Papst warnt vor „Staatsstreich mit weißen Handschuhen“

Papst Franziskus empfingt lateinamerikanische Linkspolitiker, um mit ihnen die Lage des brasilianischen Ex-Präsidenten Lula da Silva zu besprechen, der wegen Korruption im Gefängnis sitzt. Franziskus verglich die Situation Lulas mit der von Jesus Christus und rückte die Verurteilung Lulas in die Nähe eines „Staatsstreiches“.
Papst Franziskus empfingt lateinamerikanische Linkspolitiker, um mit ihnen die Lage des brasilianischen Ex-Präsidenten Lula da Silva zu besprechen, der wegen Korruption im Gefängnis sitzt. Franziskus verglich die Situation Lulas mit der von Jesus Christus und rückte die Verurteilung Lulas in die Nähe eines „Staatsstreiches“.

(Rom) Die Sym­pa­thien von Papst Fran­zis­kus für Links­po­li­ti­ker sind bekannt. Vor weni­gen Tagen ver­glich er die Straf­ver­fol­gung des Ex-Staats­prä­si­den­ten von Bra­si­li­en, Lula da Sil­va, sogar mit der Ver­fol­gung von Jesus Chri­stus, wie ein ehe­ma­li­ger, chi­le­ni­scher Mini­ster versichert.

Lula da Silva wegen Korruption zu 12 Jahren Gefängnis verurteilt

Luiz Iná­cio Lula da Sil­va ist ein Spit­zen­ver­tre­ter der 1980 gegrün­de­ten bra­si­lia­ni­schen Arbei­ter­par­tei (PT). Er gehört zu ihren Grün­dungs­mit­glie­dern. Der PT wird heu­te dem Reform­so­zia­lis­mus zuge­ord­net. Lula war von 2003–2011 Staats- und Regie­rungs­chef von Bra­si­li­en. Er ist ein per­sön­li­cher Freund von Kar­di­nal Clau­dio Hum­mes, der wie­der­um einer der eng­sten Ver­trau­ten von Papst Fran­zis­kus ist.

Claudio Hummes mit Lula (links neben ihm) beim Generalstreik 1979
Clau­dio Hum­mes mit Lula (links neben ihm) beim Gene­ral­streik 1979

Im Juli 2017 wur­de Lula wegen Kor­rup­ti­on zu neun­ein­halb Jah­ren Gefäng­nis ver­ur­teilt. Die Ver­ur­tei­lung wur­de im Janu­ar 2018 vom Beru­fungs­ge­richt ein­stim­mig bestä­tigt, und die Stra­fe auf zwölf Jah­re erhöht. Seit 7. April befin­det er sich in Haft. Sei­ne Freun­de und Sym­pa­thi­san­ten suchen seit­her nach Aus­we­gen, ihn aus dem Gefäng­nis zu bringen.

Am 2. August emp­fing Papst Fran­zis­kus drei Ver­tre­ter der latein­ame­ri­ka­ni­schen Lin­ken, die das Kir­chen­ober­haupt auf­such­ten, um mit ihm die Lage Lulas zu bespre­chen. Dabei han­del­te es sich um Cel­so Amo­rim, Außen­mi­ni­ster Bra­si­li­ens wäh­rend der Amts­zeit Lulas, Aber­to Fer­nan­dez, Kabi­netts­chef von Cri­sti­na Fer­nan­dez Kirch­ner wäh­rend ihrer Amts­zeit als argen­ti­ni­scher Staat- und Regie­rungs­chefin, und um Car­los Omin­a­mi, ehe­ma­li­ger chi­le­ni­scher Mini­ster und Sena­tor der Sozia­li­sti­schen Par­tei Chi­les, der sich selbst als „pro­gres­si­ver Bür­ger“, „Agno­sti­ker“ und „Shin­toist“ bezeichnet.

Eine Stunde für die Linkspolitiker

Claudio Hummes mit Lula im Wahlkampf 1989
Clau­dio Hum­mes mit Lula im Wahl­kampf 1989

Papst Fran­zis­kus nahm sich außer­ge­wöhn­lich viel Zeit. Eine gan­ze Stun­de ver­brach­te er mit den drei Poli­ti­kern, die ihm klag­ten, in Latein­ame­ri­ka fin­de ein schlei­chen­der „Staats­streich“ statt. Gemeint ist eine „Ver­fol­gung“ lin­ker Amts­trä­ger durch die Gerichts­bar­keit. Es hand­le sich des­halb um einen Staats­streich mit „wei­ßen Handschuhe“.

Amo­rim, der bis 2015 unter Lulas Nach­fol­ge­rin Dil­ma Rouss­eff (eben­falls PT) Ver­tei­di­gungs­mi­ni­ster war, über­reich­te dem Papst ein Exem­plar der ita­lie­ni­schen Aus­ga­be des Lula-Buches: „La Ver­dad Ven­ce­ré“ (Die Wahr­heit wird siegen).

Papst Fran­zis­kus, so Amo­rim anschlie­ßend gegen­über Pres­se­ver­tre­tern, ver­fol­ge „das Schick­sal von Prä­si­dent Lula mit Inter­es­se und Sorge“.

Am ver­gan­ge­nen 17. Mai nahm Fran­zis­kus in sei­ner mor­gend­li­chen Pre­digt in San­ta Mar­ta Stel­lung und brach­te sei­ne Sor­ge über eine „fal­sche Ein­heit“ und die Gefahr von „Staats­strei­chen“ zum Aus­druck. Er sprach von „Ver­leum­dun und Dif­fa­mie­rung“ durch die Justiz, „und am Ende fin­det der Staats­streich statt“. Auf­merk­sa­me Beob­ach­ter sahen dar­in eine Anspie­lung auf Latein­ame­ri­ka und die Ver­ur­tei­lung Lulas in Brasilien.

Papst Franziskus: „Staatsreich mit weißen Handschuhen“

Die argen­ti­ni­sche Nach­rich­ten­agen­tur AFN schrieb noch am 2. August unter Beru­fung auf Alber­to Fernandez:

„Papst Fran­zis­kus zeig­te sich besorgt über die Staats­strei­che der wei­ßen Handschuhe“.

"Grüße ins Gefängnis", Audienz der drei Linkspolitiker bei Papst Franziskus
„Grü­ße ins Gefäng­nis“, Audi­enz der drei Links­po­li­ti­ker bei Papst Franziskus

Die For­mu­lie­rung „Staats­strei­che der wei­ßen Hand­schu­he“, die auch Amo­rim gebrauch­te, stam­me laut Fer­nan­dez von Papst Franziskus.

Der päpst­li­che Schul­ter­schluß mit der poli­ti­schen Lin­ke ent­behrt dabei nicht einer gewis­sen Komik. Lula wur­de wegen Kor­rup­ti­on im Amt zu 12 Jah­ren Gefäng­nis ver­ur­teilt und Papst Fran­zis­kus zeig­te sich „besorgt über die Kor­rup­ti­on in Latein­ame­ri­ka“. Damit mein­te das Kir­chen­ober­haupt aber nicht die Kor­rup­ti­on Lulas, son­dern die Tat­sa­che, daß der kor­rup­te Ex-Prä­si­dent von der Justiz ver­ur­teilt wurde.

Die Audi­enz steht im Zusam­men­hang mit Bestre­bun­gen der Arbei­ter­par­tei, Lula trotz sei­ner Ver­ur­tei­lung bei den Prä­si­dent­schafts- und Par­la­ments­wah­len im kom­men­den Okto­ber als Kan­di­dat zu nomi­nie­ren. Das Ziel ist es, ihm par­la­men­ta­ri­sche Immu­ni­tät zu ver­schaf­fen, und auf die­sem Weg aus dem Gefäng­nis zu holen. Vor­aus­set­zung dafür ist aller­dings, daß er zur Wahl zuge­las­sen wird. Der­sel­be Weg war bereits im ver­gan­ge­nen Früh­jahr ver­sucht wor­den, aber am Ober­sten Gerichts­hof gescheitert.

Grüße ins Gefängnis von Papst Franziskus
Grü­ße ins Gefäng­nis von Papst Franziskus

Die poli­ti­sche Lin­ke behaup­tet, die Ein­lei­tung von Straf­ver­fah­ren gegen Links­po­li­ti­ker sei eine ver­deck­te Form des poli­ti­schen Kamp­fes, um sie zu schädigen.

Grüße ins Gefängnis

Am 3. August gab die Inter­net­sei­te von Lula bekannt, daß Fran­zis­kus von sei­nen Besu­chern gebe­ten wur­de, Lula eine „per­sön­li­che Bot­schaft“ zu über­mit­teln, wor­auf der Papst fol­gen­de Wor­te zu Papier brachte:

„Für Luiz Inacio Lula da Sil­va mit mei­nem Segen und der Bit­te, für mich zu beten. Franciscus“.

Lulas Buch „Die Wah­heit wird sie­gen“ (2018)

In der Sonn­tags­aus­ga­be der chi­le­ni­schen Tages­zei­tung La Terce­ra wur­de von Car­los Omin­a­mi der Gast­kom­men­tar „Mit dem Papst in San­ta Mar­ta“ veröffentlicht.Darin schreibt der Ex-Mini­ster, daß Papst Fran­zis­kus die Situa­ti­on von Lula da Sil­va mit jener von Jesus Chri­stus ver­gli­chen habe.

„In die­sem ABC (Argen­ti­ni­en, Bra­si­li­en, Chi­le), das wir impro­vi­sier­ten, ergänz­te ich, daß wir nicht nur aus Freund­schaft und Wert­schät­zung für Lula hier sind, son­dern auch wegen der Ver­pflich­tung, in Bra­si­li­en und in unse­rer gan­zen Regi­on eine Demo­kra­tie zu ver­tei­di­gen, die zu errei­chen uns soviel geko­stet hat.
Um ehr­lich zu sein, war der Papst nicht beson­ders über­rascht. Zu mei­nem Erstau­nen erzähl­te er uns, daß das eine sehr alte Geschich­te sei, so alt, daß man sie bereits in der Bibel fin­det. Auf jewei­li­ge Art ist das bereits Jesus Chri­stus, dem hei­li­gen Johan­nes und Susan­na von Baby­lon widerfahren.“

Omin­a­mi weiter:

„Außer­dem erin­ner­te er sich an sei­ne Pre­digt vom 17. Mai die­ses Jah­res, in der er mit gro­ßer Klar­heit erklär­te, wie ‚im poli­ti­schen Leben, wenn man einen Staats­streich machen will, die Medi­en begin­nen, über die Leu­te zu reden, über die Füh­rer, und wie sie mit Ver­leum­dung und Dif­fa­mie­rung sie beschmut­zen (…), dann kommt die Justiz, ver­ur­teilt sie, und am Ende wird der Staats­streich gemacht“.

Wohl noch nie wur­de von einem Papst so offen und so ein­sei­tig poli­ti­sche Par­tei ergrif­fen. Offi­zi­ell äußer­te sich der Hei­li­ge Stuhl bis­her nicht zur Audienz.

Text: Giu­sep­pe Nardi
Bild: Vatican/OSS/30giorni/MiL (Screen­shots)

2 Kommentare

  1. Ich wuss­te gar nicht, daß Jesus Chri­stus wegen Kor­rup­ti­on ver­folgt und gekreu­zigt wur­de. Aber die Ber­go­glia­ni­sche Theo­lo­gie ist immer für Son­der­bar­kei­ten gut. Hier sieht man wie­der ein­mal die Dop­pel­bö­dig­keit die­ses Pap­stes: Er ver­ur­teilt die Kor­rup­ti­on nach außen hin, aber wenn einer sei­ner Sym­pa­thi­san­ten dies­be­züg­lich Pro­ble­me mit der Justiz bekommt, so erfreut er sich päpst­li­cher Sym­pa­thien. Ver­ste­he das, wer wolle.

    • Er ist eben link­s­pe­ro­ni­stisch ein­ge­stellt, und das sagt er auch stän­dig offen. Ich per­sön­lich hal­te ihn für einen Häre­ti­ker, der die Axt an den katho­li­schen Glau­ben ansetzt. Hof­fen wir, dass sein Pon­ti­fi­kat nicht ewig dauert.

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