Das geheimnisvolle Konsistorium

Eine Grundsatzdebatte über Macht, Transparenz und Synodalität


Bild mit Symbolcharakter: Das Konsistorium im Januar fand vor allem aufgesplittert an Tischen (Stuhlkreisen) statt, dem Beratungsformat des bergoglianischen "synodalen Prozesses"
Bild mit Symbolcharakter: Das Konsistorium im Januar fand vor allem aufgesplittert an Tischen (Stuhlkreisen) statt, dem Beratungsformat des bergoglianischen "synodalen Prozesses"

Der von Dia­ne Mon­tagna ver­öf­fent­lich­te Bericht über das außer­or­dent­li­che Kon­si­sto­ri­um vom Janu­ar 2026 ent­fal­tet sich wie eine minu­ti­ös rekon­stru­ier­te Chro­no­lo­gie kirch­li­cher Ent­schei­dungs­pro­zes­se – und zugleich wie eine Erzäh­lung über Macht, Ver­fah­ren und Intrans­pa­renz im Zen­trum des Vati­kans. Im Kern steht eine Fra­ge, die der Text selbst wie­der­holt auf­wirft: War­um wur­de der ursprüng­lich vor­ge­se­he­ne klas­si­sche Bera­tungs­mo­dus des Kar­di­nals­kol­le­gi­ums kurz­fri­stig durch ein syn­odal gepräg­tes For­mat ersetzt – und wer hat die­se Ände­rung tat­säch­lich veranlaßt?

Vom klassischen Konsistorium zum „synodalen“ Format

Aus­gangs­punkt der Ana­ly­se ist die von Dia­ne Mon­tagna ver­tre­te­ne The­se: Das erste außer­or­dent­li­che Kon­si­sto­ri­um von Papst Leo XIV. war ursprüng­lich im klas­si­schen For­mat geplant gewe­sen, also als Voll­ver­samm­lung aller Kar­di­nä­le im direk­ten Aus­tausch mit dem Papst im Vati­kan. Die­ses Modell gilt in der kirch­li­chen Tra­di­ti­on als zen­tra­ler Ort unstruk­tu­rier­ter, kol­le­gia­ler Beratung.

Nach Mon­tag­nas Rekon­struk­ti­on wur­de die­ses For­mat jedoch kurz vor dem Ter­min ersetzt durch eine Struk­tur, die dem „Syn­oda­len Weg“ bzw. dem „Syn­oda­len Pro­zeß“ der Jah­re 2023–2024 ähnelt: Klein­grup­pen, sprach­lich getrenn­te „Tische“, zeit­lich streng limi­tier­te Wort­bei­trä­ge und ein zwei­stu­fi­ges System der Pro­to­kol­lie­rung. Zum The­ma sie­he auch: Von Mar­ti­nis Kol­le­gia­li­tät zu Berg­o­gli­os Syn­oda­li­tät.

Die­se Umstel­lung, so Mon­tagna, sei nicht nur orga­ni­sa­to­risch bedeut­sam, son­dern ver­än­der­te den Cha­rak­ter der Kon­sul­ta­ti­on selbst: weg von direk­ter, öffent­li­cher, abwä­gend respekt­vol­ler Form der Ent­schei­dungs­fin­dung und Bera­tung, die auf dem Aus­tausch von Argu­men­ten unter Gleich­be­rech­tig­ten basiert, hin zu gefil­ter­ter, mode­rier­ter Kom­mu­ni­ka­ti­on. Kurz­um, zu gelenk­ten Tref­fen wie den Bischofs­syn­oden, die aus dem Pon­ti­fi­kat von Fran­zis­kus in schlech­ter Erin­ne­rung sind. 

Die zentrale Unklarheit: Wer entschied die Umstellung?

Der ent­schei­den­de Punkt der Recher­che ist die laut Mon­tagna nicht geklär­te Ver­ant­wort­lich­keit. Wäh­rend die offi­zi­el­le Kom­mu­ni­ka­ti­on die Ein­be­ru­fung des Kon­si­sto­ri­ums durch den Papst bestä­tig­te, bleibt – so ihre The­se – die Ent­schei­dung über die kon­kre­te For­mat­än­de­rung unzugeordnet.

Beson­ders her­vor­ge­ho­ben wird dabei der Zeit­raum zwi­schen dem 19. Dezem­ber 2025 und dem 5. Janu­ar 2026. In die­sem Fen­ster wur­de das ursprüng­li­che Pro­gramm, das noch auf ein klas­si­sches Kon­si­sto­ri­um hin­deu­te­te, durch ein neu­es, „vages“ For­mat ersetzt.

Die Vati­ka­ni­stin sieht dar­in eine struk­tu­rel­le Unklar­heit: Die Rol­len und Zustän­dig­kei­ten sei­en in der Sache nicht trans­pa­rent geworden.

Die These der „synodalen Steuerung“

Mon­tagna selbst deu­tet die Umstel­lung als Aus­druck eines mög­li­chen Ein­flus­ses syn­odal ori­en­tier­ter Akteu­re im Vati­kan. Genannt wer­den in ihrem Bericht als mög­li­che, aber nicht bestä­tig­te berg­o­glia­ni­sche Ein­fluß­grö­ßen unter ande­rem Kar­di­nal Mario Grech (Gene­ral­se­kre­tär der Bischofs­syn­ode), Kar­di­nal­staats­se­kre­tär Pie­tro Paro­lin sowie Kar­di­nal Micha­el Czer­ny (Prä­fekt des Dik­aste­ri­ums für die ganz­heit­li­che Ent­wick­lung des Men­schen). Die­se Hin­wei­se blei­ben aus­drück­lich spe­ku­la­tiv, mar­kie­ren aber den Kern ihrer Argu­men­ta­ti­on: eine Ver­schie­bung von klas­si­scher Kol­le­gia­li­tät hin zu gesteu­er­ten Diskursformen.

Die tra­di­ti­ons­ver­bun­de­ne Platt­form Mes­sa in Lati­no greift die­sen Deu­tungs­rah­men auf und ver­schärft ihn rhe­to­risch. Die Dar­stel­lung Mon­tag­nas wird als „ermitt­lungs­ähn­li­cher Bericht“ inter­pre­tiert, der den Ein­druck erweckt, Ent­schei­dungs­pro­zes­se wür­den im Hin­ter­grund kon­trol­liert und der freie Aus­tausch unter den Kar­di­nä­len eingeschränkt.

Wäh­rend Mon­tagna vor­sich­tig von „unge­klär­ten Abläu­fen“ spricht, for­mu­liert Mes­sa in Lati­no deut­lich zuge­spitz­ter die The­se einer syste­mi­schen Steue­rung, die auf eine Kon­trol­le der inner­kirch­li­chen Debat­te hinauslaufe.

Kritik an intransparenter Vermittlungsstruktur

Einen wei­te­ren Akzent setzt die Ana­ly­se von Micha­el Char­lier auf Sum​morum​-Pon​ti​fi​cum​.de. Char­lier kon­zen­triert sich weni­ger auf Per­so­nen als auf die Struk­tur der Kom­mu­ni­ka­ti­on selbst.

Sei­ne The­se lau­tet: Selbst wenn kei­ne zen­tra­le „Steue­rungs­in­stanz“ nach­weis­bar ist, erzeugt bereits die Kom­bi­na­ti­on aus Klein­grup­pen­for­mat, begrenz­ten Rede­zei­ten und selek­ti­ver Wei­ter­ga­be von Berich­ten eine fak­ti­sche Ein­schrän­kung der Offen­heit, wel­che die Bera­tun­gen des Kon­si­sto­ri­ums kenn­zeich­nen soll­ten. Beson­ders kri­tisch bewer­tet er dabei die Tren­nung zwi­schen stimm­be­rech­tig­ten und nicht stimm­be­rech­tig­ten Kar­di­nä­len sowie die Tat­sa­che, daß bestimm­te Grup­pen­be­rich­te nicht in offe­ner Voll­ver­samm­lung dis­ku­tiert wurden.

Char­lier liest den Vor­gang damit pri­mär als struk­tu­rel­les Pro­blem kirch­li­cher Kom­mu­ni­ka­ti­on: nicht not­wen­di­ger­wei­se als Ver­schwö­rung, son­dern als insti­tu­tio­nel­le Ver­schie­bung der Diskursmacht.

Die Gegenperspektive: „Synodalität als Gewinn“

Dem­ge­gen­über steht die von berg­o­glia­ni­schen Betei­lig­ten ver­tre­te­ne posi­ti­ve Deu­tung, ins­be­son­de­re durch Kar­di­nal Micha­el Czer­ny. Sei­ne Posi­ti­on läßt sich als kon­se­quen­te Ver­tei­di­gung des For­mats beschrei­ben: Die Klein­grup­pen hät­ten eine brei­te­re Betei­li­gung ermög­licht, das Zuhö­ren inten­si­viert und eine stär­ke­re geist­li­che Unter­schei­dung geför­dert. Über­haupt, so die Ver­tei­di­ger die­ses For­mats, sei der Hei­li­ge Geist spür­bar gewor­den. Auch die­se Deu­tung ist aus dem Pon­ti­fi­kat von Fran­zis­kus bekannt. Ihr erster Reprä­sen­tant war Wiens dama­li­ger Erz­bi­schof Kar­di­nal Chri­stoph Schön­born, der gleich nach dem Kon­kla­ve die Wahl Berg­o­gli­os als Werk des Hei­li­gen Gei­stes interpretierte.

Czer­nys Sicht­wei­se weiß nichts von Ein­schrän­kun­gen und struk­tu­rel­len Benach­tei­li­gun­gen, gar mani­pu­lie­ren­der Len­kung zu berich­ten, son­dern betont eine „pasto­ra­le Qua­li­tät“ des Austauschs.

Schwerwiegende Kritik

  • Dia­ne Mon­tagna (The­se): Das Kon­si­sto­ri­um wur­de kurz­fri­stig in ein syn­odal gesteu­er­tes For­mat über­führt, ohne trans­pa­ren­te Entscheidungswege.
  • Mes­sa in Lati­no (Inter­pre­ta­ti­on): Die Umstel­lung ist Aus­druck eines kir­chen­po­li­ti­schen Para­dig­men­wech­sels hin zu stär­ker gelenk­ter Synodalität.
  • Micha­el Char­lier (Ana­ly­se): Die struk­tu­rel­le Archi­tek­tur des For­mats selbst ver­schiebt die kom­mu­ni­ka­ti­ve Macht, unab­hän­gig von kon­kre­ten Akteuren.

In der Gesamt­schau erin­nern die Ereig­nis­se an die erste Fami­li­en­syn­ode (2014) im Pon­ti­fi­kat von Papst Fran­zis­kus, in der sich ein frü­hes Muster jenes berg­o­glia­ni­schen Ver­ständ­nis­ses inner­kirch­li­cher Mei­nungs­bil­dung abzeich­ne­te. Fran­zis­kus beton­te in sei­nen Stel­lung­nah­men immer wie­der die par­r­he­sia, die freie Rede, setz­te zugleich jedoch ein System von Len­kungs­me­cha­nis­men ein (Selek­ti­on der Syn­oda­len, Bücher, Berich­te und Stel­lung­nah­men, die nicht zuge­stellt wur­den, ver­hin­der­te Wort­mel­dun­gen, Pres­se­kon­fe­ren­zen nur mit aus­ge­wähl­ten Unter­stüt­zern – kurz: eine Steue­rung des Infor­ma­ti­ons­flus­ses nach innen wie nach außen).

Erz­bi­schof Bru­no For­te, Redak­ti­ons­lei­ter für den Schluß­be­richt der Fami­li­en­syn­ode, leg­te am 2. Mai 2016 ein bemer­kens­wert offe­nes Zeug­nis die­ses Ver­ständ­nis­ses ab. Er berich­te­te eine Äuße­rung von Papst Fran­zis­kus im Zusam­men­hang mit der Fra­ge der Zulas­sung wie­der­ver­hei­ra­te­ter Geschie­de­ner zur Kom­mu­ni­on: „Wenn wir aus­drück­lich von Kom­mu­ni­on für wie­der­ver­hei­ra­te­te Geschie­de­ne spre­chen“, habe ihm Fran­zis­kus gesagt, „wer weiß, was DIE [die Ver­tei­di­ger der kirch­li­chen Ehe- und Moral­leh­re] dann für einen casi­no (Wir­bel) machen. Wir reden des­halb nicht direkt dar­über. Mach es so, daß die Prä­mis­sen gege­ben sind, die Schluß­fol­ge­run­gen zie­he dann ich.“ For­te, selbst ein über­zeug­ter Berg­o­glia­ner, kom­men­tier­te die­se Dar­stel­lung zustim­mend lachend mit den Wor­ten: „Typisch für einen Jesuiten.“

Die­ses für Fran­zis­kus cha­rak­te­ri­sti­sche Vor­ge­hen läßt sich jedoch nur schwer­lich ohne wei­te­res auf Papst Leo XIV. über­tra­gen. Die Recher­chen Mon­tag­nas deu­ten aller­dings zumin­dest dar­auf hin, daß im Vati­kan wei­ter­hin stark aus­ge­präg­te berg­o­glia­ni­sche Netz­wer­ke und Denk­sti­le wirk­sam sind. Fran­zis­kus selbst hat­te über Jah­re hin­weg eine sehr geziel­te Per­so­nal­po­li­tik betrie­ben und Schlüs­sel­po­si­tio­nen kon­se­quent mit „pro­gres­siv­sten Kan­di­da­ten“ besetzt. Auf die­se Wei­se bau­te er auch nach­hal­tig das Kar­di­nals­kol­le­gi­um um. 

Von Leo XIV. selbst sind bis­lang kei­ne klar erkenn­ba­ren eigen­stän­di­gen per­so­nel­len Akzen­te zu erken­nen. Vor die­sem Hin­ter­grund wird das Fort­wir­ken struk­tu­rel­ler und per­so­nel­ler Kon­ti­nui­tä­ten noch deutlicher.

Das Erbe Berg­o­gli­os wirkt stär­ker nach, als es inner­halb der Kir­che viel­fach bewußt wahr­ge­nom­men wird.

Für den 26. und 27. Juni lädt Leo XIV. bereits zum zwei­ten außer­or­dent­li­chen Kon­si­sto­ri­um ein. Dar­in läßt sich zunächst ein deut­li­cher Unter­schied gegen­über dem Pon­ti­fi­kat von Fran­zis­kus erken­nen, der ledig­lich ein ein­zi­ges außer­or­dent­li­ches Kon­si­sto­ri­um ein­be­rief – jenes im Vor­feld der Fami­li­en­syn­ode. Als die­ses jedoch nicht in dem von ihm inten­dier­ten Sinn ver­lief, wur­de das Kar­di­nals­kol­le­gi­um als Bera­tungs­gre­mi­um von ihm völ­lig ignoriert.

Dar­in zeig­te sich bereits, daß Fran­zis­kus Bera­tungs­for­ma­te ins­ge­samt weni­ger als ergeb­nis­of­fe­ne Orte frei­er Mei­nungs­bil­dung ver­stand, son­dern als Instru­men­te zur Durch­set­zung vor­ge­fer­tig­ter Positionen.

Dem­ge­gen­über zeigt die erneu­te Ein­be­ru­fung eines außer­or­dent­li­chen Kon­si­sto­ri­ums durch Leo XIV. eine zumin­dest for­mal stär­ke­re Wie­der­auf­nah­me die­ses tra­di­tio­nel­len Instru­ments kol­le­gia­ler Bera­tung. Ob und in wel­chem Umfang damit auch eine sub­stan­ti­el­le Erwei­te­rung tat­säch­li­cher Mit­be­ra­tung ver­bun­den ist, muß sich erst noch erwei­sen. Der Ver­lauf des ersten Kon­si­sto­ri­ums im Janu­ar war in die­ser Hin­sicht noch nicht über­zeu­gend.

Text: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Vati­kan­News (Screen­shot)

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