Apostolischer Nuntius in Rußland von Papst Franziskus in Audienz empfangen

Erste persönliche Begegnung seit Ausbruch der Kampfhandlungen

Am Mittwoch trafen der Moskauer Patriarch Kyrill I. und der Apostolische Nuntius in Rußland, Erzbischof Giovanni d'Aniello, in Moskau zusammen. Gestern berichtete der Nuntius Papst Franziskus in Rom.
Am Mittwoch trafen der Moskauer Patriarch Kyrill I. und der Apostolische Nuntius in Rußland, Erzbischof Giovanni d'Aniello, in Moskau zusammen. Gestern berichtete der Nuntius Papst Franziskus in Rom.

(Rom) Papst Fran­zis­kus emp­fing gestern den Apo­sto­li­schen Nun­ti­us in Ruß­land in Audi­enz. Es war die erste per­sön­li­che Begeg­nung seit Aus­bruch der rus­sisch-ukrai­ni­schen Kampf­hand­lun­gen. Die Frie­dens­be­mü­hun­gen des Kir­chen­ober­haup­tes gehen wei­ter, eben­so die Vor­be­rei­tun­gen für eine zwei­te Begeg­nung mit dem rus­sisch-ortho­do­xen Patri­ar­chen Kyrill I.

Wäh­rend man­che Poli­ti­ker im Westen sich im Inter­es­se der Biden-Regie­rung in den USA in den ver­gan­ge­nen Wochen gegen­sei­tig in Kriegs­lärm gegen Ruß­land zu über­tref­fen ver­such­ten, auf­fal­lend laut­stark Ver­tre­ter der Grü­nen und der SPD, die selbst den Wehr­dienst ver­wei­gert haben, es aber kaum erwar­ten kön­nen, ande­re in den Krieg zu schicken, hält sich der Hei­li­ge Stuhl wei­ter­hin zurück. Als ehr­li­cher Mak­ler kön­ne nur auf­tre­ten, wer das dazu not­wen­di­ge Ver­trau­en genießt, heißt es in Rom.

Zugleich bemüht sich der Vati­kan seit Ende Febru­ar um die Rück­kehr der Kon­flikt­par­tei­en an den Ver­hand­lungs­tisch. Zu die­sem Zweck emp­fing gestern Papst Fran­zis­kus den Apo­sto­li­schen Nun­ti­us in Ruß­land, Erz­bi­schof Gio­van­ni d’Aniello, in Audi­enz. Wegen des anhal­ten­den Drucks auf den Hei­li­gen Stuhl von west­li­cher Sei­te, die Neu­tra­li­tät auf­zu­ge­ben, bemüh­te sich der Vati­kan, die Begeg­nung herunterzuspielen.

Offi­zi­ell ließ das vati­ka­ni­sche Pres­se­amt wis­sen, daß es sich bei der Begeg­nung um eine rei­ne Rou­ti­ne­au­di­enz gehan­delt habe, zu denen der Papst die Nun­tien emp­fan­ge. Es gebe, so die Bot­schaft, kei­nen direk­ten Zusam­men­hang mit dem Ukrai­ne­kon­flikt, wenn­gleich natür­lich auch dar­über gespro­chen wor­den sei.

In Wirk­lich­keit ging es um zwei kon­kre­te The­men, die Ukrai­ne und eine zwei­te Begeg­nung mit dem rus­sisch-ortho­do­xen Patri­ar­chen Kyrill I.

Papst Fran­zis­kus ließ sich von sei­nem Bot­schaf­ter in Mos­kau über die aktu­el­le Ent­wick­lung in Ruß­land infor­mie­ren und erteil­te Instruk­tio­nen über des­sen Wir­ken gegen­über der rus­si­schen Staats­füh­rung und dem Mos­kau­er Patriarchat.

Am Ran­de wur­den auch Fra­gen der klei­nen katho­li­schen Min­der­heit in Ruß­land bespro­chen. Mit einer hal­ben Mil­li­on Gläu­bi­gen machen die Katho­li­ken 0,35 Pro­zent der Bevöl­ke­rung Ruß­lands aus.

Es war die erste per­sön­li­che Begeg­nung zwi­schen dem Papst und dem Nun­ti­us seit dem 24. Febru­ar, als die aktu­el­le Pha­se der Feind­se­lig­kei­ten in der Ost­ukrai­ne begann. Ins­ge­samt dau­ern die Feind­se­lig­kei­ten seit 2014 an. Damals wur­de der pro-rus­si­sche Staats­prä­si­dent der Ukrai­ne durch einen Putsch gestürzt. Dar­auf­hin pro­kla­mier­ten die Auto­no­me Repu­blik Krim und die bei­den Don­bass-Obla­ste Lug­ansk und Donezk, alle drei Ver­wal­tungs­ein­hei­ten wer­den von einer rus­si­schen Bevöl­ke­rungs­mehr­heit bewohnt, ihre Los­tren­nung von der Ukrai­ne. Die Auto­no­me Repu­blik Krim schloß sich Ruß­land an, wäh­rend die bei­den Don­bass-Obla­ste sich als selb­stän­di­ge Repu­bli­ken kon­sti­tu­ier­ten. Die neue, 2014 an die Macht gelang­te ukrai­ni­sche Staats­füh­rung ver­such­te seit­her die bei­den Don­bass-Obla­ste mili­tä­risch zurückzuerobern.

Über­schat­tet wur­de die Audi­enz des Nun­ti­us beim Papst, wenn auch nur am Ran­de, von einem Vor­fall: Ein mexi­ka­ni­scher Prie­ster des Opus Dei, Pater Fer­nan­do Vera, war eini­ge Tage zuvor aus Ruß­land aus­ge­wie­sen wor­den. Ihm wur­den 24 Stun­den gewährt, das Land zu ver­las­sen. Grün­de für die Aus­wei­sung wur­den offi­zi­ell nicht bekannt.

Inof­fi­zi­ell heißt es, für die Aus­wei­sung dürf­ten Pre­dig­ten des Prie­sters ver­ant­wort­lich sein, in denen er von einem „Krieg“ Ruß­lands gegen die Ukrai­ne sprach und die­sen kri­ti­siert hat­te. Mos­kau spricht offi­zi­ell von einer „mili­tä­ri­schen Son­der­ak­ti­on“. Die Sprach­re­ge­lung hat vor allem mit dem Anspruch Mos­kaus zu tun, „die gan­ze Rus“ zu ver­tre­ten. Ent­spre­chend ist auch kirch­lich vom „Patri­ar­chat von Mos­kau und der gan­zen Rus“ die Rede. Gemeint ist damit die Gesamt­heit aller rus­si­schen Völ­ker, der Rus­sen (Groß­rus­sen), Weiß­rus­sen und Klein­rus­sen (Ukrainer/​Ruthenen).

Der Mos­kau­er Patri­arch Kyrill I. war auch das zwei­te gro­ße The­ma der gest­ri­gen Audi­enz. Bevor der Apo­sto­li­sche Nun­ti­us nach Rom rei­ste, hat­te Erz­bi­schof d’Aniello in Mos­kau den Patri­ar­chen getroffen.

Dem natio­nal­kirch­li­chen Ver­ständ­nis der Ortho­do­xie ent­spre­chend steht Patri­arch Kyrill I. hin­ter dem Vor­ge­hen der Mos­kau­er Staats­füh­rung. Das wur­de von Papst Fran­zis­kus Anfang Mai in einem Inter­view auf­fal­lend hef­tig kri­ti­siert. Das Mos­kau­er Patri­ar­chat zeig­te sich ver­wun­dert, hielt sich in sei­ner Reak­ti­on jedoch sehr zurück.

In dem Inter­view hat­te Fran­zis­kus die hin­ter den Kulis­sen seit Mona­ten vor­be­rei­te­te zwei­te Begeg­nung mit dem Patri­ar­chen im Liba­non (alter­na­tiv in Jeru­sa­lem) ad acta gelegt. In Wirk­lich­keit wur­de zugleich sofort nach einem „geeig­ne­te­ren“ Rah­men für eine Begeg­nung gesucht. Dafür wird das inter­re­li­giö­se Tref­fen der Welt- und Reli­gi­ons­füh­rer im Sep­tem­ber in der Pyra­mi­de von Nur-Sul­tan in Kasach­stan ins Auge gefaßt.

Papst Fran­zis­kus hat sei­nen Kurs im Ukrai­ne­kon­flikt und gegen­über dem Mos­kau­er Patri­ar­chat dem­nach nicht geän­dert. Er arbei­tet wei­ter­hin dar­an, den Dia­log zwi­schen Rom und Mos­kau trotz der gegen­tei­li­gen Posi­ti­on des Westens auf­recht­zu­er­hal­ten und zu erwei­tern. Dahin­ter steht der seit Johan­nes Paul II. geheg­te Wunsch Roms, daß der Papst Ruß­land besu­chen kann. Wäh­rend sei­ne Vor­gän­ger seit den 80er Jah­ren ver­ge­bens dar­auf gewar­tet haben, war noch kein Papst dem Ziel näher als Fran­zis­kus, dem sich Ruß­lands Tore öff­nen könn­ten. Noch ist aller­dings nichts fix. Soll­te die Begeg­nung mit Kyrill in Kasach­stan zustan­de­kom­men, stün­de der Papst zumin­dest schon im rus­si­schen Vorhof.

Pater Anto­nio Spa­daro, Schrift­lei­ter der römi­schen Jesui­ten­zeit­schrift La Civil­tà Cat­to­li­ca und einer der eng­sten Ver­trau­ten des Pap­stes, beton­te gestern: Laut Fran­zis­kus „müs­sen wir mit allen, wirk­lich mit allen, in Dia­log tre­ten“. Der Jesu­it füg­te noch hinzu:

„Die vati­ka­ni­sche Diplo­ma­tie schaut auf die Gegen­wart, aber auch auf die nahe Zukunft. In die­sem Sin­ne ist sie ein­deu­tig in ihrer Ver­ur­tei­lung, aber sie zielt dar­auf ab, zu weben, nicht zu schneiden.“

Was P. Spa­daro nicht sag­te: Die vati­ka­ni­sche Diplo­ma­tie ver­fügt auch über das läng­ste Gedächt­nis aller Diplo­ma­ti­en. Kei­ne Staats­kanz­lei ist bes­ser mit der Ver­gan­gen­heit ver­traut als der Vatikan.

In der Zwi­schen­zeit wur­de von Fran­zis­kus, nach den Kar­di­nä­len Kon­rad Kra­jew­ski und Micha­el Czer­ny SJ und nach dem vati­ka­ni­schen Außen­mi­ni­ster Richard Gal­lag­her, noch ein wei­te­rer Kar­di­nal nach Kiew ent­sandt. Offi­zi­ell geht es dabei um die Unter­stüt­zung der ukrai­ni­schen Flücht­lin­ge. In Wirk­lich­keit drängt der Hei­li­ge Stuhl neben Wla­di­mir Putin auch die Staats­füh­rung um Wolo­dym­yr Selen­skyj, an den Ver­hand­lungs­tisch zurückzukehren.

Der neue Gesand­te des Pap­stes ist Kar­di­nal Leo­nar­do San­dri, Prä­fekt der römi­schen Kon­gre­ga­ti­on für die ori­en­ta­li­schen Kir­chen und Sub­de­kan des Kar­di­nals­kol­le­gi­ums. Er erreich­te heu­te die rumä­nisch-ukrai­ni­sche Gren­ze, um dort Hil­fe zu lei­sten und den Ukrai­nern „die Nähe des Pap­stes zu bezeu­gen“. Zudem sam­melt er aber auch Infor­ma­tio­nen für San­ta Mar­ta und depo­niert die Anlie­gen von Fran­zis­kus gegen­über Kiew, so wie Nun­ti­us d’Aniello gestern Instruk­tio­nen erhielt, die er gegen­über Mos­kau zu ver­tre­ten hat.

Text: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: MiL

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