„Tucho“ und „Baldo“

Der Umgang mit Spitznamen durch den Vatikan


Kardinal Baldassare "Baldo" Reina, Kardinalvikar von Rom und Erzpriester der Lateranbasilika, öffnete am 29. Dezember die Heilige Pforte der Bischofskirche von Rom
Kardinal Baldassare "Baldo" Reina, Kardinalvikar von Rom und Erzpriester der Lateranbasilika, öffnete am 29. Dezember die Heilige Pforte der Bischofskirche von Rom

Es gibt im päpst­li­chen Hof­staat in Rom eini­ge Abson­der­lich­kei­ten. Da ist ein­mal der jüng­ste und kei­nes­wegs ein­zi­ge Vor­stoß in die­sem Pon­ti­fi­kat, die Gläu­bi­gen – immer­hin sind die Katho­li­ken die weit­aus größ­te orga­ni­sier­te Grup­pe der Welt­be­völ­ke­rung – der glo­ba­li­sti­schen Agen­da zu unter­wer­fen, indem ihnen ohne digi­ta­le Ent­blö­ßung und Total­über­wa­chung der Zugang zu den Gna­den­mit­teln des Hei­li­gen Jah­res ver­wehrt wer­den soll. Da ist aber auch der eigen­tüm­li­che Umgang mit „Spitz­na­men“.

Im päpst­li­chen Umfeld wird beklagt, daß der Lieb­lings­pro­te­gé von Papst Fran­zis­kus, sein Reden­schrei­ber Vic­tor Manu­el Kar­di­nal Fernán­dez, „Tucho“ genannt wird. Das sei zwar sein Spitz­na­me, aber nur für Freun­de. Wenn Kar­di­nal Fernán­dez von ande­ren bevor­zugt „Tucho“ genannt wird, sei dies eine „Respekt­lo­sig­keit“, die jene, die die­sen Spitz­na­men ver­wen­den, als „Papst­kri­ti­ker“ aus­wei­se. Im Klar­text: Wer Kar­di­nal Fernán­dez „Tucho“ nennt, ent­tar­ne sich als „Feind des Pap­stes“. Ange­sichts eines sol­chen Mene­te­kels ver­steht sich von selbst, daß die offi­zi­el­len und offi­ziö­sen kirch­li­chen Medi­en den „Tucho“ ver­bannt haben.

Ganz anders ver­hält es sich, wenn die Rede auf Kar­di­nal Bald­as­sa­re Rei­na kommt, den neu­en, seit Okto­ber 2024 amtie­ren­den Kar­di­nal­vi­kar des Pap­stes für die Diö­ze­se Rom. Rei­na wur­de von Fran­zis­kus beim jüng­sten Kon­si­sto­ri­um auch in den Kar­di­nals­rang erho­ben, als das amtie­ren­de Kir­chen­ober­haupt die Zahl der Papst­wäh­ler, allen Bestim­mun­gen zum Trotz, auf gan­ze 139 Kon­kla­ve­teil­neh­mer vergrößerte.

Kar­di­nal­vi­kar Bald­as­sa­re „Bal­do“ Rei­na, gestern in der Lateranbasilika

Wäh­rend also die Bezeich­nung „Tucho“ von den Vati­kan­me­di­en gemie­den wird, erei­fern sich die­sel­ben dar­in, Kar­di­nal Bald­as­sa­re Rei­na als „Bal­do“ zu prä­sen­tie­ren. In der Tat ist das der Spitz­na­me des Neo­kar­di­nals, aber offen­sicht­lich nicht nur für Freun­de. In sei­nem Fall scheint es sogar gewünscht, daß er der Öffent­lich­keit kum­pel­haft als „Bal­do“ vor­ge­stellt wird.

„Bal­do“ Rei­na erhielt gestern erst­mals wirk­li­che inter­na­tio­na­le Sicht­bar­keit, indem er in Ver­tre­tung von Papst Fran­zis­kus die zwei­te der vier tra­di­tio­nel­len Hei­li­gen Pfor­ten Roms öff­ne­te, jene an der Bischofs­kir­che der Diö­ze­se. Anders als die mei­sten den­ken, auch unter den Katho­li­ken, ist nicht der Peters­dom die rang­höch­ste Kir­che der Welt, son­dern die Late­ran­ba­si­li­ka, die den bei­den Johan­nes geweiht ist, Johan­nes dem Täu­fer und Johan­nes dem Evan­ge­li­sten. Sie ist die Haupt­kir­che der Chri­sten­heit. Der Kar­di­nal­vi­kar von Rom ist zugleich Erz­prie­ster die­ser Erzbasilika.

Vor dem Kon­zil wur­den die vier Hei­li­gen Pfor­ten an den Patri­ar­chal­ba­si­li­ken zeit­gleich geöff­net. Die Öff­nung im Peters­dom nahm der Papst selbst vor, wäh­rend er in den ande­ren drei Basi­li­ken jeweils von einem Dele­ga­ten ver­tre­ten wur­de. Johan­nes Paul II. woll­te alle vier Hei­li­gen Pfor­ten per­sön­lich öff­nen, wes­halb sich die­se Zere­mo­nie von der Weih­nachts­vi­gil bis zum Drei­kö­nigs­fest hin­zog. So ist es nun auch unter Fran­zis­kus, doch erstaun­li­cher­wei­se erfolgt nun auch die zeit­ver­setz­te Öff­nung durch Delegaten.

Die unter­schied­li­che Hand­ha­bung der Spitz­na­men scheint jeden­falls einer bewuß­ten Kom­mu­ni­ka­ti­ons­stra­te­gie zu fol­gen. Wäh­rend Kar­di­nal „Tucho“ Fernán­dez mit erheb­li­chen Image­pro­ble­men zu kämp­fen hat, nicht zuletzt wegen sei­ner Ver­gan­gen­heit als Por­no-Schrift­stel­ler, will man beim weit­ge­hend unbe­kann­ten Kar­di­nal „Bal­do“ Rei­na, sei­nen Spitz­na­men als Instru­ment der Image­pfle­ge ein­set­zen, um den Neo­kar­di­nal aus dem direk­ten berg­o­glia­ni­schen Umfeld bekannt zu machen – offen­bar nicht zuletzt unter den ande­ren Pur­pur­trä­gern. Wird hier ver­sucht, jeman­den für das näch­ste Kon­kla­ve in Posi­ti­on zu bringen?

Text: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Vati­can­News (Screen­shots)