Arthur Roche und sein Dokument der liturgischen Amnesie

Eine Analyse


Leo XIV. ließ einerseits zu, die Liturgiefrage demokratisch von der Konsistoriums-Tagesordnung zu streichen. Er ließ aber andererseits auch zu, daß Kardinal Roche allen Purpurträgern seine Überlegungen zur Liturgiefrage vorlegen konnte. Zwei Bewgungen in die falsche Richtung.
Leo XIV. ließ einerseits zu, die Liturgiefrage demokratisch von der Konsistoriums-Tagesordnung zu streichen. Er ließ aber andererseits auch zu, daß Kardinal Roche allen Purpurträgern seine Überlegungen zur Liturgiefrage vorlegen konnte. Zwei Bewgungen in die falsche Richtung.

Von Giu­sep­pe Nardi

Der vom Prä­fek­ten des Dik­aste­ri­ums für den Got­tes­dienst und die Sakra­men­ten­ord­nung, Kar­di­nal Arthur Roche, vor­ge­leg­te Text zur Lit­ur­gie anläß­lich des außer­or­dent­li­chen Kon­si­sto­ri­ums im Janu­ar 2026 ist kein bloß theo­lo­gi­scher Impuls, son­dern ein pro­gram­ma­ti­sches Doku­ment. Er bean­sprucht, die lit­ur­gi­sche Fra­ge im Hori­zont der „orga­ni­schen Ent­wick­lung“ der Kir­che zu deu­ten, und erhebt zugleich den Anspruch, eine ver­bind­li­che Les­art der Lit­ur­gie­re­form des Zwei­ten Vati­ka­ni­schen Kon­zils zu liefern.

Aus tra­di­ti­ons­ver­bun­de­ner Sicht wirft der Text jedoch gra­vie­ren­de Fra­gen auf: Er zeich­net sich aus durch histo­ri­schen Selek­ti­vis­mus, theo­lo­gi­sche Ver­kür­zun­gen und ein auf­fäl­li­ges Schwei­gen gegen­über ent­schei­den­den Stim­men der kirch­li­chen Tra­di­ti­on. Beson­ders ins Auge fällt der Ein­druck, daß für Kar­di­nal Roche die Lit­ur­gie vor dem Zwei­ten Vati­ka­ni­schen Kon­zil fak­tisch nicht mehr nor­ma­tiv exi­stiert, son­dern exklu­siv, die sich auf das Kon­zil beru­fen­de pau­li­ni­sche Lit­ur­gie­re­form, die von Papst Fran­zis­kus inter­pre­tiert wird.

Historische Breite – rhetorisch behauptet, praktisch entleert

Kar­di­nal Roche beginnt mit einem histo­ri­schen Über­blick, der zunächst beein­druckend wirkt: von der Dida­ché über die Tra­di­tio Apo­sto­li­ca, von der Ein­füh­rung des Lateins bis zur triden­ti­ni­schen Reform. Die­se Auf­zäh­lung bleibt jedoch rein deskrip­tiv. Die vor­triden­ti­ni­sche und triden­ti­ni­sche Lit­ur­gie erscheint ledig­lich als heu­te irrele­vant gewor­de­nes Durch­gangs­sta­di­um auf dem Weg zum Zwei­ten Vati­ka­ni­schen Kon­zil. Cha­rak­te­ri­stisch dafür ist der Satz:

„Die Geschich­te der Lit­ur­gie ist die Geschich­te ihrer fort­wäh­ren­den Reform in einem Pro­zeß orga­ni­scher Entwicklung.“

Die­se For­mel ist nicht falsch – aber sie bleibt leer, solan­ge nicht benannt wird, was die­se Ent­wick­lung nor­ma­tiv lei­tet. In der tra­di­tio­nel­len katho­li­schen Theo­lo­gie ist es nicht der jewei­li­ge Zeit­geist, son­dern das depo­si­tum fidei, das sich unbe­dingt auch lit­ur­gisch aus­drückt. Gera­de die­se Dimen­si­on bleibt bei Roche unterbelichtet.

Einheit um den Preis der Verdrängung

Roche beruft sich aus­führ­lich auf Papst Pius V. und des­sen Bul­le Quo pri­mum (1570), aller­dings nicht in lit­ur­gi­scher Hin­sicht, son­dern um die Ein­heit der Kir­che zu betonen:

„Wie es in der Kir­che Got­tes nur eine Wei­se gibt, die Psal­men zu sin­gen, so soll es auch nur einen Ritus zur Fei­er der Mes­se geben.“

Dadurch geschieht eine pro­ble­ma­ti­sche Umdeu­tung. Quo pri­mum schütz­te den römi­schen Ritus gera­de in sei­ner kon­kre­ten Gestalt und gewähr­te älte­ren Riten aus­drück­lich Bestands­schutz. Roche hin­ge­gen benutzt Pius V., um eine post­kon­zi­lia­re Uni­for­mi­tät zu recht­fer­ti­gen, die histo­risch dem Anlie­gen des Pap­stes des Kon­zils von Tri­ent widerspricht.

Die Aus­füh­run­gen von Kar­di­nal Roche haben durch sei­ne Funk­ti­on als Prä­fekt des Dik­aste­ri­ums für den Got­tes­dienst und die Sakra­men­ten­ord­nung einen offi­zi­el­len Charakter

Der Rück­griff auf vor­kon­zi­lia­re Quel­len dient dem­nach weni­ger einer ernst­haf­ten Aus­ein­an­der­set­zung mit ihrer lit­ur­gi­schen Sub­stanz als viel­mehr einem dia­lek­ti­schen Kunst­griff: Auto­ri­tä­ten der Tra­di­ti­on wer­den selek­tiv her­an­ge­zo­gen, um eine gegen­läu­fi­ge Pra­xis zu legi­ti­mie­ren, die ihrem ursprüng­li­chen Sinn wider­spricht. Die Beru­fung auf Pius V. wird so zu einem Instru­ment nach­träg­li­cher Recht­fer­ti­gung post­kon­zi­lia­rer Uni­for­mi­tät umfunktioniert.

Tradition als „lebendiger Fluß“ – gegen ihr eigenes Flußbett

Mit Bene­dikt XVI. ver­fährt Roche gleic­cher­ma­ßen, indem er die­sen zitiert:

„Tra­di­ti­on ist nicht die Wei­ter­ga­be von Din­gen oder Wor­ten, eine Samm­lung toter Din­ge, son­dern der leben­di­ge Fluß, der uns mit den Ursprün­gen verbindet.“

Was Roche ver­schweigt: Bene­dikt XVI. hat die­se Meta­pher aus­drück­lich gegen einen Bruch in der Lit­ur­gie gewen­det. Sei­ne berühm­te Her­me­neu­tik der Kon­ti­nui­tät fehlt voll­stän­dig. Bene­dikt wird zwar zitiert, aber inhalt­lich neutralisiert.

Das­sel­be gilt für Johan­nes Paul II.: Bei­de Päp­ste erschei­nen ledig­lich als for­ma­le Garan­ten der Reform, nicht als eigen­stän­di­ge theo­lo­gi­sche Stim­men, die die außer­or­dent­li­che Form des römi­schen Ritus aus­drück­lich schütz­ten und för­der­ten. Ihre Motu pro­prien Eccle­sia Dei (1988) und Sum­morum Pon­ti­fi­cum (2007) bil­den die Gegen­be­we­gung, um den lit­ur­gi­sche Bruch von 1969 zu korrigieren.

Franziskus als alleiniger Interpret des Konzils

Beson­ders auf­fäl­lig ist, daß Kar­di­nal Roche die lit­ur­gi­sche Theo­lo­gie und Pra­xis von Johan­nes Paul II. und Bene­dikt XVI. nicht ernst­haft behan­delt. Die genann­ten Motu pro­prien fin­den kei­ne Erwäh­nung, eben­so wenig die Aus­füh­run­gen von Bene­dikt XVI. zur Lit­ur­gie („Der Geist der Liturgie“.

Von Papst Fran­zis­kus sind kei­ne Schrif­ten, ob grund­le­gen­de oder zumin­dest kur­ze, über die Lit­ur­gie bekannt. Den­noch springt Roche direkt von Paul VI. zu Papst Fran­zis­kus – und zwar nicht nur fak­tisch, son­dern normativ.

Wäh­rend Eccle­sia Dei und Sum­morum Pon­ti­fi­cum ver­schwie­gen wer­den, als wür­den sie nicht exi­stie­ren, stellt Roche die Beru­fung auf das berg­o­glia­ni­sche Motu pro­prio Tra­di­tio­nis cus­to­des (2021) als zen­tral dar. Roche zitiert Fran­zis­kus mit den Worten:

„Wir kön­nen nicht zu jener ritu­el­len Form zurück­keh­ren, die die Kon­zils­vä­ter als reform­be­dürf­tig erkannt haben.“

Hier wird das Kon­zil fak­tisch mono­po­li­siert: Wer die über­lie­fer­te Lit­ur­gie liebt, wird impli­zit außer­halb der kirch­li­chen Ein­heit ver­or­tet. Die Mög­lich­keit einer legi­ti­men Koexi­stenz unter­schied­li­cher römi­scher Aus­drucks­for­men, wie sie Bene­dikt XVI. aus­drück­lich vor­ge­se­hen und theo­lo­gisch begrün­det hat, wird nicht ein­mal erwo­gen. Die von Roche beschwo­re­ne „orga­ni­sche Ent­wick­lung“ erweist sich damit als blo­ßes Lip­pen­be­kennt­nis. Die lit­ur­gi­sche Ent­wick­lung von nahe­zu zwei Jahr­tau­sen­den Kir­chen­ge­schich­te wird einer­seits rhe­to­risch in der Lit­ur­gie­re­form des Zwei­ten Vati­ka­ni­schen Kon­zils absor­biert, zugleich aber prak­tisch tabui­siert. Über sie darf allen­falls noch im musea­len Sinn gespro­chen wer­den – als Gegen­stand histo­ri­scher oder lit­ur­gie­wis­sen­schaft­li­cher Stu­di­en –, wäh­rend jede genui­ne Leben­dig­keit aus­schließ­lich der nach­kon­zi­lia­ren Reform zuge­spro­chen wird. Selbst der Rück­griff auf das Kon­zil von Tri­ent erscheint bei Kar­di­nal Roche nur noch unter einem repres­si­ven Vor­zei­chen denk­bar: nicht als Schutz der über­lie­fer­ten Lit­ur­gie, son­dern als Argu­men­ta­ti­ons­fi­gur, um all jene inner­halb der Kir­che not­falls mit dem Bann­strahl zu dis­zi­pli­nie­ren, die an der Tra­di­ti­on festhalten.

Das ist kein theo­lo­gi­sches Argu­ment, son­dern eine ekkle­sio­lo­gi­sche Setzung.

Roche als Exekutor – und Leo XIV. als Garant der Kontinuität?

Unüber­seh­bar ist der insti­tu­tio­nel­le Kon­text: Kar­di­nal Roche wur­de von Papst Fran­zis­kus zum Prä­fek­ten des Got­tes­dienst­dik­aste­ri­ums ernannt und ist der uner­bitt­li­che Exe­ku­tor von Tra­di­tio­nis cus­to­des. Sei­ne Amts­füh­rung ist geprägt von Restrik­tio­nen, Sank­tio­nen und einer Miß­trau­ens­her­me­neu­tik gegen­über tra­di­tio­na­li­sti­schen Gläu­bi­gen. In sei­nem Brief an das ver­sam­mel­te Kon­si­sto­ri­um liegt sein Den­ken nun in pro­gram­ma­ti­scher Form vor.

Umso bemer­kens­wer­ter ist, daß Papst Leo XIV., der die Ein­heit der Kir­che und die Ver­söh­nung in der Kir­che zum Haupt­punkt sei­nes Pon­ti­fi­kats erklär­te, ihn wei­ter­hin im Amt beläßt – wäh­rend Fran­zis­kus sofort dar­an ging, von Bene­dikt XVI. ernann­te lei­ten­de Kuri­en­ver­tre­ter zu ent­las­sen. Die­se und ande­re Per­so­nal­ent­schei­dun­gen wer­fen Fra­gen auf.

Fehlt der Will zu einer ech­ten lit­ur­gi­schen Ver­söh­nung? Die Bei­be­hal­tung von Kar­di­nal Roche als Prä­fekt des Got­tes­dienst­dik­aste­ri­ums und sei­ne nun vor­ge­leg­te Pro­gram­ma­tik sind Aus­druck der schlech­te­sten Kon­ti­nui­tät. Und vor allem ist nichts davon ohne die Zustim­mung von Leo XIV. denkbar.

Einseitigkeit als Programm

Der Text von Kar­di­nal Roche, obwohl zustän­di­ger Dik­aste­ri­en­lei­ter an der Römi­schen Kurie, ist kein aus­ge­wo­ge­ner Bei­trag zur lit­ur­gi­schen Debat­te. Er ist ein­sei­tig, selek­tiv und von einer kla­ren Macht­lo­gik geprägt. Die Lit­ur­gie vor dem Zwei­ten Vati­ka­ni­schen Kon­zil erscheint als über­wun­de­ne und nicht mehr beach­tens­wer­te Ver­gan­gen­heit, die Päp­ste Johan­nes Paul II. und Bene­dikt XVI. wer­den zu Rand­fi­gu­ren degra­diert, wäh­rend Papst Fran­zis­kus hin­ge­gen als allein maß­geb­li­cher Inter­pret der Tra­di­ti­on auf das Podest geho­ben wird.

Aus tra­di­ti­ons­ver­bun­de­ner Sicht bleibt mit Nach­druck festzuhalten:

  • Die Lit­ur­gie der Kir­che ist älter als jedes Konzil.
  • Tra­di­ti­on ist nicht belie­big formbar.
  • Ein­heit ent­steht nicht durch Unter­drückung legi­ti­mer Vielfalt.

Oder mit den Wor­ten Bene­dikts XVI., die Kar­di­nal Roche zwar zitiert, aber offen­sicht­lich nicht zu Ende denkt:

„Was frü­he­ren Gene­ra­tio­nen hei­lig war, bleibt auch uns hei­lig und groß.“

Gera­de die­se Ein­sicht fehlt dem vor­lie­gen­den Text – und macht ihn zu einem Doku­ment der lit­ur­gi­schen Amne­sie. In der Gesamt­schau sind die aus Rom kom­men­den Signa­le kaum geeig­net, Hoff­nung auf eine ech­te lit­ur­gi­sche Ver­söh­nung zu wecken.

Bild: Dia­ne Montagna/​Substock/​VaticanMedia (Screen­shots)

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