Zur Lage der Kirche – Frage 9

60 Jahre nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil – Eine Analyse


Don Michael Gurtner: Zur Lage der Kirche

Von Don Micha­el Gurtner*

Fra­ge 9: Zufall oder Zusammenhang?

Ant­wort: Ich wür­de ein­deu­tig einen Zusam­men­hang dar­in sehen, der dar­in besteht, daß die Kir­che zu sehr ver­welt­licht ist, das heißt: Sie ist seit Jahr­zehn­ten in einem Pro­zeß gefan­gen, der sie immer mehr selbst zur Welt macht. Sie denkt und han­delt nicht mehr eigen­stän­dig, jeden­falls nicht in Euro­pa (auch nicht in Rom!), son­dern läßt sich letzt­lich vom Dik­tat der Welt, und damit auch von Welt­po­li­tik und Zeit­geist regie­ren. Pfar­rei und Gesamt­kir­che wer­den nicht mehr vom Pfarr­herrn oder dem Papst regiert, son­dern vom Lob und Tadel der Medi­en, von der „Stim­mung bei den Leu­ten“ und der (Finanz-)Politik. Das hat sie selbst so gewollt und her­bei­ge­führt: Daß Papst Paul VI die Tia­ra abge­legt hat, war mehr als nur ein Gestus, es war ein Para­dig­men­wech­sel, der dar­in bestand, daß die Kir­che ihre Aut­ar­kie auf­ge­ge­ben hat. Man woll­te nicht mehr als eine Art „Gegen­part“ zur Welt erschei­nen, schon gar nicht als ein Kor­rek­tiv, son­dern ein­fach „mit ihr auf dem Weg sein“, wie man in der Kir­che heu­te so oft und so platt sagt. Letzt­lich war es eine fata­le Ent­schei­dung, wie der Ver­lauf der Geschich­te genau­so zeigt wie eine theo­lo­gi­sche Ana­ly­se, weil dadurch auch der Welt selbst ein sta­bi­li­sie­ren­des und kor­ri­gie­ren­des Ele­ment abhan­den­ge­kom­men ist und die Kir­che von sich aus auf einen ihrer wich­tig­sten Auf­trä­ge ver­zich­te­te, näm­lich Sau­er­teig der Welt und Salz der Erde zu sein. Para­do­xer­wei­se hat sie sich gera­de durch ihre Anglei­chung an die Welt die­ser ver­mehrt ver­schlos­sen und ent­zo­gen, und ihr somit etwas Wich­ti­ges genom­men, weil sie nun ihre Auf­ga­be in und an der Welt nicht mehr erfüllt. Aber auch das war wie­der­um nur mög­lich, weil die Über­zeu­gung vom Abso­lu­ten geschwächt war, so wie es von athe­isti­schen und agno­sti­schen Krei­sen ja schon lan­ge pro­pa­giert wur­de. Nun aber begann die Kir­che nicht nur, sich nicht mehr dage­gen zu ver­weh­ren, son­dern nahm schritt­wei­se selbst aktiv die­se Hal­tung an.

*Mag. Don Micha­el Gurt­ner ist ein aus Öster­reich stam­men­der Diö­ze­san­prie­ster, der in der Zeit des öffent­li­chen Meß­ver­bots die­sem wider­stan­den und sich gro­ße Ver­dien­ste um den Zugang der Gläu­bi­gen zu den Sakra­men­ten erwor­ben hat. Die aktu­el­le Kolum­ne erscheint jeden Samstag.


Das Buch zur Rei­he: Don Micha­el Gurt­ner: Zur Lage der Kir­che, Selbst­ver­lag, 2023, 216 Seiten.


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