Homosexualität und Mißbrauch — Der Weg aus der Krise

Kardinal Brandmüller über die Lehre aus der Kirchengeschichte

Kardinal Walter Brandmüller über die Homo-Krise in der Kirche und den Ausweg daraus. Im Bild rechts neben ihm Kardinal Burke, ein weiterer Unterzeichner der Dubia zu Amoris laetitia.
Kardinal Walter Brandmüller über die Homo-Krise in der Kirche und den Ausweg daraus. Im Bild rechts neben ihm Kardinal Burke, ein weiterer Unterzeichner der Dubia zu Amoris laetitia.

Die der­zei­ti­ge Lage der Kir­che sei mit jener des 11. und 12. Jahr­hun­derts ver­gleich­bar, schreibt Wal­ter Kar­di­nal Brand­mül­ler in der neu­en Aus­ga­be des Vati­can Maga­zins. Der Auf­satz des bedeu­ten­den Kir­chen­hi­sto­ri­kers über „Homo­se­xua­li­tät und Miß­brauch“ wur­de in meh­re­re Spra­chen über­setzt und fin­det in die­sen Tagen inter­na­tio­na­le Ver­brei­tung. Er behan­delt das The­ma unter dem dop­pel­ten Aspekt, „Leh­ren aus der Geschich­te“ zu zie­hen, um „der Kri­se begeg­nen“ zu kön­nen. Dabei zieht er inter­es­san­te Par­al­le­len mit der Ver­gan­gen­heit, weist aber auch auf Unter­schie­de hin.

Der deut­sche Kar­di­nal lei­te­te von 1998 bis 2009 das Päpst­li­che Komi­tee für Geschichts­wis­sen­schaft und wur­de von Papst Bene­dikt XVI. mit der Erhe­bung in den Kar­di­nals­stand gewür­digt. 2016 war er einer der vier Kar­di­nä­le, die sich mit Dubia (Zwei­fel) zum umstrit­te­nen nach­syn­oda­len Schrei­ben Amo­ris lae­ti­tia an Papst Fran­zis­kus wand­ten, von die­sem aber igno­riert wer­den. Seit mehr als zwei Jah­ren war­ten die Unter­zeich­ner ver­geb­lich auf eine Ant­wort. Zwei von ihnen sind bereits gestor­ben.

Er sei erschüt­tert, so Kar­di­nal Brand­mül­ler, sehen zu müs­sen, wie die Kir­che der­zeit durch „sexu­el­len Miß­brauch und Homo­se­xua­li­tät“ in ihren Fun­da­men­ten erschüt­tert wird. Dabei gehe es um die Aus­brei­tung der Sün­de im Kle­rus und sogar in der kirch­li­chen Hier­ar­chie.

Wie konn­te es aber so weit kom­men? Auf die­se Fra­ge ver­sucht der Kar­di­nal eine Ant­wort zu geben.

Liber Gomorrhianus des heiligen Petrus Damiani

Der Histo­ri­ker lenkt den Blick auf das frü­he Hoch­mit­tel­al­ter, als die Bischofs­sit­ze und auch das Papst­tum in Rom Orte des Reich­tums waren. Die Kon­se­quenz waren ein regel­rech­ter Han­del, aber auch hand­fe­ste Hän­del, um sich in den Besitz der begehr­ten Ämter zu brin­gen, mit denen erheb­li­che welt­li­che Macht ver­bun­den war.

Die Fol­gen lie­ßen nicht auf sich war­ten. Anstatt guter See­len­hir­ten gelang­ten auch mora­lisch zwei­fel­haf­te Gestal­ten an die Macht, denen ihre Herr­schaft und ihr Besitz wich­ti­ger waren als die Ret­tung der See­len.

Daher brei­te­te sich das Kon­ku­bi­nat aus, aber auch die Homo­se­xua­li­tät. Der hei­li­ge Petrus Damia­ni (1006–1072) über­gab 1049 dem neu­ge­wähl­ten Papst Leo IX., der als ent­schie­de­ner Erneue­rer bekannt war, sein Liber Gomorrhia­nus. Dar­in schil­der­te der Pri­or des Ere­mi­ten­klo­sters Fon­te Avel­la­na bei Gub­bio im mit­tel­ita­lie­ni­schen Umbri­en die Laster und Unsit­ten, die im Kle­rus sei­ner Zeit ver­brei­tet waren. Im Titel nahm er dazu Anlei­he an der bibli­schen Stadt Gomor­ra, die sprich­wört­lich für die Laster war, und die Gott wegen der Sün­den ihrer Bewoh­ner zer­stö­ren ließ.

Der Hei­li­ge wähl­te zwar nicht den Namen der ande­ren Stadt, Sodom, die zum Syn­onym für die Homo­se­xua­li­tät wur­de. Ande­re Laster waren offen­bar ver­brei­te­ter. Den­noch warn­te er den Papst auch vor dem „sodo­mi­ti­schen Schmutz“, der sich wie ein Krebs­ge­schwür im Kle­ri­ker­stand aus­brei­te. Der Hei­li­ge spricht von einer „blut­rün­sti­gen Bestie, die im Schaf­stall Chri­sti wütet“.

Dage­gen erhob sich damals aber eine Gegen­be­we­gung, wie Kar­di­nal Brand­mül­ler erwähnt. In den Rei­hen der Gläu­bi­gen ent­stand in Nord­ita­li­en eine Lai­en­be­we­gung, die sich gegen die Sit­ten­lo­sig­keit des Kle­rus empör­te und danach streb­te, die kirch­li­chen Ämter dem Kle­rus zu ent­zie­hen und durch Lai­en zu beset­zen.

Die­se Bewe­gung, die sich Pata­ria nann­te, wur­de von Mai­län­der Ade­li­gen, aber auch von eini­gen Kle­ri­kern ange­führt. Ihre Haupt­stüt­ze war jedoch das Volk. Die Pat­a­re­ner arbei­te­ten eng mit den Erneue­rern um den hei­li­gen Petrus Damia­ni, aber auch Papst Gre­gor VII. und Bischof Anselm von Luc­ca zusam­men, einem bekann­ten Kir­chen­recht­ler, der dann selbst als Alex­an­der II. Papst wur­de.

Zeitgleiches Erneuerungsstreben von Papst und Volk

Die Bewe­gung blieb zwar nicht von Radi­ka­li­sie­run­gen ver­schont und griff manch­mal sogar zur Gewalt, um gegen Miß­stän­de vor­zu­ge­hen. Unter dem erwähn­ten Gre­gor VII. gelang jedoch eine tat­kräf­ti­ge Erneue­rung, die als Gre­go­ria­ni­sche Reform in die Kir­chen­ge­schich­te ein­ging. Eine der Haupt­stoß­rich­tun­gen die­ser Reform war die Wie­der­her­stel­lung des prie­ster­li­chen Zöli­bats und das erfolg­rei­che Abstel­len der ein­ge­ris­se­nen Unsit­te des Kon­ku­bi­nats und der „Prie­ster­ehe“. Die Kle­ri­ker soll­ten den Zöli­bat wie­der mit ernst und getreu leben. Zugleich wehr­te sich Gre­gor VII. gegen welt­li­che Ein­mi­schung bei der Beset­zung der kirch­li­chen Ämter.

Die Pata­ria brach­te ihrer­seits wie­der radi­ka­le­re Abspal­tun­gen her­vor, die zu Fehl­ent­wick­lun­gen führ­ten, allen vor­an pau­per­i­sti­sche und anti­chier­achi­sche Grup­pie­run­gen. Der Groß­teil konn­te durch die klu­ge pasto­ra­le Hal­tung von Papst Inno­zenz III. jedoch in der Kir­che gehal­ten wer­den. Ein klei­ne­rer Teil brach weg und ver­fiel der Häre­sie.

Der ent­schei­den­de Aspekt aber, auf den Kar­di­nal Brand­mül­ler hin­wei­sen will, ist das zeit­glei­che Auf­tre­ten von zwei Phä­no­men: ein­mal der Kri­se, ande­rer­seits der Ant­wort dar­auf. Auf die Kri­se jener Zeit erfolg­te eine simul­ta­ne Ant­wort sowohl aus der höch­sten Kir­chen­füh­rung als auch aus dem Volk. Bei­de sahen die Not eines untrag­ba­ren Zustan­des und dräng­ten auf Abhil­fe. Das sich dar­aus erge­ben­de Zusam­men­wir­ken habe die Erneue­rung zum Erfolg geführt.

Nach die­sem histo­ri­schen Rück­blick stellt Kar­di­nal Brand­mül­ler daher die Fra­ge, was dar­aus für die heu­ti­ge Lage gelernt wer­den kön­ne. Wor­in sind Par­al­le­len zu erken­nen, wor­in Unter­schie­de?

Parallelen und Unterschiede zu heute

Damals wie heu­te, so der Kar­di­nal, kommt der Ruf nach Rei­ni­gung der Kir­che vor allem aus dem Kreis der katho­li­schen Gläu­bi­gen, heu­te beson­ders aus den USA. Damals wie heu­te haben die Lai­en eini­ge Prie­ster und Bischö­fe an ihrer Sei­te, die die­sel­be Not sehen und nach Erneue­rung stre­ben. Damals wie heu­te ergeht ein lei­den­schaft­li­cher Ruf an die kirch­li­che Hier­ar­chie, vor allem den Papst, sich mit die­sen Lai­en und die­sen Prie­stern zusam­men­zu­schlie­ßen, um die Pest der Homo­se­xua­li­tät unter dem Kle­rus und unter den Bischö­fe, ja sogar den Kar­di­nä­len, zu bekämp­fen.

An die­ser Stel­le sieht Kar­di­nal Brand­mül­ler aller­dings auch den größ­ten Unter­schied zu damals. Im Gegen­satz zur Zeit von Gre­gor VII. und Inno­zenz III. sei der­zeit an der Spit­ze der Kir­che kein Erneue­rungs­wil­le zu erken­nen. Papst Fran­zis­kus wirkt nicht mit der Lai­en­be­we­gung zusam­men, um die Kir­che zu erneu­ern und die Sit­ten­lo­sig­keit im Kle­rus zu besei­ti­gen. Anders als im Hoch­mit­tel­al­ter fehlt es heu­te an der posi­ti­ven Ant­wort des Pap­stes und damit auch das Zusam­men­wir­ken von Kir­chen­füh­rung und gläu­bi­gem Volk.

Auch in den chri­sto­lo­gi­schen Kon­tro­ver­sen des 4. Jahr­hun­derts, so Brand­mül­ler, blie­ben die Bischö­fe lan­ge untä­tig. Heu­te ist es eben­so. Die Not ist all­ge­gen­wär­tig, die Nega­tiv­mel­dun­gen über­schla­gen sich, doch die zustän­di­gen Ver­ant­wor­tungs­trä­ger ver­hal­ten sich, als wür­den sie gar nicht exi­stie­ren. Sie sind ein­fach abwe­send.

Kar­di­nal Brand­mül­ler macht dafür nicht nur per­sön­lich Schwä­che, son­dern auch die Struk­tur­re­for­men mit­ver­ant­wort­lich, die seit dem Zwei­ten Vati­ka­ni­schen Kon­zil die Eigen­ver­ant­wor­tung des ein­zel­nen Bischofs  hin­ter neue kol­lek­ti­ve und „syn­oda­le“ Gre­mi­en zurück­tre­ten lie­ßen. Die­se Ent­wick­lung räche sich jetzt, weil der Initia­tiv­geist und das Ver­ant­wor­tungs­be­wußt­sein geschwun­den sei­en. Der Appa­rat und die Struk­tu­ren der Bischofs­kon­fe­ren­zen erwei­sen sich als hin­der­lich, wenn es wirk­lich dar­auf ankommt. Sie wer­den auch zum Vor­wand, hin­ter dem sich Bischö­fe ver­stecken kön­nen, anstatt zu han­deln.

Schwäche des päpstlichen Widerstandes gegen die Häresien

Kar­di­nal Brand­mül­ler erhebt auch Vor­wür­fe gegen den regie­ren­den Papst, aber nicht nur ihn. Ihm und zum Teil auch sei­nen Vor­gän­gern lastet er die Schwä­che bei der Ver­tei­di­gung der katho­li­schen Moral­leh­re an. Des­halb konn­ten ihr wider­spre­chen­de Strö­mun­gen Ein­zug in die Kir­che hal­ten und sich wider­stands­los dar­in aus­brei­ten. Eine Ent­wick­lung, die nicht fol­gen­los blei­ben konn­te. Der Grund­te­nor die­ser irri­gen Posi­tio­nen sei: Was gestern ver­bo­ten war, kön­ne heu­te erlaubt sein. Homo­se­xua­li­tät inklu­si­ve. Dar­auf hät­ten die jüng­ste Päp­ste zu schwach reagiert.

Es stim­me wohl, daß eini­ge Bücher über die Sexu­al­mo­ral ver­ur­teilt wur­den und „zwei Pro­fes­so­ren“ die Lehr­erlaub­nis ent­zo­gen wur­de, einem 1972 und einem ande­ren 1986. Das sei aber so gut wie nichts gewe­sen im Ver­gleich zu den sich aus­brei­ten­den häre­ti­schen Mei­nun­gen.

„Die wirk­lich bedeu­ten­den Häre­ti­ker“ wie der Jesu­it Josef Fuchs, der von 1954–1982 an der Päpst­li­chen Uni­ver­si­tät Gre­go­ria­na, und Bern­hard Häring, der am Insti­tut der Redemp­to­ri­sten in Rom lehr­te, sowie der sehr ein­fluß­rei­che Moral­theo­lo­ge Franz Böck­le in Bonn oder der Moral­theo­lo­ge Alfons Auer in Tübin­gen konn­ten wei­ter unter den Augen Roms und der Bischö­fe unge­stört­leh­ren und ihre Irr­tü­mer ver­brei­ten.

Häring wur­de von Papst Fran­zis­kus sogar aus­drück­lich gelobt.

Die Glaubenskongregation schaute zu, wie die Wölfe in die Herde eindrangen

Die Hal­tung der Glau­bens­kon­gre­ga­ti­on gegen­über die­sen Fäl­len sei, rück­wir­kend betrach­tet, ein­fach nur unver­ständ­lich. Man habe den Wolf kom­men sehen, so Brand­mül­ler, habe aber nichts unter­nom­men, um sein Ein­drin­gen in die Her­de zu ver­hin­dern, son­dern ein­fach nur zuge­schaut.

Das füh­re zu einer ern­sten Gefahr, so der Kar­di­nal. Die Lai­en, die von der kirch­li­chen Hier­ar­chie im Stich gelas­sen wer­den, könn­ten selbst nicht mehr erken­nen, daß die Kir­che auf den Prie­ster­stand gegrün­det ist und in eine anti­hier­ar­chi­sche oder zumin­dest eine von der Hier­ar­chie los­ge­lö­ste Hal­tung abrut­schen, wie es bei eini­gen Grup­pen der Pat­a­re­ner­be­we­gung im Hoch­mit­tel­al­ter der Fall war.

In Wirk­lich­keit sei eine ech­te Rei­ni­gung um so bes­ser mög­lich, je eher sich die Bischö­fe und der Papst mit dem Wil­len der Lai­en zur Erneue­rung und Rei­ni­gung der Kir­che ver­bin­den.

Der Vati­ka­nist San­dro Magi­ster, der Brand­mül­lers Auf­satz in Ita­li­en ver­brei­te­te, schließt mit dem Hin­weis, daß der deut­sche Pur­pur­trä­ger einer der vier Kar­di­nä­le ist, die sich mit Dubia an Papst Fran­zis­kus wand­ten, und mit dem Satz:

„Wird der Papst dies­mal auf ihn hören und das Gesag­te ernst­haft in Betracht zie­hen, wie es Leo IX. mit dem hei­li­gen Petrus Damia­ni tat?“

Text: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: NCR (Screen­shot)

1 Kommentar

  1. Ich bit­te, wie auch bei ande­ren Arti­keln um genaue Lite­ra­tur und Quel­len­an­ga­ben. Ich schaet­ze Katholisches.info sehr.

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