Der Umgang des Vatikans mit Mißbrauchsvorwürfen steht seit Jahren unter kritischer Beobachtung. Kaum ein Fall verdeutlicht die strukturellen Spannungen mehr wie jener um den ehemaligen Jesuiten und Priesterkünstler Marko Ivan Rupnik. Während die kirchlichen Behörden wiederholt Transparenz und Aufarbeitung in Aussicht stellen, wächst bei den Betroffenen der Eindruck, daß hinter den Mauern des Kirchenstaats weiterhin vor allem eines herrscht: Schweigen.
Noch im November 2025 hatte Papst Leo XIV. öffentlich erklärt, ein neues kirchenrechtliches Verfahren gegen Rupnik sei eingeleitet und ein Richterkollegium eingesetzt worden. Diese Ankündigung sollte Vertrauen schaffen – sowohl bei den Opfern als auch in der weltweiten Öffentlichkeit. Wenige Monate später ist davon wenig übrig. Weder über den Stand des Verfahrens noch über dessen konkrete Ausgestaltung gibt es verläßliche Informationen.
Besonders scharf fällt die Kritik der Anwältin Laura Sgrò aus, die fünf der mutmaßlichen Opfer vertritt. Sie beklagt nicht nur mangelnde Kommunikation, sondern eine vollständige Intransparenz. Weder die Zusammensetzung des Richtergremiums noch Verfahrensdetails seien bekannt. Mehrfach gestellte Anfragen an das zuständige Glaubensdikasterium seien unbeantwortet geblieben. Für die Betroffenen sei dies eine zusätzliche Belastung – ein Zustand, der aus rechtsstaatlicher Perspektive kaum hinnehmbar erscheine.
Der Fall selbst ist brisant: Rund dreißig Frauen, überwiegend Ordensschwestern bzw. heute ehemalige Ordensschwestern, werfen Rupnik sexuellen und psychischen Mißbrauch vor. Die Vorwürfe betreffen mehrere Jahrzehnte. Die Schwere der Anschuldigungen wird dadurch verstärkt, daß der Beschuldigte über Jahre hinweg enge Verbindungen zu einflußreichen Kirchenvertretern in Rom pflegte vor allem auch zu Papst Franziskus. Letzterer hob 2020 persönlich eine zuvor verhängte Exkommunikation auf – ein Schritt, der bis heute Fragen aufwirft.
Während das Verfahren stagniert, verlagert sich die Debatte zunehmend auf einen symbolträchtigen Nebenschauplatz den Umgang mit Rupniks Kunstwerken. Seine Mosaike schmücken, aufgrund der massiven Förderung, die er viele Jahre genoß, zahlreiche Kirchen und Heiligtümer weltweit. Einige Bischöfe plädieren inzwischen dafür, diese Werke zu entfernen oder zumindest zu verdecken, um den Opfern weiteren Schmerz zu ersparen. Im französischen Wallfahrtsort Lourdes wurden entsprechende Darstellungen bereits verhüllt. In Rom hingegen bleibt man auffallend zurückhaltend – auch dort, wo Rupniks Arbeiten besonders präsent sind. Einige Heiligtümer entschieden, keine Verhüllung der Rupnik-Kunst vorzunehmen.
Ein bemerkenswertes Signal setzte jüngst erneut Papst Leo XIV.: Während geistlicher Exerzitien wich er demonstrativ der Kapelle aus, die mit Rupnik-Mosaiken ausgestattet ist, und wählte stattdessen einen anderen Ort, wie Franca Giansoldati, die Vatikanistin der Römischen Tageszeitung Il Messaggero berichtet. Eine offizielle Begründung blieb aus. Damit fehlt auch eine Bestätigung für diese Interpretation. Sollen Andeutungen klare Aussagen ersetzen, Gesten eine transparente Kommunikation?
Immerhin wurden vom Jesuitenorden Konsequenzen gezogen. Die Gesellschaft Jesu gestand eigenes Versagen ein und bat die Opfer um Vergebung. Rupnik wurde schließlich aus dem Orden ausgeschlossen, nachdem er sich geweigert hatte, Verantwortung zu übernehmen oder therapeutische Hilfe anzunehmen.
Doch dieser Schritt ersetzt kein geregeltes Verfahren. Für die Betroffenen bleibt entscheidend, daß die Kirche nicht nur moralische Einsicht zeigt, sondern auch institutionell handelt mit einem fairen Verfahren, das sowohl die Rechte des Beschuldigten wahrt als auch den Opfern Gehör verschafft.
Im Fall Rupnik wird damit nicht nur über Schuld oder Unschuld entschieden – sondern auch über die Glaubwürdigkeit einer Institution, die für sich beansprucht, moralische Orientierung zu geben und aufgrund einer latent herrschenden Kirchenfeindlichkeit in maßgeblichen gesellschaftlichen Kreise viele genauer unter die Lupe genommen wird, als jede andere Institution, obwohl sexueller Kindesmißbrauch in der Kirche quantitativ viel geringer auftritt, als in anderen Bereichen, ob in Jugendvereinen, Sportvereinen oder vor allem im engeren oder weiteren Familienbereich. Bis zu einem bestimmten Grad hat es System, mit dem Finger auf die Kirche zu zeigen, um von anderen Tätern abzulenken.
Dies entschuldigt aber keine einzige Tat im kirchlichen Kontext, weshalb Umkehr, Reue und ehrliche Aufarbeitung die einzige Antwort sein können.
Text: Giuseppe Nardi
Bild: VaticanMedia (Screenshot)
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