„Pedro Arrupe war ein Prophet“

Papst Franziskus über den umstrittensten Jesuitengeneral



Papst Franziskus bei seiner Begegnung mit den Jesuiten Thailands am 22. November 2019 in Sampran.
Papst Franziskus bei seiner Begegnung mit den Jesuiten Thailands am 22. November 2019 in Sampran.

(Rom) Die römische Jesuitenzeitschrift La Civiltà Cattolica veröffentlichte in ihrer aktuellen Ausgabe (Heft 4067) eine Wiedergabe der Begegnung von Papst Franziskus mit den Jesuiten Thailands aus der Feder seines Vertrauten P. Antonio Spadaro SJ. Vergleichbar den fliegenden Pressekonferenzen geben diese ordensinternen Begegnungen besseren Einblick in das Denken von Papst Franziskus als seine offiziellen Ansprachen. Die zusammenfassende Veröffentlichung nach jedem Treffen erfolgt mit päpstlicher Zustimmung. Das Kirchenoberhaupt weiß, daß seine Antworten allgemein zugänglich gemacht werden.

Eine Frage der thailändischen Ordensmitbrüder bezog sich auf den Jesuiten-Flüchtlingsdienst Jesuit Refugee Service (JRS). In Berlin ist er seit 1996 mit einem Büro vertreten, in der Schweiz seit 2010, und in Österreich „konnte er seit 2015 wieder intensiv tätig werden“. Franziskus bekräftigte seine Forderung nach grenzenloser Migration und erklärte Flüchtlinge zu einem „theologischen Ort“.

Papst Franziskus: Für die Jesuiten ist die Arbeit mit Flüchtlingen zu einem echten „theologischen Ort“ geworden. Ich halte sie für einen theologischen Ort. Das war das Testament von P. Pedro Arrupe[1], der genau hier in Thailand in seiner letzten Rede die Bedeutung dieser Mission bekräftigte. Für mich war P. Arrupe ein Prophet: Sein „Schwanengesang“ war genau hier in Bangkok die Gründung des jesuitischen Flüchtlingsdienstes. Dann erlitt er auf dem Rückflug von Thailand nach Rom einen Schlaganfall.[2]
Das Flüchtlingsphänomen hat es immer gegeben, aber heute ist es besser bekannt wegen der sozialen Unterschiede, dem Hunger, den politischen Spannungen und vor allem des Krieges. Aus diesen Gründen verstärken sich die Migrationsbewegungen. Was ist die Antwort, die die Welt gibt? Die Politik der Aussonderung. Flüchtlinge sind Abfall. Das Mittelmeer wurde in einen Friedhof verwandelt. Die beeindruckende Grausamkeit einiger Haftanstalten in Libyen berührt mein Herz.
Hier in Asien kennen wir alle das Problem der Rohingya[3]. Ich muß zugeben, daß mich einige Erzählungen, die ich in Europa über die Grenzen höre, schockieren. Der Populismus gewinnt an Stärke. In anderen Gegenden gibt es Mauern, die sogar Kinder von ihren Eltern trennen. Mir kommt Herodes in den Sinn. Für die Drogen gibt es hingegen keine Mauern, die halten.
Wie ich dir bereits sagte, wird das Migrationsphänomen durch Krieg, Hunger und eine „Verteidigungsphilosophie“ noch verstärkt, die uns glauben läßt, daß es möglich ist, uns nur durch Angst und die Stärkung der Grenzen zu verteidigen. Auf der anderen Seite gibt es Ausbeutung. Wir wissen genau, wie die Kirche – wie viele Schwestern engagieren sich auf diesem Gebiet! – hart daran arbeitet, Mädchen vor Prostitution und verschiedenen Formen der Sklaverei zu retten. Die christliche Tradition hat eine reiche evangelische Erfahrung im Umgang mit dem Problem der Flüchtlinge.
Wir erinnern uns auch an die Wichtigkeit, den Fremden willkommen zu heißen, die uns das Alte Testament lehrt. Aber auch viele kleine volkstümliche Willkommensbräuche, wie das Bereitstellen eines leeren Stuhls an einem Festtag für den Fall, daß ein unerwarteter Gast kommt. Wenn die Kirche ein Feldlazarett ist, eines der Lazarette mit den meisten Verletzten, dann müssen wir gerade diese Krankenhäuser am meisten aufsuchen.
Ich kehre zum „theologischen Ort“ zurück: das Testament von P. Arrupe hat der Arbeit mit den Flüchtlingen einen großen Auftrieb gegeben, und er hat vor allem um eines gebeten: das Gebet, mehr Gebet. Die Rede, die er hier in Bangkok an die Jesuiten richtete, die mit den Flüchtlingen gearbeitet haben, war die, das Gebet nicht zu vernachlässigen. Wir müssen uns gut daran erinnern: das Gebet. Mit anderen Worten: Vergeßt in dieser physischen Peripherie nicht diese andere, die spirituelle. Nur im Gebet werden wir die Kraft und Inspiration finden, gut und fruchtbar in die „Unordnung“ der sozialen Ungerechtigkeit hineinzugehen.

Kaum ein Generaloberer ist umstrittener als Pedro Arrupe, den ein Teil des Jesuitenordens wie einen Heiligen verehrt. Am 5. Februar 2019 wurde sein Seligsprechungsverfahren eröffnet, das die Sympathie von Papst Franziskus findet.

Eine andere Frage, die Papst Franziskus von den anwesenden Jesuiten gestellt wurde, betraf das pastorale Handeln gegenüber den wiederverheirateten Geschiedenen. Die Frage scheint Franziskus nicht behagt zu haben. Im Gegensatz zur Flüchtlingsfrage, für die er sich viel Zeit nahm und ausführlich antwortete, blieb er zu diesem Punkt kurz angebunden und lenkte auf die nächste Frage um. Die Bereitschaft zur Antwort und deren Länge läßt eine Prioritätensetzung erkennen.

Bemerkenswert an seiner knappen Antwort ist eine verwirrende Gegenüberstellung, die der Papst als Gegensatz formulierte: Es gebe einerseits eine „kirchliche“ Antwort, die aber „nicht christlich“ sei, und seine Antwort, die er als „lehramtliche“ ausweist.

Papst Franziskus: Ich könnte dir auf zwei Arten antworten: auf kasuistische Weise, die aber nicht christlich ist, wenn sie auch kirchlich sein kann; oder nach dem Lehramt der Kirche, wie es im achten Kapitel von Amoris laetitia geschrieben steht, das heißt, einen Weg der Begleitung und der Unterscheidung zu machen, um Lösungen zu finden. Und das hat nichts mit der Situationsethik zu tun, sondern mit der großen moralischen Tradition der Kirche.
Aber ich sehe, daß die Zeit abgelaufen ist. Nehmen wir uns aber Zeit für eine weitere kurze Frage…

Text: Giuseppe Nardi
Bild: La Civiltà Cattolica (Screenshot)


[1] P. Pedro Arrupe (1907–1991) war von 1965–1981 28. Generaloberer des Jesuitenordens. Er förderte eine Allianz von Christentum und Sozialismus und ebenso den jungen P. Jorge Mario Bergoglio.

[2] Den Schlaganfall nützte Papst Johannes Paul II. Arrupe zu entmachten und die Wahl eines neuen Generaloberen einzuleiten.

[3] Die Rohingya sind eine muslimische Gruppe, die hauptsächlich in Bangladesch lebt, aber auch im Grenzgebiet von Myanmar, dem früheren Birma. Umstritten ist, ob es sich um eine autochthone Gruppe handelt, oder sie erst in jüngerer und jüngster Zeit aus dem stärker bevölkerten Bangladesch eingesickert sind. Seit sie sich als eigenständige Gruppe organisieren und politisch auftreten, kommt es zum Konflikt mit der birmanischen Regierung.

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1 Kommentar

  1. Zur Bewältigung des Flüchtlingsproblem: Von allem, was Franziskus dazu „daher geplaudert“ hat, ist lediglich die Notwendigkeit des Gebets uneingeschränkt gutzuheißen.
    Zur Frage des pastoralen Handelns gegenüber den wiederverheirateten Geschiedenen: Die „Antwort“, die Franziskus hierauf gegeben hat, hat seine Ordensbrüder vermutlich „faustisch ratlos“ zurückgelassen: „Da steh ich nun, ich armer Tor, und bin so klug als wie zuvor.“ Aber solche Antworten ist man bei Franziskus ja längst gewohnt.

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