40 Jahre Abtreibung in Italien

Abtreibung
Vor 40 Jahren wurde in Italien Aldo Moro von der Terrororganisation Rote Brigaden entführt und ermordet. Während seiner Geiselhaft wurde das Abtreibungsgesetz legalisiert. Wer trägt die Verantwortung dafür? Was hat das Abtreibungsgesetz mit der „Mafia von Sankt Gallen“ zu tun?

Von Rober­to de Mattei*

Die Auf­merk­sam­keit aller Medi­en in Ita­li­en kon­zen­trier­te sich in die­sen Tagen auf den 40. Jah­res­tag der Ent­füh­rung von Aldo Moro. Am 16. März 1978 wur­den der christ­de­mo­kra­ti­sche Poli­ti­ker in einem Hin­ter­halt in der Via Fani in Rom von den Roten Bri­ga­den als Gei­sel genom­men und sei­ne fünf Leib­wäch­ter ermor­det. Am 9. Mai wur­de sei­ne Lei­che nach 55 Tagen der Gei­sel­haft tot, von meh­re­ren Kugeln getrof­fen, im Kof­fer­raum eines Autos in der Via Caeta­ni gefun­den. Nie­mand hat jedoch bis­her dar­an erin­nert, daß im sel­ben Früh­ling 1978 vom Ita­lie­ni­schen Par­la­ment das berüch­tig­te Abtrei­bungs­ge­setz Nr. 194 debat­tiert und beschlos­sen wur­de, das seit­her min­de­stens sechs Mil­lio­nen Opfer in unse­rem Land gefor­dert hat.

„Sich des Engagements enthalten“

1991 ent­hüll­te der Ehren­vor­sit­zen­de der Bewe­gung für das Leben (MpV), Fran­ces­co Miglio­ri, daß es Aldo Moro, der dama­li­ge Par­tei­vor­sit­zen­de der Christ­de­mo­kra­ten (Demo­cra­zia Cri­stia­na, DC), war, der „im Par­tei­vor­stand 1976 die Mei­nung geäu­ßert hat­te, daß die­se Pro­ble­me, um  die Begeg­nung mit ande­ren Volks­par­tei­en nicht zu ver­hin­dern [kon­kret mit der Sozia­li­sti­schen Par­tei (PSI) und der Kom­mu­ni­sti­schen Par­tei (KPI)((Bei den Par­la­ments­wah­len im Juni 1976 wur­den die Christ­de­mo­kra­ten mit 38,7 Pro­zent erneut stim­men­stärk­ste poli­ti­sche Kraft. Die Kom­mu­ni­sti­sche Par­tei Ita­li­ens erziel­te aller­dings 34,4 Pro­zent und die Sozia­li­sti­sche Par­tei Ita­li­ens 9,6 Pro­zent.))], eine Fra­ge des Gewis­sens blei­ben soll­ten.“ Die­se Hal­tung von Moro bewog die Christ­de­mo­kra­ten, sich in den 70er Jah­ren nicht dem Kampf gegen die Abtrei­bung anzu­schlie­ßen.

Aldo Moro war der Stra­te­ge des „Histo­ri­schen Kom­pro­mis­ses“ mit der Kom­mu­ni­sti­schen Par­tei von Enri­co Ber­lin­guer. Das Abkom­men sah vor, daß die Christ­de­mo­kra­ten sich in Sachen Abtrei­bung eines Enga­ge­ments zu ent­hal­ten hat­ten. Wäh­rend Moros Gefan­gen­schaft wur­de das Abtrei­bungs­ge­setz 194 am 15. April 1978 von der Abge­ord­ne­ten­kam­mer des Par­la­ments mit 308 gegen 275 Stim­men beschlos­sen. La Repub­bli­ca schrieb dazu am 15. Mai 1998:

„Eine äußerst knap­pe Mehr­heit aus Kom­mu­ni­sten, Sozia­li­sten, Libe­ra­len, Sozi­al­de­mo­kra­ten, Repu­bli­ka­nern und unab­hän­gi­gen Lin­ken ver­stärkt – wie man hört – von einem klei­nen Trupp von Christ­de­mo­kra­ten, die damit eine Volks­ab­stim­mung ver­hin­dert hät­ten.“

Am 10. Mai schrieb Fran­ces­co Damato in der Tages­zei­tung Il Giorna­le:

„Die Zah­len der Schluß­ab­stim­mung bewei­sen, daß die Abtrei­bungs­be­für­wor­ter, obwohl sie auf dem Papier über eine Mehr­heit ver­füg­ten, ihren Kampf ver­lo­ren hät­ten, wenn die ent­ge­gen­ge­setz­te Front geschlos­sen auf ihrem Posten gewe­sen wäre.“

Christdemokraten setzen Gesetz in Kraft

Im Senat wur­de der Gesetz­ent­wurf am 18. Mai mit 160 gegen 148 Stim­men ange­nom­men. 308 der damals 322 Sena­to­ren hat­ten an der Abstim­mung teil­ge­nom­men. Erneut gaben abtrün­ni­ge Christ­de­mo­kra­ten den Aus­schlag. Im Amts­blatt vom 22. Mai 1978 wur­de das Staats­ge­setz Nr. 194, das die Tötung unge­bo­re­ner Kin­der erlaubt, mit den dafür not­wen­di­gen Unter­schrif­ten der ver­fas­sungs­mä­ßi­gen Amts­trä­ger ver­öf­fent­licht, die aus­nahms­los Christ­de­mo­kra­ten waren: Staats­prä­si­dent Gio­van­ni Leo­ne, Mini­ster­prä­si­dent Giu­lio Andreot­ti und die Mini­ster Tina Ansel­mi, Fran­ces­co Boni­facio, Tom­ma­so Mor­li­no und Filip­po Maria Pan­dol­fi. Alle­samt Christ­de­mo­kra­ten.

Andreot­ti ver­tei­dig­te sich in einem Brief an den Jesui­ten­pa­ter Vir­gi­nio Roton­di. Sei­ne Unter­schrift sei „ein Pflichtakt“ gewe­sen. Das gilt wahr­schein­lich laut den Grund­sät­zen eines posi­ti­vi­sti­schen Rechts­ver­ständ­nis­ses, aber sicher nicht nach jenen der katho­li­schen Moral. Sie kennt als ein­zi­ge, abso­lu­te Pflich­ten, die wir haben, nur jene gegen­über dem Gött­li­chen Gesetz und dem Natur­recht, das im kon­kre­ten Fall die Tötung von Unschul­di­gen ver­bie­tet. Der dama­li­ge Mini­ster­prä­si­dent beschränk­te sich aber nicht nur auf die Unter­schrift: Sei­ne Regie­rung über­nahm offi­zi­ell vor dem Ver­fas­sungs­ge­richt die Ver­ant­wor­tung für das Gesetz. In der Anhö­rung vom 5. Dezem­ber 1979 ver­tei­dig­te die Generalstaatsadvokatur((Das Rechts­amt der ita­lie­ni­schen Regie­rung, die als Ver­tre­te­rin der Staats­in­ter­es­sen ein Organ der Rechts­pfle­ge ist.)) die Ver­fas­sungs­mä­ßig­keit des Geset­zes, obwohl sie die Mög­lich­keit gehabt hät­te, Ein­wän­de gel­tend zu machen.

Am 15. Juni 1978 tat Staats­prä­si­dent Gio­van­ni Leo­ne, was er einen Monat vor­her nicht getan hat­te, er trat wegen der Pole­mi­ken zum Lockeed-Skan­dal zurück. Einen Monat zuvor, am 18. Mai, hat­te er kei­ne Not­wen­dig­keit zum Rück­tritt gese­hen, son­dern das Abtrei­bungs­ge­setz unter­zeich­net und es damit in Kraft gesetzt.

Was die Civiltà Cattolica nicht schrieb

Weni­ge Wochen spä­ter wur­de der Sozia­list San­dro Per­ti­ni zum neu­en Staats­prä­si­den­ten gewählt. Andreot­ti hin­ge­gen war ein lan­ges, poli­ti­sches Leben beschert, das aller­dings von Flecken ver­un­stal­tet war, von denen ihn auch der Frei­spruch vor Gericht nicht rei­nig­te. Dazu gehör­ten die Ankla­ge, der Man­dant für den Mord an Mino Pecorelli((Der Ent­hül­lungs­jour­na­list Dome­ni­co Pecorel­li, genannt Mino, wur­de 1979 ermor­det.)) gewe­sen zu sein, und angeb­li­che Kon­tak­te zur Mafia. Wir bezwei­feln den Wahr­heits­ge­halt die­ser Anschul­di­gun­gen. Aber selbst wenn sie wahr wären, haben wir die Gewiß­heit, daß sei­ne Ver­ant­wor­tung wegen der Unter­zeich­nung des Abtrei­bungs­ge­set­zes um ein Viel­fa­ches schwe­rer wiegt, als eine mög­li­che Kom­pli­zen­schaft bei Mafia­mor­den.

Die römi­sche Jesui­ten­zeit­schrift La Civil­tà Cat­to­li­ca schrieb am 20. Mai 1978, zwei Tage vor Inkraft­tre­ten des Abtrei­bungs­ge­set­zes, im Leit­ar­ti­kel:

„Gewiß, das schreck­li­che und erschüt­tern­de Schick­sal des Abg. Moro und die gna­den­lo­se Tötung sei­ner Eskor­te haben die Auf­merk­sam­keit aller auf so star­ke Wei­se auf sich gezo­gen, daß die ande­ren Pro­ble­me in die zwei­te Rei­he zurück­ge­tre­ten sind. Wenn man aber tie­fer geht, wird klar, daß die defi­ni­ti­ve Zustim­mung zur Lega­li­sie­rung der Abtrei­bung, die in die­sen Tagen erfolgt, sowohl gene­rell als auch was die nicht unmit­tel­ba­re, son­dern fer­ne­re Zukunft unse­res Lan­des betrifft, schwer­wie­gen­der ist, als die Ereig­nis­se vom 16. März in der Via Fani. Dort wur­de ein schreck­li­ches Ver­bre­chen began­gen, aber nicht der Grund­satz des Lebens­rechts und der Frei­heit ange­grif­fen, unter Beru­fung auf den das Ver­bre­chen ein­hel­lig ver­ur­teilt wur­de. Im Par­la­ment wur­de erst­mals in der Geschich­te unse­res Lan­des der Grund­satz des Lebens­rech­tes ange­grif­fen, das fun­da­men­ta­le Prin­zip, auf dem nicht nur das gesam­te sozia­le Leben, son­dern auch die gesam­te Rechts­ord­nung beruht“ (Heft 3070, 20. Mai 1978, S. 313).

Die Civil­tà Cat­to­li­ca beton­te zurecht, daß die Lega­li­sie­rung der Abtrei­bung viel schwer­wie­gen­der als eine ein­zel­ne Mord­tat wie die Ermor­dung von Moro und das Mas­sa­ker an sei­ner Eskor­te ist. Die Zeit­schrift unter­ließ es jedoch, zu erwäh­nen, daß die Ver­ab­schie­dung des Abtrei­bungs­ge­set­zes nicht nur des­halb so schwer­wie­gend ist, weil damit der Grund­satz des Lebens­rechts ange­grif­fen wird, auf dem die gesam­te staat­li­che Rechts­ord­nung beruht, son­dern vor allem, weil damit öffent­lich der Leh­re der Kir­che und dem Gesetz Got­tes und dem Natur­recht wider­spro­chen wird.

Die Verantwortung der Oberhirten

Die Ver­ant­wor­tung dafür, daß das Abtrei­bungs­ge­setz beschlos­sen wur­de, fällt nicht nur auf die Demo­cra­zia Cri­stia­na (DC), son­dern auch auf die ita­lie­ni­schen Ober­hir­ten, die jede Oppo­si­ti­on im Par­la­ment ent­mu­tig­ten und nach Inkraft­tre­ten des Geset­zes bemüht waren, sei­ne voll­stän­di­ge Wie­der­ab­schaf­fung durch das ver­fas­sungs­mä­ßig vor­ge­se­he­ne Instru­ment einer Volks­in­itia­ti­ve samt Volks­ab­stim­mung zu ver­hin­dern.

Zu mei­nen Erin­ne­run­gen an jene Zeit gehört eine Begeg­nung, die wir 1979 mit Bischof Lui­gi Maver­na, dem Gene­ral­se­kre­tär der Ita­lie­ni­schen Bischofs­kon­fe­renz, hat­ten. Wir baten ihn um eine auch nur still­schwei­gen­de, aber wohl­wol­len­de Unter­stüt­zung der Unter­schrif­ten­samm­lung, mit der die Katho­li­sche Alli­anz (Alle­an­za Cat­to­li­ca) eine Volks­ab­stim­mung zur Abschaf­fung des soeben beschlos­se­nen Abtrei­bungs­ge­set­zes 194 ein­lei­ten woll­te. Die Ant­wort des Prä­la­ten fiel ein­deu­tig aus: Er gab zu ver­ste­hen, daß es für jene, die ver­su­chen soll­ten, ein Refe­ren­dum gegen die Abtrei­bung zu initi­ie­ren, von Sei­ten der Bischofs­kon­fe­renz nicht die gering­ste Unter­stüt­zung gebe wer­de, weder jetzt noch in Zukunft. Auf unse­re Ein­wän­de sag­te er sinn­ge­mäß, „Tut, was ihr nicht las­sen könnt“ und zuck­te mit den Schul­tern.

Der Grund war klar. Die Bischofs­kon­fe­renz, damals von Kar­di­nal Anto­nio Poma ange­führt, unter­stütz­te dis­kret den Histo­ri­schen Kom­pro­miß und woll­te eine Poli­tik der „ent­ge­gen­ge­setz­ten Mau­ern“ ver­mei­den. Die Volks­ab­stim­mung „spal­te­te“, so wie heu­te der Marsch für das Leben beschul­digt wird, ein Kli­ma des Kul­tur­kamp­fes zu erzeu­gen. Die ver­folg­te Stra­te­gie, damals wie heu­te, lau­te­te Media­ti­on und Kom­pro­miß.

Johannes Paul II. gelang es nicht, Linie des Staatssekretariats zu ändern

Die Linie der Bischofs­kon­fe­renz war die des vati­ka­ni­schen Staats­se­kre­ta­ri­ats, und Johan­nes Paul II. gelang es nicht, trotz sei­ner kate­go­ri­schen Ableh­nung der Abtrei­bung, sie zu ändern.

Im Lau­fe der 80er Jah­re traf ich, dank Frau Prof. Wan­da Pol­taw­ska, die Johan­nes Paul II. sehr nahe­stand, mehr­fach des­sen Sekre­tär, Msgr. Sta­nis­law Dzi­wisz, der mei­ne Plä­doy­ers zugun­sten einer Abschaf­fung des Abtrei­bungs­ge­set­zes 194 immer höf­lich und auf­merk­sam anhör­te. Johan­nes Paul II. woll­te sich aber nicht in die poli­ti­schen Ange­le­gen­hei­ten Ita­li­ens ein­mi­schen und hat­te die­se Auf­ga­be an das Staats­se­kre­ta­ri­at dele­giert.

Am Mor­gen des 22. Mai 1980 traf ich auf Ver­mitt­lung von Msgr. Dzi­wisz, gemein­sam mit Gio­van­ni Can­to­ni und Agosti­no San­f­r­a­tel­lo von der Katho­li­schen Alli­anz, Achil­le Kar­di­nal Sil­ve­stri­ni, den Sekre­tär des Rates für Öffent­lich­keits­fra­gen der Katho­li­schen Kir­che. Sil­ve­stri­ni war 1973 in die­sem Amt Kar­di­nal Agosti­no Casa­ro­li nach­ge­folgt, des­sen enger Mit­ar­bei­ter er war. Vor allem war Sil­ve­stri­ni aber ein „geist­li­cher Sohn“ von Msgr. Sal­va­to­re Bal­d­as­sar­ri, dem „roten“ Erz­bi­schof von Raven­na, den Paul VI. wegen des­sen ultra­pro­gres­si­sti­scher Hal­tung abge­setzt hat­te. Im Lau­fe des Gesprächs leg­ten wir die Dring­lich­keit einer Volks­ab­stim­mung ((Ita­li­ens Ver­fas­sung sieht im Bereich der ordent­li­chen Gesetz­ge­bung nur ein abro­ga­ti­ves (abschaf­fen­des) Refe­ren­dum als Form der Direk­ten Demo­kra­tie vor. Nur zu Ver­fas­sungs­än­de­run­gen besteht die Mög­lich­keit ein kon­fir­ma­ti­ves (bestä­ti­gen­des) Refe­ren­dum ein­zu­lei­ten. Das Abtrei­bungs­ge­setz soll­te, so die Absicht der Katho­li­schen Alli­anz, durch ein abro­gra­ti­ves Refe­ren­dum wie­der abge­schafft wer­den.)) dar, für die eine Unter­stüt­zung zumin­dest durch einem ange­mes­se­nen Teil der ita­lie­ni­schen Bischö­fe uner­läß­lich war, um die dafür not­wen­di­gen 500.000 Unter­schrif­ten zu sam­meln. Msgr. Sil­ve­stri­ni setz­te uns in honig­sü­ßem Ton die Über­le­gung ent­ge­gen, daß ein sol­ches Anti-Abtrei­bungs-Refe­ren­dum inop­por­tun sei, weil es eines schäd­li­che „Gegen-Kate­che­se“, so sei­ne Wort­wahl, der Abtrei­bungs­be­für­wor­ter pro­vo­zie­ren wür­de. Mit ande­ren Wor­ten: Als Reak­ti­on auf die Anti-Abtrei­bungs­hal­tung der Katho­li­ken hät­ten die Abtrei­bungs­ver­fech­ter ihren Ein­satz zugun­sten der Abtrei­bung ver­viel­facht. Erlebt die katho­li­sche Welt aber nicht schon jetzt, wand­ten wir ein, eine wach­sen­de Abtrei­bungs­ag­gres­si­on? Und weil die Ver­tei­di­gung der Wahr­heit und weil Gutes zu tun eine Gegen-Kate­che­se pro­vo­ziert, soll­ten wir dar­auf ver­zich­ten, die Wahr­heit zu ver­kün­den und das Gute zu tun?

Als zwei­ten Grund, wes­halb unse­re Initia­ti­ve „inop­por­tun“ sei, nann­te er die noch schmer­zen­de Nie­der­la­ge beim Schei­dungs­re­fe­ren­dum von 1974. War die­se Schlacht aber nicht des­halb ver­lo­ren­ge­gan­gen, repli­zier­ten wir, weil nicht wirk­lich und ange­mes­sen gekämpft wor­den war? Und wenn die Erin­ne­rung an die­se Nie­der­la­ge bit­ter war, müß­te dann die Erin­ne­rung an die Träg­heit, die der Grund dafür war, nicht noch bit­te­rer sein?

Msgr. Sil­ve­stri­ni sag­te, daß „auch die Par­tei“ (gemeint war die Demo­cra­zia Cri­stia­na) einem Anti-Abtrei­bungs-Refe­ren­dum ableh­nend gegen­über­steht. Sei das ver­wun­der­lich, frag­ten wir, da die­se Par­tei das Abtrei­bungs­ge­setz im Par­la­ment begün­stig­te und eini­ge ihrer höch­sten Ver­tre­ter das Gesetz unter­schrie­ben und in Kraft gesetzt hat­ten, und damit die vol­le mora­li­sche und poli­ti­sche Ver­ant­wor­tung über­nom­men hat­ten?

Gründe des Scheiterns

In Wirk­lich­keit spra­chen wir eine unter­schied­li­che Spra­che und so gab es kei­ne Mög­lich­keit zum Dia­log. Am Ende bil­lig­ten das Staats­se­kre­ta­ri­at und die Bischofs­kon­fe­renz ganz schwach den Wunsch der Bewe­gung für das Leben (MpV) nach einem Refe­ren­dum, das die the­ra­peu­ti­sche Abtrei­bung und die Ver­hü­tung akzeptierte.((Das war nicht die Posi­ti­on der Katho­li­schen Alli­anz, wes­halb ein Teil der Katho­li­ken die Initia­ti­ve des MpV nicht oder nur pas­siv unter­stütz­te.))

Bei der Volks­ab­stim­mung, die am 17. Mai 1981 statt­fand, erreich­te die Initia­ti­ve der Bewe­gung für das Leben nur 32 Pro­zent der Stimmen.((Die Abtrei­bungs­be­für­wor­ter hat­ten zur „Neu­tra­li­sie­rung“ der Volks­in­itia­ti­ve der Lebens­schüt­zer eine eige­ne Volks­in­itia­ti­ve gestar­tet, mit der noch ein wei­ter­ge­hen­des Abtrei­bungs­ge­setz durch­ge­setzt und auch die ver­blei­ben­den Ein­schrän­kun­gen abge­schafft wer­den soll­ten. Der Zweck die­ser Gegen­in­itia­ti­ve ziel­te erfolg­reich dar­auf ab, das erreich­te Abtrei­bungs­ge­setz als „gol­de­nen Mit­tel­weg“ und erreich­ten „gesell­schaft­li­chen Kon­sens“ zu prä­sen­tie­ren und zu ret­ten. Und so war es. Die bei­den Abstim­mun­gen fan­den am sel­ben Tag statt. Die Abtrei­bungs­in­itia­ti­ve wur­de zwar mit 88,4 Pro­zent abge­lehnt, aber auch die Anti-Abtrei­bungs­in­itia­ti­ve wur­de von 68 Pro­zent ver­wor­fen. Anm. GN)) Der Abtrei­bung fie­len wei­ter­hin Kin­der zum Opfer und Msgr. Sil­ve­stri­ni, 1988 zum Kar­di­nal erho­ben, behielt sei­nen mäch­ti­gen Ein­fluß wäh­rend der Pon­ti­fi­ka­te von Johan­nes Paul II. und Bene­dikt XVI. und gehör­te dem „Mafia-Klub“ von Sankt Gal­len an, der die Papst-Wahl von Kar­di­nal Ber­go­glio vor­be­rei­te­te.

Die mora­li­sche Deka­denz der Kir­che und der ita­lie­ni­schen Gesell­schaft ist nicht erst eine Fra­ge der jüng­sten Jah­re, son­dern reicht schon wei­ter zurück, und ist anhand die­ser fer­ne­ren Grün­de zu ana­ly­sie­ren, wenn man Gegen­mit­tel fin­den will.

*Rober­to de Mattei, Histo­ri­ker, Vater von fünf Kin­dern, Pro­fes­sor für Neue­re Geschich­te und Geschich­te des Chri­sten­tums an der Euro­päi­schen Uni­ver­si­tät Rom, Vor­sit­zen­der der Stif­tung Lepan­to, Autor zahl­rei­cher Bücher, zuletzt in deut­scher Über­set­zung: Ver­tei­di­gung der Tra­di­ti­on: Die unüber­wind­ba­re Wahr­heit Chri­sti, mit einem Vor­wort von Mar­tin Mose­bach, Alt­öt­ting 2017.

Über­set­zung: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Cor­ris­pon­den­za Roma­na

1 Kommentar

  1. Wur­de damals die Abtrei­bung zur Macht des Fak­ti­schen, so heu­te die Sodo­mie, der Ehe­bruch, die Entsa­kra­li­sie­rung der Kir­chen, die Umwand­lung der Prie­ster­se­mi­na­re und theo­lo­gi­schen Fakul­tä­ten in heid­ni­sche Stät­ten, die Chri­sten bekämp­fen­de Isla­mi­sie­rung Euro­pas, die bald Eutha­na­sie.
    Macht des Fak­ti­schen und dann nach die­ser Rea­li­tät die barm­her­zi­ge Pasto­ral for­dern — wird lei­der jeder Gut­mensch ein­se­hen. So sind die euro­päi­schen Hir­ten und so sind die euro­päi­schen Völ­ker, alle nicht mehr katho­lisch?

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