„Man kann nicht gehorchen, wenn die Hirten den Glauben der Christen schwächen“

"Man hält die Kirche für eine Organisation, die sich mit dem Leib und nicht den Seelen zu beschäftigen habe. Jesus Christus ist aber nicht gekommen, um die wirtschaftlichen und sozialen Probleme der römischen Besatzung in Palästina zu lösen."
"Man hält die Kirche für eine Organisation, die sich mit dem Leib und nicht den Seelen zu beschäftigen habe. Jesus Christus ist aber nicht gekommen, um die wirtschaftlichen und sozialen Probleme der römischen Besatzung in Palästina zu lösen."

(Rom) Der bekann­te Lit­ur­gi­ker Don Nico­la Bux, ein Freund von Bene­dikt XVI., nützt die Dis­kus­si­on über die Cor­rec­tio filia­lis (Zurecht­wei­sung wegen der Ver­brei­tung von Häre­si­en) die das Pon­ti­fi­kat von Papst Fran­zis­kus erschüt­tert, um Kri­tik an Ent­wick­lun­gen in der Kir­che zu üben. Don Bux stand 2012 auf dem Drei­er­vor­schlag für das Amt des Prä­fek­ten der Glau­bens­kon­gre­ga­ti­on. Bene­dikt XVI. ernann­te Kar­di­nal Ger­hard Mül­ler, damals Bischof von Regens­burg. Das Inter­view führ­te Bru­no Volpe von La Fede quo­ti­dia­na (FQ).

FQ: Haben sie die Cor­rec­tio filia­lis und die Reak­tio­nen dar­auf erstaunt?

Don Nico­la Bux: Die­ses Doku­ment ent­spricht der Ein­la­dung zum Dia­log, zu dem der Papst wie­der­holt auf­ge­for­dert hat. Der Papst hat eine loya­le Kon­fron­ta­ti­on mit offe­nem Visier gefor­dert. Er hat dazu den grie­chi­schen Begriff Parr­hä­sie gebraucht, was bedeu­tet, frank und frei zu spre­chen. War­um soll­te ich also erstaunt sein? Im übri­gen erkennt das Kir­chen­recht den Gläu­bi­gen das Recht zu, und manch­mal sogar die Pflicht, den Hir­ten ihre Gedan­ken für das Wohl der Kir­che mit­zu­tei­len. Das auch des­halb, weil die Hir­ten nicht unfehl­bar sind. Das sind sie nur, wenn sie in Gemein­schaft mit dem Papst Wahr­hei­ten des Glau­bens und der Moral leh­ren, vor allem auf einem Kon­zil (vgl. Kate­chis­mus der Katho­li­schen Kir­che, 2051). Die Unfehl­bar­keit ist ein Wesens­merk­mal von Jesus Chri­stus, das er auf die Kir­che über­tra­gen hat, um sie in der Wahr­heit und Rein­heit des Glau­bens zu bewah­ren. Die­sen Dienst hat das leben­di­ge Lehr­amt zu erfül­len, des­sen sicht­ba­res Haupt der römi­sche Papst ist. Der Papst ist dann unfehl­bar, wenn er auf „end­gül­ti­ge“ Wei­se eine Glau­bens- oder Moral­leh­re bestä­tigt. Der Papst gebie­tet etwas zu glau­ben, weil es von Gott offen­bart und von Chri­stus gelehrt wur­de. In die­sem Fall haben ihm die Gläu­bi­gen im Glau­ben zu fol­gen. Die Zustim­mung der Gläu­bi­gen ist auch geschul­det, wenn es sich nicht um defi­ni­ti­ve Aus­sa­gen han­delt, aber um Hand­lun­gen, die dazu die­nen, das von Gott Geof­fen­bar­te in Fra­gen des Glau­bens und der Sit­ten bes­ser zu ver­ste­hen (vgl. KKK, 889–892). Man kann aber nicht gehor­chen, wenn die Hir­ten und vor allem der Papst, anstatt zu bekräf­ti­gen, mit Gedan­ken, Wor­ten und Hand­lun­gen den Glau­ben der Chri­sten schwä­chen. Die­se müs­sen dann mit dem geschul­de­ten Respekt ihren Wider­spruch äußern. Die Voll­macht des Pap­stes in der Kir­che ist nicht zu ver­wech­seln mit einer abso­lu­ten Macht über sie. Es ist zu hof­fen, daß dem Vor­schlag der Kar­di­nä­le Mül­ler und Paro­lin, eine Dis­kus­si­on in der Kir­che zu begin­nen, gefolgt wird.

FQ: Bedarf es der Klä­run­gen zu Amo­ris lae­ti­tia?

Don Nicola Bux in der 1745 begonnenen  Wallfahrtskirche Nosso Senhor do Bonfim in Brasilien
Don Nico­la Bux (4.v.l.) in der 1745 begon­ne­nen Wall­fahrts­kir­che Nos­so Sen­hor do Bon­fim in Bra­si­li­en

Don Nico­la Bux: Ich bin kein Moral­theo­lo­ge, die zahl­rei­chen Stel­lung­nah­men, Appel­le, die Dubia und die Zurecht­wei­sung, die auf­ein­an­der­fol­gen, seit die­ses Doku­ment ver­öf­fent­lich wur­de, legen aller­dings nahe, daß es einer Klä­rung bedarf. Es wur­den theo­lo­gi­sche Irr­tü­mer und Zwei­deu­tig­kei­ten fest­ge­stellt, aber auch sol­che phi­lo­so­phi­scher und sogar logi­scher Natur. Die­ses Doku­ment pro­du­ziert in der Kir­che – zusam­men mit einer teils unge­hö­ri­gen Debat­te, weil man nicht auf die Argu­men­te ein­ge­hen will – auch viel Ver­wir­rung, was sei­ne Anwen­dung angeht, beson­ders  zur Fra­ge der Kom­mu­ni­on für wie­der­ver­hei­ra­te­te Geschie­de­ne. Der Papst ist der, der das Glau­bens­gut zu bewah­ren hat, das der Kir­che anver­traut ist, und es zu ver­kün­den hat, damit auch in unse­ren Zei­ten die Men­schen sich zu Chri­stus bekeh­ren und nicht im Unglau­ben blei­ben. Der Papst kann also die Kir­che nicht revo­lu­tio­nie­ren. Das Wort Revo­lu­ti­on – ein poli­ti­scher Begriff – ist etwas, das einem Katho­li­ken am mei­sten fremd zu sein hat. Die Kir­che ist viel­mehr immer zu erneu­ern in dem Sinn, daß die Defor­mie­run­gen besei­tigt wer­den müs­sen, die ent­ste­hen, wenn man – manch­mal ohne es zu bemer­ken – das Evan­ge­li­um zu sehr an die Zei­ten, die Men­ta­li­tä­ten und die herr­schen­den Moden anpaßt.

FQ:  Spricht die­se Kir­che noch von Gott?

Don Nico­la Bux: Nach der jüng­sten Rede des Vor­sit­zen­den der Ita­lie­ni­schen Bischofs­kon­fe­renz((Zur Eröff­nung der Herbst­voll­ver­samm­lung hielt der von Papst Fran­zis­kus ein­ge­setzt Vor­sit­zen­de, Kar­di­nal Gual­tie­ro Bas­set­ti, eine Rede, die als „poli­ti­sche Rede“ ein­ge­stuft wur­de.)) nimmt die Zahl jener zu, die den Bischö­fen vor­hal­ten, wie Poli­ti­ker zu spre­chen und sich mit Fra­gen der Wirt­schaft, der Ein­wan­de­rung, der Arbeit, der Öko­lo­gie usw. zu befas­sen. Kurz­um, sie befas­sen sich mit Din­gen, die die Poli­tik betref­fen, obwohl sie sich mit der Ver­kün­di­gung des Evan­ge­li­ums und der Ver­wal­tung der Sakra­men­te befas­sen soll­ten, denn ihre Beru­fung dar­in besteht, Gott die Ehre zu erwei­sen und die See­len der Men­schen zu ret­ten. Der Herr hat nicht die Pro­ble­me der Armut, des Hun­gers oder der Krie­ge gelöst, son­dern die Bekeh­rung zu Gott gepre­digt als Vor­aus­set­zung, um auch die ande­ren Pro­ble­me lösen zu kön­nen, wenn auch nie end­gül­tig. So hat er gesagt: „Denn die Armen habt ihr immer bei euch.“ In unse­rer ent­christ­lich­ten Gesell­schaft fin­det ein Ein­drin­gen in frem­de Fel­der statt. Da die Leu­te immer kir­chen­fer­ner sind, wür­de man sich erwar­ten, daß die Bischö­fe eine gna­den­lo­se Bilanz zu den Pasto­ral­plä­nen der ver­gan­ge­nen Jahr­zehn­te zie­hen. Doch das, was statt­des­sen geschieht, wie man sieht, ist das Ergeb­nis eines ande­ren, viel grö­ße­ren Pro­blems.

FQ: Wie bit­te?

Don Nico­la Bux: Ratz­in­ger war es, der es 1985 noch als Kar­di­nal beklag­te: Das Kir­chen­ver­ständ­nis selbst ist in der Kri­se. Man hält sie für eine Orga­ni­sa­ti­on, die sich mit dem Leib und nicht mit den See­len zu beschäf­ti­gen habe. Jesus Chri­stus ist aber in die Welt gekom­men, um die See­len vor der Sün­de zu ret­ten und sie zu Gott Vater zurück­zu­füh­ren. Er ist nicht gekom­men, um die wirt­schaft­li­chen und sozia­len Pro­ble­me der römi­schen Besat­zung in Palä­sti­na zu lösen. Zudem hat sich ein Kir­chen­ver­ständ­nis aus­ge­brei­tet, das „von Che Gue­va­ra bis Mut­ter Tere­sa“ reicht, wie Jova­not­ti singt, wo jeder, ohne sich unbe­dingt zu Jesus Chri­stus zu bekeh­ren und unab­hän­gig von den Gebo­ten Got­tes, wei­ter­hin so lebt, wie es ihm gefällt. Das alles führt zu einem Ver­schwim­men der katho­li­schen Iden­ti­tät. Auch des­halb, weil ein nicht-katho­li­sches Den­ken in die Kir­che ein­ge­drun­gen ist. Grund­la­ge der Kri­se ist also ein gro­ßes Miß­ver­ständ­nis zur Fra­ge, war­um Chri­stus über­haupt die Kir­che gestif­tet hat.

FQ: In wel­chem Zustand befin­det sich die Kir­che heu­te?

Don Nico­la Bux: Nur ein Blin­der kann leug­nen, daß die Kir­che sich in einem Zustand der Ver­wir­rung befin­det. Und daß sie, wie Prof. Gal­li Del­la Log­gia jüngst fest­stell­te, die gro­ßen inter­na­tio­na­len Agen­tu­ren „über­la­gert“ und ihnen fast Kon­kur­renz macht, der UNO, der FAO, die „nichts mit der katho­li­schen Tra­di­ti­on zu tun haben, wenn ihr nicht sogar feind­lich gesinnt sind“.  Man muß auf sol­che Defor­mie­run­gen reagie­ren. Die Kir­che muß ret­ten, das heißt, sie muß dem Men­schen dabei hel­fen, sei­ne See­le, die ihn leben läßt, nicht zu ver­lie­ren: Das ist ihre Mis­si­on. Jesus hat gesagt, daß es einem Men­schen nichts hilft, wenn er die gan­ze Welt gewinnt, dabei aber die See­le ver­liert.

Text: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: MiL