Erste Frau der Geschichte als Leiterin eines römischen Dikasteriums

Wirtschaftssekretariat

Claudia Ciocca könnte bald neue Präfektin des Wirtschaftssekretariats werden und damit zur ersten Frau in der Kirchengeschichte, die ein Dikasterium des Heiligen Stuhls leitet.
Claudia Ciocca könnte bald neue Präfektin des Wirtschaftssekretariats werden und damit zur ersten Frau in der Kirchengeschichte, die ein Dikasterium des Heiligen Stuhls leitet.

(Rom) Erst­mals in der Kir­chen­ge­schich­te könn­te eine Frau ein vati­ka­ni­sches Mini­ste­ri­um lei­ten. Ent­spre­chen­de Plä­ne hegt Papst Fran­zis­kus für das Wirt­schafts­se­kre­ta­ri­at der Römi­schen Kurie. Die Bekannt­ga­be wird für die­se Tage erwar­tet.

Clau­dia Cioc­ca soll Prä­fektin des Wirt­schafts­se­kre­ta­ri­ats wer­den. Der Papst wol­le ernst machen mit der „Auf­wer­tung“ der Frau­en, die er mehr­fach, ankün­digt hat­te. Es gebe noch eini­ge Hin­der­nis­se, doch der Weg scheint frei zu sein.

Clau­dia Cioc­ca lei­tet der­zeit die Auf­sichts- und Kon­troll­ab­tei­lung des Wirt­schafts­se­kre­ta­ri­ats. Geht es nach dem Wil­len des Pap­stes, wird sie bald die erste Mini­ste­rin in der Geschich­te des Hei­li­gen Stuhls sein. Die Gerüch­te bestä­tig­te die pro­gres­si­ve, spa­ni­sche Nach­rich­ten­sei­te Reli­gi­on Digi­tal. Kri­ti­ker bezeich­nen das Nach­rich­ten­por­tal sogar als anti­kirch­lich. Der Chef­re­dak­teur von Reli­gi­on Digi­tal, José Manu­el Vidal, ein Prie­ster, der sei­ne Beru­fung auf­gab und lai­siert wur­de, ist vor einem Jahr sehr freund­lich von Papst Fran­zis­kus im Vati­kan emp­fan­gen wor­den.

Auf Reli­gi­on Digi­tal trifft zu, was Kar­di­nal Ger­hard Mül­ler, der von Fran­zis­kus ent­las­se­ne Glau­bens­prä­fekt sag­te, daß es einen „inne­ren Zusam­men­hang zwi­schen den Papi­sten von heu­te und den Rebel­len von gestern“ gibt, zwi­schen den „gro­ßen Geg­nern von Johan­nes Paul II. und Bene­dikt XVI“, die gestern „die Fun­da­men­te der Theo­lo­gie unter­mi­nier­ten“ und jenen, die sich heu­te als  gro­ße Ber­go­glio-Anhän­ger prä­sen­tie­ren. Aber das nur am Ran­de.

Der Weg in den Vatikan

Claudia Ciocca
Clau­dia Cioc­ca

Clau­dia Cioc­ca kam weni­ge Mona­te nach der Wahl von Papst Fran­zis­kus in den Vati­kan, und das zunächst in ganz ande­rer Funk­ti­on. Der neue Papst öff­ne­te im Som­mer 2013 die Tore für die gro­ßen Finanz- und Unter­neh­mens­be­ra­tungs­fir­men McK­in­sey, Ernst&Young, KPMG und Pro­mon­to­ry. Cioc­ca wur­de im Dezem­ber 2013 als Exper­tin von KPMG in den Vati­kan ent­sandt, um Bilanz, Buch­füh­rung und Finanz­flüs­se zu über­prü­fen. Aus die­ser Auf­ga­be wech­sel­te sie spä­ter direkt in die Dien­ste des Hei­li­gen Stuhls. Heu­te ist sie fak­tisch bereits die Num­mer Zwei im Wirt­schafts­se­kre­ta­ri­at, dem vati­ka­ni­schen Finanz- und Wirt­schafts­mi­ni­ste­ri­um. Letz­te­res hat sei­nen Grund in der ziem­lich beweg­ten Geschich­te des noch jun­gen Mini­ste­ri­ums.

Mini­ste­ri­en wer­den beim Hei­li­gen Stuhl Dikaste­ri­en genannt und sind nach Alter und Rang geglie­dert. Das Wirt­schafts­se­kre­ta­ri­at wur­de von Papst Fran­zis­kus im Febru­ar 2014 als neu­es Mini­ste­ri­um geschaf­fen, um alle wirt­schaft­li­chen Akti­vi­tä­ten des Hei­li­gen Stuhls zusam­men­zu­fas­sen und zen­tral zu len­ken. Zum ersten Prä­fek­ten, wie der Vati­kan den rang­hö­he­ren Teil sei­ner Mini­ster nennt, berief er aus Austra­li­en den dama­li­gen Erz­bi­schof von Syd­ney, Geor­ge Kar­di­nal Pell.

Der Weg aus dem Vatikan hinaus

Die Beru­fung des Kar­di­nals sorg­te für Auf­se­hen. Wäh­rend Fran­zis­kus die hoch­ran­gi­gen Prä­la­ten, die von Papst Bene­dikt XVI. ernannt wur­den und die­sem nahe­ste­hen, aus der Kir­chen­lei­tung mehr oder weni­ger freund­lich ent­fern­te, berief er aus­ge­rech­net den Ratz­in­ge­ria­ner Pell in den Vati­kan. Pell galt im Kon­kla­ve sogar als Papa­bi­le.

Dem Austra­li­er eil­te aller­dings der Ruf eines soli­den Ver­wal­ters vor­aus, zumin­dest für eine Kir­chen­mann, der sich vor­dring­lich mit theo­lo­gi­schen Fra­gen befaßt. Geprägt von sei­nem bri­ti­schem Den­ken ging der Kar­di­nal dar­an, die ihm anver­trau­te Auf­ga­be effi­zi­ent zu erfül­len. Damit stell­ten sich auch schon die Schwie­rig­kei­ten ein.

Fran­zis­kus hat­te die Behör­de errich­tet und den Prä­fek­ten ernannt, aber damit hat­te es sich vor­erst auch schon. Es war zunächst kaum mehr als ein Papier­ti­ger, da alle Struk­tu­ren erst geschaf­fen wer­den muß­ten. Zudem waren die Auf­ga­ben nur unscharf umris­sen.

Kardinal George Pell, aus dem Vatikan ins Gefängnis.
Kar­di­nal Geor­ge Pell, aus dem Vati­kan ins Gefäng­nis.

Neben den struk­tu­rel­len Schwie­rig­kei­ten stieß Kar­di­nal Pell aber vor allem auf den Wider­stand eini­ger Dikaste­ri­en, die ihr Ver­mö­gen bis­her selbst ver­wal­te­ten, und das auch wei­ter­hin zu tun gedach­ten. Die Über­ein­stim­mung von bri­ti­schem und ita­lie­ni­schem Den­ken stieß schnell an ihre Gren­zen. Ita­lie­ni­sche Geset­ze, wie das Motu pro­prio Fide­lis dis­pen­sa­tor et pru­dens, mit dem Fran­zis­kus das Wirt­schafts­se­kre­ta­ri­at errich­tet hat­te, ver­lan­gen in Ita­li­en eine ita­lie­ni­sche Umset­zung. Auf sol­che Men­ta­li­täts­pro­ble­me war Kar­di­nal Pell nicht wirk­lich gefaßt.

Noch ehe er sich’s ver­sah, hat­ten sich gegen ihn eine Intri­gan­ten­sze­ne ins Werk geset­zet, die nicht nur Wider­stand gegen sei­ne Behör­de orga­ni­sier­te, son­dern gezielt sei­ne Auto­ri­tät unter­mi­nier­te. Anstatt den von ihm ernann­ten Wirt­schafts­prä­fek­ten zu unter­stüt­zen, ging Fran­zis­kus, je mehr der Wider­stand zunahm, schritt­wei­se auf Distanz, beschnitt Pells Zustän­dig­kei­ten und ließ ihn schließ­lich ganz im Regen ste­hen. Hart­näckig hal­ten sich die Stim­men, die behaup­ten, die austra­li­schen Ermitt­lun­gen gegen den Kar­di­nal wegen angeb­li­chen sexu­el­len Miß­brauchs sei­en aus dem Vati­kan her­aus ange­sto­ßen wor­den.

Der leise Aufstieg

Ent­mu­tigt und ent­täuscht warf Kar­di­nal Pell im Juni 2017 das Hand­tuch. Er trat zwar nicht zurück, stell­te aber sein Amt ruhend und kehr­te nach Austra­li­en zurück, um sich gegen die Vor­wür­fe vor Gericht zu ver­tei­di­gen.

Seit bald zwei Jah­ren ist das Mini­ste­ri­um de fac­to ohne Mini­ster.

Die Num­mer Zwei war unter Pell der mal­te­si­sche Prie­ster Alfred Xue­reb, der einst zwei­ter Sekre­tär von Papst Bene­dikt XVI. war. Ihn ver­setz­te Fran­zis­kus im Febru­ar 2018 zum Diplo­ma­ti­schen Dienst des Hei­li­gen Stuhl und ent­sand­te ihn als Apo­sto­li­schen Nun­ti­us in die Mon­go­lei. Man kann dar­in eine größt­mög­li­che Ent­fer­nung aus dem Vati­kan sehen. Das Amt des Gene­ral­se­kre­tärs, das Xue­reb inne­hat­te, wur­de nicht nach­be­setzt. Damit waren bei­de höch­sten Posi­tio­nen des Wirt­schafts­se­kre­ta­ri­at fak­tisch vakant.

Sitz des Wirtschaftssekretariat ist der mächtige Torrione San Giovanni.
Sitz des Wirt­schafts­se­kre­ta­ri­ats ist der mäch­ti­ge Tor­r­io­ne San Gio­van­ni.

So rück­te der Prie­ster und Kir­chen­recht­ler Lui­gi Mistò, der seit 2015 die Ver­wal­tungs­ab­tei­lung des Dikaste­ri­ums lei­tet, de fac­to zum geschäfts­füh­ren­den Prä­fek­ten auf. Hin­ter ihm folgt in der Mini­ste­ri­al­hier­ar­chie Clau­dia Cioc­ca als Lei­te­rin der Auf­sichts- und Kon­troll­ab­tei­lung.

Nach­dem Kar­di­nal Pell im ver­gan­ge­nen Febru­ar in einem Gerichts­ver­fah­ren erster Instanz – mit eini­gen zwei­fel­haf­ten Sei­ten – zu sechs Jah­ren Gefäng­nis ver­ur­teilt wur­de, beton­te der Vati­kan­spre­cher zwar, daß kei­ne rechts­kräf­ti­ge Ver­ur­tei­lung vor­liegt und damit wei­ter­hin die Unschulds­ver­mu­tung gel­te, zugleich ent­zog ihm Papst Fran­zis­kus aber das Amt des Wirt­schafts­prä­fek­ten. In Rom war das Wort Dolch­stoß zu hören.

Damit kann die Spit­zen­po­si­ti­on des Mini­ste­ri­ums neu besetzt wer­den.

Cioc­ca, die als mög­li­che Nach­fol­ge­rin genannt wird, nimmt in Rom auch einen Lehr­auf­trag an der Päpst­li­chen Uni­ver­si­tät vom Hei­li­gen Kreuz der Per­so­nal­prä­la­tur Opus Dei wahr. Im Zuge des Pro­gramm of Church Manage­ment bie­tet sie die Lehr­ver­an­stal­tung Real Estate Manage­ment as Ste­wardship an. Zudem trat sie mehr­fach bei aka­de­mi­schen Tagun­gen als Refe­ren­tin auf.

Der Befreiungsschlag des „Papstes der Gesten“

Die Beru­fung einer Frau an die Spit­ze eines römi­schen Dikaste­ri­ums wur­de vom päpst­li­chen Umfeld schon seit län­ge­rer Zeit ange­deu­tet. Durch den sexu­el­len Miß­brauchs­skan­dal von Min­der­jäh­ri­gen und von Ordens­frau­en durch Kle­ri­ker unter Druck scheint der Augen­blick für den „Papst der Gesten“ geeig­net, um ein Zei­chen zu set­zen.

Vor einem Monat sorg­te der Rück­tritt der Frauen­re­dak­ti­on des Osser­va­to­re Roma­no für Auf­se­hen. Lucet­ta Sca­raf­fia, die bis­he­ri­ge Lei­te­rin der Frau­en­bei­la­ge der Tages­zei­tung des Pap­stes, und alle ihre Mit­ar­bei­te­rin­nen, kün­dig­ten ihre Mit­ar­beit auf. Sca­raf­fia warf Fran­zis­kus vor, ein „ver­eng­tes Frau­en­bild“ zu haben.

Der Kon­flikt um die Frau­en­bei­la­ge stellt einen Rück­schlag im frau­en­freund­li­chen Image dar, der Papst zu sein, der den größ­ten Vor­marsch der Frau­en in die Kir­chen­lei­tung mög­lich gemacht habe. Die Ernen­nung der ersten Frau zur Lei­te­rin eines römi­schen Dikaste­ri­ums wür­de inter­na­tio­na­le Auf­merk­sam­keit sichern.

Reli­gi­on Digi­tal kün­dig­te die Ernen­nung Cioc­cas für „die näch­sten Tage“ an. Recht­lich müß­te Fran­zis­kus zuvor das Wirt­schafts­se­kre­ta­ri­at in ein Wirt­schafts­di­kaste­ri­um zurück­stu­fen. Die­sen Weg ging er bereits beim Kom­mu­ni­ka­ti­ons­se­kre­ta­ri­at, das er nach dem unrühm­li­chen Abgang des von ihm ernann­ten, ersten Kom­mu­ni­ka­ti­ons­prä­fek­ten (Affä­re um den mani­pu­lier­ten Brief von Bene­dikt XVI.) in ein Kom­mu­ni­ka­ti­ons­di­kaste­ri­um umwan­del­te, um die Lei­tung einem Lai­en über­tra­gen zu kön­nen.

Die Umbe­nen­nung ändert für Außen­ste­hen­de nichts, betrifft aber den Rang und die Rei­hung inner­halb der vati­ka­ni­schen Mini­ste­ri­en­hier­ar­chie. Ein Sekre­ta­ri­at ist rang­hö­her als ein nicht näher spe­zi­fi­zier­tes Dikaste­ri­um. Der Prä­fekt des Wirt­schafts­se­kre­ta­ri­ats kommt gleich hin­ter dem Kar­di­nal­staats­se­kre­tär.

Kommt nicht noch im letz­ten Augen­blick Unvor­her­ge­se­he­nes dazwi­schen, wird dem­nächst die erste Frau in der Kir­chen­ge­schich­te die Lei­tung eines römi­schen Dikaste­ri­ums über­neh­men.

Text: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Reli­gi­on Digi­tal (Screen­shot)