Papst Leo signalisiert einen Kurswechsel hinsichtlich der traditionellen Messe

Papst Leo XIV. wird die Regelungen von Traditionis custodes erneut in den Blick nehmen müssen


Joseph Shaw, Vorsitzender von Una Voce International, analysiert die jüngsten Signale von Papst Leo XIV. zum überlieferten Römischen Ritus
Joseph Shaw, Vorsitzender von Una Voce International, analysiert die jüngsten Signale von Papst Leo XIV. zum überlieferten Römischen Ritus


Von Joseph Shaw*

Am 18. März wand­te sich Kar­di­nal Paro­lin in einem Schrei­ben an eine Voll­ver­samm­lung der fran­zö­si­schen Bischö­fe und über­mit­tel­te dabei eine Bot­schaft – oder viel­mehr meh­re­re Bot­schaf­ten – von Papst Leo. Der Brief rief die Bischö­fe dazu auf, die katho­li­schen Schu­len zu ver­tei­di­gen und die Für­sor­ge für des Miß­brauchs schul­dig gewor­de­ne Prie­ster nicht zu ver­nach­läs­si­gen; zugleich behan­del­te er die Fra­ge der tra­di­tio­nel­len Messe:

„Lie­be Brü­der, Ihr beab­sich­tigt, Euch im Zusam­men­hang mit dem Anwach­sen von Gemein­schaf­ten, die dem Vetus Ordo ver­bun­den sind, mit dem heik­len The­ma der Lit­ur­gie zu befas­sen, dem der Hei­li­ge Vater beson­de­re Auf­merk­sam­keit wid­met. Es ist besorg­nis­er­re­gend, daß in der Kir­che wei­ter­hin eine schmerz­li­che Wun­de fort­be­steht, die die Fei­er der Mes­se betrifft – jenes Sakra­ment der Ein­heit selbst. Ihre Hei­lung erfor­dert eine erneu­er­te Offen­heit für­ein­an­der, ver­bun­den mit einem tie­fe­ren Ver­ständ­nis der jewei­li­gen Emp­find­lich­kei­ten – eine Per­spek­ti­ve, die es Brü­dern, berei­chert durch ihre Ver­schie­den­heit, ermög­licht, ein­an­der in der Lie­be und in der Ein­heit des Glau­bens anzu­neh­men. Möge der Hei­li­ge Geist euch zu prak­ti­schen Lösun­gen inspi­rie­ren, die jene, die dem Vetus Ordo auf­rich­tig ver­bun­den sind, groß­zü­gig ein­be­zie­hen, in Über­ein­stim­mung mit den Wei­sun­gen des Zwei­ten Vati­ka­ni­schen Kon­zils hin­sicht­lich der Liturgie.“

Kon­kre­te Hin­wei­se auf die Hal­tung Papst Leos zur über­lie­fer­ten Mes­se sind bis­lang eher spär­lich gewe­sen (soll­te er sich auf den Begriff Vetus Ordo fest­ge­legt haben, so ist mir das durch­aus recht), und die­ses Schrei­ben hat daher zahl­rei­che Kom­men­ta­re ausgelöst.

Zunächst fällt auf, auf wel­che Wei­se Papst Leo sei­nen Bei­trag zur Dis­kus­si­on der fran­zö­si­schen Bischö­fe gewählt hat: nicht in einem eige­nen Schrei­ben, son­dern durch einen Brief sei­nes Staats­se­kre­tärs. Auf die­se Wei­se han­delt er über for­ma­le Kanä­le und ver­mei­det es, einen Text zu schaf­fen, der als offi­zi­el­les lehr­amt­li­ches Doku­ment ver­stan­den wer­den könnte.

Ande­rer­seits hat er sich nicht des apo­sto­li­schen Nun­ti­us in Frank­reich, Erz­bi­schof Miglio­re, bedient. Das Ein­grei­fen von Kar­di­nal Paro­lin, dem rang­höch­sten Kuri­en­ver­tre­ter, ver­leiht dem Schrei­ben ein grö­ße­res Gewicht, und sei­ne Form gewähr­lei­ste­te, daß es öffent­lich wer­den wür­de. Dies scheint sehr sorg­fäl­tig aus­ta­riert. Inter­es­san­ter­wei­se gilt Paro­lin nicht als beson­de­rer Freund des Vetus Ordo; gera­de des­halb wirkt eine von ihm über­mit­tel­te ver­söhn­li­che Bot­schaft beson­ders ein­drucks­voll, und es kann kein Zwei­fel dar­an bestehen, daß die in dem Schrei­ben ent­hal­te­nen Gedan­ken unmit­tel­bar vom Hei­li­gen Vater stammen.

Der Text ist mit Bedacht for­mu­liert. Papst Leo äußert die Hoff­nung, der Hei­li­ge Geist möge den Bischö­fen „prak­ti­sche Lösun­gen“ ein­ge­ben; eige­ne Vor­schlä­ge unter­brei­tet er nicht. Doch er ver­mit­telt ihnen eine Vor­stel­lung davon, wie sol­che guten Lösun­gen beschaf­fen sein sollen.

Zunächst sol­len sie „prak­tisch“ sein, im Gegen­satz zu ideo­lo­gi­schen oder rein theo­lo­gi­schen Ansät­zen. Das Pro­blem ist nicht bloß prak­ti­scher Natur, doch die Bischö­fe sol­len es im Hin­blick auf eine kon­kre­te Lösung ange­hen – eine Lösung, die dar­in besteht, jene, die dem Vetus Ordo ver­bun­den sind, „groß­zü­gig ein­zu­be­zie­hen“. Dies impli­ziert eine Form prak­ti­scher Rück­sicht­nah­me, die letzt­lich nur bedeu­ten kann, mehr Fei­ern der älte­ren Lit­ur­gie zuzulassen.

Die­se Rück­sicht­nah­me gilt jenen, die der älte­ren Mes­se „auf­rich­tig“ ver­bun­den sind. Der Begriff „auf­rich­tig“ deu­tet einen Gegen­satz zu denen an, deren Bin­dung instru­men­tel­ler Natur ist – also zu jenen, die den Vetus Ordo für ande­re Zwecke nut­zen möch­ten. Deren Exi­stenz wird nicht geleug­net, und mög­li­cher­wei­se tru­gen sie zur bis­he­ri­gen Poli­tik bei; doch offen­kun­dig sind sie weni­ger bedeut­sam als die gro­ße Mehr­heit der Gläu­bi­gen, die die­se Form der Mes­se besu­chen, weil sie dar­in geist­li­che Erfül­lung fin­den. Ist dies der Fall, so bedarf es kei­ner wei­te­ren Motivation.

Die Bedeu­tung und Ange­mes­sen­heit einer sol­chen Lösung wird wei­ter prä­zi­siert. Sie ist des­halb wich­tig, weil die gegen­wär­ti­ge Situa­ti­on eine „schmerz­li­che Wun­de“ dar­stellt. Die Ver­ant­wor­tung für die­se Wun­de wird nie­man­dem aus­drück­lich zuge­schrie­ben; viel­leicht ist es am besten, sie als unglück­li­ches Ergeb­nis der Geschich­te zu betrach­ten, ein­schließ­lich jüng­ster Ent­wick­lun­gen. Bei ober­fläch­li­cher Betrach­tung könn­te die Meta­pher der „Wun­de“ auf die Spal­tung anspie­len, die allein schon durch das Neben­ein­an­der zwei­er kon­kur­rie­ren­der lit­ur­gi­scher Riten ent­steht. Wenn Papst Leo jedoch an einer prak­ti­schen Lösung im Inter­es­se der Anhän­ger der älte­ren Form inter­es­siert ist, kann dies nicht gemeint sein. Die Wun­de, die den Hei­li­gen Vater bewegt, ist viel­mehr eine, die durch eine „groß­zü­gi­ge“ Ein­be­zie­hung der dem Vetus Ordo Ver­bun­de­nen geheilt wer­den kann. Dies legt nahe, daß er deren gegen­wär­ti­ge tie­fe Unzu­frie­den­heit im Blick hat – das Gefühl, von der seel­sorg­li­chen Sor­ge der Kir­che aus­ge­schlos­sen zu sein. Papst Leo ruft die Bischö­fe dazu auf, die Emp­find­lich­kei­ten die­ser Gläu­bi­gen zu ver­ste­hen und, auf die­ser Grund­la­ge, durch ent­spre­chen­de Maß­nah­men die Fei­er die­ser Lit­ur­gie zu ermöglichen.

Man­che mögen ein­wen­den, daß auch die Anhän­ger des Vetus Ordo ein grö­ße­res Ver­ständ­nis für die ande­re Sei­te der Debat­te auf­brin­gen könn­ten. Doch rich­tet sich die­ses Schrei­ben nicht an eine Ver­samm­lung von Tra­di­tio­na­li­sten, son­dern an eine Ver­samm­lung von Bischö­fen. Tat­säch­lich ist die Situa­ti­on in bezug auf das Ver­ständ­nis nicht sym­me­trisch. Die über­wäl­ti­gen­de Mehr­heit der Katho­li­ken, die der älte­ren Mes­se ver­bun­den sind, kennt die refor­mier­te Lit­ur­gie und deren Teil­neh­mer sehr genau, da sie jahr­zehn­te­lang mit dem Novus Ordo gelebt und den Vetus Ordo erst im Erwach­se­nen­al­ter ent­deckt haben. Umge­kehrt ist das tra­di­tio­nel­le Milieu – wenig über­ra­schend – für jene Prie­ster und Bischö­fe, die ihm kaum begeg­net sind, weit­ge­hend unbekannt.

Die Ange­mes­sen­heit einer Rück­sicht­nah­me auf den Vetus Ordo wird fer­ner dadurch unter­stri­chen, daß sie aus „einer Per­spek­ti­ve her­vor­geht, die es Brü­dern, berei­chert durch ihre Ver­schie­den­heit, erlaubt, ein­an­der in der Lie­be und in der Ein­heit des Glau­bens anzu­neh­men“. Von größ­ter Bedeu­tung ist hier­bei, daß der Vetus Ordo als Teil einer posi­ti­ven „Viel­falt“ ver­stan­den wird. Dies bedeu­tet, daß Papst Leo ihn als etwas begreift, das der Kir­che etwas zu geben hat – etwas, das das Gan­ze „berei­chert“ – und daß er dies in Lie­be und in der Ein­heit des Glau­bens zu lei­sten vermag.

Die dem Vetus Ordo Ver­bun­de­nen sind, wie alle Katho­li­ken, zur Ein­heit des Glau­bens beru­fen, und die­sem Ruf fol­gen Tra­di­tio­na­li­sten bereit­wil­lig. Ent­schei­dend ist jedoch, daß die älte­re Lit­ur­gie selbst nicht als Hin­der­nis für die­se Ein­heit ange­se­hen wird. Genau die­se Vor­stel­lung dien­te Papst Fran­zis­kus in Tra­di­tio­nis cus­to­des als Begrün­dung für die Ein­schrän­kung der alten Mes­se: daß lit­ur­gi­sche Viel­falt die Ein­heit der Kir­che unter­gra­be. Die­ses Argu­ment wur­de zuletzt von Kar­di­nal Arthur Roche beim letz­ten Kon­si­sto­ri­um in dem kur­zen Papier wie­der­holt, das er den Kar­di­nä­len vorlegte.

Das nun­meh­ri­ge Schrei­ben dürf­te die­sem Argu­ment den Todes­stoß ver­set­zen. Gleich­wohl bleibt das Pro­blem bestehen, daß Tra­di­tio­nis cus­to­des wei­ter­hin gel­ten­des Kir­chen­recht ist und die Bischö­fe in Frank­reich wie auch anders­wo erheb­lich dar­an hin­dert, die nun von Papst Leo gefor­der­ten prak­ti­schen Lösun­gen umzu­set­zen. Es ist ihnen nicht gestat­tet, Fei­ern des Vetus Ordo in Pfarr­kir­chen zu geneh­mi­gen; sie kön­nen kei­ne neu­en Per­so­nal­pfar­rei­en errich­ten; und sie dür­fen Prie­stern, die seit Inkraft­tre­ten von Tra­di­tio­nis cus­to­des geweiht wur­den, die Fei­er die­ser Lit­ur­gie nicht erlau­ben. All die­se Maß­nah­men waren aus­drück­lich dar­auf aus­ge­rich­tet, die älte­re Lit­ur­gie zurück­zu­drän­gen und eine lit­ur­gi­sche Ein­heit her­zu­stel­len – „in der gan­zen Kir­che des römi­schen Ritus“, wie Papst Fran­zis­kus for­mu­lier­te. Wenn Papst Leo die Kri­tik an der lit­ur­gi­schen Viel­falt zurück­weist und statt­des­sen prak­ti­sche Lösun­gen für eine ande­re Wun­de in der Kir­che sucht – eine Wun­de, die durch die Mar­gi­na­li­sie­rung der dem Vetus Ordo ver­bun­de­nen Katho­li­ken ent­stan­den ist –, dann wird er die­se Rege­lun­gen erneut in den Blick neh­men müssen.

*Joseph Shaw ist ein bri­ti­scher Phi­lo­soph und katho­li­scher Publi­zist. Er lehrt an der Uni­ver­si­tät Oxford und ist Vor­sit­zen­der von Una Voce Inter­na­tio­nal, einer Orga­ni­sa­ti­on zur För­de­rung des über­lie­fer­ten latei­ni­schen Ritus. Sein Bei­trag wur­de am 27. März vom Catho­lic Herald veröffentlicht.

Über­set­zung: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: The Catho­lic Herald (Screen­shot)

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