Jüdischer Weltkongreß bedankt sich für Archivöffnung zu Pius XII.

Vatikanarchivar: "Es wird ein wahrhaftigeres Bild sichtbar werden"

Der Jüdische Weltkongreß bedankte sich bei Papst Franziskus für die angekündigte Öffnung der Archive zum Pontifikat von Pius XII.
Der Jüdische Weltkongreß bedankte sich bei Papst Franziskus für die angekündigte Öffnung der Archive zum Pontifikat von Pius XII.

(Rom/New York) Der Vor­sit­zen­de des Jüdi­schen Welt­kon­gres­ses, Ronald Lau­der, bedank­te sich mit einem Schrei­ben bei Papst Fran­zis­kus für die „Grund­satz­ent­schei­dung“ die vati­ka­ni­schen Archi­ve zum Pon­ti­fi­kat von Pius XII. voll­stän­dig zu öff­nen. Eine ent­spre­chen­de Ent­schei­dung hat­te Fran­zis­kus am Mon­tag bekannt­ge­ben.

Pius XII. lei­te­te die Kir­che von 1939 bis 1958. In sei­ne Amts­zeit fal­len der Zwei­te Welt­krieg und der Holo­caust. Wäh­rend füh­ren­de Ver­tre­ter des Juden­tums ihm nach dem Krieg für sei­nen Ein­satz zur Ret­tung ver­folg­ter Juden dank­ten, ent­stand in den 60er Jah­ren eine Schwar­ze Legen­de, die dem Kir­chen­ober­haupt taten­lo­ses Schwei­gen gegen­über dem Schick­sal der ver­folg­ten Juden vor­warf.

Papst Pius XII.
Papst Pius XII.

Urhe­ber die­ser Anschul­di­gun­gen war der deut­sche Dra­ma­ti­ker Rolf Hoch­huth mit sei­nem Stück „Der Stell­ver­tre­ter“, das 1963 in West­ber­lin urauf­ge­führt wur­de. Bis heu­te ist nicht geklärt, in wel­chem Aus­maß der KGB Ein­fluß auf Hoch­huth und den Inhalt des Dra­mas genom­men hat­te. Eine direk­te Len­kung behaup­te­te Ende der 70er Jah­re der rumä­ni­sche Geheim­agent der Secu­ri­ta­te, Ion Mihai Pace­pa. Er selbst sei 1960 an der Akti­on betei­ligt gewe­sen, das Anse­hen der Kir­che zu dis­kre­di­tie­ren. Hoch­huth sei vom KGB gefälsch­ten Doku­men­ten auf­ge­ses­sen, mit denen Pius XII. ange­schwärzt wur­de.

Die Schwar­ze Legen­de ver­brei­te­te sich schnell, weil sie den Nerv der Zeit traf. Sie bot für die damals rebel­lie­ren­de Jugend eine Gele­gen­heit, sich gegen die Kir­che und ihre Moral­leh­re empö­ren zu kön­nen. Inner­kirch­lich erleich­ter­te sie die ange­streb­te Distan­zie­rung von einer „vor­kon­zi­lia­ren Kir­che“, als deren letz­ter Ver­tre­ter Pius XII. galt. Mit dem ver­stärk­ten Holo­caust-Geden­ken seit Ende der 70er Jah­re ver­fe­stig­te sich nach­träg­lich das von Hoch­huth in die Welt gesetz­te nega­ti­ve Bild von Pius XII.

Wie­der­holt wur­de seit­her auch von jüdi­scher Sei­te Kri­tik an der Kir­che geübt und das Selig­spre­chungs­ver­fah­ren von Pius XII. bis heu­te blockiert.

Schreiben des WJC
Schrei­ben des WJC

Als Bene­dikt XVI. das Ver­fah­ren fort­set­zen woll­te, war die inter­na­tio­na­le Kri­tik so groß, daß er dar­auf ver­zich­te­te und eine noch­ma­li­ge Sich­tung aller bereits gesich­te­ten Doku­men­te anord­ne­te. In Yad Vash­men, der zen­tra­len Holo­caust-Gedenk­stät­te hing ein Bild von Pius XII., das ihn anschwärz­te. Durch die Arbeit einer vati­ka­nisch-israe­li­schen Histo­ri­ker­kom­mis­si­on konn­te inzwi­schen erreicht wer­den, daß die Bild­be­schrif­tung kor­ri­giert wur­de. Das von Hoch­huth gesä­te Miß­trau­en wirkt jedoch bis heu­te nach.

WJC-Prä­si­dent Lau­der beton­te in sei­nem Schrei­ben an Papst Fran­zis­kus, daß der Jüdi­sche Welt­kon­greß seit lan­gem den Vati­kan zu einen „so wich­ti­gen“ Schritt dräng­te, um „vie­le Fra­gen und Sor­gen zu klä­ren“, die es seit Jahr­zehn­ten dazu gebe, was Pius XII. und der Vati­kan wäh­rend des Zwei­ten Welt­krie­ges taten.

Es sei für die „Geschichts­schrei­bung von grund­le­gen­der Bedeu­tung, daß die Histo­ri­ker voll­stän­di­gen Zugang zu die­sen wesent­li­chen Doku­men­ten erhal­ten.“

„Ihre Zustim­mung, poten­ti­ell sen­si­ble Infor­ma­tio­nen im Zusam­men­hang mit Papst Pius XII. publik zu machen, ist eine wirk­li­che Bekun­dung ihrer Hin­ga­be an das Geden­ken der Sho­ah und ein Zeug­nis Ihres Ein­sat­zes für feste und offe­ne Bezie­hun­gen zwi­schen Katho­li­ken und Juden.“

Lau­der brach­te sei­ne Genug­tu­ung zum Aus­druck, daß unter dem Pon­ti­fi­kat von Papst Fran­zis­kus die Ver­bin­dun­gen zwi­schen der katho­li­schen Kir­che und den Juden fort­ge­setzt wer­den und kon­ti­nu­ier­lich „wach­sen und gedei­hen“, „und ich schät­ze, daß Sie immer ein bereit­wil­li­ger Part­ner für den Dia­log mit der glo­ba­len jüdi­schen Gemein­schaft sind“.

Vatikanarchivar: „Wahrhaftigeres Bild von Pius XII. wird sichtbar werden“

Gleich­zei­tig zeig­te sich Kuri­en­erz­bi­schof José Tolen­ti­no Cala­ça de Men­don­ça, seit Juni 2018 Archi­var und Biblio­the­kar der Hei­li­gen Römi­schen Kir­che, über­zeugt, daß durch die Öff­nung der Archi­ve, die Gestalt von Pius XII. in ihrer gan­zen Grö­ße erkenn­bar wer­de. Wört­lich sag­te Msgr. Tolen­ti­no:

„Die Geschich­te, die man in den Doku­men­ten lesen wird kön­nen, wird die Gestalt von Pius XII. in ihrem gan­zen Licht zum Vor­schein brin­gen.“

Die Öff­nung der Archi­ve, so der Lei­ter des Vati­ka­ni­schen Geheim­ar­chivs, wer­de der Welt ein voll­stän­di­ges Bild von Pius XII. zurück­ge­ben, ein wahr­haf­ti­ge­res Bild, als es in die kol­lek­ti­ve Erzäh­lung ein­ge­gan­gen ist, die häu­fig „von Vor­ur­tei­len und Unge­nau­ig­kei­ten“ geprägt sei.

Die Öff­nung der Archi­ve wer­de zei­gen, so der por­tu­gie­si­sche Kuri­en­erz­bi­schof, daß das Pon­ti­fi­kat von Pius XII. „im vori­gen Jahr­hun­dert zen­tral war“. Vie­le „noch unge­klär­te Fra­gen wer­den in einem neu­en Licht erschei­nen“.

Die Ent­schei­dung von Papst Fran­zis­kus, die Archi­ve vor­zei­tig zugäng­lich zu machen, sei ein „Zei­chen der Lie­be“ gegen­über der Geschich­te, vor allem aber aus „Lie­be zur Wahr­heit“ erfolgt.

Die Archi­ve zum Pon­ti­fi­kat von Pius XII. wer­den am 2. März 2020 geöff­net.

Text: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: WJC/Wikicommons (Screen­shot)

2 Kommentare

  1. Was ich nie ver­stan­den habe: Wes­halb wur­den die Archi­ve nach dem Zusam­men­bruch des „III. Reichs“ so lan­ge geheim gehal­ten?
    War­um wur­den Sie — gera­de wegen der Vor­wür­fe — nicht schon 1963 geöff­net?
    Was gab es da zu ver­heim­li­chen?
    Und: Muss man für Hei­lig­spre­chun­gen künf­tig den Jüdi­schen Welt­kon­gress um Erlaub­nis bit­ten?

  2. Kei­ne nicht-katho­li­sche Reli­gi­ons­ge­mein­schaft soll­te so viel Ein­fluss au die Kir­che haben, dass sie Hei­lig- und Selig­spre­chungs­ver­fah­ren ein­fach blockie­ren kann. Eine För­de­rung von Häre­si­en in der Kir­che fin­det wahr­schein­lich über die sel­ben Kanä­le der Ein­fluss­nah­me statt.

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