Von Caminante Wanderer*
Als ich zum ersten Mal an den Zeremonien der Karwoche nach dem „traditionellen“ Ritus teilnahm, geschah dies in der Kapelle der Priesterbruderschaft St. Pius X. (FSSPX) in Bonn. Ich war erstaunt festzustellen, daß diese Zeremonien praktisch dieselben waren wie jene, die ich jedes Jahr im Novus Ordo zu besuchen gewohnt war. Lediglich die Sprache war anders.
„Seltsam“, sagte ich mir damals, „daß Bugnini und seine Leute alles so gelassen haben, wie es vor dem Konzil war.“ Zu jener Zeit war ich jung und kannte die Geschichte nicht: Die Reform war bereits früher durchgeführt worden, und das, was ich – und viele andere – für die traditionelle Karwoche hielten, war in Wirklichkeit eine ebenso moderne Karwoche wie der Novus Ordo von Papst Paul VI.
Wenn dieses Thema gelegentlich zur Sprache kommt, halten viele Leser es für eine Nebensache, der man keine große Bedeutung beimessen müsse – eine Art byzantinischer Streit, der uns vom Wesentlichen ablenke. Ich glaube jedoch nicht, daß es sich um eine Nebensache handelt. Wenn man ernsthaft darüber sprechen will, ist es am besten, zunächst zu betrachten, worin diese Reform bestand und warum ein Interesse daran besteht, den früheren Ritus zu feiern. Nur wenige von denen, die darüber sprechen oder Kritik üben, wissen tatsächlich, worum es geht. Viele meinen, es habe sich lediglich um Änderungen der Uhrzeiten gehandelt: Die Osternacht wurde nicht mehr am Samstagmorgen, sondern in der Nacht gefeiert. In Wirklichkeit war dies nur ein Detail. Die Veränderungen waren viel tiefgreifender. Ein Text von Papst Paul VI., der in der Apostolischen Konstitution zur Einführung des Meßbuchs von 1969 erscheint, ist in dieser Hinsicht aufschlußreich:
„Es hat sich gezeigt, daß die Formeln des Römischen Meßbuchs überarbeitet und bereichert werden mußten. Der erste Schritt einer solchen Reform war bereits durch Unseren Vorgänger Pius XII. mit der Reform der Osternacht und der Riten der Karwoche getan worden, die den ersten Schritt der Anpassung des Römischen Meßbuchs an die Mentalität der Gegenwart darstellten.“
So ist es. Die Reformen der Karwochenzeremonien Mitte der 1950er Jahre wurden durchgeführt, um damit zu beginnen, die römische Liturgie an die Mentalität der modernen Welt anzupassen. Der klarste Beweis dafür ist nicht nur die Aussage Pauls VI., sondern auch die Identität jener, die diese Reform ausführten: Annibale Bugnini, Carlo Braga und Ferdinando Antonelli – dieselben Personen, die ein Jahrzehnt später die Reform des gesamten Missale Romanum durchführen und das eigentümliche Gebilde des Novus Ordo Missae hervorbringen sollten.
Ich werde mehrere Beiträge darauf verwenden, die Reformen, die unter dem Pontifikat von Pius XII. eingeführt wurden, im Detail zu erläutern, und mich dabei auf eine bereits vor einigen Jahren erschienene Arbeit von Pater Stefano Carusi stützen.
Die in der Reform der Karwoche von 1955 eingeführten Veränderungen beschränkten sich nicht auf die Uhrzeiten, die zum Wohl der Gläubigen legitimerweise und vernünftigerweise hätten angepaßt werden können. Schon am Palmsonntag wurde ein Ritus eingeführt, der zum Volk hin und mit dem Rücken zum Kreuz und zu Christus im Altar gefeiert wird; am Gründonnerstag wurde den Laien erlaubt, Zugang zum Chorraum zu erhalten; im Ritus des Karfreitags wurden die Ehrenbezeugungen gegenüber dem Allerheiligsten Sakrament vermindert und die Verehrung des Kreuzes verändert; am Karsamstag wurde nicht nur der reformerischen Phantasie der Experten freier Lauf gelassen, sondern auch die Symbolik in bezug auf die Erbsünde und auf die Taufe als Zugangstor zur Kirche zerstört. In einer Zeit, in der man die „Wiederentdeckung der Heiligen Schrift“ verkündete, wurden gerade an diesen höchst wichtigen Tagen die biblischen Lesungen reduziert; sogar die Evangelientexte über die Einsetzung der Eucharistie bei Matthäus, Lukas und Markus wurden gekürzt. Bis dahin wurde, wenn an diesen Tagen die Einsetzung der Eucharistie gelesen wurde, diese stets mit der Passionsgeschichte in Verbindung gebracht, um zu zeigen, in welcher Weise das Letzte Abendmahl eine Vorwegnahme des Kreuzestodes war und zugleich darauf hinzuweisen, daß dieses Mahl einen Opfercharakter hatte. Drei Tage waren der Lesung dieser Evangelienstellen gewidmet: der Palmsonntag sowie der Dienstag und der Mittwoch der Karwoche. Durch die Reform verschwand jedoch die Einsetzung der Eucharistie aus diesem gesamten liturgischen Zyklus.
Der gesamte Ansatz der Reform Pius’ XII. ist von einer Mischung aus Rationalismus und Archäologismus durchdrungen, deren Konturen oft phantasievoll erscheinen. Damit soll nicht behauptet werden, daß diesem Ritus die notwendige Orthodoxie fehle; doch muß auf die Inkohärenz und die Eigentümlichkeiten einiger Riten der reformierten Karwoche hingewiesen werden. Zugleich ist es notwendig, die Möglichkeit und Legitimität einer theologischen Diskussion über dieses Thema einzufordern, um die wahre Kontinuität im liturgischen Ausdruck der Tradition zu suchen.
Nach den Worten von Pater Carlo Braga, dem persönlichen Sekretär von Monsignore Bugnini, war diese Reform „der Rammbock“, der die römische Liturgie an den heiligsten Tagen des Jahres destabilisiert habe, und ein derartiges Durcheinander habe bemerkenswerte Auswirkungen auf den gesamten späteren liturgischen Geist gehabt. Tatsächlich markierte sie den Beginn einer bedenklichen Haltung, nach der man in liturgischen Fragen nach dem Geschmack der Experten handeln oder auch wieder rückgängig machen könne; man konnte Elemente abschaffen oder wieder einführen, je nach historisch-archäologischen Hypothesen, nur um später festzustellen, daß sich die Historiker geirrt hatten (das bekannteste Beispiel werden – mutatis mutandis – die vielgepriesene „Kanones des Hippolyt“ sein).
Die Liturgie ist kein Spielzeug in den Händen des gerade modischen Theologen oder Symbolikers. Ihre Kraft erhält sie aus der Tradition: aus dem Gebrauch, den die Kirche unfehlbar von ihr gemacht hat; aus Gesten, die über Jahrhunderte hinweg wiederholt wurden; aus einer Symbolik, die nicht nur in den Köpfen origineller Akademiker existieren kann, sondern dem gesunden Sinn des Klerus und des Volkes entspricht, die über Jahrhunderte hinweg auf diese Weise gebetet haben. Unsere Analyse wird durch die Zusammenfassung von Pater Braga bestätigt, der ein außergewöhnlicher Zeuge dieser Ereignisse war:
„Was in der Zeit Pius’ V. und Urbans VIII. aus psychologischen und geistlichen Gründen – wegen der Tradition, wegen unzureichender geistlicher und theologischer Bildung und wegen mangelnder Kenntnis der liturgischen Quellen – nicht möglich gewesen wäre, wurde in der Zeit Pius’ XII. möglich.“
(Carlo Braga: „Maxima Redemptionis Nostrae Mysteria“ 50 anni dopo (1955–2005), in: Ecclesia Orans Nr. 23, 2006, S. 18)
Unter dem Vorwand des Archäologismus ersetzt man letztlich die tausendjährige Weisheit der Kirche durch die Launen persönlichen Ermessens. Auf diese Weise reformiert man die Liturgie nicht, sondern deformiert sie. Unter dem Vorwand, alte Elemente wiederherzustellen – gestützt auf wissenschaftliche Studien von zweifelhaftem Wert –, löst man sich von der Tradition; nachdem man das liturgische Gefüge zerstückelt hat, flickt man es mit auffälligen Flicken zusammen, die aus archäologischen Fragmenten von fraglicher Authentizität bestehen. Die Unmöglichkeit, die Riten, die einst existierten, aber seit Jahrhunderten verschwunden sind, vollständig wiederzubeleben, führt dazu, daß die Restaurationsarbeit der freien Phantasie der Experten überlassen bleibt.
Die Protokolle der von Pius XII. im Jahr 1948 eingesetzten Kommission wurden in italienischer Übersetzung als Anhang zum Buch von Nicola Giampietro: Il card. Ferdinando Antonelli e gli sviluppi della riforma liturgica dal 1948 al 1970 (Kardinal Ferdinando Antonelli und die Entwicklungen der Liturgiereform von 1948 bis 1970) veröffentlicht. In dieser Kommission, die aus etwa einem halben Dutzend Mitgliedern bestand, spielte Bugnini eine eher untergeordnete Rolle – die Entscheidungen wurden im wesentlichen von Bea und Antonelli getroffen. Außerdem war die Kommission auch mit einer radikalen Reform des Breviers beauftragt, mit dem Ziel, einen neuen Kalender zu schaffen. Daraus lassen sich zwei Dinge erkennen: Erstens hing die Richtung dieser „Reformen“ nicht allein von Bugnini ab; es gab vielmehr viele weitere Personen in leitenden Positionen, die sie unterstützten. Zweitens bestand die Aufgabe der sogenannten Pius-Kommission nicht nur darin, die Karwoche zu reformieren, sondern die Liturgie insgesamt. Das bedeutet, daß – entgegen der verbreiteten Darstellung in traditionellen Kreisen – auch ohne ein Konzil die Messe wahrscheinlich verändert worden wäre.
Die „Reform“ der Karwoche durch Pius XII. sowie die Abschaffung des römischen Psalters durch den heiligen Pius X. stellen ein Verbrechen gegen die Tradition der Kirche dar, das dem Novus Ordo Pauls VI. vergleichbar ist. Mehr noch: Die meisten charakteristischen Elemente des neuen Ritus finden sich bereits in der Karwoche Pacellis wieder – Riten in der Volkssprache und zum Volk hin („Erneuerung der Taufversprechen“, ohne Vorbild in der früheren Liturgie), der Priester hört die Lesungen sitzend an (Lesung der Prophezeiungen), die Abschaffung des Stufengebets (Messen am Karsamstag und am Palmsonntag) usw. Außerdem enthalten die neuen Riten Elemente, die mit der Tradition völlig brechen und Zweifel an der Rechtgläubigkeit der Reform-Verantwortlichen aufkommen lassen: Katechumenen – Menschen, die noch nicht Kinder Gottes sind – betreten das Heiligtum, um dort getauft zu werden; am Karfreitag werden die Großen Fürbitten und die abschließenden Gebete super populum mit dem Buch in der Mitte des Altares gelesen, wie es in protestantischen Riten geschieht. Die Reduzierung der Prophezeiungen des Karsamstags (Osternachtliturgie) warf eine ehrwürdige Praxis der Kirche von Jerusalem über Bord.
Aus Giampietros Buch läßt sich außerdem schließen, daß – entgegen der Legende – Pius XII. regelmäßig über alles informiert wurde, was die Kommission tat; mehr noch: Er begrüßte sämtliche Veränderungen mit Begeisterung. Daher ist er für dieses Vergehen gegen die Tradition ebenso verantwortlich wie Paul VI. für den Novus Ordo. Wenn man zudem bedenkt, daß er bereits 1947 (Mediator Dei, Nr. 10) den ehrwürdigen Grundsatz „legem credendi lex statuat supplicandi“ („Das Gesetz des Betens bestimmt das Gesetz des Glaubens“) umkehrte und sich damit faktisch absolute Verfügungsrechte über den liturgischen Schatz der Kirche zuschrieb – ist es da nicht naheliegend anzunehmen, daß dies gerade als Rechtfertigung für bereits geplante Veränderungen diente, die darauf abzielten, eine neue „moderne“ Liturgie ausschließlich unter dem Diktat des jeweiligen Papstes zu schaffen? Man erinnere sich außerdem daran, daß 1950 auch die Riten der Diakonen‑, Priester- und Bischofsweihe verändert wurden, um sie an das Lehramt Pius’ XII. anzupassen.
Schließlich wird in Diskussionen über die „Osternacht“ häufig auf die Uhrzeit der Zeremonien verwiesen und darauf, daß es unnatürlich sei, die Vigil am Samstagmorgen zu feiern. Hier handelt es sich jedoch um ein terminologisches Problem: Was wir „Osternacht“ nennen, ist in Wirklichkeit überhaupt keine Vigil, sondern die (taufbezogene) Vesperliturgie des Karsamstags. Die eigentliche Vigil sind die Matutin und die Laudes von Ostern, die in der Nacht von Samstag auf Sonntag gefeiert wurden. Da die neue Osternacht zur selben Zeit gefeiert werden sollte, wurde die eigentliche Vigil im Jahr 1952 abgeschafft.
*Caminante Wanderer ist ein argentinische Philosoph und Blogger.
Übersetzung: Giuseppe Nardi
Bild: Caminante Wanderer
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