Warum wir Paul VI. nicht „heilig“ nennen müssen (und es auch nicht tun sollten)

Zur Heiligsprechung durch Papst Franziskus

Paul VI. wurde am 14. Oktober 2018 von Papst Franziskus heiliggesprochen. Dagegen äußert der Thomist Peter Kwasniewski ernste Bedenken.
Paul VI. wurde am 14. Oktober 2018 von Papst Franziskus heiliggesprochen. Dagegen äußert der Thomist Peter Kwasniewski ernste Bedenken.

Peter Kwas­niew­ski*

Vie­le, die sich mit dem Leben und Pon­ti­fi­kat von Papst Paul VI. aus­ein­an­der­ge­setzt haben, sind über­zeugt, daß er in sei­nem Ver­hal­ten als See­len­hir­te alles ande­re als vor­bild­lich war; daß er nicht nur kei­ne heroi­schen Tugen­den besaß, son­dern daß ihm gewis­se Schlüs­sel­tu­gen­den gera­de­zu fehl­ten; daß sei­ne Pro­mul­ga­ti­on (Ankün­di­gung und Durch­set­zung) einer tita­ni­schen Lit­ur­gie­re­form mit sei­nem Papst­amt unver­ein­bar war, wel­ches dar­in besteht, wei­ter­zu­ge­ben, was er emp­fan­gen hat; daß er uns das Bild geschei­ter­ter Füh­rung und preis­ge­ge­be­ner Tra­di­ti­on bie­tet. Kurz: Wir sind nicht dazu in der Lage zu akzep­tie­ren, daß ein sol­cher Papst je hei­lig­ge­spro­chen wer­den kann. Es über­rascht also nicht, daß wir von der „Hei­lig­spre­chung“ Gio­van­ni Bat­ti­sta Mon­ti­nis am Sonn­tag, 14. Okto­ber 2018, durch Papst Fran­zis­kus beun­ru­higt, ja bestürzt sind und schwe­re Gewis­sens­zwei­fel bezüg­lich ihrer Gül­tig­keit oder Glaub­wür­dig­keit haben.

Peter Kwasniewski
Peter Kwas­niew­ski

Aber dür­fen wir sol­che Zwei­fel über­haupt haben? Hei­lig­spre­chung ist doch sicher – so wer­den vie­le argu­men­tie­ren – eine unfehl­ba­re Aus­übung des Papst­am­tes, das heißt bin­dend für alle – bereits die in der Zere­mo­nie ver­wen­de­ten For­mu­lie­run­gen wei­sen ja schon dar­auf hin! –, des­halb haben wir es hin­zu­neh­men, daß Paul VI. ein Hei­li­ger im Him­mel ist, wir müs­sen ihn ver­eh­ren und nach­ah­men und alles als rich­tig hin­neh­men, was er als Papst getan und gelehrt hat.

Aber wir wol­len nichts über­stür­zen. In Wahr­heit ist die Situa­ti­on kom­pli­zier­ter. In die­sen stür­mi­schen Zei­ten tun wir gut dar­an, uns mit der Kom­ple­xi­tät einer Fra­ge aus­ein­an­der­zu­set­zen, anstatt zu nai­ven Ver­ein­fa­chun­gen Zuflucht zu neh­men.

Ich wer­de in die­sem Arti­kel sie­ben Punk­te behan­deln:

  1. Der Stel­len­wert von Hei­lig­spre­chun­gen
  2. Das Ziel von Hei­lig­spre­chun­gen
  3. Der Pro­zeß der Hei­lig­spre­chung
  4. Was ist an Paul VI. zu bean­stan­den?
  5. Was ist an Paul VI. bewun­derns­wert?
  6. Die Gren­zen der Bedeu­tung einer Hei­lig­spre­chung
  7. Prak­ti­sche Fol­gen

1. Der Stellenwert von Heiligsprechungen

Wäh­rend histo­risch gese­hen die Mehr­heit der Theo­lo­gen die Auf­fas­sung von der Unfehl­bar­keit von Hei­lig­spre­chun­gen ver­foch­ten hat – allen vor­an neo­scho­la­sti­sche Theo­lo­gen, die zu einem extre­men Ultra­mon­ta­nis­mus, d.h. stren­ger Papst- und Rom­treue nei­gen –, (1) hat die Kir­che selbst das fak­tisch nie als ver­bind­li­che Leh­re for­mu­liert. (2) Der genaue Stel­len­wert von Hei­lig­spre­chun­gen ist zu Recht nach wie vor ein The­ma der theo­lo­gi­schen Aus­ein­an­der­set­zung, und dies um so mehr, als sich die Erwar­tun­gen, Vor­ge­hens­wei­sen und Moti­ve für den Akt der Hei­lig­spre­chung ver­än­dert haben (ich kom­me auf die­sen Punkt zurück).

Die Unfehl­bar­keit von Hei­lig­spre­chun­gen wird von der Kir­che nicht gelehrt, eben­so­we­nig ist sie zwin­gend in ande­ren de fide-Leh­ren des Glau­bens impli­ziert. Katho­li­ken müs­sen Hei­lig­spre­chun­gen also nicht als eine Glau­bens­wahr­heit hin­neh­men; ja sie kön­nen sogar aus gra­vie­ren­den Grün­den die Wahr­heit einer bestimm­ten Hei­lig­spre­chung in Fra­ge stel­len. Die­se Schluß­fol­ge­rung wird schlüs­sig dar­ge­legt und ver­tei­digt in John Lamonts Text „The Aut­ho­ri­ty of Cano­ni­sa­ti­ons“ (Rora­te Cae­li, 24. August 2018), der mei­ner Mei­nung nach die beste bis­lang ver­öf­fent­lich­te Bear­bei­tung die­ses The­mas bie­tet, und der es ver­dient, in vol­ler Län­ge gele­sen zu wer­den, vor allem von jenen, deren Gewis­sen durch die The­ma­tik bela­stet wird. (3)

Zahl­rei­che Leser haben ver­sucht, die­sen Arti­kel unter Hin­weis auf eine Pas­sa­ge in der lehr­amt­li­chen Stel­lung­nah­me der Kon­gre­ga­ti­on für die Glau­bens­leh­re, unter­zeich­net vom dama­li­gen Kar­di­nal Ratz­in­ger und dem dama­li­gen Erz­bi­schof Ber­to­ne, vom 29. Juni 1998 zum Schluß­ab­satz der Pro­fes­sio Fidei zu wider­le­gen. Dar­in heißt es: „Bei­spie­le für Wahr­hei­ten, die nicht als von Gott geof­fen­bart ver­kün­det wer­den kön­nen, aber auf­grund geschicht­li­cher Not­wen­dig­keit mit der Offen­ba­rung ver­bun­den und end­gül­tig zu hal­ten sind, sind die Recht­mä­ßig­keit der Papst­wahl oder der Fei­er eines Öku­me­ni­schen Kon­zils, die Hei­lig­spre­chun­gen (dog­ma­ti­sche Tat­sa­chen) oder die Erklä­rung des Apo­sto­li­schen Schrei­bens Apo­sto­li­cae Curae von Papst Leo XIII. über die Ungül­tig­keit der angli­ka­ni­schen Wei­hen.“

Aller­dings haben Doku­men­te der Glau­bens­kon­gre­ga­ti­on nur lehr­amt­li­ches Gewicht, wenn es sich um Hand­rei­chun­gen des Ober­haup­tes der katho­li­schen Kir­che han­delt, wozu sie in dem Moment wer­den, wenn der Papst ihre Ver­öf­fent­li­chung offi­zi­ell bewil­ligt. Bei der zitier­ten „Lehr­amt­li­chen Stel­lung­nah­me“ fehlt jedoch im Unter­schied zu vie­len ande­ren Ver­öf­fent­li­chun­gen der Glau­bens­kon­gre­ga­ti­on (wie etwa einer „Mit­tei­lung“, die fünf Tage zuvor ver­öf­fent­licht wur­de) fol­gen­de abschlie­ßen­de For­mel: „Der Papst hat die­ses Schrei­ben gut­ge­hei­ßen und sei­ne Ver­öf­fent­li­chung ange­ord­net“. Und das war sicher­lich kei­ne zufäl­li­ge Unter­las­sung, als hät­te man ein­fach ver­ges­sen, Johan­nes Paul II. das Doku­ment vor­zu­le­gen, oder als wäre er zu beschäf­tigt gewe­sen, es zu unter­zeich­nen. Es zeigt viel­mehr, daß die­ses Doku­ment ein Kom­men­tar von Kar­di­nal Ratz­in­ger und Erz­bi­schof Ber­to­ne ist, in wel­chem sie ihre Mei­nung kund­tun (die natür­lich in Erwä­gung gezo­gen wer­den darf, sowohl an sich als auch im Kon­text), die aber kein obse­qui­um reli­gio­sum for­dert. Daher bleibt auch auf­grund die­ser „Lehr­amt­li­chen Stel­lung­nah­me“ die Unfehl­bar­keit von Hei­lig­spre­chun­gen eine offe­ne, dis­ku­tier­ba­re Fra­ge. Hin­zu­zu­fü­gen ist, daß wir heu­te mehr Grund haben als je zuvor, gewis­se Din­ge in Fra­ge zu stel­len, die frü­her als selbst­ver­ständ­lich gal­ten.

2. Das Ziel von Heiligsprechungen

Tra­di­tio­nel­ler­wei­se ist Hei­lig­spre­chung nicht ledig­lich eine Bestä­ti­gung, daß ein bestimm­tes Indi­vi­du­um sich jetzt im Him­mel befin­det; es ist eine Bestä­ti­gung dafür, daß die­ser Mensch ein Leben von so heroi­scher Tugend gelebt hat (vor allem der theo­lo­gi­schen Tugen­den von Glau­ben, Hoff­nung und Lie­be); daß er auf so exem­pla­ri­sche Wei­se sei­ne Stan­des­pflich­ten erfüllt hat (was natür­lich für einen Kle­ri­ker sei­ne Amts­pflich­ten mit umfaßt); und daß er Aske­se in einer für einen Sol­da­ten Chri­sti so vor­bild­li­chen Wei­se prak­ti­ziert hat, daß die öffent­li­che (ein­schließ­lich der lit­ur­gi­schen) Ver­eh­rung ihm von der gesam­ten Kir­che ent­ge­gen­ge­bracht wer­den soll­te, und daß sein Bei­spiel als nach­ah­mens­wer­tes Vor­bild dar­ge­stellt wer­den kann (vgl. 1 Kor. 11,1). (4) All die­se Merk­ma­le strah­len uns aus den „klas­si­schen“ Hei­li­gen ent­ge­gen, die gro­ße öffent­li­che Ver­eh­rung genie­ßen.

Bei Päp­sten in jün­ge­rer Zeit haben wir erlebt, wie sich der Grund, war­um Indi­vi­du­en – jeden­falls bestimm­te Indi­vi­du­en – hei­lig­ge­spro­chen wer­den, ver­scho­ben hat. Donald Prud­lo beob­ach­tet:

„Als Histo­ri­ker der Hei­lig­spre­chung ist mei­ne größ­te Schwie­rig­keit mit dem gegen­wär­ti­gen Pro­zeß auf die von Johan­nes Paul II. durch­ge­führ­ten Hei­lig­spre­chun­gen zurück­zu­füh­ren. Er hat­te die lobens­wer­te Absicht, Model­le der Hei­lig­keit aus allen Kul­tu­ren und Lebens­um­stän­den vor­zu­stel­len, womit er aller­dings die Hei­lig­spre­chung von ihrem ursprüng­li­chen grund­le­gen­den Ziel ten­den­zi­ell abtrenn­te. Die­ses Ziel bestand dar­in, eine exi­stie­ren­de Ver­eh­rung der Christ­gläu­bi­gen for­mal anzu­er­ken­nen, eine Ver­eh­rung, die durch das gött­li­che Zeug­nis von Wun­dern bestä­tigt wor­den war. Der Kult geht der Hei­lig­spre­chung vor­aus; es war nicht vor­ge­se­hen, daß die Rei­hen­fol­ge umge­kehrt wird. Wir sind in der Gefahr, die Hei­lig­spre­chung als Werk­zeug zu benut­zen, um Inter­es­sen und Strö­mun­gen durch­zu­set­zen, anstatt daß wir einen exi­stie­ren­den cul­tus zustim­mend aner­ken­nen.“ (5)

Giovanni Battista Montini / Papst Paul VI.
Gio­van­ni Bat­ti­sta Mon­ti­ni / Papst Paul VI.

Prud­lo argu­men­tiert, daß Selig­spre­chung und Hei­lig­spre­chung offen­sicht­li­che Reak­tio­nen der Kir­che auf eine star­ke volks­tüm­li­che Ver­eh­rung sind, die einem bestimm­ten Indi­vi­du­um ent­ge­gen­ge­bracht wird, des­sen Für­spra­che im Him­mel Gott sozu­sa­gen bestä­tigt hat, indem er meh­re­re nach­weis­li­che Wun­der wirk­te. Hei­lig­spre­chung soll nicht als Abseg­nung ein­zel­ner Indi­vi­du­en durch den Vati­kan benutzt wer­den, die der Vati­kan gera­de zufäl­lig pro­mo­ten möch­te. Es gibt kei­nen seriö­sen Kult um Paul VI., es gab nie einen sol­chen Kult, und es steht zu bezwei­feln, daß ein päpst­li­ches fiat einen cul­tus ex nihi­lo kre­ieren kann.

Fak­tisch kön­nen wir beob­ach­ten, daß Papst Fran­zis­kus die „Poli­ti­sie­rung“ des Pro­zes­ses ins Extrem getrie­ben hat, wodurch das selig- oder hei­lig­zu­spre­chen­de Indi­vi­du­um für eine bestimm­te Absicht instru­men­ta­li­siert wird. Fr. Hun­wicke weist auf Fol­gen­des hin:

„In eini­gen Grup­pen kam vor eini­ger Zeit der ungu­te Ver­dacht hoch, daß Hei­lig­spre­chun­gen sich in eine Art Güte­sie­gel der ‚Poli­tik‘ gewis­ser Päp­ste ver­wan­delt haben. Wenn die­se ‚Poli­tik‘ ihrer­seits eine Ange­le­gen­heit strit­ti­ger Dis­kus­sio­nen und Debat­ten ist, dann wird die Beto­nung der Tat­sa­che, daß Hei­lig­spre­chun­gen unfehl­bar sind, selbst zu einem Ele­ment im Kon­flikt. Sie wer­den mir ent­ge­gen­hal­ten, daß Hei­lig­spre­chung theo­lo­gisch nicht vor­aus­setzt, daß alles, was ein Hei­li­ger getan oder gesagt hat, hei­lig­mä­ßig gewe­sen sein muss. For­mal gese­hen stimmt das. Aller­dings haben eini­ge den Ver­dacht, daß de fac­to, mensch­lich gespro­chen, der Pro­zeß dar­auf abzu­zie­len scheint. Das wird durch die auf allen Sei­ten vor­herr­schen­de Annah­me bestä­tigt, daß die Hei­lig­spre­chung der ‚Kon­zil­späp­ste‘ einen ganz bestimm­ten Sinn hat, eine ganz bestimm­te Bot­schaft ver­mit­telt.“

Ähn­lich die Beob­ach­tung von Pater „Pio Pace“:

„Wir müs­sen es ganz klar aus­spre­chen: Indem sämt­li­che Päp­ste des Zwei­ten Vati­can­ums hei­lig­ge­spro­chen wer­den, wird das Zwei­te Vati­ca­num hei­lig­ge­spro­chen. Gleich­zei­tig wird Hei­lig­spre­chung, wenn sie zu einer Art Medail­le ver­kommt, die am Schluß noch oben auf dem Sarg pla­ziert wird, als sol­che ent­wer­tet. Viel­leicht hat ein Kon­zil, das „pasto­ral“ und nicht dog­ma­tisch war, sol­che Hei­lig­spre­chun­gen ver­dient, die ‚pasto­ral‘ und nicht dog­ma­tisch sind.“ (6)

Am prä­gnan­te­sten ist die Beob­ach­tung von Prof. Rober­to de Mattei:

„Für den fana­ti­schen Papst­ver­eh­rer (‚Papo­la­tor‘) ist der Papst nicht der Stell­ver­tre­ter Chri­sti auf Erden, der die Pflicht hat, die Leh­re wei­ter­zu­ge­ben, die er emp­fan­gen hat, son­dern ein Nach­fol­ger Chri­sti, der die Leh­re sei­ner Vor­gän­ger per­fek­tio­niert, indem er sie dem Wan­del der Zei­ten anpaßt. Die Leh­re des Evan­ge­li­ums befin­det sich in einem stän­di­gen Pro­zeß der Evo­lu­ti­on, weil sie mit dem Lehr­amt des regie­ren­den Pap­stes zusam­men­fällt. Das ‚leben­de‘ Lehr­amt tritt an die Stel­le des immer­wäh­ren­den Lehr­amts, es drückt sich in pasto­ra­len Leh­ren aus, die täg­lich wech­seln, und es hat sei­ne regu­la fidei (Glau­bens­re­gel) in dem Sub­jekt, das im Besitz der Auto­ri­tät ist, und nicht im Objekt der über­lie­fer­ten Wahr­heit.

Eine Kon­se­quenz der Papo­la­trie ist der Vor­wand, alle und jeden der Päp­ste der Ver­gan­gen­heit hei­lig­zu­spre­chen, so daß rück­wir­kend jedes ihrer Wor­te, jeder Regie­rungs­akt unfehl­bar gemacht wird. Aller­dings bezieht sich die­se Ten­denz ledig­lich auf Päp­ste, die nach dem zwei­ten Vati­ca­num ins Amt kamen, nicht auf die­je­ni­gen, die dem Kon­zil vor­aus­gin­gen.

Hier erhebt sich die Fra­ge: Die gro­ße Zeit in der Geschich­te der Kir­che ist das Mit­tel­al­ter, doch die ein­zi­gen Päp­ste des Mit­tel­al­ters, die die Kir­che hei­lig­ge­spro­chen hat, sind Gre­gor VII. und Cöle­stin V. [und wir wür­den noch Leo IX. hin­zu­fü­gen – PK]. Im 12. und 13. Jahr­hun­dert gab es bedeu­ten­de Päp­ste, doch kei­ner von ihnen wur­de hei­lig­ge­spro­chen. In den sie­ben­hun­dert Jah­ren zwi­schen dem 14. und dem 20. Jahr­hun­dert wur­den ledig­lich St. Pius V. und St. Pius X. hei­lig­ge­spro­chen. Waren alle ande­ren unwür­di­ge Päp­ste und Sün­der? Mit Sicher­heit nicht. Aber Hero­is­mus in der Lei­tung der Kir­che ist eine Aus­nah­me, nicht die Regel, und wenn alle Päp­ste hei­lig wären, dann wäre kei­ner von ihnen hei­lig. Hei­lig­keit ist eine sol­che Aus­nah­me, daß sie ihre Bedeu­tung ver­liert, wenn sie zur Regel wird.“ (7)

Der letz­te Abschnitt ver­dient beson­de­re Auf­merk­sam­keit: Es soll­te tie­fes Erstau­nen und Skep­sis aus­lö­sen, dass, wäh­rend die Kir­che in einer Peri­ode von sie­ben­hun­dert Jah­ren gera­de ein­mal zwei Päp­ste hei­lig­ge­spro­chen hat, (8) sie in jüng­ster Zeit drei Päp­ste aus einem Zeit­raum von wenig mehr als fünf­zig Jah­ren hei­lig­ge­spro­chen hat – in einem hal­ben Jahr­hun­dert, das wun­der­sa­mer­wei­se mit der Vor­be­rei­tung, Durch­füh­rung und den Nach­wir­kun­gen jenes wun­der­sam­sten aller Kon­zi­li­en, dem zwei­ten Vati­ca­num, zusam­men­fällt. Muß wohl an den Aus­wir­kun­gen des „neu­en Pfing­sten“ lie­gen. Wenn einen das nicht zum Zyni­ker wer­den läßt … (9)

3. Der Prozeß der Heiligsprechung

Um die Schaf­fung von Hei­li­gen zu beschleu­ni­gen, nahm Johan­nes Paul II. vie­le ent­schei­den­de Ver­än­de­run­gen im Kano­ni­sie­rungs­pro­zeß vor, der seit der Arbeit von Pro­sper Lam­ber­ti­ni (1734 – 1738) unver­än­dert geblie­ben war. Lam­ber­ti­ni wur­de spä­ter Papst Bene­dikt XIV. (1740 – 1758). Die­ser Pro­zeß beruh­te sei­ner­seits auf Nor­men, die auf Papst Urban VIII. zurück­ge­hen (1623 – 1644). Es war kein ande­rer als Paul VI., der auf die­sem Gebiet wie auf so vie­len ande­ren 1969 eine Ver­ein­fa­chung der Pro­ze­du­ren initi­ier­te; Johan­nes Paul II. voll­ende­te die­sen Pro­zeß 1983.

Es ist auf­schluß­reich, die alte und die neue Vor­ge­hens­wei­se mit­ein­an­der zu ver­glei­chen. Auf der Home­page von Unam Sanc­tam Catho­li­cam fin­det sich eine ver­glei­chen­de Dar­stel­lung. Unam Sanc­tam stellt zunächst die offen­sicht­li­che Tat­sa­che fest, daß der alte Pro­zeß ent­schie­den kom­ple­xer und sorg­fäl­ti­ger war, und kommt dann zu die­ser Aus­wer­tung:

„Der Unter­schied zwi­schen dem alten und dem neu­en Ver­fah­ren liegt nicht in der Län­ge, son­dern in ihrem Cha­rak­ter. Im alten Ver­fah­ren fällt die Sorg­falt auf, mit der die Rich­tig­keit des Vor­ge­hens selbst gewähr­lei­stet wird. Die Kon­gre­ga­ti­on muß die Gül­tig­keit der Metho­den bestä­ti­gen, die von den Offi­zi­ala­ten ange­wandt wur­den. Der Pro­mo­tor Fidei muß die kano­ni­sche Form jeder Hand­lung des Postu­la­tors und der Kon­gre­ga­ti­on abzeich­nen. Die Aus­sa­ge­kraft der Befra­gun­gen zu den Wun­der­ta­ten des Kan­di­da­ten wird ein­ge­hend geprüft. Es gibt eine stren­ge Beach­tung von Form und Metho­de in der Vor­ge­hens­wei­se von vor 1969, die in dem System nach 1983 schlicht fehlt … Wäh­rend die moder­ne Kano­ni­sie­rungs­pro­ze­dur die prak­ti­schen Details des Systems vor 1969 bei­be­hält, ist der Aspekt der gegen­sei­ti­gen Kon­trol­le, der für das Ver­fah­ren vor 1969 typisch war, geschwächt. Die rigi­de Kon­trol­le fehlt im [moder­nen] System.“ (10)

Die Rol­le des pro­mo­tor fidei, des soge­nann­ten „Advo­ca­tus dia­bo­li“, wur­de mas­siv beschnit­ten. Im alten System bestand die ent­schei­den­de Funk­ti­on des Pro­mo­tor fidei dar­in,

„… über­eil­te Ent­schei­dun­gen hin­sicht­lich der Wun­der oder Tugen­den der Kan­di­da­ten für die Ehre der Altä­re zu ver­hin­dern. Sämt­li­che Doku­men­te des Selig- und Hei­lig­spre­chungs­pro­zes­ses müs­sen ihm zur Prü­fung vor­ge­legt wer­den, und die Pro­ble­me und Zwei­fel, die er bezüg­lich der Tugen­den und Wun­der hegt, wer­den der Kon­gre­ga­ti­on vor­ge­legt und müs­sen zufrie­den­stel­lend beant­wor­tet wer­den, bevor irgend­wel­che wei­te­ren Schrit­te unter­nom­men wer­den kön­nen. Es ist sei­ne Pflicht, für angeb­li­che Wun­der natür­li­che Erklä­run­gen vor­zu­schla­gen, und sogar im Zusam­men­hang mit Taten, die als heroi­sche Tugen­den bezeich­net wer­den, mensch­li­che, eigen­nüt­zi­ge Moti­ve zu unter­stel­len. … Er ist dazu ver­pflich­tet, sämt­li­che mög­li­chen Argu­men­te gegen die Erhe­bung einer Per­son zur Ehre der Altä­re, auch wenn sie noch so gering­fü­gig schei­nen, schrift­lich nie­der­zu­le­gen. Inter­es­se und Ehre der Kir­che ste­hen auf dem Spiel, wenn man nicht ver­hin­dert, daß jemand die­se Ehre erhält, des­sen Tod nicht juri­stisch nach­weis­bar „kost­bar in den Augen Got­tes“ ist. (11)

Es lohnt sich, die­sen Absatz mehr­mals zu lesen. Über­eil­te Ent­schei­dun­gen bezüg­lich Wun­dern oder Tugen­den … sämt­li­che Doku­men­te müs­sen vor­ge­legt wer­den … offen­sicht­li­che Tugen­den müs­sen ange­foch­ten wer­den … Inter­es­se und Ehre der Kir­che müs­sen ver­tei­digt wer­den, koste es, was es wol­le …

Die Locke­rung des Pro­zes­ses, in Ver­bin­dung mit dem Cha­os, das häu­fig im Vati­kan in die­sen ori­en­tie­rungs­lo­sen post­kon­zi­lia­ren Jah­ren zu herr­schen scheint, hat­te zur Fol­ge, daß der Funk­ti­on des stren­gen „Advo­ca­tus dia­bo­li“ seit 1983 (und man kann wohl sagen seit 1969, als die Desta­bi­li­sie­rung des Pro­zes­ses begann) nichts Ver­gleich­ba­res nach­folg­te.

Johannes XXIII. mit Kardinal Montini
Johan­nes XXIII. mit Kar­di­nal Mon­ti­ni

Unter ande­rem war es eine Selbst­ver­ständ­lich­keit, daß alle Doku­men­te im Zusam­men­hang mit einem vor­ge­schla­ge­nen Seli­gen oder Hei­li­gen sorg­fäl­tig nach lehr­mä­ßi­gen, mora­li­schen und psy­cho­lo­gi­schen Infor­ma­tio­nen durch­sucht wur­den, die ein mög­li­ches Warn­si­gnal waren und zum Aus­schluß hät­ten füh­ren kön­nen.

Ich muß hier eine ver­stö­ren­de Infor­ma­ti­on mit­tei­len. Eine im Vati­kan beschäf­tig­te Per­son in der Kon­gre­ga­ti­on für Hei­lig­spre­chungs­pro­zes­se teil­te mir per­sön­lich mit, es habe „von oben“ die Anord­nung gege­ben, daß der Kano­ni­sie­rungs­pro­zeß für Paul VI. so schnell wie mög­lich durch­ge­zo­gen wer­den soll­te – und infol­ge­des­sen unter­such­te die Kon­gre­ga­ti­on nicht sämt­li­che Doku­men­te von oder über Paul VI., die sich in den Archi­ven des Vati­kan befin­den. Die­se ekla­tan­te Lücke ist um so pro­ble­ma­ti­scher, wenn wir uns dar­an erin­nern, daß Paul VI. vor­ge­wor­fen wur­de, ein prak­ti­zie­ren­der Homo­se­xu­el­ler zu sein, ein Vor­wurf, der immer­hin so ernst genom­men wur­de, daß man ihn abstritt. (12) Pro­ble­ma­tisch ist sie außer­dem wegen der Betei­li­gung Pauls VI. an Geheim­ver­hand­lun­gen mit Kom­mu­ni­sten und sei­ner Unter­stüt­zung der „Ost­po­li­tik“, unter der es zu zahl­rei­chen Unge­rech­tig­kei­ten kam. (13) Man soll­te mei­nen, der Wunsch nach Trans­pa­renz und Wahr­heit über jeden Aspekt von Mon­ti­nis Leben hät­te zu einer inten­si­ven Durch­for­stung der rele­van­ten Doku­men­te geführt. Aber das wur­de vor­sätz­lich umgan­gen. Es ver­steht sich von selbst, daß die­ses Feh­len gebo­te­ner Sorg­falt an sich schon aus­reicht, um die Recht­mä­ßig­keit der Hei­lig­spre­chung in Zwei­fel zu zie­hen.

Wohl die schlimm­ste Ver­än­de­rung des Pro­zes­ses bezieht sich auf die Anzahl der ver­lang­ten Wun­der. Im alten System wur­den zwei Wun­der gefor­dert, und zwar sowohl für die Selig- wie für die Hei­lig­spre­chung – ins­ge­samt muß­ten also vier unter­such­te und bestä­tig­te Wun­der vor­lie­gen. Die­se For­de­rung soll­te garan­tie­ren, daß die Kir­che – durch den Augen­schein des gött­li­chen Macht­er­wei­ses auf die Für­bit­te des betref­fen­den Indi­vi­du­ums hin – aus­rei­chen­de mora­li­sche Gewiß­heit über die „Zustim­mung“ Got­tes zu der vor­ge­schla­ge­nen seli­gen oder hei­li­gen Per­son erhält. Dar­über hin­aus muß­ten die Wun­der tra­di­tio­nel­ler­wei­se über­ra­gend in ihrer Ein­deu­tig­keit sein – natür­li­che oder wis­sen­schaft­li­che Erklä­run­gen muß­ten also aus­ge­schlos­sen wer­den kön­nen.

Das neue System redu­ziert die Anzahl der Wun­der um die Hälf­te, was, so könn­te man durch­aus argu­men­tie­ren, auch die mora­li­sche Gewiß­heit um die Hälf­te redu­ziert – und wie von vie­len beob­ach­tet wur­de, sind die vor­ge­leg­ten Wun­der häu­fig eher unbe­deu­ten­der Natur; man kratzt sich am Kopf und fragt sich: War das wirk­lich ein Wun­der oder doch nichts wei­ter als ein extrem unwahr­schein­li­cher Zwi­schen­fall? Die bei­den Paul VI. zuge­schrie­be­nen Wun­der (hier dazu Nähe­res) sind offen gesagt ein­fach nur ent­täu­schend. Natür­lich ist es erfreu­lich, daß zwei Babys auf die beschrie­be­ne Wei­se „geheilt“ oder „beschützt“ wur­den, aber daß wir es hier mit einem auf natür­li­che Wei­se uner­klär­li­chen über­na­tür­li­chen Ein­grei­fen auf­grund der Macht der Gebe­te Pauls VI. zu tun haben, ist alles ande­re als offen­sicht­lich. Vier Wun­der, die alle hieb- und stich­fest sind, wie etwa daß ein Blin­der wie­der sehen kann oder ein Toter auf­er­steht, wür­den sehr viel über­zeu­gen­der wir­ken.

Ange­sichts der rapi­de zuneh­men­den Anzahl an Hei­lig­spre­chun­gen; der Hal­bie­rung der erfor­der­li­chen Wun­der – und selbst auf den Rest wird manch­mal noch teil­wei­se ver­zich­tet (14); dem Weg­fall einer sta­bi­len Funk­ti­on eines advo­ca­tus dia­bo­li; und der zeit­wei­se über­stürz­ten Art und Wei­se, in der die vor­lie­gen­den Doku­men­te geprüft oder teil­wei­se gar igno­riert wer­den (wie es offen­sicht­lich auf den Fall Pauls VI. zutraf) – ange­sichts all die­ser Fak­to­ren habe ich den Ein­druck, daß es nicht nur unmög­lich ist zu ver­lan­gen, daß heu­ti­ge Hei­lig­spre­chun­gen immer unse­re Zustim­mung erfor­dern, son­dern daß es gera­de­zu Fäl­le gibt, in denen man viel­mehr die Ver­pflich­tung hat, die Zustim­mung zu ver­wei­gern.

4. Was ist an Paul VI. zu beanstanden?

Außer all­ge­mei­nen Über­le­gun­gen zum Stel­len­wert von Hei­lig­spre­chun­gen, der Ziel­set­zung, von der sie sich lei­ten las­sen soll­ten, und der Vor­ge­hens­wei­se, mit der sie – kon­se­quent oder inkon­se­quent – durch­ge­führt wer­den, müs­sen wir die spe­zi­fi­schen Ver­dien­ste des vor­lie­gen­den Fal­les anschau­en. War­um kri­ti­sie­ren tra­di­tio­nel­le Katho­li­ken aus­ge­rech­net die Hei­lig­spre­chung Pauls VI.?

Habemus Papam 1963
Habe­mus Papam 1963

Wäh­rend sei­ner Zeit als Papst zeig­te Mon­ti­ni einen Man­gel an heroi­scher Tugend im Zusam­men­hang mit den ern­sten Ver­ant­wort­lich­kei­ten als Hüter der welt­wei­ten Her­de. Statt­des­sen war er, der stän­dig zwi­schen extre­mer Nach­gie­big­keit und extre­mer Stren­ge schwank­te, offen­kun­dig noto­risch unfä­hig, wirk­li­che Dis­zi­plin durch­zu­set­zen (so bestraf­te er zwar kaum ein­mal Theo­lo­gen wegen ihrer hor­rend häre­ti­schen Äuße­run­gen, behan­del­te hin­ge­gen Erz­bi­schof Lef­eb­v­re, als wäre er schlim­mer als Mar­tin Luther; oder er gewähr­te Anni­ba­le Bugni­ni stän­di­gen Zugang zum Papst, unter­stütz­te ihn wäh­rend des gesam­ten Ver­laufs der lit­ur­gi­schen Reform, und ver­bann­te ihn dann plötz­lich in den Iran). Die wider­sprüch­li­chen Signa­le, die von ihm aus­gin­gen – erst hofier­te er den Moder­nis­mus, dann schränk­te er ihn ein; er inter­ve­nier­te in strit­ti­gen Fra­gen und zog sich dann wie­der zurück, hin und her, wie Ham­let (eine Figur, mit der er selbst sich in einer pri­va­ten Notiz aus dem Jahr 1978 ver­glich) –, ver­schlim­mer­ten die in jenen Jah­ren herr­schen­de Ver­wir­rung und Anar­chie. Was man drin­gend gebraucht hät­te, war ein Steu­er­mann mit siche­rer Hand in der Mit­te des Sturms, kein von Selbst­zwei­feln gequäl­ter, exi­sten­ti­ell ver­un­si­cher­ter emp­find­li­cher Moder­nist.

Zu den beson­ders ekla­tan­ten Pro­blem­zo­nen gehört die Lit­ur­gie­re­form, in der Paul VI. satt­sam Bewei­se dafür lie­fer­te, daß er mit ratio­na­li­sti­schen pistoie­si­schen Prin­zi­pi­en agier­te, die mit dem Katho­li­zis­mus unver­ein­bar sind, und daß er in der Sich­tung der Mate­ria­li­en höchst nach­läs­sig war. (Offen­bar gab es eine gan­ze Rei­he von Doku­men­ten, die er abzeich­ne­te, ohne mit den Details ver­traut zu sein.) Sei­ne Ost­po­li­tik-Ver­hand­lun­gen mit den Kom­mu­ni­sten, wozu auch sein Unge­hor­sam gegen­über Pius XII. gehör­te, sind bekannt. Paul VI. kam zwar zur rich­ti­gen Schluß­fol­ge­rung über Gebur­ten­re­ge­lung, doch die Art und Wei­se, wie er es nicht schaff­te, auf das Sperr­feu­er der Medi­en im Zusam­men­hang mit der Päpst­li­chen Kom­mis­si­on zur Gebur­ten­re­ge­lung zu reagie­ren; wie er damit schei­ter­te, Abweich­ler von Huma­nae Vitae zu dis­zi­pli­nie­ren; und wie er es sogar zuließ, daß die­je­ni­gen, die sich für die päpst­li­che Leh­re ein­setz­ten, mar­gi­na­li­siert wur­den – all das unter­mi­nier­te die Wirk­sam­keit der Leh­re. Die irra­tio­na­le Här­te, mit der er tra­di­tio­nel­len Katho­li­ken begeg­ne­te, war schänd­lich, so etwa als er die Peti­ti­on einer gro­ßen Grup­pe von über 6000 spa­ni­schen Prie­stern abwies (15), die wei­ter­hin im alt­ehr­wür­di­gen römi­schen Ritus des hei­li­gen Gre­gor und des hei­li­gen Pius V. zele­brie­ren woll­ten (spä­ter wur­de die­se Erlaub­nis Prie­stern in Eng­land und Wales durch­aus erteilt – auch hier zeigt sich wie­der der Stoff, aus dem die Ham­lets sind). Er miß­brauch­te sei­ne päpst­li­che Auto­ri­tät, indem er ver­warf, was eigent­lich ver­ehrt wer­den soll­te, und als ver­bo­ten behan­del­te, was über­haupt nicht ver­bo­ten wer­den konn­te.

Der Papst hat eine ern­ste Ver­pflich­tung, die Tra­di­tio­nen und Riten der katho­li­schen Kir­che auf­recht­zu­er­hal­ten; er hat nicht die mora­li­sche Auto­ri­tät, sie bis zur Unkennt­lich­keit zu ver­än­dern. Kein Papst in der zwei­tau­send­jäh­ri­gen Geschich­te der katho­li­schen Kir­che hat auch nur annä­hernd so vie­le Tra­di­tio­nen und Riten ver­än­dert, und in sol­chem Aus­maß, wie Paul VI. Allein die­se Tat­sa­che soll­te ihn in den Augen der Recht­gläu­bi­gen für immer ver­däch­tig machen. Ent­we­der war die­ser Papst der gro­ße Befrei­er, der die Kir­che von Jahr­hun­der­ten, womög­lich sogar von über einem Jahr­tau­send der Gefan­gen­schaft in schäd­li­chen Kult­for­men befrei­te – dann hät­te der Hei­li­ge Geist sei­ne Auf­ga­be ver­schla­fen, und die Pro­te­stan­ten hät­ten die gan­ze Zeit damit recht gehabt, daß die wah­re Kir­che Chri­sti ver­schwun­den oder in den „Unter­grund“ gegan­gen war –; oder er war der gro­ße Zer­stö­rer, der abriß, was die gött­li­che Vor­se­hung lie­be­voll auf­ge­baut hat­te, und die Kir­che in die Skla­ve­rei intel­lek­tu­el­ler Moden ver­kauf­te, die noch ernied­ri­gen­der war als die phy­si­sche Knecht­schaft, die die Israe­li­ten erdul­den muß­ten.

Paul VI. sah nicht hilf­los der „Selbst­zer­stö­rung“ der Kir­che zu (den Ter­mi­nus benutz­te er selbst für den Zusam­men­bruch nach dem Kon­zil); er war nicht nur der­je­ni­ge, der wäh­rend des größ­ten Exo­dus katho­li­scher Lai­en, Kle­ri­ker und Ordens­leu­te seit der pro­te­stan­ti­schen Revol­te den Vor­sitz hat­te. Er unter­stütz­te und begün­stig­te die­se inter­ne Ver­wü­stung durch sei­ne eige­nen Aktio­nen. Indem er mit hals­bre­che­ri­scher Geschwin­dig­keit eine radi­ka­le lit­ur­gi­sche und insti­tu­tio­nel­le „Reform“ durch­peitsch­te, die nichts unan­ge­ta­stet ließ, mul­ti­pli­zier­te er die desta­bi­li­sie­ren­den Kräf­te, die in den 1960er Jah­ren am Werk waren, um ein Hun­dert­fa­ches. Jeder, der sich eines funk­tio­nie­ren­den Ver­stan­des erfreu­te, hät­te sehen kön­nen, daß es gefähr­lich war – pie­tät­los sowie­so –, so vie­les in so kur­zer Zeit zu ver­än­dern. Aber nein: Paul VI. war ein will­fäh­ri­ger Jün­ger der Ideo­lo­gie der Moder­ni­sie­rung, ein Hoher­prie­ster des Fort­schritts, der kühn in neue Berei­che vor­drang, die kei­ner sei­ner Vor­gän­ger zu betre­ten gewagt hat­te.

Iro­ni­scher­wei­se ist es kein ande­rer als Papst Fran­zis­kus, der mut­wil­li­ge Hei­lig­spre­cher Pauls VI., der ganz zwei­fels­frei die selbst­zer­stö­re­ri­sche Ent­wick­lungs­li­nie des nach­kon­zi­lia­ren Katho­li­zis­mus vor­ge­führt hat, wenn hem­mungs­los nach den ihm eige­nen Ten­den­zen gehan­delt wird (so wie Theo­do­re McCarrick hem­mungs­los nach den ihm eige­nen Ten­den­zen gehan­delt hat).

Vie­le Katho­li­ken machen sich zu Recht Sor­gen wegen Papst Fran­zis­kus. Was er aller­dings in den letz­ten fünf Jah­ren ange­rich­tet hat, ist harm­los ver­gli­chen mit dem, was Paul VI. die Unver­fro­ren­heit besaß zu tun: die alte römi­sche Mes­se sowie die sakra­men­ta­len Riten durch eine neue Lit­ur­gie zu erset­zen, was den größ­ten inner­kirch­li­chen Bruch ver­ur­sach­te, den die katho­li­sche Kir­che je zu ver­kraf­ten hat­te. Es war das Äqui­va­lent einer Atom­bom­be, was da auf das Volk Got­tes her­nie­der­ging: Ent­we­der lösch­te es den Glau­ben der Men­schen aus, oder es ver­ur­sach­te durch sei­ne Aus­strah­lung Krebs. Es war schlank­weg die Ver­nei­nung der Väter­lich­keit, der väter­li­chen Funk­ti­on des Papst­am­tes, das Fami­li­en­er­be zu bewah­ren und wei­ter­zu­ge­ben. Alles, was nach Paul VI. pas­siert ist, ist nichts wei­ter als ein Echo die­ser Ent­wei­hung des hei­li­gen Tem­pels. Wenn das Hei­lig­ste erst pro­fa­niert ist, dann ist nichts mehr sicher, dann steht nichts mehr fest.

Paul VI. (1958-1963)
Paul VI. (1963–1978)

Jetzt könn­te jemand auf den Gedan­ken kom­men ein­zu­wen­den: „Okay, Paul VI. war viel­leicht nicht so toll als Papst. Aber inner­lich war er doch viel­leicht trotz­dem ein Hei­li­ger. Er leb­te in einer stür­mi­schen Zeit, als ein­fach alle Men­schen durch­ein­an­der waren, und er tat sein Bestes. Wir soll­ten sei­ne Absich­ten und sei­ne gro­ßen Sehn­süch­te bewun­dern, auch wenn wir im nach­hin­ein gewis­se Ent­schei­dun­gen und Hand­lun­gen kri­ti­sie­ren wür­den. Hei­lig­keit ist ja kei­ne pau­scha­le Zustim­mung zu allem, was eine Per­son sagt oder tut.“

Das Pro­blem mit die­sem Ein­wand: Er ver­gißt, daß die Art und Wei­se, wie ein Katho­lik sei­ne eigent­li­che Beru­fung lebt, unver­zicht­ba­rer Bestand­teil sei­ner Hei­lig­keit ist. Wie ein Bischof der Kir­che – und der Papst noch in viel höhe­rem Maße – sein kirch­li­ches Amt aus­übt, ist nicht neben­säch­lich, son­dern wesent­lich für sei­ne Hei­lig­keit (oder deren Feh­len). Beden­ken Sie doch bit­te Fol­gen­des: Könn­ten wir einen Mann hei­lig­spre­chen, der zwar sei­ne Frau schlägt und sei­ne Kin­der ver­nach­läs­sigt, aber brav jeden Tag die Mes­se besucht, den Rosen­kranz betet und den Armen Almo­sen gibt? Das wäre schlicht­weg absurd, denn natür­lich wür­den wir zu Recht ein­wen­den: „Ein ver­hei­ra­te­ter Mann mit Kin­dern muß als Ehe­mann und Vater hei­lig sein, nicht obwohl er Ehe­mann und Vater ist“. Nicht weni­ger abwe­gig ist es, zu sagen: „Der und der Papst war fahr­läs­sig, unver­ant­wort­lich, zau­dernd, unbe­son­nen und revo­lu­tio­när, was sei­ne Ent­schei­dun­gen als Papst anging, aber er hat­te das Herz auf dem rech­ten Fleck und er streb­te immer nach der Ehre Got­tes und der Ret­tung der Men­schen.“ Ein Papst ist ein Hei­li­ger, weil er gut „gepap­st­et“ hat, weil er in heroi­schem Aus­maß Glau­ben, Hoff­nung und Lie­be zeig­te, Klug­heit, Gerech­tig­keit, Stär­ke, Mäßi­gung usw., und zwar eben in sei­ner Tätig­keit, die Kir­che zu lei­ten. Von Paul VI. kann man das ver­nünf­ti­ger­wei­se nicht behaup­ten.

Wenn wir Paul VI. ver­eh­ren sol­len, dann sind Unbe­stän­dig­keit, Zwei­deu­tig­keit, Klein­mü­tig­keit, Unge­rech­tig­keit, skru­pel­lo­ses Ver­än­dern, Nach­läs­sig­keit, Unent­schlos­sen­heit, feh­len­des Unter­schei­dungs­ver­mö­gen, Nie­der­ge­schla­gen­heit, Wunsch­den­ken, Reiz­bar­keit, Bit­ter­keit und Ver­ach­tung der Tra­di­ti­on nicht ledig­lich Tugen­den, son­dern Tugen­den, die bis zu einem so heroi­schen Grad geübt wer­den kön­nen, daß sie zu Quel­len hei­lig­ma­chen­der Gna­de wer­den kön­nen, die all­ge­mei­ne Bewun­de­rung, Ver­eh­rung und Nach­ah­mung erhei­schen. Tut mir leid, aber da mache ich nicht mit. Sol­che Din­ge waren immer Laster, und sie wer­den es immer blei­ben. Mon­ti­ni war ein ent­setz­li­cher Kir­chen­fürst, und wenn die vor­treff­li­che Erfül­lung der eige­nen Ver­ant­wort­lich­kei­ten in einem jewei­li­gen Lebens­stand ent­schei­dend ist für Hei­lig­keit, dann dür­fen wir schlie­ßen, daß es unmög­lich ist, sich ein schlech­te­res Rol­len­vor­bild für Herr­scher vor­zu­stel­len als Mon­ti­ni.

Mehr über die Schwä­chen Pauls VI. in sei­ner Eigen­schaft als Papst:

5. Was ist an Paul VI. bewundernswert?

Gibt es Grün­de für tra­di­tio­nel­le Katho­li­ken, Paul VI. für irgend etwas zu bewun­dern? Ja, durch­aus. Wir wären töricht, wür­den wir sei­ne guten Taten nicht aner­ken­nen. Aber die­ses Gute reicht nicht hin, um die vie­len ern­sten Pro­ble­me auf­zu­wie­gen, die wir im letz­ten Abschnitt ange­spro­chen haben. Die Geschich­te des Mon­ti­ni­schen Pon­ti­fi­kats ist fak­tisch eine äußerst prä­gnan­te Demon­stra­ti­on des Unter­schieds zwi­schen der Per­son und dem Amt. Im Fall hei­li­ger Päp­ste hat man den Ein­druck, die Amts­gna­de neh­me die Per­son auf und umhül­le sie und ver­wand­le sie in eine strah­len­de Iko­ne des hei­li­gen Petrus und Jesu Chri­sti. Im Fall schlech­ter oder mit­tel­mä­ßi­ger Päp­ste ist die Amts­gna­de etwas, das stel­len­wei­se auf­flackert, das in Not­si­tua­tio­nen aus der Ver­bor­gen­heit zum Vor­schein kommt, das aber den Inha­ber nicht auf die­sel­be Wei­se ver­wan­delt. Letz­te­res kön­nen wir bei Paul VI. beob­ach­ten; ein Arti­kel auf Rora­te Cae­li hat das scharf­sin­nig her­aus­ge­ar­bei­tet (die Her­vor­he­bun­gen sind von mir):

Paul VI. mit US-Präsident Nixon
Paul VI. mit US-Prä­si­dent Nixon

Papst Paul VI. wird von den mei­sten Histo­ri­kern als eine Art tra­gi­sche Gestalt beschrie­ben, der ver­such­te, der ihn umge­ben­den Ereig­nis­stür­me Herr zu wer­den, aller­dings unfä­hig war, viel aus­zu­rich­ten. Wahr­schein­lich des­we­gen, und weil man den Ein­druck hat­te, Mon­ti­ni beu­ge sich häu­fig den Mei­nun­gen der Welt; weil man den Ein­druck hat­te, er habe häu­fig (mit nur ganz gerin­gen Ver­än­de­run­gen) die vor­ge­fer­tig­ten Begrif­fe und Vor­stel­lun­gen ein­fach über­nom­men, die ihm fal­sche Exper­ten lie­fer­ten; wahr­schein­lich ste­chen aus die­sen Grün­den die Augen­blicke, in denen er sich nicht beug­te, mit der schlich­ten Hel­lig­keit des Petrus so klar her­vor. Die Nota Pra­e­via (vor­an­ge­stell­te Notiz) zu Lumen Gen­ti­um, die ener­gi­sche Ver­tei­di­gung tra­di­tio­nel­ler eucha­ri­sti­scher Leh­ren (in Myste­ri­um Fidei) und der Leh­ren über Abläs­se (in Indul­gen­tiar­um Doc­tri­na), das Cre­do des Got­tes­vol­kes sind Pfei­ler, die in einem zer­fal­len­den Gebäu­de uner­schüt­ter­lich ste­hen­blei­ben, Zei­chen über­na­tür­li­chen Schut­zes. Mit­ten im mora­li­schen Zusam­men­bruch der 1960er Jah­re und im Wider­spruch zu der Kom­mis­si­on, die von sei­nem Vor­gän­ger ein­ge­setzt wor­den war, um die Fra­ge erneut zu unter­su­chen, sprach Petrus durch [Papst] Paul in Huma­nae Vitae: „Es ist nie­mals erlaubt – auch aus noch so ern­sten Grün­den nicht –, Böses zu tun um eines guten Zweckes wil­len.“

Wenn sol­che guten Taten und Leh­ren für Paul VI. eine Gewohn­heit, nor­mal und cha­rak­te­ri­stisch gewe­sen wären, und wenn sie mit dem Schmuck christ­li­cher Tugen­den ver­se­hen, von den christ­li­chen Tugen­den erfüllt gewe­sen wären, die der hei­li­ge Tho­mas im Zwei­ten Teil der Sum­ma behan­delt, und wenn sich dar­über hin­aus noch ein volks­tüm­li­cher Kult um einen gelieb­ten Papst gebil­det hät­te, der sich in vie­len unstrit­ti­gen Wun­dern mani­fe­stiert hät­te, dann – und nur dann – hät­ten wir einen berech­tig­ten Anlaß gehabt, Paul VI. zur Ehre der Altä­re zu erhe­ben.

Hier muß noch dar­auf ver­wie­sen wer­den, daß es sich im Lauf der Zeit her­aus­kri­stal­li­sie­ren wird – es zeich­net sich ja bereits ab –, daß das Gute, das Paul VI. wirk­te, rein gar nichts mit sei­ner Kano­ni­sie­rung zu tun hat. Fak­tisch lau­fen sämt­li­che Punk­te, die oben als „gute Augen­blicke“ ange­führt wur­den, den vor­herr­schen­den Trends der Ber­go­glio-Par­tei zuwi­der. Wir sind daher unmit­tel­ba­re Zeu­gen des zynisch­sten Fal­les von „pro­mo­vea­tur ut amo­vea­tur“, der in der Kir­chen­ge­schich­te je vor­kam – daß also jemand auf eine ande­re, übli­cher­wei­se ent­fern­te­re Posi­ti­on beför­dert wird, um ihn aus sei­ner gegen­wär­ti­gen, ein­fluß­rei­che­ren Posi­ti­on zu ent­fer­nen. Ich bin dar­auf hier näher ein­ge­gan­gen.

6. Die Grenzen der Bedeutung von Heiligsprechungen

Es gibt wie üblich eine gött­li­che Iro­nie in all die­sen Gescheh­nis­sen. Selbst wenn die Kano­ni­sie­rung Pauls VI. sich als recht­mä­ßig erwei­sen soll­te – ernst­haf­te Zwei­fel sind offen­sicht­lich ange­bracht, aber aus­ge­schlos­sen ist die Mög­lich­keit des­we­gen nicht –, dann wür­de dadurch streng­ge­nom­men nicht erreicht, was die poli­ti­schen Ver­fech­ter der Sache damit inten­dier­ten. Sie beab­sich­ti­gen ja, durch die Kano­ni­sie­rung Pauls VI. sein gesam­tes Zwei­tes Vati­ca­num-Pro­gramm zu kano­ni­sie­ren, allem vor­an die Lit­ur­gie­re­form. Doch wie Shawn Tri­be vom Lit­ur­gi­cal Arts Jour­nal rich­tig bemerk­te:

„Jeder, der die Hei­lig­spre­chung Pauls VI. benut­zen wür­de, um ernst­haft vor­zu­schla­gen, daß sämt­li­che kirch­li­chen und lit­ur­gi­schen Refor­men, die wäh­rend sei­nes Pon­ti­fi­kats ein­ge­führt wur­den, des­halb auch hei­lig­ge­spro­chen sind und nicht in Fra­ge gestellt (geschwei­ge denn refor­miert / auf­ge­ho­ben) wer­den kön­nen, ist ent­we­der absicht­lich und in betrü­ge­ri­scher Absicht mani­pu­la­tiv, oder betrüb­lich fehl­in­for­miert und kate­che­tisch unge­bil­det. Per­sön­li­che Hei­lig­keit hat nichts mit Unfehl­bar­keit zu tun; die einen Hei­li­gen ver­fol­gen häu­fig völ­lig ande­re Zie­le als ande­re Hei­li­ge; nicht jede Äuße­rung / Metho­de / Ent­schei­dung / Mei­nung eines Hei­li­gen besteht den Test der Zeit oder das spä­te­re Urteil der Kir­che, und sie ist auch nicht dog­ma­tisch – ganz zu schwei­gen davon, daß die kon­zi­lia­ren und lit­ur­gi­schen Refor­men nicht der per­sön­li­che Besitz Pauls VI. sind, son­dern einer gan­zen Schar von Men­schen und Gestal­ten.“

Gre­go­ry DiPip­po geht auf das­sel­be Argu­ment auf New Lit­ur­gi­cal Move­ment ein:

„Die Kano­ni­sie­rung eines Hei­li­gen ver­än­dert nichts an den Umstän­den sei­nes irdi­schen Lebens. Sie stellt nicht die Feh­ler rich­tig, die er, ob wis­sent­lich oder unwis­sent­lich, began­gen haben mag. Sie wan­delt sei­ne Fehl­schlä­ge nicht in Erfol­ge um, ob er sie nun selbst ver­schul­de­te oder ob sie von ande­ren ver­schul­det wur­den.“

Paul VI. aufgebahrt im Petersdom
Paul VI. auf­ge­bahrt im Peters­dom

An den spe­zi­fi­schen Stär­ken und Schwä­chen der nach­kon­zi­lia­ren Reform und an der Fra­ge, ob es sich dabei um einen Erfolg oder ein Schei­tern han­delt, wird sich in kein­ster Wei­se irgend etwas ändern, wenn Papst Paul VI. tat­säch­lich hei­lig­ge­spro­chen wird. Kei­ner kann im Ernst etwas ande­res behaup­ten, und kei­ner hat das Recht, ande­re Katho­li­ken zu kri­ti­sie­ren, anzu­grei­fen oder zum Schwei­gen zu brin­gen, die jene Reform in Fra­ge stel­len. Wenn jene Reform über den Geist und den Buch­sta­ben des­sen hin­aus­ging, was das Zwei­te Vati­ka­ni­sche Kon­zil in Sacro­sanc­tum Con­ci­li­um for­der­te – womit die Urhe­ber des Doku­ments ja selbst öffent­lich prahl­ten –; wenn die Reform auf dürf­ti­ger Gelehr­sam­keit und einem signi­fi­kan­ten Aus­maß an feh­len­dem Grund­la­gen­wis­sen beruh­te, was zu den vie­len Ver­än­de­run­gen führ­te, von denen man heu­te weiß, daß es sich um Fehl­ent­schei­dun­gen han­del­te; wenn die Reform auf der gan­zen Linie damit geschei­tert ist, lit­ur­gi­sche Fröm­mig­keit wie­der zum Erblü­hen zu brin­gen – ein Ziel, das die Väter des Zwei­ten Vati­can­ums ange­strebt hat­ten –, dann wird sich an kei­nem die­ser Fak­to­ren etwas ändern, wenn Paul VI. hei­lig­ge­spro­chen ist. So wie die Hei­lig­spre­chun­gen von Pius V. und X. und die bevor­ste­hen­de Hei­lig­spre­chung von XII. deren lit­ur­gi­schen Refor­men nicht auto­ma­tisch frag­los und unbe­streit­bar mach­ten, so wird auch die Hei­lig­spre­chung von Paul VI. nicht das Gering­ste an sei­ner Reform unbe­streit­bar machen, und kei­ner hat das Recht, etwas ande­res zu behaup­ten.

7. Praktische Folgerungen

Was sind nun nach allem bis­her Gesag­ten die prak­ti­schen Fol­gen für den Kle­rus, die Ordens­leu­te und die Lai­en, die die Gül­tig­keit die­ser Hei­lig­spre­chung in Fra­ge stel­len?

Die­se Fra­ge ver­dient wohl eine eige­ne aus­führ­li­che­re Ant­wort; in Kür­ze wür­de ich sagen, daß jeder, der mit sol­chen Zwei­feln oder Pro­ble­men umgeht, nicht zu Paul VI. beten soll­te, ihn nicht öffent­lich im Gebet anru­fen soll­te, auf eine sol­che Anru­fung nicht reagie­ren soll­te, er soll­te kei­ne Mes­se zur Ehre Pauls VI. auf­op­fern oder eine Mes­se zu sei­ner Ehre besu­chen, und er soll­te sich nicht auf Bemü­hun­gen ein­las­sen, einen gekün­stel­ten „Kul­tus“ zu sei­nen Ehren zu betrei­ben, oder sol­che Bemü­hun­gen finan­zi­ell unter­stüt­zen. Im Gegen­teil: Es wäre rat­sam, nichts zu sagen, und wenn die Umstän­de es erlau­ben und die Klug­heit es gebie­tet, ande­ren Katho­li­ken zu hel­fen, die eigent­li­chen Pro­ble­me zu erken­nen, die im Zusam­men­hang mit die­ser Hei­lig­spre­chung ent­ste­hen, wie auch mit ande­ren Selig- und Hei­lig­spre­chun­gen, die zu katho­li­schen Prin­zi­pi­en im Wider­spruch ste­hen.

Wir alle sind ver­pflich­tet, für das See­len­heil des Hei­li­gen Vaters und für die Frei­heit und Ver­herr­li­chung unse­rer hei­li­gen Mut­ter Kir­che auf Erden zu beten. Die­ses Gebets­an­lie­gen wür­de impli­zit die Bit­te mit ein­schlie­ßen, daß das Papst­tum, die römi­sche Kurie, die Kon­gre­ga­ti­on für die Selig- und Hei­lig­spre­chungs­pro­zes­se und der Pro­zeß der Selig- und Hei­lig­spre­chung zu gege­be­ner Zeit refor­miert wer­den, damit sie den Bedürf­nis­sen der Christ­gläu­bi­gen bes­ser gerecht wer­den und dem all­mäch­ti­gen Gott die Ehre geben, der „herr­lich ist in Sei­nen Hei­li­gen“ (Ps 67,36).

Fußnoten

(1) Indem sie zum Bei­spiel argu­men­tie­ren, daß sämt­li­che dis­zi­pli­nar­recht­li­chen Akte, die sich auf die gan­ze Kir­che bezie­hen, unfehl­bar sein müs­sen und mit Sicher­heit im Sin­ne des Gemein­wohls sind – eine Auf­fas­sung, die viel­leicht in frü­he­ren Zei­ten eine gewis­se Berech­ti­gung hat­te, gegen­wär­tig aller­dings ein­fach nur lächer­lich ist.

(2) Es kann daher nur Scha­den anrich­ten, wenn es in einer breit gestreu­ten Ver­öf­fent­li­chung zur The­ma­tik heißt: „Für eine Selig­spre­chung ist ein bezeug­tes Wun­der nötig, und es ist dann zuläs­sig, daß die selig gespro­che­ne Per­son in ihrer Orts­kir­che ver­ehrt wird. Für eine Hei­lig­spre­chung sind zwei bezeug­te Wun­der nötig, und sie erlaubt die Ver­eh­rung des Hei­li­gen durch die gesam­te Kir­che. Die Hei­lig­spre­chung ist die unfehl­ba­re Aus­sa­ge der Kir­che, daß der Hei­li­ge im Him­mel ist.“ Damit wird zu viel behaup­tet, wenn nicht noch wei­te­re Prä­zi­sie­run­gen hin­zu­ge­fügt wer­den.

(3) Um mei­nen Arti­kel nicht unge­bühr­lich aus­zu­deh­nen, gehe ich hier nicht näher auf sei­ne Argu­men­ta­ti­on ein, möch­te ledig­lich anmer­ken, daß der Autor voll­stän­dig und umfäng­lich auf die Ein­wän­de ein­geht, die übli­cher­wei­se von Ver­tre­tern der Unfehl­bar­keit von Hei­lig­spre­chun­gen vor­ge­bracht wer­den. Unter ande­rem wider­legt Lamont die Behaup­tung, die Ver­wen­dung bestimm­ter latei­ni­scher Begrif­fe im Hei­lig­spre­chungs­ri­tus begrün­de hin­rei­chend sei­nen unfehl­ba­ren Cha­rak­ter. Zusätz­li­che wert­vol­le Behand­lun­gen der The­ma­tik fin­den sich hier und hier.

(4) Bei­spiels­wei­se: „Eine Hei­lig­spre­chung … ist ein förm­li­cher päpst­li­cher Erlaß, daß der Kan­di­dat hei­lig war und nun bei Gott im Him­mel ist; der Erlaß gestat­tet das öffent­li­che Geden­ken des Hei­li­gen in Lit­ur­gien der gesam­ten Kir­che. Sie bedeu­tet, daß Kir­chen der Per­son ohne eige­ne Erlaub­nis aus dem Vati­kan geweiht wer­den kön­nen. … Zusätz­lich zu der Ver­si­che­rung, daß der Die­ner Got­tes im Him­mel in der Ver­ei­ni­gung mit Gott lebt, sind Wun­der die gött­li­che Bestä­ti­gung des von den kirch­li­chen Auto­ri­tä­ten for­mu­lier­ten Urteils über das tugend­haf­te Leben des Kan­di­da­ten“, so Papst Bene­dikt in einer Rede vor Mit­glie­dern der Kon­gre­ga­ti­on für die Selig- und Hei­lig­spre­chungs­pro­zes­se im Jahr 2006; Her­vor­he­bun­gen PK).

(5) Zitiert von Chri­sto­pher Fer­ra­ra in „The Cano­niz­a­ti­on Cri­sis”.

(6) Fr. Pio Pace „Paul V: a ‚Pasto­ral‘ Cano­niz­a­ti­on”. Fr. Hun­wicke äußer­te sich vor dem Ereig­nis fol­gen­der­ma­ßen: „Als hät­te er nicht schon genug Grä­ben in der kämp­fen­den Kir­che aus­ge­ho­ben, beab­sich­tigt Papst Fran­zis­kus in die­sem Monat, den höchst umstrit­te­nen Akt der Hei­lig­spre­chung des seli­gen Paul VI. zu voll­zie­hen. Sogar er selbst ist sich wohl, nach dem zu urtei­len, was er noch anmerk­te, als er dem Kle­rus der Stadt die Infor­ma­ti­on mit­teil­te, dar­über im Kla­ren, daß die­se gan­zen Hei­lig­spre­che­rei­en all­mäh­lich zu einem Witz ver­kom­men: Er spaß­te: „Und Bene­dikt und ich sind auf der War­te­li­ste.“ Ent­zücken­der Humor. Zum Schief­la­chen. Sehr wit­zig, eure Hei­lig­keit. Aller­dings bin ich mit vie­len ande­ren der Mei­nung, daß das ein schlech­ter Witz ist, denn die­se geplan­te Hei­lig­spre­chung ist von Grund auf poli­tisch moti­viert und steht ganz offen­sicht­lich in Ver­bin­dung mit der unver­hoh­le­nen Über­zeu­gung von Papst Fran­zis­kus, daß er selbst Sach­wal­ter und Nutz­nie­ßer des Wir­kens des seli­gen Paul beim Zwei­ten Vati­ca­num und in der Zeit danach ist.“

(7) Rober­to de Mattei „Tu es Petrus“; Her­vor­he­bun­gen PK. De Mattei beschränkt sei­nen Begriff „Mit­tel­al­ter“ auf die Peri­ode nach dem Jahr 1000. Hin­zu­fü­gen könn­te man noch, daß Vik­tor III. und Urban II., die bei­den Nach­fol­ger Gre­gors, selig­ge­spro­chen wur­den.

(8) Das liegt sicher­lich nicht am Feh­len heroi­scher Indi­vi­du­en in die­sen sie­ben­hun­dert Jah­ren – doch wie bereits erwähnt: Wenn es kei­nen vom Volk aus­ge­hen­den Kult gab, im Zusam­men­hang mit wel­chem sich unstrit­tig Wun­der ereig­ne­ten, fing die Kir­che nicht an, die Archi­ve durch­zu­wüh­len auf der Suche nach irgend­wel­chen ver­eh­rungs­fä­hi­gen Kan­di­da­ten, deren Sache man betrei­ben könn­te.

(9) Hin­zu­ge­fügt wer­den muß wohl, daß unse­re Skep­sis auch auf die Hei­lig­spre­chung Johan­nes Pauls II. aus­ge­dehnt wer­den soll­te, denn sei­ne Kir­chen­füh­rung war in vie­ler­lei Hin­sicht höchst pro­ble­ma­tisch. Ich bin auf die­se Pro­ble­ma­tik in mei­nem jüng­sten Arti­kel „RIP Vati­can II Catho­li­cism (1962–2018)“ ein­ge­gan­gen. Vgl. außer­dem „The Penn­syl­va­nia Truth: John XXIII, Paul VI, and John Paul II were no saints“.

(10) “Cano­niz­a­ti­on: Old vs. New Com­pa­ri­son.”

(11) Aus dem Arti­kel „Pro­mo­tor Fidei“ in der alten Catho­lic Ency­clo­pe­dia. Wei­te­res zum „Advo­ca­tus Dia­bo­li“ in die­sem infor­ma­ti­ven Arti­kel.

(12) Wiki­pe­dia faßt geschickt die grund­le­gen­den Infor­ma­tio­nen zusam­men: „Roger Pey­re­fit­te, der in zwei Büchern bereits geschrie­ben hat­te, daß Paul VI. eine lang­jäh­ri­ge homo­se­xu­el­le Bezie­hung unter­hielt, wie­der­hol­te sei­ne Vor­wür­fe in einem Zei­tungs­in­ter­view mit einem fran­zö­si­schen Homo­se­xu­el­len-Maga­zin, das, als es in einer ita­lie­ni­schen Über­set­zung noch ein­mal erschien, die Gerüch­te einer brei­te­ren Öffent­lich­keit bekannt­mach­te und einen Auf­ruhr zur Fol­ge hat­te. Pey­re­fit­te sag­te, der Papst sei ein Heuch­ler, der eine lang­jäh­ri­ge sexu­el­le Bezie­hung mit einem Film­star unter­hal­te. Weit­ver­brei­te­te Gerüch­te iden­ti­fi­zier­ten den Schau­spie­ler als Pao­lo Car­li­ni, der in dem Audrey Hepburn-Film Ein Herz und eine Kro­ne (1953) eine Neben­rol­le spiel­te. In einer kur­zen Anspra­che vor einer Men­ge von rund 20.000 Men­schen auf dem Peters­platz am 18. April bezeich­ne­te Paul VI. die Vor­wür­fe als „schreck­li­che und ver­leum­de­ri­sche Unter­stel­lun­gen“ und rief zum Gebet für sich auf. … Die Vor­wür­fe wur­den peri­odisch immer wie­der laut. 1994 behaup­te­te Fran­co Bel­le­gran­di, ein ehe­ma­li­ger Ehren­käm­me­rer und Kor­re­spon­dent der Vati­kan­zei­tung L’Osservatore Roma­no, Paul VI. sei erpresst wor­den und habe ande­ren schwu­len Män­nern zu Macht­po­si­tio­nen im Vati­kan ver­hol­fen. 2006 bestä­tig­te die Zei­tung L’Espresso die Erpres­sungs­ge­schich­te auf­grund von Mate­ri­al aus den pri­va­ten Papie­ren des Poli­zei­chefs Gene­ral Gior­gio Manes. Dar­in hieß es, der ita­lie­ni­sche Pre­mier­mi­ni­ster Aldo Moro sei um Hil­fe ange­gan­gen wor­den.“ So unglaub­lich eine sol­che Geschich­te auch klingt – mitt­ler­wei­le sind wir wegen der unbe­streit­ba­ren Unver­hoh­len­heit, mit der Papst Fran­zis­kus Homo­se­xu­el­len zu Macht­po­si­tio­nen im Vati­kan ver­hilft, eher geneigt, sie zu glau­ben.

(13) Vgl. Geor­ge Weigel über Ost­po­li­tik. Auch hier sehen wir wie­der, daß Ber­go­glio mit sei­nen Ver­hand­lun­gen und Kom­pro­mis­sen mit dem kom­mu­ni­sti­schen Chi­na schlicht­weg in Mon­ti­nis Spu­ren wan­delt.

(14) Oder er wird umde­fi­niert, vgl. die­sen bezeich­nen­den Text von John Tha­vis. Papst Fran­zis­kus strich die Bedin­gung eines zwei­ten Wun­ders für die „Hei­lig­spre­chung“ von Johan­nes XXIII. So wur­de unglaub­li­cher­wei­se ein Papst, der nicht durch beson­de­re Hei­lig­keit auf­fiel und des­sen cul­tus nie son­der­lich stark aus­ge­prägt oder weit ver­brei­tet war, auf­grund nur eines ein­zi­gen Wun­ders zur Ehre der Altä­re erho­ben. Es ist dies ein gutes Bei­spiel für den kras­sen Miß­brauch päpst­li­cher Macht, auf den sich Fran­zis­kus im Zusam­men­hang mit sei­ner ideo­lo­gi­schen Kon­so­li­die­rung stützt.

(15) Der “Her­man­dad Sacer­do­tal Espa­ño­la de San Anto­nio Ma Cla­ret y San Juan de Ávi­la”, die aus der “Her­man­dad Sacer­do­tal Espa­ño­la“ her­vor­ging. Letz­te­re wur­de 1969 von spa­ni­schen Prie­stern gegrün­det, um die Tra­di­ti­on ange­sichts der Ver­än­de­run­gen in der Kir­che zu ver­tei­di­gen sowie eine wei­te­re ähn­li­che, in Kata­lo­ni­en behei­ma­te­te Grup­pe, die „Aso­cia­ción de Sacer­dotes y Reli­gio­sos de San Anto­nio Maria Cla­ret“. Sie schick­ten 1969 einen Brief an den Vati­kan und baten dar­um, wei­ter­hin das alte römi­sche Mis­sa­le benut­zen zu dür­fen – und Paul VI. schlug es ihnen rund­her­aus ab. Da nun lei­der der spa­ni­sche und ita­lie­ni­sche Tra­di­tio­na­lis­mus durch abso­lu­ten Gehor­sam gegen­über Rom gekenn­zeich­net sind, wur­de anschlie­ßend der Novus Ordo ohne Mur­ren akzep­tiert, und bis heu­te hat es die Tra­di­ti­on schwer, in die­sen bei­den kul­tu­rel­len Sphä­ren Fuß zu fas­sen.

*Peter Kwas­niew­ski hat einen BA in Libe­ral Arts vom Tho­mas Aqui­nas Col­le­ge in Kali­for­ni­en und einen MA und ein Dok­to­rat in Phi­lo­so­phie von der Catho­lic Uni­ver­si­ty of Ame­ri­ca in Washing­ton, DC. Nach­dem er am Inter­na­tio­na­len Theo­lo­gi­schen Insti­tut in Öster­reich und an der Nie­der­las­sung der Fran­zis­ka­ner­uni­ver­si­tät von Steu­ben­vil­le in Öster­reich gelehrt hat­te, trat er dem Grün­dungs­team des Wyo­ming Catho­lic Col­le­ge in Lan­der, Wyo­ming bei, wo er Theo­lo­gie, Phi­lo­so­phie, Musik und Kunst­ge­schich­te unter­rich­te­te und den Chor und die Scho­la lei­te­te. Er arbei­tet heu­te als frei­er Autor, Vor­tra­gen­der, Redak­teur, Her­aus­ge­ber und Kom­po­nist. Dr. Kwas­niew­ski ist Autor meh­re­rer Bücher, die zum Teil ins Tsche­chi­sche, Pol­ni­sche, Por­tu­gie­si­sche über­setzt wur­den. Auf deutsch ist 2017 erschie­nen: Neu­an­fang inmit­ten der Kri­se. Die hei­li­ge Lit­ur­gie, die tra­di­tio­nel­le latei­ni­sche Mes­se und die Erneue­rung in der Kir­che.
Kwas­niew­ski ist Vor­stands­mit­glied des The Aqui­nas Insti­tu­te for the Stu­dy of Sac­red Doc­tri­ne, das die Ope­ra Omnia des Doc­tor Ange­li­cus her­aus­gibt; er ist zudem Fel­low am Alber­tus Magnus Cen­ter for Scho­la­stic Stu­dies und ein Seni­or Fel­low des St. Paul Cen­ter. Er hat über 750 Arti­kel über tho­mi­sti­sches Den­ken, sakra­men­ta­le und lit­ur­gi­sche Theo­lo­gie, über die Geschich­te und Ästhe­tik der Musik und die Sozi­al­leh­re der Kir­che ver­öf­fent­licht.

Eng­li­sche Ori­gi­nal­ver­öf­fent­li­chung bei One­Pe­ter­Fi­ve, 12. Okto­ber 2018
Über­set­zung von einer bene­dik­ti­ni­schen Obla­tin
Bild: TV2000/Rorate Caeli/OnePeterFive/Cesnur (Screen­shot)

8 Kommentare

  1. Dank und Aner­ken­nung an die Redak­ti­on, die­sen Arti­kel auf Deutsch hier bereit­zu­stel­len. Die Über­set­zung muß eine lan­ge, schwie­ri­ge Auf­ga­be gewe­sen sein.

    Der Arti­kel ver­dient jeden­falls wei­te Ver­brei­tung.

    Prof. Kwas­niew­ski unter­rich­te­te am Inter­na­tio­nal Theo­lo­gi­cal Insti­tu­te (damals Gaming, heu­te Tru­mau). Er prä­sen­tier­te sein Buch über die Lit­ur­gie Neu­an­fang inmit­ten der Kri­se im April letz­ten Jah­res in Wien. Dazu wur­de ein Stu­di­en­nach­mit­tag von Una Voce ver­an­stal­tet. Die Vide­os dazu fin­den sich hier:

    https://gloria.tv/Buchpr%c3%a4sentation%3a%20Neuanfang%20in%20der%20Krise

    • Dass vom Autor Anni­ba­le Bugni­ni nur so neben­bei erwähnt wur­de, erwie­se­ner­ma­ßen die­ser jedoch als Ver­ant­wort­li­cher für die Lit­ur­gie über wei­te Strecken freie Hand hat­te und den Frei­mau­re­ren zuar­bei­te­te, ist hin­läng­lich bekannt. Als dies offen­bar wur­de, eine Rei­ni­gungs­kraft hat­te im Papier­korb einen Dur­schlag eines Doku­men­tes gefun­den adres­siert an einen befreun­de­ten Frei­mau­rer Bugni­nis mit der freu­di­gen Mit­tei­lung, dass alles (Lit­ur­gie) im Sin­ne der Frei­mau­rer sich gefügt hat, hat P.Paul VI. den bekann­ten Auspruch getä­tigt: „Der Rauch Satans ist in die Kir­che ein­ge­drun­gen“. A. B. ist dar­auf auch in den Ori­ent „straf­ver­setzt“ wor­den und ist dort an einem agres­si­ven Krebs erkrankt. Wenn Prof. Kwas­niew­ski sol­che „Details“ als nicht für not­wen­dig ansieht sie anzu­füh­ren, trotz­dem aber ver­sucht dem Hl. P. Paul Vi. post­hum einen Strick zu dre­hen, obwohl dies­be­züg­lich die Tat­sa­chen anders lie­gen, kann man künf­tig auf die Lek­tü­re sei­ner Wer­ke Abstand neh­men.

      • @Josef Plaz
        Prof. Kwas­niew­ski weiß sehr wohl um die Umtrie­be des Anni­ba­le Bugni­ni Bescheid. Aber die Letzt­ver­ant­wor­tung für die Lit­ur­gie­ver­än­de­rung 1969/70 trägt Papst Paul VI. Daß die­ser den berühm­ten Aus­spruch mit dem Rauch Satans im Zusam­men­hang mit Bugni­ni getä­tigt hät­te, habe ich noch nie gehört. Gibt es dafür einen Beleg?

        Im übri­gen meint Prof. K. auch, daß, obwohl Bugni­ni schon in den 1950er Jah­ren an der Lit­ur­gie her­um­fuhr­werk­te (Kar­wo­che), natür­lich der jewei­li­ge Papst, der die­sen Din­gen zustimm­te, die Ver­ant­wor­tung trägt, in die­sem Fall Piux XII.

        • @Wolfram Schrems
          Lei­der kann ich kei­nen Beleg über die von mir behaup­te­te Reak­ti­on des Hl. P. Paul VI. anfüh­ren. Ich habe die­se Geschich­te schon vor län­ge­rer Zeit gele­sen und in gutem Glau­ben, dass sie sich so ereig­net hat, hier wie­der­ge­ge­ben.

  2. Hier bin ich aus theo­lo­gi­schen Grün­den gänz­lich ande­rer Auf­fas­sung als der Ver­fas­ser des obi­gen Arti­kels. Wür­de die Kir­che mit einer Hei­lig­spre­chungs­for­mel irren, hät­te dies schlim­me Fol­gen für die gesam­te Kir­che. Die Unfehl­bar­keit bezieht sich aller­dings „nur“ auf die Fest­stel­lung, dass die betrof­fe­ne Per­son sicher im Him­mel ist. Mit einer Hei­lig­spre­chung wird also nicht die Aus­sa­ge getrof­fen, dass jede Regung, Ver­öf­fent­li­chung und Tat einer kano­ni­sier­ten Per­son sich der post­hu­men Kri­tik zu ent­zie­hen habe. Das hat die Kir­che so nie gese­hen.
    Aber die Aus­sa­ge des „Seins bei Gott im Him­mel“ muss rich­tig sein. Dafür haben nam­haf­te Theo­lo­gen fol­gen­de Grün­de ange­führt: Vor allem spre­chen neben den bereits erwähn­ten escha­to­lo­gi­schen Grün­den moral­theo­lo­gi­sche Grün­de und die der Pasto­ral für die­se Sicht­wei­se. Zudem weist der Text jeder Kano­ni­sa­ti­ons­for­mel ein­deu­tig auf den Wil­len des Pap­stes hin, gera­de hier eine sol­che infal­libe­le Aus­sa­ge tref­fen zu wol­len. Dar­auf wies bereits M.J. Schee­ben in sei­ner Dog­ma­tik (Bd. 4, 1927, S. 371 f) so hin: Für den Fall, dass man sol­che Ent­schei­de nicht für infal­libel hal­te „blie­be die Mög­lich­keit offen, dass sie (= die Kir­che) durch Kano­ni­sa­ti­on eines in Wirk­lich­keit Unhei­li­gen die Sitt­lich­keit schä­dig­te, die Inte­gri­tät des innern kirch­li­chen Lebens und ihres Kul­tes ver­letz­te und zugleich die gan­ze Ver­eh­rung der Hei­li­gen und ihrer Bil­der und Reli­qui­en in der tief­sten Wur­zel zer­stör­te. Dar­um gebrau­chen auch die Päp­ste bei den Kano­ni­sa­tio­nen Audrücke wie ‚Decer­ni­mus, declara­mus, defi­ni­mus‘, sie rufen fei­er­lich den Hl. Geist an und beru­fen sich aus­drück­lich auf die Assi­stenz des Hl. Gei­stes.“ Den moral­theo­lo­gi­schen Aspekt stell­te auch bereits J.B. Het­tin­ger in sei­ner Fun­da­men­tal­theo­lo­gie von 1888, S. 775, so her­aus: „Die Kir­che ist unfehl­bar in der Kano­ni­sa­ti­on eines Hei­li­gen; denn eben dadurch gebie­tet sie ihren Glie­dern, an die Hei­lig­keit des­sel­ben zu glau­ben, des­sen Feste zu fei­ern, stellt ihn als Vor­bild zur Nach­ah­mung dar. Wäre sie in die­ser Bezie­hung nicht unfehl­bar, so wür­de sie hier­durch nicht bloß die Sitt­lich­keit schä­di­gen, son­dern es wür­de auch die Hei­li­gen­ver­eh­rung selbst unmög­lich wer­den.“ Letz­te­rer Aspekt ist aus mei­ner Sicht der sprin­gen­de Punkt. Wer bit­te schön hat denn dann die Voll­macht zu sagen, der ja und der nein? Jeder ein­zel­ne Katho­lik, je nach kir­chen­po­li­ti­scher Aus­rich­tung, mit einem jeweils ande­ren Ergeb­nis? Das kann es ja wohl nicht sein. Nein, der Akt der Kano­ni­sie­rung muss aus kla­ren Ver­nunfts­grün­den als unfehl­bar gewer­tet wer­den. Tut man dies nicht, läuft die gesam­te Hei­li­gen­ver­eh­rung der Kir­che Gefahr, letzt­lich unmög­lich zu wer­den, weil es an der hier erfor­der­li­chen Glau­bens­si­cher­heit fehlt. J.B Hein­rich brach­te dies in sei­ner Dog­ma­tik von 1876, S. 650, zutref­fend so auf den Punkt: „Die mei­sten Theo­lo­gen füh­ren die Unfehl­bar­keit der Kir­che in der Hei­lig­spre­chung auf die Unfehl­bar­keit in Sachen der Moral zurück; nicht sowohl des­halb, weil das hei­li­ge Leben und der hei­li­ge Tod eines Men­schen, was sich von selbst ver­steht, nach den Grund­sät­zen der christ­li­chen Moral zu beur­tei­len ist und von der Kir­che beur­teilt wird, son­dern weil die Hei­lig­keit der Kir­che erfor­dert, dass die Kir­che nicht einen Unhei­li­gen, ja einen Ver­damm­ten den Gläu­bi­gen als Vor­bild der Hei­lig­keit, als Gegen­stand der Ver­eh­rung und als Für­bit­ter im Him­mel, vor­stel­le.“ Bei die­sem Theo­lo­gen fin­den sich unter Bezug­nah­me auf Tho­mas von Aquin noch wei­te­re gute Grün­de für die­se Ein­ord­nung der Hei­lig­spre­chungs­ak­te als infal­libel.
    Des wei­te­ren ist doch völ­lig klar, dass immer auch rein mensch­li­che und poli­ti­sche Moti­ve mit­schwin­gen. Aber bit­te, das ist auch bei der Defi­nie­rung unse­rer Dog­men im Lau­fe der Kir­chen­ge­schich­te immer so gewe­sen. So wur­den im 4. und 5. Jahr­hun­dert die wun­der­ba­ren chri­sto­lo­gi­schen Dog­men auf­ge­stellt und defi­niert, pri­mär aus Glau­bens­grün­den. Aber es kamen auch sol­che Moti­ve wie die Ein­heit des Römi­schen Rei­ches und ande­re Moti­ve dazu. Nicht umsonst prä­si­dier­te der Kai­ser Ost­roms bei die­sen Kon­zi­li­en. Oder neh­men wir das Vati­ka­num I: Das Infal­libi­l­täts­dog­ma ist ein wah­rer Glau­bens­satz. Der Weg dahin ist aller­dings nicht nur mit lau­te­ren Pfla­ster­stei­nen gepfla­stert. Erst nach dem welt­li­chen Macht­ver­lust des Pap­stes (Auf­ga­be des Kir­chen­staa­tes) erscheint das gan­ze Unter­fan­gen als eine gei­sti­ge Sub­li­mie­rung die­ses Macht­ver­lu­stes. Selbst wenn dem so ist, bleibt es bei der Unfehl­bar­keit des Lehr­sat­zes, weil die Kir­che da eben nicht irren kann. Was will ich damit sagen? Selbst wenn bei der Kano­ni­sie­rung der Kon­zil­späp­ste auch die Ten­denz mit­schwingt, das II. Vati­ka­num auf unan­ge­mes­se­ne Wei­se zu über­hö­hen, bleibt es dabei, dass die Kir­che hin­sicht­lich der in der Kano­ni­sie­rungs­for­mel getrof­fe­nen Fest­stel­lung, dass Johan­nes XXIII., Paul VI. und Johan­nes Paul II. in der Herr­lich­keit Got­tes sind, eben nicht irren kann.
    Noch ein Letz­tes: Auch ist immer wie­der zu hören, dass die zuvor ange­führ­ten Grün­de nicht mehr gel­ten könn­ten, weil alle Theo­lo­gen, die dies so sahen, ja zu einer Zeit die Mei­nung geäu­ßert hät­ten, als das Ver­fah­ren zur Hei­lig­spre­chung noch viel stren­ger gewe­sen sei. Nein, auch die­ses Argu­ment ist ein schlech­tes. Denn der Papst ist nun mal als obert­ser Gesetz­ge­ber die­ser Kir­che der allei­ni­ge Herr des Ver­fah­rens. Er und nur er legt die Regeln fest, wie die Kir­che zu die­ser Fest­s­stel­lung kommt. Das ist nun mal das katho­li­sche System.
    Alles in allem spre­chen die gewich­ti­ge­ren Grün­de klar und ein­deu­tig dafür, hier zwin­gend von der Unfehl­bar­keit sol­cher Akte aus­ge­hen zu müs­sen.

      • Kir­chen-Kather: Sie haben recht und dür­fen ver­zwei­feln , wenn Sie unter Kir­che die Rede man­cher heu­ti­gen Kar­di­nä­le, Bischö­fe und auch des jet­zi­gen Pap­stes ver­ste­hen. Sie haben Unrecht, wenn Sie die Leh­re ver­ste­hen, die über 1900 Jah­re Gül­tig­keit hat­te.

  3. Ich fin­de Herrn Kwas­niew­skis Argu­men­te sehr nach­voll­zieh­bar. Sie ist prin­zi­pi­ell auf seri­en­haf­te Selig- u. Hei­lig­spre­chung auch von Johan­nes XXIII. und Johan­nes Paul II. zu erstrecken. Dafür braucht es aller­dings kei­ne Ver­schwö­rungs­theo­rien oder Frei­mau­rer­ge­schicht­chen. Objek­tiv gese­hen müss­ten wohl alle nach­kon­zi­lia­ren Ver­fah­ren ein­mal übrr­prüft wer­den. Das kann natür­lich nur ein künf­ti­ger Papst tun, der hiet eben­falls ein Pro­blem erblickt. Bis dahin ist es beru­hi­gend, dass eine Hei­lig­spre­chung ja nicht dazu ver­pflich­tet, per­sön­lich einen bestimm­ten Kano­ni­sier­ten per­sön­lich anzu­ru­fen oder zu ver­eh­ren. Des­halb ist mir per­sön­lich auf prak­ti­scher Ebe­ne egal, ob beson­ders Johan­nes Paul II. flut­ar­ti­ge Mas­sen von Per­so­nen selig- u. hei­lig­ge­spro­chen hat oder nicht und auch, ob Fran­zis­kus Papa Mon­ti­ni hei­lig­ge­spro­chen hat oder nicht. Zu Pius XII. den­ke ich inzwi­schen sowie­so, dass die Hei­lig­spre­chung von Päp­sten längst der­art ent­wer­tet ist, dass es ihn mehr ehrt, nicht Teil die­ser Selig- u. Hei­lig­spre­chun­gen am Fließ­band zu wer­den.

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