Von Martinis Kollegialität zu Bergoglios Synodalität

Der Wunsch nach einem Dritten Vatikanischen Konzil

Drittes Vatikanisches Konzil: Von Martini zu Bergoglio
Drittes Vatikanisches Konzil: Von Martini zu Bergoglio

(Rom) Berei­tet Papst Fran­zis­kus, oder die Män­ner hin­ter ihm, die sei­ne Wahl zum Papst vor­be­rei­te­ten, ein Drit­tes Vati­ka­ni­sches Kon­zil vor? Die­ser Fra­ge ging der Vati­ka­nist San­dro Magi­ster nach.

Die am 28. Okto­ber zu Ende gegan­ge­ne Bischofs­syn­ode soll­te der Jugend gewid­met sein. In sei­ner Abschluß­re­de bezeich­ne­te Papst Fran­zis­kus aller­dings etwas ande­res als „ihre erste Frucht“: näm­lich „die Syn­oda­li­tät“.

Die „offensichtliche Manipulation“

Der Begriff ist ein Neo­lo­gis­mus, der von Papst Fran­zis­kus in die Kir­che ein­ge­führt wur­de. „Die erstaun­lich­sten und auch am mei­sten durch Gegen­stim­men bean­stan­de­ten Para­gra­phen des Schluß­do­ku­ments sind jene über die ‚syn­oda­le Form der Kir­che‘.“

Das sei des­halb so erstaun­lich, so Magi­ster, weil über die Syn­oda­li­tät in kei­ner Pha­se der Syn­ode, weder wäh­rend der Vor­be­rei­tung noch wäh­rend der Syn­ode selbst oder in den Arbeits­grup­pen, gespro­chen wur­de.

Erst im Schluß­be­richt tauch­te der Begriff auf. Wie der Osser­va­to­re Roma­no ent­hüll­te, hat­te Papst Fran­zis­kus per­sön­lich an der Schluß­re­dak­ti­on des Doku­ments teil­ge­nom­men. Sicher ist sicher.

Der Erz­bi­schof von Syd­ney, Antho­ny Fisher, sprach von einer „offen­sicht­li­chen Mani­pu­la­ti­on“. Er brach­te damit den Pro­test nicht weni­ger Syn­oden­vä­ter zum Aus­druck, die sich nicht nur über­gan­gen, son­dern ver­schau­kelt füh­len. Ähn­li­che Vor­wür­fe hat­te es bereits bei den bei­den Fami­li­en­syn­oden gege­ben. Die Kri­tik wur­de schon damals laut, daß die Syn­ode nur als Vor­wand ein­be­ru­fen wer­den, und die Syn­oden­vä­ter rei­ne Sta­ti­sten sei­en, wäh­rend die Ent­schei­dun­gen längst von Fran­zis­kus im Allein­gang getrof­fen wor­den sei­en. Für Auf­se­hen sorg­te 2015 der Brief von drei­zehn Kar­di­nä­len, alle­samt Syn­oden­vä­ter, die gegen „vor­ge­fer­ti­ge Ergeb­nis­se“ und eine gelenk­te Syn­ode pro­te­stier­ten.

Die römi­sche Jesui­ten­zeit­schrift La Civil­tà Cat­to­li­ca, unter Fran­zis­kus der direk­te Aus­fluß des päpst­li­chen Den­kens, beharr­te. Bereits in der Über­schrift ihres Haupt­be­rich­tes zur Jugend­syn­ode wur­de klar­ge­stellt:

„Die Jugend hat die Syn­oda­li­tät der Kir­che geweckt“.

Nichts der­glei­chen hat­te „die Jugend“ geäu­ßert, gefor­dert oder geweckt. Die Jesui­ten­zeit­schrift mach­te sich ihre eige­ne „Jugend­syn­ode“ à la Papst Fran­zis­kus.

Der Traum von Kardinal Martini

Magi­ster zieht eine Par­al­le­le, die sich „unwei­ger­lich“ auf­drän­ge. 1999 hat­te Kar­di­nal Car­lo Maria Mar­ti­ni den „Traum“ von einer „kol­le­gia­len“ Kir­che vor­ge­tra­gen, die „kol­le­gi­al“ eini­ge „Kno­ten der Glau­bens­leh­re und Ord­nung“ anpacke. Der 2012 ver­stor­be­ne Mar­ti­ni war ein Jesu­it wie Ber­go­glio. Von man­chen wird er als eigent­li­cher Spi­ri­tus rec­tor des der­zei­ti­gen Pon­ti­fi­kats gese­hen. Kurz vor sei­nem Tod for­der­te er Papst Bene­dikt XVI. im Juni 2012 ener­gisch und unmiß­ver­ständ­lich zum Rück­tritt auf. Jüngst wur­de bekannt, daß Mar­ti­ni bereits weni­ge Mona­te vor die­ser Auf­for­de­rung zu einer ehe­ma­li­gen Ange­hö­ri­gen der Foko­lar­be­we­gung die Hoff­nung äußer­te, Papst Bene­dikt XVI. kön­ne bald zurück­tre­ten. Es erstaunt, wes­halb Mar­ti­ni so inten­siv einen Rück­tritt Bene­dikts für mög­lich hielt, obwohl seit 600 Jah­ren kein Papst mehr zurück­ge­tre­ten war.

Mar­ti­ni grün­de­te in den 90er Jah­ren den Geheim­zir­kel von Sankt Gal­len, von dem nach bis­he­ri­ger Rekon­struk­ti­on die Initia­ti­ve zur Wahl von Papst Fran­zis­kus aus­ging. Mar­ti­ni warf damals den Stein in den Teich, daß eine Syn­ode nicht genü­gen könn­te, um die von ihm gewünsch­ten „Kno­ten“ zu lösen. Es brau­che ein uni­ver­sa­les Instru­ment mit noch mehr Auto­ri­tät. Ohne das Wort „Kon­zil“ aus­zu­spre­chen, for­der­te der dama­li­ge Erz­bi­schof von Mai­land und Gegen­spie­ler von Papst Johan­nes Paul II. und Bene­dikt XVI. nichts ande­res als ein Drit­tes Vati­ka­ni­sches Kon­zil.

Als „Kno­ten“ nann­te Mar­ti­ni:

  • Die Rol­le der Frau in der Kir­che;
  • die Rol­le der Lai­en und ihr Anteil an eini­gen Ämtern;
  • die Sexua­li­tät;
  • die Ehe;
  • die Buß­pra­xis;
  • die öku­me­ni­schen Bezie­hun­gen „zu den Schwe­ster­kir­chen“;
  • das Ver­hält­nis zwi­schen Staats­ge­setz und Moral­ge­setz.

Der Kar­di­nal nann­te das gan­ze Pro­gramm der Fra­gen, zu denen es Rei­be­flä­chen mit der „moder­nen“ Welt gibt.

Fran­zis­kus beton­te wie­der­holt die Not­wen­dig­keit eines per­ma­nen­ten, syn­oda­len Stils des Hörens und der Unter­schei­dung. Dazu gibt es die Bischofs­syn­oden, die Fran­zis­kus zumin­dest nach außen als Haupt­in­stru­ment sei­ner Neue­run­gen ein­setzt, die er im Allein­gang, aber rund um eine Syn­ode — vor­her, wäh­rend oder nach­her — ein­führt.

Synodalität, alter (kollegialer) Wein in neuen Schläuchen

Magi­ster sieht heu­te kaum mehr jemand in der Kir­che, der wirk­lich ein Drit­tes Vati­ka­ni­sches Kon­zil anstrebt oder wünscht. Fran­zis­kus arbei­te an ande­ren Model­len. Er will Kol­lek­tiv­or­ga­ne, die dem Kir­chen­recht bis­her fremd sind, als kol­le­gia­le Instru­men­te zu rich­ti­gen Ent­schei­dungs­or­ga­nen umbau­en. Dazu gehört sei­ne Ent­schei­dung zur Neu­ge­stal­tung er Bischofs­syn­ode. Künf­tig, wenn der Papst es vor­ab erlaubt, kön­nen Syn­oden­be­schlüs­se direk­ter Teil des kirch­li­chen Lehr­am­tes wer­den.

Auch die Bischofs­kon­fe­ren­zen, bis­her nur ein Hilfs­in­stru­ment, das die Ein­zel­ver­ant­wor­tung der Diö­ze­san­bi­schö­fe für ihren Juris­dik­ti­ons­be­reich nicht auf­hob, sol­len mehr Zustän­dig­kei­ten erhal­ten. Im Bereich der Über­set­zung der lit­ur­gi­schen Tex­te wur­de die­se Über­tra­gung der Zustän­dig­keit von Fran­zis­kus bereits voll­zo­gen. Ähn­lich ver­hält es sich bei der Zulas­sung von Pro­te­stan­ten zur Kom­mu­ni­on, wie das umstrit­te­ne deut­sche Bei­spiel vom Som­mer zeigt.

Selbst in Fra­gen der Glau­bens­leh­re deu­te­te Fran­zis­kus in Evan­ge­lii gau­di­um (Para­graph 32) an, sich eine Ent­schei­dungs­kom­pe­tenz der Bischofs­kon­fe­ren­zen, nicht der ein­zel­nen Bischö­fe, vor­stel­len zu kön­nen.

Wenn die Idee eines Drit­ten Vati­can­ums im Moment wenig Anhän­ger habe, kön­ne sich das auch ändern, so Magi­ster. Zur Fra­ge, was die Kon­zi­le in der Kir­chen­ge­schich­te waren und was sie in Zukunft sein könn­ten, ver­weist der Vati­ka­nist auf einen Vor­trag von Kar­di­nal Wal­ter Brand­mül­ler. Brand­mül­ler war von 1998 bis 2009 Vor­sit­zen­der des Päpst­li­chen Komi­tees für Geschichts­wis­sen­schaft. Den Vor­trag hielt der deut­sche Kar­di­nal, der zu den Unter­zeich­nern der Dubia (Zwei­fel) zum umstrit­te­nen nach­syn­oda­len Schrei­ben Amo­ris lae­ti­tia gehört, am ver­gan­ge­nen 12. Okto­ber in Rom (eine Zusam­men­fas­sung des Vor­tra­ges).

Text: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: MiL

1 Kommentar

  1. Wobei natür­lich in Rech­nung zu stel­len ist, dass ein mit Fan­fa­ren­stoß und Tsching­d­e­ras­sa­bum insze­nier­tes Vati­ca­num III qua­si natur­ge­mäß Wider­stand und Ent­täu­schung her­vor­ru­fen wür­de: Kon­zils­kon­ser­va­ti­ve wür­den sich dem Tra­di­tio­na­lis­mus zuwen­den, pro­gres­si­ve Heiß­spor­ne hät­ten noch viel mehr Ver­än­de­rung erwar­tet. Hat­te doch das Vati­ca­num II zum Ent­ste­hen des Tra­di­tio­na­lis­mus geführt, der für die moder­ni­sti­sche Kir­chen­eli­ten heu­te noch ein hart­näcki­ger Dorn im Fleisch dar­stellt. Wie man immer die Per­son von Erz­bi­schof Lef­eb­v­re bewer­ten mag: ohne die von ihm gegrün­de­te FSSPX wären weder die „Ecclesia-Dei“-Gemeinschaften noch „Summorum Pon­ti­fi­cum“ Rea­li­tät gewor­den, mit­hin alles in moder­nen Augen „Rück­stän­di­ge“.
    Natür­lich beherrscht das moder­ni­sti­sche Den­ken — ein hal­bes Jahr­hun­dert nach „dem Kon­zil“ — die kirch­li­che Struk­tur mit ihren Ordi­na­ria­ten, Semi­na­ren und Gre­mi­en in Gän­ze, aber ein unkal­ku­lier­ba­res „Rest­ri­si­ko“ im Epi­sko­pat bleibt, etwa die Kar­di­nä­le Sarah und Bur­ke oder Bischof Schnei­der.
    Wäre es da nicht vor­sich­ti­ger, wie der­zeit in Deutsch­land, Struk­tur­re­for­men in unüber­schau­ba­rer Anzahl ver­deckt (und damit ohne über­grei­fen­de, Sinn stif­ten­de Erzäh­lung wie bei der Lit­ur­gie­de­for­ma­ti­on) umzu­set­zen?
    Kein Auf­bruch mit Fan­fa­ren­stö­ßen, son­dern statt­des­sen stil­les, aber hoch­ef­fi­zi­en­tes engi­nee­ring: Der inter­kon­fes­sio­nel­le Reli­gi­ons­un­ter­richt wird kul­tus­bü­ro­kra­tisch umge­setzt, die prie­ster­lo­se Wort­got­tes­fei­er ist vie­ler Orts bereits akzep­tier­ter Pfarr­ge­mein­de-All­tag, die von Lai­en geführ­te Gemein­de ist fer­tig geplant. Die „Her­de“ rea­li­siert die Ver­än­de­rung in ihrer Gesamt­heit nicht, da die­se nicht öffent­lich benannt wird (bezeich­nen­der­wei­se weder von der Kir­che noch den Medi­en).
    Die im Arti­kel benann­ten „Kno­ten“ sind schon lan­ge im Visier der DBK: zur „Rol­le der Frau in der Kir­che“ wird flä­chen­deckend die „Wort-Got­tes-Fei­er“ mit der Pasto­ral­as­si­sten­tin kom­men, „die Rol­le der Lai­en und ihr Anteil an eini­gen Ämtern“ wird in Pilot­pro­jek­ten lai­en­geführ­ter Pfar­rei­en (im Erz­bis­tum Mün­chen und Frei­sing: https://www.domradio.de/themen/bistümer/2017–03-20/erzbistum-muenchen-startet-pilotprojekt-mit-laien-als-leitung) ver­än­dert.
    Bezüg­lich „Sexua­li­tät“ und „Ehe“ sind sowie­so kei­ne Kor­rek­ti­ve mehr sicht­bar, „die Buß­pra­xis“ im Beicht­stuhl ist in diö­ze­sa­nen Gemein­den nur­mehr schwa­che Remi­nis­zenz.
    Die öku­me­ni­schen Bezie­hun­gen „zu den Schwe­ster­kir­chen“ lau­fen auf höch­sten Tou­ren, ob Zulas­sung von Pro­te­stan­ten zur Kom­mu­ni­on oder der sog. „kon­fes­sio­nell-koope­ra­ti­ve Reli­gi­ons­un­ter­richt“ in NRW ab dem Schul­jahr 2018/19 an Grund­schu­len und wei­ter­füh­ren­den Schu­len im Sekun­dar I‑Bereich (https://news.rpi-virtuell.de/2017/09/01/konfessionell-kooperativer-religionsunterricht-wird-ab-2018-in-nrw-moeglich/?dsgvo-confirmed=1536343528). Und beim „Ver­hält­nis zwi­schen Staats­ge­setz und Moral­ge­setz“ ver­su­chen Deutsch­lands Ober­hir­ten peni­bel, tages­po­li­tisch im „Wor­d­ing“ („Geflüch­te­ten­po­li­tik“, „Geschlech­ter­ge­rech­tig­keit“ etc.) auch nur ja gesell­schafts­kom­pa­ti­bel zu sein und (lächer­li­cher­wei­se) Gen­der „katho­lisch zu lesen“ (http://www.katholisch.de/aktuelles/aktuelle-artikel/gender-katholisch-gelesen).
    Zumin­dest in Deutsch­land tag­täg­lich Rea­li­tät – ohne drit­tes Vati­ka­num…

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