradition keine Ansammlung „toter Dinge“ sei, sondern eine lebendige Verbindung zu den Ursprüngen der Kirche.
Cupich mißbraucht dieses Bild jedoch, um der nachkonziliaren Liturgiereform einen quasi exklusiven Traditionsstatus zuzuschreiben. Die entscheidende Unterscheidung, die Benedikt vornahm – Entwicklung in Kontinuität statt Bruch – bleibt dabei völlig unberücksichtigt. Historische Reformen, etwa nach dem Konzil von Trient, verstanden sich stets als organische Fortführung des überlieferten Ritus, nicht als dessen faktische Ersetzung.
Einheit durch Uniformität?
Ein zentraler Gedanke Cupichs ist die These, die Einheit der Kirche verlange die Existenz eines einzigen liturgischen Ausdrucks im Römischen Ritus. In ausdrücklicher Anlehnung an das traditionsfeindliche Motu proprio Traditionis custodes von Franziskus erklärt er die nachkonziliare Liturgie zur alleinigenlex orandi und stellt die Koexistenz unterschiedlicher Formen als Gefahr für die Einheit dar.
Zur Begründung verweist Cupich auf Papst Pius V., der 1570 das Missale Romanum als Meßbuchstandard eingeführt habe, um die Einheit der Kirche zu sichern. Daß Pius V. dies in einem spezifischen Kontext – gegen den äußeren Ansturm des Protestantismus tat und gleichzeitig ehrwürdige ältere Riten ausdrücklich schützte –, bleibt unerwähnt. Ebenso ausgeblendet wird die jahrhundertelange kirchliche Praxis legitimer ritueller Vielfalt sowie die klare Feststellung Benedikts XVI., daß die überlieferte Form des Römische Ritus niemals rechtlich abgeschafft worden sei, auch gar nicht verboten werden, vielmehr aber die Kirche bereichern könne.
Die von Cupich vorgenommene Gleichsetzung von Einheit und Uniformität widerspricht nicht nur der historischen Realität, sondern verengt auch den Begriff der Katholizität.
Liturgie als Disziplinierungsinstrument
Auffällig ist zudem, daß Cupich Liturgie primär unter dem Aspekt kirchlicher Ordnung behandelt. Die Annahme der Liturgiereform wird als Loyalitätsfrage gegenüber Konzil und Lehramt dargestellt. Wer Vorbehalte äußert, gilt implizit als Gefahr für die kirchliche Einheit.
Cupich mißbraucht die Disziplin, um die Liturgiefrage abzuwürgen. Die Ordnung wird dadurch als Machtinstrument eingesetzt.
Damit wird die Liturgie weniger als Ort der Weitergabe des Glaubensgeheimnisses verstanden, sondern als Mittel zur Durchsetzung kirchenpolitischer Entscheidungen. Die reale pastorale Lage, die seit der Liturgiereform andauert – sinkende Gottesdienstbeteiligung, Entsakralisierung des Kultes, geistliche Orientierungslosigkeit vieler Gläubiger – bleibt vollständig unthematisiert.
Schweigen über die realen Früchte der Reform
Bezeichnend ist daher vor allem, was Cupich nicht erwähnt: keine Analyse der konkreten Auswirkungen der Liturgiereform, keine Auseinandersetzung mit der offensichtlichen Krise des kirchlichen Lebens in weiten Teilen der westlichen Welt, kein Wort über die wachsende Anziehungskraft des überlieferten Ritus auf junge Menschen und Familien.
Eine ernsthafte liturgische Reflexion kann sich jedoch nicht auf abstrakte Prinzipien beschränken. Sie muß sich an der Realität messen lassen. Wer diese Realität systematisch ausblendet, vermeidet die eigentliche Debatte. Und genau das geschieht seit der Liturgiereform von 1969. Es gehört zu den Standards einer jeden Entscheidung, daß sie in zeitlichen Abständen auf den Prüfstand gestellt wird, um zu sehen, ob sie die damit angepeilten Ziele erreicht und die in sie gesetzten Hoffnungen erfüllt hat. Diese Überprüfung gilt jedoch als unausgesprochenes Tabu des Nachkonzilsgeistes. Es darf sie nicht geben. Sie darf nicht einmal als Möglichkeit in den Raum gestellt werden. Genau so verhält sich Cupich.
Einheit ohne Wahrheit?
Cupichs Beitrag vermittelt, wie nicht anders zu erwarten, das Bild einer abgeschlossenen, nicht mehr hinterfragbaren Reform, deren Akzeptanz als Voraussetzung kirchlicher Einheit gilt. Doch Einheit, die durch Unterdrückung legitimer Traditionen erzwungen wird, ist nicht nur fragil, sondern an sich zweifelhaft.
Text: Giuseppe Nardi
Bild: Catholic Chicago (Screenshot)
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