Franziskus: „Das macht mir große Angst“ — Papst lobt Bernhard Häring, den schärfsten Kritiker der Enzyklika Humanae vitae

Papst Franziskus und Humanae vitae: Lob und Lob
Papst Franziskus und "Humanae vitae": Lob und Lob

(Rom) Was Papst Fran­zis­kus „gro­ße Angst“ in der Prie­ster­aus­bil­dung macht, und das Lob des Pap­stes für den Theo­lo­gen Bern­hard Häring (1912–1998), einen der schärf­sten Kri­ti­ker der Enzy­kli­ka Huma­nae vitae, sind zwei erstaun­li­che Din­ge, die ein Gesprächs­pro­to­koll ent­hält, das soeben ver­öf­fent­licht wur­de. Das Gesprächs­pro­to­koll gibt die Begeg­nung des Pap­stes mit den Obe­ren des Jesui­ten­or­dens wie­der, die am 24. Okto­ber in Rom statt­fand.

Lob für Humanae vitae oder für Bernhard Häring?

Ein Teil die­ses Pro­to­kolls wird als neu­es Bei­spiel für einen päpst­li­chen Zick-Zack-Kurs inter­pre­tiert, näm­lich das Lob von Fran­zis­kus für den vor 18 Jah­ren gestor­be­nen deut­schen Redemp­to­ri­sten­pa­ter und Theo­lo­gen Bern­hard Häring.

Bekannt wur­de Häring vor allem durch sei­ne har­te Kri­tik an der „pro­phe­ti­schen“ Enzy­kli­ka Huma­nae vitae von Papst Paul VI. aus dem Jahr 1968. Mit die­ser Enzy­kli­ka ver­ur­teil­te Paul VI. die sich damals aus­brei­ten­de Ver­hü­tungs- und Abtrei­bungs­men­ta­li­tät. Die­se Enzy­kli­ka, mit der die Bischö­fe des deut­schen Sprach­raums bis heu­te auf dem Kriegs­fuß ste­hen, wur­de zur Grund­la­ge des „Evan­ge­li­ums des Lebens“ von Papst Johan­nes Paul II. Für sein Fest­hal­ten an der kirch­li­chen Moral­leh­re griff Häring auch Johan­nes Paul II. wie­der­holt an.

Bernhard Häring, Redemptorist und verurteilter Moraltheologe
Bern­hard Häring, Redemp­to­rist und ver­ur­teil­ter Moral­theo­lo­ge

Papst Fran­zis­kus lob­te Huma­nae vitae am 5. März 2014 in sei­nem Inter­view mit dem Cor­rie­re del­la Sera als „pro­phe­tisch“. Am 16. Janu­ar 2015 ver­tei­dig­te er Paul VI. und „sei­ne Enzy­kli­ka“, ohne sie nament­lich zu nen­nen, bei sei­ner Begeg­nung mit den Fami­li­en in Mani­la auf den Phil­ip­pi­nen: „Er schau­te auf die Völ­ker der Erde und sah die­se Bedro­hung der Zer­stö­rung der Fami­lie durch Kin­der­lo­sig­keit. Paul VI. war mutig, er war ein guter Hir­te und warn­te sei­ne Scha­fe vor den kom­men­den Wöl­fen.“

Am 24. Okto­ber 2016 lob­te Fran­zis­kus hin­ge­gen einen der schärf­sten Kri­ti­ker die­ser Enzy­kli­ka.

Härings Moral­leh­re steht in offe­nem Wider­spruch zur Enzy­kli­ka Veri­ta­tis sple­ndor. Bereits wegen sei­nes 1972 erschie­ne­nen Buches „Hei­len­der Dienst. Ethi­sche Pro­ble­me der moder­nen Medi­zin“  lei­te­te die Glau­bens­kon­gre­ga­ti­on Unter­su­chun­gen gegen Häring ein. Unter Kar­di­nal Joseph Ratz­in­ger folg­te ein wei­te­res Lehr­be­an­stan­dungs­ver­fah­ren.

Die römi­sche Jesui­ten­zeit­schrift La Civil­tà  Cat­to­li­ca berich­te­te in ihrer jüng­sten Aus­ga­be über die 36. Gene­ral­kon­gre­ga­ti­on des Jesui­ten­or­dens, die im Okto­ber in Rom statt­fand. Bei ihr wur­de der vene­zo­la­ni­sche Jesu­it Arturo Sosa Abas­cal zum neu­en Gene­ral­obe­ren gewählt (s. „Schwar­zer Papst“ mit „mar­xi­sti­scher“ Ver­gan­gen­heit – Jesui­ten haben neu­en Ordens­ge­ne­ral und Die mar­xi­sti­sche Ver­mitt­lung des christ­li­chen Glau­bens – Von Arturo Sosa Abas­cal (1978), dem neu­en Jesui­ten­ge­ne­ral).

„Dekadente Scholastik“ — „Häring hat Moraltheologie wieder zum Blühen gebracht“

Im Rah­men der Gene­ral­kon­gre­ga­ti­on besuch­te Papst Fran­zis­kus, selbst Jesu­it, am 24. Okto­ber die aus aller Welt ver­sam­mel­ten Obe­ren sei­nes Ordens. Fran­zis­kus hielt den Jesui­ten zunächst eine Anspra­che und stell­te sich dann den Fra­gen sei­ner Mit­brü­der. „Der Papst woll­te weder, daß die Fra­gen vor­her aus­ge­wählt wer­den, noch woll­te er sie vor­ab ken­nen.“ Die Civil­tà  Cat­to­li­ca ver­öf­fent­lich­te nun ein umfas­sen­des Gesprächs­pro­to­koll die­ser Begeg­nung, bei der Papst Fran­zis­kus auf Bern­hard Häring zu spre­chen kam. Die­ser habe, so der Papst, die Moral­theo­lo­gie wie­der „zum Blü­hen“ gebracht.

Papst Franziskus mit dem neuen Generaloberen des Jesuitenordens (links)
Papst Fran­zis­kus mit dem neu­en Gene­ral­obe­ren des Jesui­ten­or­dens (links)

La Civil­tà  Cat­to­li­ca zitiert Papst Fran­zis­kus mit den Wor­ten:

„Es war eine der Unter­schei­dung sehr fer­ne Moral. In jener Epo­che herrsch­te ‚el cuco‘ [dt. das Schreck­bild, der But­ze­mann], das Gespenst der Situa­ti­ons­ethik … ich glau­be, daß Bern­hard Häring der Erste war, der begann, einen neu­en Weg zu suchen, um die Moral­theo­lo­gie wie­der zum Blü­hen zu brin­gen. Natür­lich hat die Moral­theo­lo­gie in unse­ren Tagen gro­ße Fort­schrit­te gemacht in ihren Über­le­gun­gen und in ihrer Rei­fe. Inzwi­schen ist sie nicht mehr eine ‚Kasu­istik‘.“

So ant­wor­te­te Papst Fran­zis­kus auf die Fra­ge eines Ordens­obe­ren zur „Unter­schei­dung“ als Grund­la­ge der Moral, über die der Papst so häu­fig spricht.

Fran­zis­kus kri­ti­sier­te in sei­ner Ant­wort das, was er eine „deka­ten­te Scho­la­stik“ nennt. In die­ser „deka­den­ten Scho­la­stik“ sei sei­ne Genera­ti­on erzo­gen wor­den. Sie habe, so der Papst, in Moral­fra­gen eine „kasu­isti­sche Hal­tung“ her­vor­ge­bracht. „Es war eine Moral, der die ‚Unter­schei­dung‘ fern­lag“, Bern­hard Häring „war der Erste“, der nach einem neu­en Weg such­te, „die Moral­theo­lo­gie wie­der zum Blü­hen zu brin­gen“.

Aller­dings zitier­te Fran­zis­kus Paul VI. an ande­rer Stel­le bereits falsch und strick­te dar­aus eine „typisch kasu­isti­sche The­se“.

Häring, eine Schlüsselfigur des Zweiten Vatikanischen Konzils

Der deut­sche Redemp­to­rist Bern­hard Häring war im Bereich eine Schlüs­sel­fi­gur des Zwei­ten Vati­ka­ni­schen Kon­zils. Er wand­te das Prin­zip der Nou­vel­le Théo­lo­gie einer „Evo­lu­ti­on des Dog­mas“ auf die Moral an. Rober­to de Mattei schrieb über die­se „neue Moral“ Härings, daß sie letzt­lich „die Exi­stenz eines abso­lu­ten und unver­än­der­li­chen Natur­rechts leug­net“.

Häring, der damals in Rom an der Redemp­to­ri­sten­aka­de­mie Alfon­sia­na lehr­te, wur­de als „Exper­te“ zum Kon­zil hin­zu­ge­zo­gen. Spä­ter wur­de er Sekre­tär der Kom­mis­si­on, die sich mit der „moder­nen Welt“ befaß­te, in der er, so de Mattei, zu einem Haupt­bau­mei­ster der Pasto­ral­kon­sti­tu­ti­on Gau­di­um et spes  wur­de, beson­ders des Teils, der sich mit der Ehe befaßt.

Laut de Mattei kam es wäh­rend der Aus­ar­bei­tung die­ses Kon­zils­do­ku­men­tes zu einer har­ten Aus­ein­an­der­set­zung zwi­schen den bei­den Min­der­hei­ten der Pro­gres­si­sten und der Tra­di­tio­na­li­sten zu Fra­gen der Zeu­gung und der Ehe. Als die pro­gres­si­ve Rich­tung eine Ver­ur­tei­lung der „Pil­le“ befürch­ten muß­te, gelang es ihr, ange­führt von Häring, Papst Paul VI. zu über­zeu­gen, die Fra­ge der Ver­hü­tung aus dem Doku­ment aus­zu­klam­mern.

Humanae vitae: der Zorn Härings und der Ungehorsam der deutschen Bischöfe

1968 ver­öf­fent­lich­te der­sel­be Papst dann aber die Enzy­kli­ka Huma­nae vitae, in der es unmiß­ver­ständ­lich heißt, daß „jeder ehe­li­che Akt von sich aus auf die Erzeu­gung mensch­li­chen Lebens hin­ge­ord­net blei­ben muß“ und emp­fäng­nis­ver­hü­ten­de Mit­tel „immer uner­laubt“ und „in sich schlecht“ sind. Außer­ehe­li­cher Geschlechts­ver­kehr wur­de selbst­ver­ständ­lich ver­ur­teilt.

Papst Franziskus am 24. Oktober vor der Kongregation der Jesuitenoberen
Papst Fran­zis­kus am 24. Okto­ber 2016 vor der Kon­gre­ga­ti­on der Jesui­ten­obe­ren

Damit zog sich Paul VI. explo­si­ons­ar­tig den Zorn und die gan­ze Abnei­gung der Pro­gres­si­ven zu, die sich im Bereich der Moral weit­ge­hend von ihm abwand­ten. Häring war einer ihrer Wort­füh­rer. Er setz­te viel Ener­gie ein, um Paul VI. scharf zu kri­ti­sie­ren, eben­so danach Papst Johan­nes Paul II., für des­sen Ver­tei­di­gung der kirch­li­chen Moral­leh­re. Ob Abtrei­bung, Ver­hü­tung, außer­ehe­li­cher Geschlechts­ver­kehr, wil­de Ehe, Homo­se­xua­li­tät: Es fan­den sich immer neue Reiz­the­men, und die mei­sten krei­sten um die Sexua­li­tät, um sich an der Kir­che zu rei­ben. Den Ton gaben Theo­lo­gen und Kle­ri­ker an, die dem Volk nach dem Mund rede­ten.

Härings war einer der ent­schei­den­den Stich­wort­ge­ber für die Auf­leh­nung der Bischofs­kon­fe­ren­zen des deut­schen Sprach­rau­mes gegen Huma­nae vitae. Auf ihn berie­fen sich damals die ver­schie­de­nen Kir­chen­ver­tre­ter für eine Hal­tung des Unge­hor­sams, die in den Erklä­run­gen von König­stein, Maria Trost und Solo­thurn der Bischö­fe der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land, Öster­reichs und der Schweiz ihren Höhe­punkt erreich­te. Die Bischö­fe waren es, die dem gläu­bi­gen Volk sag­ten, es müs­se sich nicht an die päpst­li­che Wei­sung hal­ten. Die­ser Unge­hor­sam der deut­schen Bischö­fe wur­de bis heu­te nicht zurück­ge­nom­men. Die drei Erklä­run­gen, klaf­fen­de Wun­den des Wider­spruchs, wur­den von den Bischofs­kon­fe­ren­zen nie kor­ri­giert.

Verurteilung durch die Glaubenskongregation

In den 70er Jah­ren begann die Glau­bens­kon­gre­ga­ti­on gegen Härings Moral­leh­re zu ermit­teln, die in so offe­nem Wider­spruch zu Huma­nae vitae stand.

Die erste Ver­ur­tei­lung Härings unter­zeich­ne­te Papst Johan­nes Paul II. 1979. Da sich Häring wei­ger­te, sei­ne irri­gen The­sen zurück­zu­neh­men, ist er ver­ur­teilt gestor­ben. Im pro­gres­si­ven Hoch­mut, wie er für die 70er Jah­re cha­rak­te­ri­stisch war, stell­te er sich viel­mehr als „Opfer“ der Römi­schen Kurie dar.

Papst Paul VI. (1965-1978) wurde durch Humanae vitae zum Feindbild
Papst Paul VI. (1965–1978) wur­de durch Huma­nae vitae zum Feind­bild

Häring war am Alfon­sia­num in Rom Leh­rer von Charles Cur­ran, einem dis­si­den­ten Prie­ster, der die Kir­che für ihre Ableh­nung der Abtrei­bung, der Ver­hü­tung und der Homo­se­xua­li­tät angriff. Cur­ran ver­trat zur Homo­se­xua­li­tät Anfang der 70er Jah­re Posi­tio­nen, wie sie homo­phi­le Kir­chen­krei­se seit der Amts­über­nah­me von Papst Fran­zis­kus in der Kir­che durch­zu­set­zen ver­su­chen. 1986 wur­de Cur­ran von der Glau­bens­kon­gre­ga­ti­on ver­ur­teilt. Ihm wur­de unter­sagt, an katho­li­schen Ein­rich­tun­gen zu leh­ren. Vor allem durf­te er sich nicht mehr als „katho­li­scher“ Theo­lo­ge aus­wei­sen.

Häring stand sei­nem Zög­ling im Ver­fah­ren vor der Glau­bens­kon­gre­ga­ti­on bei. Häring sag­te zur Ver­tei­di­gung Currans spöt­tisch: „Wer befin­det sich im Wider­spruch zur Leh­re der Kir­che: die Kon­gre­ga­ti­on oder Cur­ran? Die Geschich­te beweist unmiß­ver­ständ­lich, daß sich das Hei­li­ge Offi­zi­um und die Inqui­si­ti­on zu wich­ti­gen bibli­schen wie dog­ma­ti­schen The­men nicht in Über­ein­stim­mung mit dem Emp­fin­den der Gläu­bi­gen und der Mehr­heit der Theo­lo­gen befand.“

Häring griff eben­so scharf den spä­te­ren Kar­di­nal Car­lo Caf­farra an, heu­te einer der vier Kar­di­nä­le, die mit ihren Dubia (Zwei­fel) zum umstrit­te­nen nach­syn­oda­len Schrei­ben Amo­ris lae­ti­tia Papst Fran­zis­kus in Bedräng­nis gebracht haben. Ins Visier Härings geriet Caf­farra, weil der spä­te­re Erz­bi­schof von Bolo­gna bereits damals stand­haft die katho­li­sche Moral­leh­re ver­tei­dig­te.

„Das macht mir große Angst“ — Der volle Wortlaut der Papst-Antwort an die Jesuiten

Die gesam­te Pas­sa­ge zur „Unter­schei­dung“, Bern­hard Häring und dem, was Fran­zis­kus „gro­ße Angst“ macht, im Wort­laut. Die Emp­feh­lun­gen des Pap­stes an die Jesui­ten­obe­ren:

Fra­ge: In sei­ner Rede haben Sie uns ein­deu­tig eine Moral nahe­ge­legt, die auf der Unter­schei­dung grün­det. Wie emp­feh­len Sie uns im Bereich der Moral in Bezug auf die­se Dyna­mik der Unter­schei­dung in mora­li­schen Situa­tio­nen vor­zu­ge­hen? Mir scheint, daß es nicht mög­lich ist, daß wir bei einer sub­sump­ti­ven Inter­pre­ta­ti­on der Norm ste­hen­blei­ben, die sich dar­auf beschränkt, die beson­de­ren Situa­tio­nen als Fäl­le der all­ge­mei­nen Norm zu sehen …

Papst Fran­zis­kus: Die Unter­schei­dung, die Fähig­keit zu unter­schei­den, ist das Schlüs­sel­ele­ment. Und ich stel­le gera­de den Man­gel an Unter­schei­dung in der Aus­bil­dung der Prie­ster fest. Wir lau­fen in der Tat Gefahr, uns an „schwarz oder weiß“ zu gewöh­nen und an das, was legal ist.
Wir sind ziem­lich ver­schlos­sen, gene­rell, gegen­über der Unter­schei­dung. Eines steht fest: Heu­te ist in einer bestimm­ten Men­ge von Semi­na­ren wie­der eine Stren­ge ein­ge­zo­gen, die einer Unter­schei­dung der Situa­tio­nen nicht nahe­steht. Und das ist eine gefähr­li­che Sache, weil sie uns zu einem Ver­ständ­nis der Moral füh­ren kann, die einen kasu­isti­schen Sinn hat. Wenn auch mit unter­schied­li­chen For­mu­lie­run­gen wäre das immer auf die­ser sel­ben Linie. Das macht mir gro­ße Angst. Ich habe das bereits in einer Begeg­nung mit den Jesui­ten in Kra­kau beim Welt­ju­gend­tag gesagt. Dort haben mich die Jesui­ten gefragt, was die Gesell­schaft [Jesu] tun kön­ne, und ich habe geant­wor­tet, daß eine ihrer wich­ti­gen Auf­ga­ben die ist, die Semi­na­ri­sten und Prie­ster zur Unter­schei­dung aus­zu­bil­den.
Ich und jene aus mei­ner Genera­ti­on — viel­leicht nicht mehr die Jün­ge­ren, aber mei­ne Genera­ti­on und eini­ge der Nach­fol­gen­den — wur­den zu einer deka­den­ten Scho­la­stik erzo­gen. Wir stu­dier­ten mit einem Hand­buch der Theo­lo­gie und der Phi­lo­so­phie. Das war eine deka­den­te Scho­la­stik. Zum Bei­spiel, um das „meta­phy­si­sche Kon­ti­nu­um“ zu erklä­ren — ich muß immer lachen, wenn ich mich dar­an erin­ne­re — wur­de uns die Theo­rie der punc­ta infla­ta ((Der Papst bezieht sich hier auf Theo­rien und Dis­kus­sio­nen am Beginn des 17. Jahr­hun­derts, in die auch Jesui­ten, dar­un­ter Rodri­go und Arria­ga, invol­viert waren; Anm. La Civil­tà  Cat­to­li­ca.)) bei­gebracht. Als die gro­ße Scho­la­stik begann an Höhe zu ver­lie­ren, trat jene deka­den­te Scho­la­stik an ihre Stel­le, mit der zumin­dest mei­ne Genera­ti­on und ande­re stu­diert haben.
Es war die­se deka­den­te Scho­la­stik, die eine kasu­isti­sche Hal­tung her­vor­brach­te. Und es ist kuri­os: die Mate­rie „Buß­sa­kra­ment“ an der Theo­lo­gi­schen Fakul­tät wur­de nor­ma­ler­wei­se — aber nicht über­all — von Pro­fes­so­ren der Sakra­men­ten­mo­ral unter­rich­tet. Der gan­ze Moral­be­reich wur­de auf das „man darf“, „man darf nicht“, „bis da ja, bis dort nicht“ redu­ziert. In einer Prü­fung ad audi­en­das ((Dabei han­delt es sich um eine Prü­fung, die in der Gesell­schaft Jesu in Gebrauch ist, die dazu dient, die Fähig­keit eines Prie­ster­amt­skan­di­da­ten zu prü­fen, die Beich­te zu hören; Anm. La Civil­tà  Cat­to­li­ca)) sag­te ein Stu­di­en­kol­le­ge, dem eine ziem­lich ver­wickel­te Fra­ge gestellt wur­de, in aller Schlicht­heit: „Aber bit­te, Vater, sol­che Din­ge pas­sie­ren in der Wirk­lich­keit doch gar nicht!“ Und der Prü­fer ant­wor­te­te: „Aber in den Büchern schon!“
Es war eine Moral, die der Unter­schei­dung sehr fern war. In jener Epo­che herrsch­te el cuco [dt. das Schreck­bild, der But­ze­mann, Anm. Katholisches.info], das Gespenst der Situa­ti­ons­ethik … ich glau­be, daß Bern­hard Häring der Erste war, der begon­nen hat, einen neu­en Weg zu suchen, um die Moral­theo­lo­gie wie­der zum Blü­hen zu brin­gen. Natür­lich hat die Moral­theo­lo­gie in unse­ren Tagen gro­ße Fort­schrit­te gemacht in ihren Über­le­gun­gen und in ihrer Rei­fe. Inzwi­schen ist sie nicht mehr eine „Kasu­istik“.
Im Bereich der Moral muß man vor­rücken, ohne in einen Situa­tio­nis­mus zu fal­len, ande­rer­seits ist die­ser gro­ße Reich­tum, der in der Dimen­si­on der Unter­schei­dung ent­hal­ten ist, wie­der­zu­erwecken; und das ist gera­de die gro­ße Scho­la­stik. Wir stel­len eine Sache fest: Der hei­li­ge Tho­mas [von Aquin] und der hei­li­ge Bona­ven­tu­ra sagen, daß das all­ge­mei­ne Prin­zip für alle gilt, aber — das sagen sie aus­drück­lich — in dem Maß, in dem man in Details geht, unter­schei­det sich die Fra­ge und bekommt Schat­tie­run­gen, ohne daß das Prin­zip sich ändern muß. Die­se scho­la­sti­sche Metho­de hat ihre Gül­tig­keit. Das ist die mora­li­sche Metho­de, die der Kate­chis­mus der Katho­li­schen Kir­che ange­wandt hat. Und es ist die Metho­de, die im jüng­sten apo­sto­li­schen Schrei­ben Amo­ris lae­ti­tia ange­wandt wur­de nach der Unter­schei­dung, die von der gan­zen Kir­che durch zwei Syn­oden gemacht wor­den war. Die in Amo­ris lae­ti­tia ange­wand­te Moral ist tho­mi­stisch, aber jene des gro­ßen hei­li­gen Tho­mas, nicht die des Autors der punc­ta infla­ta.
Es ist offen­kun­dig, daß man im Bereich der Moral mit wis­sen­schaft­li­cher Stren­ge vor­ge­hen muß und mit Lie­be für die Kir­che und mit Unter­schei­dung. Es gibt bestimm­te Punk­te der Moral, zu denen man nur im Gebet das nöti­ge Licht erhal­ten kann, um durch theo­lo­gi­sche Über­le­gung wei­ter­ge­hen zu kön­nen. Und was das betrifft, erlau­be ich mir zu wie­der­ho­len: man muß „Theo­lo­gie auf den Knien“ machen. Man kann Theo­lo­gie nicht ohne Gebet betrei­ben. Das ist ein Schlüs­sel­aspekt, und man muß es so machen.

Die Wor­te von Papst Fran­zis­kus über Bern­hard Häring haben neue Befürch­tun­gen geweckt, daß die Enzy­kli­ka Huma­nae vitae über­wun­den wer­den soll, und eben­so die Enzy­kli­ka Veri­ta­tis sple­ndor, mit der Johan­nes Paul II. der Situa­ti­ons­ethik Härings einen Rie­gel vor­ge­scho­ben hat.
Der wir­re und ver­wir­ren­de Zick-Zack-Kurs von Papst Fran­zis­kus wird durch die Ver­öf­fent­li­chung der Civil­tà  Cat­to­li­ca um ein wei­te­res Kapi­tel rei­cher. Der Papst lobt Huma­nae vitae als „pro­phe­tisch“ und lobt zugleich Bern­hard Häring, einen der schärf­sten und gif­tig­sten Kri­ti­ker von Huma­nae vitae.

Text: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: MiL/Zenit/CR (Screen­shots)

5 Kommentare

  1. Es wird immer offen­sicht­li­cher, dass unter Ber­go­glio die bis­lang ein­deu­ti­ge Hal­tung der katho­li­schen Kir­che gegen die Abtrei­bung gemäß der Leh­re von Huma­nae vitae mit gera­de­zu frap­pie­ren­der Drei­stig­keit auf­ge­löst wird. Dar­über kann auch nicht das Tra­gen von Ring, Hir­ten­stab und Pec­to­ra­le aus den Zei­ten Pauls VI. hin­weg­täu­schen. Die Katho­li­sche Kir­che ver­liert damit ihr seit der Herr­schaft des Natio­nal­so­zia­lis­mus von Freund und Feind glei­cher­ma­ßen aner­kann­tes Anse­hen als Anwalt des Lebens­schut­zes auf­grund der ihr inne­woh­nen­den christ­li­chen Anthro­po­lo­gie, wur­zelnd in dem gött­li­chen Gebot: „Du sollst nicht töten!“. Es ist eine Schan­de!

  2. Es wird immer offen­sicht­li­cher, daß nun ein Zustand erreicht ist, bei dem man durch­aus die Fra­ge nach der Sedis­va­kanz stel­len kann. Exkom­mu­ni­ka­ti­on und Abtrei­bung sind de fide mit­ein­an­der ver­knüpft, da die Abtrei­bung in sich nicht nur mora­lisch schwer­ste Sün­de ist, son­dern auch ein Akt des Glau­bens­ab­falls, da ja defi­ni­tiv die Ver­ei­ni­gung der Samen- mit der Eizel­le als der Beginn eines neu­en mensch­li­chen Lebens gilt und damit schon per se die Empsychia statt­fin­det. Wer einer See­le den Weg zum See­len­heil ver­wehrt, gilt als Häre­ti­ker. Auch das ist defi­niert.

  3. Die­se „deka­den­te Scho­la­stik“ ist nichts ande­res als die „Neo­scho­la­stik“ und der „Neu­tho­mis­mus“, wie sie im spä­ten 19. und vor allem Anfang des 20. Jhdt. in Bel­gi­en an der damals welt­größ­ten katho­li­schen Uni­ver­si­tät in Löwen (Lou­vain) in Bel­gi­en erfun­den wur­de;
    an her­vor­ra­gen­der Stel­le war damals der spä­te­re Kar­di­nal v. Mali­nes-Bru­xel­les Mer­cier invol­viert;
    Kard. Mer­cier hat inten­si­ve Gesprä­che mit den Frei­mau­ern geführt und (teil­wei­se deckungs­gleich) sehr lan­ge und inten­si­ve Kon­tak­te und Bespre­chun­gen mit den Angli­ka­nern gehabt („Mechel­ner Gesprä­che“);
    die­se Gesprä­che gin­gen so weit (eher: zu weit), daß Mer­cier vom Papst selbst zurück­ge­pfif­fen wur­de.
    Bis jetzt besteht der Ver­dacht (mit sehr sub­stan­zi­el­len Hin­wei­sen) daß Mer­cier selbst Frei­mau­er gewe­sen sei.
    Die moder­ni­sti­sche Ten­den­zen in Löwen blie­ben viru­lent bzw. nah­men eher noch zu, sodaß beim Anfang des 2. Vati­ka­ni­schen Kon­zils die „squa­dra bel­ga“ unter Kard. Sue­n­ens ohne viel Gegen­wehr die moder­ni­sti­sche Agen­da durch­ja­gen konn­te.
    (Sehr aus­führ­li­che Doku­men­tie­rung (sei es mit moder­ni­sti­scher Bril­le gese­hen) hier auf der frü­he­ren bel­gi­schen Bischofs­web­site „www.kerknet.be“ (inzwi­schen: Archief/ „volg­con­ci­lie“ von 2012 bis 2015 (n.A. des 50-jäh­ri­gen Jubi­lä­ums des 2. Vati­kan. Kon­zil)).
    All­prä­sen­ter Moder­nis­mus mit gewal­tig tie­fer Fru­stra­ti­on und Haß gegen den christ­li­chen Glau­ben und gegen die Tra­di­tio der Vor­fah­ren, immenser Hoch­mut über „jet­zi­ge Ver­bes­se­run­gen“ (nun ja: inzwi­schen alle 80 Jah­re oder älter) und inhalt­lich tota­le Apost­asie.
    Tibi Chri­ste sple­ndor Patris

  4. Ephe­me­ri­des:
    ‑1979 wird Bern­hard Häring durch die Kon­gre­ga­ti­on der Glau­bens­leh­re ange­zeigt und von Papst Johan­nes Paul II ver­ur­teilt wegen häre­ti­schen Ansich­ten und Leh­ren.
    ‑1985 erscheint im Paro­chi­al­blatt des Bis­tums Ant­wer­pen „Kerk&Leven“ eine gro­ße Anzei­ge, wor­in Rekla­me für „eine Arbeits­grup­pe zur Unter­stüt­zung der Intee­sen der Pädo­phi­len in der Kir­che“ gemacht wird (der Ansprech­part­ner katho­li­scher­seits ist dr jet­zi­ge Dechant v. Ant­wer­pen-Noord Jef Bar­zin, noch unter Bischof Johan Bon­ny pro­mo­viert).
    (Es gab sehr viel Kri­tik und auch Ein­ga­ben bis direkt an die Glau­bens­kon­gre­ga­ti­on)
    ‑1985 wur­de in Ant­wer­pen ein neu­es Spät­be­ru­fe­n­en­se­mi­nar geöff­net: CPRL (Cen­trum voor Prie­ster­kan­di­da­ten op rij­pe­re Leef­tijd), daß sich (wem wun­derts) als­bald als hot­te­ste Homo­treff von Ant­wer­pen ent­wickel­te.
    ‑1986 ver­tei­digt Häring den total abge­irr­ten Cur­ran.
    ‑1985 wird Roger vanG­he­lu­we, damals schon Pädo­phil, zu Bischof von Brüg­ge geweiht; das Groß­se­mi­nar von Brüg­ge ent­wickelt sich in den fol­gen­den Jah­ren zu einem Brut­nest von Homo- und Pädo­phi­lie.
    ‑1995 erscheint erscheint ein von den nord­bel­gi­schen Bischö­fen geneh­mig­tes und indu­zier­tes Reli­gi­ons­un­ter­richts­buch „Roeach 3“ mit abscheu­li­chen und deut­lich zu Pädo­phi­lie hin­füh­ren­den Abbil­dun­gen (Edi­tor: Jef (Jozef)Bulckens (Löwen) und Frans Lefe­v­re* (Brüg­ge), Freun­de v. Dan­neel).
    ‑1995 flieht der west­flä­mi­sche Obla­ten­pa­ter Eric Deja­eg­her weg aus Igloo­lik, nach­dem er dort und vor­her in Baker Lake (Bis­tum Hud­son Bay) ungläub­li­chen Mas­sen­miß­brauch von Eski­mo­kin­dern und an einem Hund betrie­ben hat (unter­ge­schlupft in Bel­gi­en bei Löwen, 2011 ent­deckt und trotz viel Wider­stän­de ddrD­an­neels­cli­que ver­haf­tet, aus­ge­lie­fert und teil­wei­se schon ver­ur­teilt).
    Ab 1995 deto­nie­ren nicht nach­las­send Pädo­phi­lie- und ande­re Sex­skan­da­le; die Kir­che in den USA gerät in schwer­ster Bedräng­nis.
    P. Johann Paul II greift schon 1997 den Kin­der­miß­brauch in sei­nem Schrei­ben an die Bischö­fe ald­ort auf.
    1998 stirbt Häring.
    1999 wir das Reli­gi­ons­buch mit pädo­phi­li­sie­ren­den Abbil­dun­gen Roeach 3 zurück­ge­zo­gen.
    1999 wird der CPRL geschlos­sen: zuviel Lärm um Homo­sex­skan­da­len, aber noch viel mehr wegen vien Toten durch AIDS (da ist dann wohl so etwas wie die „jus­ti­ce imma­nen­te“).
    Ab 2010 ver­sucht EB Msgr. Léonard trotz schwer­ster Sabo­ta­ge die Kir­che in Nord­bel­gi­en von dem pädo­phi­len Schmutz zu rei­ni­gen.
    Von 2009 an immer wie­der Ver­su­che von Moder­ni­sten in Nord­bel­gi­en eine sex­freund­li­che Agen­da durch­zu­pau­ken (bis 2014(totale Nie­der­la­ge von DeKesel bei geplan­ter Wie­der­an­stel­lung eines pädo­phil rezi­di­vie­ren­den Prie­sters T.F.)
    01.10.2015: auf der Web­site der Redemp­to­ri­sten von Nord­bel­gi­en (inzwi­schen mit den nie­der­län­di­schen und den deut­schen Redemp­to­ri­sten bei dem Mit­gliedr­schwund zu „Pro­vinz Cle­mens Hof­bau­er“ fusio­niert) kann man lesen:
    http://www.effata.be/ClemensMagazine%2007%20%20nov%202015%20NLD%206p.pdf
    oder als „Cle­mens Hof­bau­er N
    Blog“:
    https://clemenshofbauer.wordpress.com und dann auf 01.10.2015 een bre­richt van het Theo­lo­gisch-pasto­ral Forum:
    hier beka­men die Redemp­to­ri­sten einen aus­führ­li­chen Vor­trag über das Mis­sio­nie­ren und den Umgang mit der Jugend, und wohl durch einen Bert (ali­as Huber­tus) Roeb­ben (nun Pro­fes­sor in Dort­mund) und : jawohl, 1993–1995 Mit­au­tor des Reli­gi­ons­buchs Roeach.
    Das amo­ra­li­sche sexu­alge­tin­te Plu­to­ni­um ver­sengt in die­sen Tagen mit töd­li­cher Strah­lung kräf­ti­ger denn je und wird von höch­ster Stel­le tole­riert und durch mul­ti­plen Wort­mel­dun­gen, Bemer­kun­gen und Taten noch pro­te­giert und hofiert.

    Die Glau­bens­kon­gre­ga­ti­on schweigt.
    Dum tacent con­sen­ti­unt= Durch zu schwei­gen ist man ein­ver­stan­den (Sprich­wort der alten Römer).
    Der katho­li­sche Glau­ben ist in ernst­haf­ter Gefahr.
    Die Glau­bens­kon­gre­ga­ti­on ver­säumt hier ihre Pflicht und Auf­ga­be.
    Mit­tel­fri­stig sind jedoch Kin­der und schwa­che Per­so­nen in Gefahr.
    Das ist von ganz ande­rer Qua­li­tät.

  5. Also, ich ken­ne den Begriff Kasu­istik ledig­lich gera­de anders­her­um, wie Fran­zis­kus die­sen hier gebraucht.

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