Ein Dogma Maria Miterlöserin „wird vom Vatikan nicht befürwortet“

Interview mit P. Salvatore M. Perrella

Der Mariologe P. Salvatore M. Perrella über Marienerscheinungen, Marienfrömmigkeit und ein mögliches Dogma von Maria Miterlöserin.
Der Mariologe P. Salvatore M. Perrella über Marienerscheinungen, Marienfrömmigkeit und ein mögliches Dogma von Maria Miterlöserin.

(Rom) Die Inter­net-Zei­tung In Ter­ris ver­öf­fent­lich­te zum Hoch­fest Mariä Him­mel­fahrt ein Inter­view mit dem bekann­ten Dog­ma­ti­ker und Mario­lo­gen, P. Sal­va­to­re Maria Per­rel­la OSM.

P. Per­rel­la gehört dem Ser­vi­ten­or­den an und ist Rek­tor der Päpst­li­chen Theo­lo­gi­schen Fakul­tät Maria­num und Pro­fes­sor der Theo­lo­gie an der Medi­zi­ni­schen Fakul­tät Agosti­no Gen­mel­li in Rom. Er war Mit­glied der von Papst Bene­dikt XVI. ein­ge­setz­ten, soge­nann­ten Rui­ni-Kom­mis­si­on, die unter dem Vor­sitz von Camil­lo Kar­di­nal Rui­ni von 2010–2012 das Phä­no­men Med­jug­or­je unter­such­te.

In dem Inter­view erklärt P. Per­rel­la die vier maria­ni­schen Dog­men und spricht über die im gläu­bi­gen Volk leben­di­ge Mari­en­ver­eh­rung.

2015 bestä­tig­te er, daß Papst Fran­zis­kus „skep­tisch“ sei gegen­über der „soge­nann­ten ‚Madon­na von Med­jug­or­je‘, die einen stän­di­gen Fluß von Bot­schaf­ten sen­det, zuviel redet und sich zu fest­ge­leg­ten Stun­den zeigt“.

Zur Arbeit der Rui­ni-Kom­mis­si­on äußer­te sich der Ser­vit wegen der Schwei­ge­pflicht bis­her nicht. Nur soviel sag­te er: Die Kom­mis­si­on habe „gründ­lich und ernst­haft gear­bei­tet“. Das Urteil Roms wer­de der Tat­sa­che Rech­nung tra­gen und beto­nen, daß „Erschei­nun­gen immer mög­lich sind“, und wenn sie als echt aner­kannt wer­den, „ein Geschenk Got­tes sind“.

„Die Kir­che hat aber die Pflicht, den Pri­mat der Offen­ba­rung zu bewah­ren, indem sie die­se beson­de­ren Ereig­nis­se nur als Unter­stüt­zung des Evan­ge­li­ums Chri­sti ver­steht.
Die Jung­frau Maria ist strah­lend, aber den­noch immer ein Geschöpf Got­tes, das nie die Begeg­nung mit Chri­stus ver­dun­kelt, son­dern die­se immer för­dert. Es gel­ten die Wor­te Mari­ens im Johan­nes-Evan­ge­li­um: ‚Was Er euch sagt, das tut‘. Wie Johan­nes Paul II. lehr­te, gehö­ren die Erschei­nun­gen zur müt­ter­li­chen Mitt­ler­rol­le Mari­ens.“

Es ist bald 69 Jah­re her, daß die Kir­che zuletzt for­mal ein Dog­ma ver­kün­de­te, also eine Glau­bens­wahr­heit defi­nier­te, die alle Gläu­bi­gen mit der Kir­che zu glau­ben haben. Papst Pius XII. ver­kün­de­te mit der Apo­sto­li­schen Kon­sti­tu­ti­on Muni­ficen­tissmus Deus die leib­li­che Auf­nah­me Mari­ens in den Him­mel. Die­ses Hoch­fest wird am 15. August began­gen. Nicht Gegen­stand des Dog­mas ist die Fra­ge, ob die Ent­schlafung Mari­ens (Dor­mi­tio Vir­gi­nis) den natür­li­chen Tod oder einen tie­fen Schlaf meint, wie die Mehr­zahl der Theo­lo­gen sagt. Das Fest wird auch in den Ost­kir­chen gefei­ert mit dem Unter­schied, daß die Katho­li­ken lit­ur­gisch der Auf­nah­me Mari­ens in den Him­mel, die Ortho­do­xen und Ori­en­ta­len der Ent­schlafung Mari­ens geden­ken. Da in der öst­li­chen Tra­di­ti­on am Julia­ni­schen Kalen­der fest­ge­hal­ten wird, ent­spricht dort der 15. August dem 28. August nach dem Gre­go­ria­ni­schen Kalen­der.

In der Iko­no­gra­phie der West­kir­che sind die Him­mel­fahrt und die Krö­nung Mari­ens im Him­mel vor­herr­schend. Noch älter ist jene der Ost­kir­che der Ent­schlafung Mari­ens. Im Westen haben sich davon nur weni­ge Bei­spie­le erhal­ten wie in der archi­tek­to­nisch außer­ge­wöhn­li­chen, ehe­ma­li­gen Bene­dik­ti­ner­ab­tei San Pie­tro al Mon­te in der Gemein­de Civa­te in der Lom­bar­dei. Die Wei­ter­ent­wick­lung der ost­kirch­li­chen Iko­no­gra­phie zeigt, wie Chri­stus die See­le Mari­ens auf­nimmt. Die Dar­stel­lung der Got­tes­mut­ter mit dem Jesus­kind im Arm wird umge­kehrt in Jesus mit der Got­tes­mut­ter im Arm. Die älte­ste schrift­li­che Über­lie­fe­rung, die von der leib­li­chen Auf­nah­me Mari­ens in den Him­mel spricht, stammt vom hei­li­gen Bischof Gre­gor von Tours, der im 6. Jahr­hun­dert leb­te.

Eini­ge Aus­zü­ge aus dem aus­führ­li­che­ren Inter­view.

Fatima ist die prophetischste Marienerscheinung

In Ter­ris: Von Fati­ma über Lour­des nach Med­jug­or­je: Was ver­bin­det die Mari­en­er­schei­nun­gen?

P. Per­rel­la: Es gibt kei­nen roten Faden zwi­schen den Erschei­nun­gen. Es ist gut, wenn man das in aller Klar­heit sagt. Jede Mari­en­er­schei­nung hat ihren Grund und ihre eige­ne Geschich­te. Die ein­zi­ge Ver­bin­dung, die man her­stel­len kann, ist die, daß Gott es erlaubt, daß die beste Bot­schaf­te­rin Sei­nes Rei­ches an einem bestimm­ten Ort erschei­nen und – wenn ange­bracht – eini­ge Bot­schaf­ten über­mit­teln kann, die letzt­lich immer die­sel­ben sind, denn Maria kann nicht über das Evan­ge­li­um hin­aus­ge­hen. Sie bleibt daher immer in der Per­spek­ti­ve des Evan­ge­li­ums.
Wenn wir Lour­des sagen, spre­chen wir vom Jahr 1854 in einem bestimm­ten Land, Frank­reich, in einer bestimm­ten Epo­che. Ver­ges­sen wir nicht, daß das 19. Jahr­hun­dert die Epo­che des post-ratio­na­li­sti­schen Erstrah­lens, aber auch des Elends der Ver­nunft und des Jahr­hun­derts der Demut war. Es ist kein Zufall, daß das 19. Jahr­hun­dert welt­weit die mei­sten Mari­en­er­schei­nun­gen erleb­te. Was Fati­ma betrifft, und ich gebe hier Kar­di­nal Ber­to­ne recht, ist die pro­phe­tisch­ste der Erschei­nun­gen.
Wenn wir in die­sen Zusam­men­hän­gen von Pro­phe­tie spre­chen, müs­sen wir aber acht­ge­ben, nicht in den Aber­glau­ben zu fal­len. Die Pro­phe­zei­ung Mari­ens ist immer die­sel­be: den Herrn loben und das Evan­ge­li­um leben, was bedeu­tet, alles fern­zu­hal­ten, was gegen das Evan­ge­li­um und gegen Gott ist. Maria wie­der­holt sich, aber die­se Wie­der­ho­lung ist ihre hohe Schu­le des christ­li­chen Glau­bens.

In Ter­ris: Maria spricht im Evan­ge­li­um ganz wenig: War­um ist sie in den Erschei­nun­gen so gesprä­chig?

P. Per­rel­la: Die Fra­ge akzep­tie­re ich, aber wir müs­sen die Din­ge unter­schei­den. Eine Sache sind die Wor­te Mari­ens, die in den Evan­ge­li­en über­lie­fert sind, eine ande­re Sache sind die Bot­schaf­ten. Das sind zwei abso­lut ver­schie­de­ne Din­ge. Das Evan­ge­li­um ist nicht das Buch der Geschich­te Mari­ens, son­dern das Buch des Wor­tes Got­tes, in dem wir die Wirk­lich­keit fin­den, Tex­te, die uns Wor­te, Gesten und Bedeu­tun­gen ver­mit­teln, die die Kir­che von Anfang an der Mut­ter des Herrn zuge­schrie­ben hat.

In Ter­ris: Die jüng­sten Pon­ti­fi­ka­te waren alle maria­nisch wegen der gro­ßen Mari­en­ver­eh­rung der Päp­ste. Sind Sie der Mei­nung, daß sie frü­her oder spä­ter zur Mit­erlö­se­rin der Mensch­heit pro­kla­miert wird, wie es Johan­nes Paul II. vor­hat­te?

P. Per­rel­la: Nein, das ist nicht wahr. Auf­grund mei­ner Arbeits­er­fah­rung im Vati­kan kann ich sagen, daß die Kir­che das Dog­ma der Cor­redemp­t­rix, von Maria Mit­erlö­se­rin, Media­trix oder Anwäl­tin nicht befür­wor­tet. Johan­nes Paul II. hat uns in Redemp­to­ris Mater Nr. 38–41 sei­ne Theo­lo­gie nicht über die Mit­erlö­sung, son­dern über die müt­ter­li­che Ver­mitt­lung Mari­ens in Chri­stus, mit Chri­stus und durch Chri­stus hin­ter­las­sen. Johan­nes Paul II. hat in sei­nem maß­geb­li­chen Lehr­amt nie­mals den Aus­druck Mit­erlö­se­rin ver­wen­det, der an sich nicht falsch ist, aber, los­ge­löst gebraucht, die Vor­stel­lung beför­dern könn­te, daß Maria als Gefähr­tin des Erlö­sers not­wen­dig sei. Lumen Gen­ti­um lehrt in der Nr. 60 aber ein­deu­tig, daß das Mit­wir­ken Mari­ens für das Heil nicht not­wen­dig ist, da die­ses allein dem Wil­len Got­tes ent­springt. Es ist wich­tig, wenn zu die­sen Din­gen Klar­heit herrscht. Die beste Form der Mari­en­ver­eh­rung, die ich mehr als mein Leben lie­be, ist es, die wirk­li­che Glau­bens­leh­re wei­ter­zu­ge­ben, wie sie von der Kir­che beglau­bigt ist, und nicht per­sön­li­che Mei­nun­gen.

Text/Übersetzung: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: In Ter­ris (Screen­shot)

17 Kommentare

  1. Für mich ‚ist die Got­tes­mut­ter
    die „Mit­erlö­se­rin“,
    Auch, wenn es nicht von der Kir­che aner­kannt wird.
    War­um hat“ Gott Vater“ sie aus­er­wählt?
    Jesus hat durch sein Opfer­tot, all unse­re Sün­den auf sich genom­men,
    damit wir erlöst wer­den.
    Maria hat beim Engel ihr „JA“ Wort gege­ben.
    Es sind doch alles Zeichen,das Mit­wir­ken
    der Got­tes­mut­ter.

  2. Auf der Wun­der­tä­ti­gen Medail­le Steht das Kreuz auf einem Bal­ken, der Quer durch das M geht.

  3. Trotz der theo­lo­gi­schen Mei­nun­gen, glau­be ich an die Co — redem­trix oder der Mit­erlö­se­rin, der­weil dies die höchst erdenk­li­che Aus­zeich­nung für die Got­tes­mut­ter dar­stellt. Als Mit­erlö­se­rin ist Maria Teil des Erlö­sungs­ge­sche­hens und zwar nicht Hilfs­teil, son­dern ihr berühm­tes ja war not­wen­dig für das Erlö­sungs­ge­sche­hen. Gott hat dem Men­schen als höch­stes Gut den frei­en Wil­len geschenkt und er brauch­te für die Erlö­sung das vol­le Ja durch den frei­en Wil­len eines Men­schen. Durch das ja eines Men­schen zur Sün­de gab es die Erb­sün­de und durch voll umfäng­li­che ja der Maria zur Erlö­sung der Men­schen durch ihren Sohn war erst nach der­sel­ben Logik die Erlö­sung von der Sün­de mög­lich. Ohne das „ja“ der Got­tes­mut­ter, der hät­te es kei­ne Erlö­sung gege­ben. Die­se Erkennt­nis wird am Ende der Kir­chen­ge­schich­te Satan den Kopf zer­tre­ten, und zwar den Kopf, der der Sitz von Stolz und Eitel­keit ist. Er muss erken­nen, dass die mensch­li­che Natur der „Einen“, die er so sehr bekämpft hat, stär­ker ist, als sei­ne Natur.

  4. Gestat­ten Sie mir, dass ich mei­nen Zei­len ein wei­te­res Argu­ment für „Maria, die Mit­erlö­se­rin“ anfü­ge. Nach unse­rem Glau­ben war Maria frei von der Erb­sün­de und sie hat auch selbst nie­mals gesün­digt. Dadurch bestand zwi­schen der Natur der Mut­ter Maria und Ihrem Sohn kein Hin­der­nis, Ihr Ver­hält­nis war voll­kom­men und nicht von der Sün­de beein­träch­tigt. Die Mut­ter hat an allem, was den Sohn beweg­te, einen voll­kom­me­nen Anteil, auch am Leid. Sie hat so das Leid des Soh­nes mit größ­ter Tie­fe emp­fun­den, die sich unse­rer Erfah­rungs­welt ent­zieht. Sie war und ist so, der­weil Sie auch alles bejaht hat, Mit­erlö­se­rin, wel­che mit ihrer Demut den sata­ni­schen Hoch­mut des und der gefal­le­nen Engel besie­gen wird.

    • Ich sehe nicht, wie das Geschrie­be­ne als ein Argu­ment für eine Mit­erlö­ser­schaft Mari­ens gese­hen wer­den kann. Ich stim­me Ihnen bei allem zu nur nicht wie sich das alles zur Mit­erlö­ser­schaft Mari­ens ver­hält. Es ist ja nicht so, dass das Mit­lei­den Mari­ens oder eine ande­re Tat Mari­ens einen Erlö­sungs­in­halt in sich tra­gen wür­de. Auch sie muss­te erlöst wer­den und zwar von Chri­stus durch sei­nen Opfer­tod am Kreuz. Das Dog­ma der Unbe­fleck­ten Emp­fäng­nis wur­de ja des­halb auch so for­mu­liert, dass sie, pri­vi­le­giert von Gott, auf die Erlö­sungs­tat Chri­sti vor­aus­schau­end erlöst wur­de. Und dar­aus ergibt sich ein Pro­blem mit einer Mit­erlö­ser­schaft. Die Kon­se­quenz der ein­zi­gen Erlö­sungs­tat Chri­sti besagt, dass der Mensch kei­nen Anteil an sei­ner Erlö­sung hat. Schrie­ben wir der Got­tes­mut­ter des­halb eine Mit­erlö­ser­schaft zu, dann hät­te sie auch eine Anteil an ihrer eige­nen Erlö­sung. So wür­den zwei Dog­men mit­ein­an­der kol­li­die­ren.

      • Dan­ke für Ihre Aus­füh­run­gen, sie haben viel zu mei­nem Ver­ständ­nis bei­getra­gen. Mir ist beim Nach­den­ken über die­se Pro­ble­ma­tik der Apo­stel Pau­lus mit sei­ner Aus­sa­ge im Kolos­s­erbrief in den Sinn gekom­men: „Ich ergän­ze in mei­nem irdi­schen Leben, was an den Bedräng­nis­sen Chri­sti noch fehlt an sei­nem Leib, der die Kir­che ist.“ Jesus Chri­stus ist unser allei­ni­ger Erlö­ser, Maria war und ist die erste und größ­te Hel­fe­rin an sei­nem Werk der Erlö­sung; am Ende kön­nen wir alle durch unser Leben gleich­sam zu Hel­fern in sei­nem Erlö­sungs­werk wer­den.

  5. Ich habe vor etwa 30 Jah­ren in einem uralten Dog­am­tik-Buch eine auf die Mit­erlö­ser­schaft Mari­as bezo­ge­ne Text­stel­le gefun­den, die ich noch heu­te aus­wen­dig zitie­ren kann: „Maria ist Mit­erlö­se­rin, inso­fern sie uns den gött­li­chen Erlö­ser gebo­ren hat.“ Und hin­ter die­sem Satz war „de fide“ ange­fügt.
    Anschei­nend ist das schon längst ein Glau­bens­dog­ma.
    Weiss jemand mehr?

  6. Der freie Wil­le der Mut­ter Got­tes

    Johan­nes Paul II. hat in sei­nem maß­geb­li­chen Lehr­amt nie­mals den Aus­druck Mit­erlö­se­rin ver­wen­det, der an sich nicht falsch ist, aber, los­ge­löst gebraucht, die Vor­stel­lung beför­dern könn­te, daß Maria als Gefähr­tin des Erlö­sers not­wen­dig sei. Lumen Gen­ti­um lehrt in der Nr. 60 aber ein­deu­tig, daß das Mit­wir­ken Mari­ens für das Heil nicht not­wen­dig ist, da die­ses allein dem Wil­len Got­tes ent­springt.“ Kath info 16.8.2019

    Die­se Begrün­dung des Dog­ma­ti­kers und Mario­lo­gen, P. Sal­va­to­re Maria Per­rel­la OSM,irritiert nun doch sehr. Das Mit­wir­ken Mari­ens sei für das Heil nicht not­wen­dig, da die­ses allein dem Wil­len Got­tes ent­sprin­ge. Soll das hei­ßen, daß Gott allein das Heil wir­ke? Wenn es nur um den Wil­len Got­tes gin­ge, das Heil zu wir­ken, schlös­se das ja in kein­ster Wei­se aus, daß es Got­tes Wil­le sei, daß Maria an dem Heils­werk mit­wir­ke und daß sie so eine Mit­erlö­se­rin sei, isb. dann, wenn nur durch ihr Mit­wir­ken das Heils­werk Chri­sti sich ereig­nen konn­te.

    Wenn Maria Nein! gesagt hät­te: Ich will nicht die Mut­ter Got­tes wer­den, auch wenn mich Gott dazu beru­fen hat, dann wäre Jesus Chri­stus nicht gebo­ren wor­den, sodaß er dann auch nicht das Heils­werk hät­te rea­li­sie­ren kön­nen. Soll­te nun aber der freie Wil­le Mariae in Abre­de gestellt wer­den, daß sie so von Gott ange­spro­chen gar nichts ande­res konn­te, als Ja! zu sagen, also wenn im luthe­ri­schen Gei­ste der freie Wil­le des Men­schen ver­neint wird, dann hät­te Maria über­haupt nicht mit­ge­wirkt son­dern Gott hät­te durch sie gewirkt.(So bestim­men Luther, Zwing­li und Cal­vin das Ver­hält­nis von Gott zu den Men­schen, daß Gott allein­wirk­sam ist und er so durch die Men­schen und nicht mit ihnen agiert.)

    Wirk­te Maria aber frei­wil­lig mit, das heißt, daß sie auch Nein hät­te sagen kön­nen, dann war ihr so gespro­che­nes Ja eine Mit­wir­k­ur­sa­che des Heils­wer­kes. Es muß näm­lich geur­teilt wer­den, daß ihr Ja zwar von Gott gewollt war, daß sie es aber frei­wil­lig sprach, sodaß Gott hier nicht der ein­zi­ger Urhe­ber die­ses Jaes ist. Der Apo­stel­fürst Pau­lus erfaßt das so:

    „nicht ich, son­dern die Gna­de Got­tes zusam­men mit mir“. (1.Kor, 15,10)Dies mit mir müß­te gelöscht wer­den, wür­de das Mit­wir­ken Pau­lus ver­stan­den als allein durch den Wil­len Got­tes gewirkt. Dann wirk­te Pau­lus aber nicht mit, son­dern Gott wirk­te ganz allein durch ihn, wie es die Refor­ma­to­ren lehr­ten.

    Wenn aber Maria mit­wirk­te am Heil, indem sie frei­wil­lig Ja sagte,die Mut­ter Got­tes will ich wer­den, dann ist sie um die­ses Jaes wil­len eine Mit­erlö­se­rin. Das wäre sie nur nicht, wenn sie als von Gott so deter­mi­niert vor­ge­stellt wür­de, daß sie gar nicht anders konn­te, als Ja zu sagen. Das hät­te dann aber auch zur Fol­ge, ganz im Sin­ne der Refor­ma­to­ren, daß ihr gan­zes hei­li­ges Leben ver­dienst­los gewe­sen wäre, weil ein ver­dienst­li­ches Werk den frei­en Wil­len des Urhe­bers des guten Wer­kes vor­aus­setzt.

  7. So ver­dienst­voll auch das Ja Mari­as ist — die Erlö­sungs­tat voll­brach­te Gott in sei­ner zwei­ten Natur allei­ne, aus­schließ­lich allei­ne. Und wir soll­ten nun wirk­lich nicht ver­ges­sen, daß Gott der unend­li­che Gott ist und viel mehr, unend­lich viel mehr als jedes sei­ner Geschöp­fe ist — und das schließt auch Maria ein. Auch die Ent­schei­dung, Maria zur Got­tes­ge­bä­re­rin zu erwäh­len, ist Got­tes Ent­schei­dung. Maria war auch nicht unbe­dingt zum Erlö­sungs­werk not­wen­dig; wenn nicht sie, hät­te Gott auch eine ande­re wäh­len, schaf­fen kön­nen (er schuf ja auch Maria). Mari­as Erb­sün­de­frei­heit hat nichts mit dem Erlö­sungs­werk Chri­sti zu tun. Maria als „Mit­re­gen­tin“ zu bezeich­nen und damit dem unend­lich grö­ße­ren Gott gleich­zu­stel­len, ist eine gro­tes­ke Über­be­wer­tung des Got­tes Geschöp­fes Maria, und oben­drein eine Her­ab­set­zung Got­tes.

    • Bin völ­lig Ihrer Mei­nung. Fin­de auch die von Ihnen ver­wen­de­te Bezeich­nung „Got­tes­ge­bä­re­rin“ tref­fen­der und ange­mes­se­ner als „Got­tes­mut­ter“. Nur eine klei­ne Rich­tig­stel­lung: Unse­re Erlö­sung voll­brach­te Gott allein in sei­ner zwei­ten Per­son (=Got­tes­sohn Jesus Chri­stus), nicht in sei­ner zwei­ten Natur.

      • @ Johann Hahn:

        Dan­ke für die Rich­tig­stel­lung, daß Gott uns in sei­ner zwei­ten Per­son erlö­ste, und Dan­ke auch für Ihren Titel­hin­weis. „Got­tes­ge­bä­re­rin“ dürf­te auch der ursprüng­li­che Ehren­ti­tel Mari­as sein, beginnt das grie­chi­sche Ave Maria (als sol­ches doch wohl die Urform) mit Θεοτόκε Παρθένε, χαῖρε, κεχαριτωμένη Μαρία, ὁ Κύριος μετὰ σοῦ (= Got­tes­ge­bä­re­rin und Jung­frau, sei gegrüßt. Hoch­be­gna­de­te Maria, der Herr ist mit dir. [χαῖρε heißt wort­wört­lich: Freue Dich; χαῖρε lau­te­te der all­ge­mei­ne alt­grie­chi­sche Gruß, des­we­gen hier mit „sei gegrüßt“ über­setzt]. )

  8. Mich wun­dert das nicht. Ich wür­de die­se For­mu­lie­rung auch nicht befür­wor­ten als Inhalt einer dog­ma­ti­schen Defi­ni­ti­on.

  9. Sehr geehr­ter Herr Hahn, Sie beten- ich hof­fe regel­mä­ßig- „Hei­li­ge Maria, Mut­ter Got­tes, bit­te für uns Sün­der jetzt und in der Stun­de unse­res Todes. Nach mei­nem Glau­ben sind die Begrif­fe „Got­tes­gebäh­re­rin“ und „Mut­ter „Got­tes“ gleich­wer­tig. Ich sehe zumin­dest kei­ne Rang­ord­nung. Zur Ergän­zung ver­wei­se ich Eli­sa­bet, die Maria mit den Wor­ten begrüß­te :… Wer bin ich, dass die Mut­ter mei­nes Herrn zu mir kommt?“ (Lukas 1,42–43)

    • @ Hans 2:

      Sie beten doch hof­fent­lich auch regel­mä­ßig den Ange­lus, in dem es heißt: Ora pro nobis, sanc­ta Dei geni­trix / Bit­te für uns, hei­li­ge Got­tes­ge­bä­re­rin. Das „Dei Geni­trix“ ist in den latei­ni­schen Tex­ten die Regel, das „Mater Dei“ im Ave Maria eine Aus­nah­me. Wie schon mei­ner­seits geschrie­ben: Der ursprüng­li­che Ehren­ti­tel Mari­as dürf­te „Theo­tókos“ / „Dei Geni­trix“ / „Got­tes­ge­bä­re­rin“ sein, und wie Herr Hahn schrieb, ist die Bezeich­nung „Got­tes­ge­bä­re­rin“ auch tref­fen­der und ange­mes­se­ner. Was das „Hei­li­ge Maria, Mut­ter Got­tes, bit­te für uns Sün­der …“ im Ave Maria betrifft: Das ist gegen­über dem grie­chi­schen Θεοτόκε Παρθένε χαῖρε, das wohl der Urtext des Ave Maria ist, ein spä­te­rer Zusatz. Viel­leicht gefiel den Latei­nern das „Dei Geni­trix“ ein­fach nicht so gut. Mir gefällt das „Dei Geni­trix“ schon des­we­gen bes­ser als „Mater Dei“, weil in „Dei Geni­trix“ Gott an der ersten Stel­le steht — und somit an der Stel­le, die ihm auch zusteht.

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