Am 2. März wird das Geheimarchiv für die Holocaustforschung geöffnet – und Fatima?

Das Kriegs- und Nachkriegspontifikat

Am 2. März öffnet der Vatikan das Geheimarchiv zum Pontifikat von Pius XII. (1939–1958).
Am 2. März öffnet der Vatikan das Geheimarchiv zum Pontifikat von Pius XII. (1939–1958).

(Rom) Am 4. März 2019 ord­ne­te Papst Fran­zis­kus die Öff­nung des Vati­ka­ni­schen Geheim­ar­chivs für die Zeit des Zwei­ten Welt­krie­ges an. Die Akten betref­fen das Pon­ti­fi­kat von Papst Pius XII., „wie es die Juden seit Jahr­zehn­ten for­dern“, so Reu­ters damals.

Im Raum steht der Vor­wurf, der heu­te „eini­gen Juden“ (Reu­ters) zuge­schrie­ben wird, Pius XII. habe als Ober­haupt der katho­li­schen Kir­che nicht ener­gisch genug den damals statt­fin­den­den Holo­caust durch das natio­nal­so­zia­li­sti­sche Regime ange­klagt. Pius XII. war 1939 zum Papst gewählt wor­den und regier­te bis 1958. Zuvor war er Kardinalstaatssekretär.

In Wirk­lich­keit geht der Angriff auf kom­mu­ni­sti­sche Pro­pa­gan­da zurück, die erst in den 60er Jah­ren auf­kam und durch das Thea­ter­stück „Der Stell­ver­tre­ter“ des pro­te­stan­ti­schen deut­schen Dra­ma­ti­kers Rolf Hoch­huth beson­de­re Wir­kung ent­fal­te­te. Des­sen Stück ent­stand zwi­schen 1959 und 1961. Ver­öf­fent­licht und urauf­ge­führt wur­de es 1963. 

2007 ent­hüll­te Ion Mihai Pace­pa, ehe­ma­li­ger Gene­ral des berüch­tig­ten rumä­ni­schen Geheim­dien­stes Secu­ri­ta­te (1948–1990), daß Hoch­huth für sein Stück vom sowje­ti­schen Geheim­dienst KGB mit gefälsch­tem Mate­ri­al gespeist wur­de. Pace­pa, der von 1957–1960 die Resi­den­tur (Nie­der­las­sung) des Aus­lands­ge­heim­dien­stes Direcți­ei de Infor­mații Exter­ne (DIE) in der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land lei­te­te, war 1960 per­sön­lich an der Akti­on betei­ligt. Spä­ter brach­te er es bis zum stell­ver­tre­ten­den DIE-Lei­ter und Staats­se­kre­tär im Innen­mi­ni­ste­ri­um. 1978 lief er in den Westen über. Hoch­huth wies die Vor­wür­fe ent­schie­den zurück. Der Ver­dacht einer geheim­dienst­li­chen Steue­rung durch den kom­mu­ni­sti­schen Ost­block steht seit­her aber im Raum.

1965 ver­öf­fent­lich­te der Vati­kan als Reak­ti­on auf die Pole­mi­ken eine umfang­rei­che Doku­men­tenedi­ti­on in zwölf Bän­den für die Zeit des Zwei­ten Welt­krie­ges (1939–1945). Sie ent­hält auch Doku­men­te aus dem Geheim­ar­chiv. Doch die öffent­li­che Stim­mung konn­te der Hei­li­ge Stuhl damit nicht mehr umdre­hen, denn die ver­öf­fent­lich­te Mei­nung wur­de von Kräf­ten kon­trol­liert, denen mehr am Anschwär­zen der Kir­che als an der histo­ri­schen Wahr­heit lag, und die wis­send und noch mehr unwis­send das Geschäft der Sowjets betrieben.

Vatikanarchiv
Vati­kan­ar­chiv

Der Nerv der Zeit

Die erzeug­te Schwar­ze Legen­de ver­brei­te­te sich schnell, weil sie den Nerv der Zeit traf. Sie bot für die damals rebel­lie­ren­de Jugend eine Gele­gen­heit, sich gegen die Kir­che und ihre Moral­leh­re empö­ren zu kön­nen. Inner­kirch­lich erleich­ter­te sie die ange­streb­te Distan­zie­rung von einer „vor­kon­zi­lia­ren Kir­che“, als deren letz­ter Ver­tre­ter Pius XII. galt. Mit dem ver­stärk­ten Holo­caust-Geden­ken seit Ende der 70er Jah­re ver­fe­stig­te sich nach­träg­lich das von Hoch­huth in die Welt gesetz­te Nega­tiv­bild von Pius XII.

Der Vati­kan beton­te, Pius XII. habe sich öffent­lich mit Kri­tik am NS-Regime zurück­ge­hal­ten, um mehr Juden ret­ten zu kön­nen. Daß es groß­an­ge­leg­te Ret­tungs­ak­tio­nen gab, die der Papst direkt in Auf­trag gab, ist hin­rei­chend belegt. Aus die­sem Grund kam die Kri­tik an ihm in der unmit­tel­ba­ren Nach­kriegs­zeit auch nicht von jüdi­scher Sei­te, ganz im Gegen­teil. Man bedank­te sich für sei­nen Ein­satz. Der ehe­ma­li­ge Ober­rab­bi­ner von Rom, Ita­lo Zolli (Isra­el Anton Zol­ler), der die Israe­li­ti­sche Kul­tus­ge­mein­de wäh­rend des Krie­ges führ­te, kon­ver­tier­te sogar zum katho­li­schen Glau­ben und nahm zum Dank den Tauf­na­men Euge­nio Maria an, der auch der Tauf­na­me des Pap­stes war.

Erst als gelun­gen war, dem kol­lek­ti­ven Gedächt­nis das ver­zerr­te Bild von Pius XII. ein­zu­pflan­zen, und eine jün­ge­re Genera­ti­on an die Spit­ze der füh­ren­den jüdi­schen Orga­ni­sa­tio­nen trat, mach­ten sich die­se die Ankla­ge zu eigen und blockie­ren seit vie­len Jah­ren das Selig­spre­chungs­ver­fah­ren die­ses Papstes.

Wäh­rend die Erin­ne­rung an die Schrecken des Natio­nal­so­zia­lis­mus heu­te noch hell­wach ist, wer­den die Schrecken des Kom­mu­nis­mus weit­ge­hend aus­ge­blen­det. Pius XII. aber hat­te sich nicht nur des Natio­nal­so­zia­lis­mus zu erweh­ren, son­dern auch des Kom­mu­nis­mus. Er sah sich Pest und Cho­le­ra gegen­über. Die Alli­anz mit der Cho­le­ra, die damals von den west­li­chen Staa­ten besie­gelt wur­de, um die Pest zu besie­gen, ließ ihn sor­gen­voll in die Zukunft schau­en. Der Preis, den Euro­pa und die Welt für die­se Alli­anz bezah­len muß­ten, war enorm.

Anfang März 2019 kün­dig­te Papst Fran­zis­kus in einer Anspra­che an die Ver­ant­wort­li­chen und Mit­ar­bei­ter des Vati­ka­ni­schen Geheim­ar­chivs an, daß „die Kir­che die Geschich­te nicht fürch­tet“, wes­halb die genann­ten Bestän­de des per­sön­li­chen Archivs von Pius XII. am 2. März 2020 öffent­lich zugäng­lich gemacht wer­den. Der Vor­sit­zen­de des Jüdi­schen Welt­kon­gres­ses (WJC), Ronald Lau­der, bedank­te sich im Namen sei­ner Orga­ni­sa­ti­on bei Fran­zis­kus. Es gehe ein lang­jäh­ri­ger Wunsch des WJC in Erfüllung.

43.284 Seiten Bestandsübersicht

Heu­te fand im Vati­kan eine Pres­se­kon­fe­renz statt, die kurio­ser­wei­se „Mee­ting Point“ genannt wur­de, um die unmit­tel­bar bevor­ste­hen­de Öff­nung des betref­fen­den Teils des Geheim­ar­chivs vorzustellen.

Die Pres­se­kon­fe­renz wur­de von Kar­di­nal José Tolen­ti­no Cala­ça de Men­don­ça ange­führt, den Fran­zis­kus im Juni 2018 zum Archi­var des Vati­ka­ni­schen Apo­sto­li­schen Archivs und Biblio­the­kar der Vati­ka­ni­schen Apo­sto­li­schen Biblio­thek ernann­te und zugleich zum Titu­lar­erz­bi­schof erhob. Am 5. Okto­ber 2019 kre­ierte er ihn zum Kar­di­nal. Anwe­send waren auch Kuri­en­bi­schof Ser­gio Paga­no, Prä­fekt des Vati­ka­ni­schen Apo­sto­li­schen Archivs, und sein Vize, der Kir­chen­hi­sto­ri­ker und Lei­ter der Hand­schrif­ten­ab­tei­lung der Biblio­thek, Pao­lo Vian. Er ist der Bru­der des frü­he­ren Chef­re­dak­teurs des Osser­va­to­re Roma­no Gio­van­ni Maria Vian und Sohn des ehe­ma­li­gen Sekre­tärs der Biblio­thek, Nel­lo Vian. Dazu noch meh­re­re Archivmitarbeiter.

Pressekonferenz zur bevorstehenden Archivöffnung: Kardinal Tolentino (5.v.r.)
Pres­se­kon­fe­renz zur bevor­ste­hen­den Archi­v­öff­nung: Kar­di­nal Tolen­ti­no (5. v. r.) 

Der Archi­var der Kir­che, Tolen­ti­no, sag­te im Vor­jahr nach der Ankün­di­gung des Papstes:

„Die Geschich­te, die man in den Doku­men­ten lesen wird kön­nen, wird die Gestalt von Pius XII. in ihrem gan­zen Licht zum Vor­schein bringen.“

Die Ent­schei­dung von Papst Fran­zis­kus, die Archi­ve vor­zei­tig zugäng­lich zu machen, sei ein „Zei­chen der Lie­be“ gegen­über der Geschich­te und erfol­ge aus „Lie­be zur Wahr­heit“, so der nun­meh­ri­ge Kardinal.

Ab dem 2. März wer­den den Histo­ri­kern 16 Mil­lio­nen Doku­men­te zur Ver­fü­gung ste­hen, die Rega­le in der Län­ge von meh­re­ren Kilo­me­tern fül­len. Sie stam­men nicht nur aus dem Geheim­ar­chiv, son­dern auch aus den Archi­ven ande­rer vati­ka­ni­scher Dikaste­ri­en. Sie wur­den seit 2006 zusam­men­ge­tra­gen. Allein die Find­bü­cher, die in den ver­gan­ge­nen Jah­ren erstellt wur­den, umfas­sen 43.284 Seiten. 

85 For­scher haben sich bereits ange­mel­det, dar­un­ter Ver­tre­ter des United Sta­tes Holo­caust Memo­ri­al Muse­um, Histo­ri­ker aus Isra­el, Deutsch­land und ande­ren Ländern. 

Ale­jan­dro Cif­res Gime­nez, der die Archiv­be­stän­de der Glau­bens­kon­gre­ga­ti­on zu Pius XII. sich­te­te, sagte:

„Nun wird die Doku­men­ta­ti­on gedul­dig und beharr­lich Licht in die­ses Pon­ti­fi­kat brin­gen, und vie­le Din­ge wer­den geklärt wer­den können.“

Cif­res ist überzeugt:

„Die Gestalt von Pius XII. wird durch die Doku­men­ta­ti­on an Grö­ße gewin­nen. Nun müs­sen Ideo­lo­gie und Vor­ur­tei­le zurück­tre­ten, denn nun geht es um die wirk­li­che Geschich­te. Es ist an der Zeit, daß Histo­ri­ker Schluß­fol­ge­run­gen ziehen.“

Kommunismus und Fatima?

Das öffent­li­che Inter­es­se an der Archi­v­öff­nung kon­zen­triert sich zur Gän­ze auf die Schwar­ze Legen­de zu Pius XII., deren Ent­kräf­tung all­ge­mein erwar­tet wird. In die Zeit die­ses Pon­ti­fi­kats, das von 1939–1958 dau­er­te, fal­len aber noch ande­re bedeut­sa­me Ereig­nis­se. Zwei davon sind: die Hal­tung der Kir­che unter Pius XII. zum Kom­mu­nis­mus, die ihm die Feind­schaft der UdSSR und ihrer Satel­li­ten ein­brach­te, und Fati­ma, die ver­schie­de­nen Wei­hen, die Pius XII. durch­führ­te oder pro­kla­mier­te, die Über­mitt­lung des Drit­ten Geheim­nis­ses nach Rom bzw. die genau­en Umstän­de der Über­mitt­lung und alle damit zusam­men­hän­gen­den Fragen. 

Von den Histo­ri­kern, die nun die geöff­ne­ten Bestän­de des Geheim­ar­chivs stu­die­ren wer­den, dürf­te nie­mand zu den bei­den The­men­krei­sen for­schen. For­schungs­auf­ent­hal­te wol­len finan­ziert sein, wes­halb Sti­pen­di­en von Orga­ni­sa­tio­nen und Stif­tun­gen und vor allem staat­li­che För­de­run­gen für Insti­tu­te und Lehr­stüh­le not­wen­dig sind. Für die Holo­caust­for­schung flie­ßen die­se üppig, für die Erfor­schung der kom­mu­ni­sti­schen Schrecken weit weni­ger, für die Fati­ma­for­schung gar nicht. 

Bleibt also zu hof­fen, daß den­noch Histo­ri­ker die Archi­v­öff­nung nüt­zen wer­den, um zu die­sen und wei­te­ren The­men im Zusam­men­hang mit dem Pon­ti­fi­kat von Pius XII. zu forschen.

Text: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: MiL/​Faro di Roma/Vatican.va (Screen­shots)

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