Correctio filialis: „Erwarten ein mea culpa des Papstes“ — Interview mit Prof. Joseph Shaw

Ist Papst Franziskus auf einem Auge blind? Besorgte Kritiker von Amoris laetitia erhalte keine Antwort.
Ist Papst Franziskus auf einem Auge blind? Besorgte Kritiker von Amoris laetitia erhalten keine Antwort. Daher gingen sie einen aufsehenerregenden Weg und legten dem Papst eine Correctio filialis vor. "Eine in der jüngeren Geschichte beispiellose Aktion."

(Rom) Von einer „in der jün­ge­ren Geschich­te bei­spiel­lo­sen“ Akti­on spricht die Tages­zei­tung Il Giorna­le. Sie ver­öf­fent­lich­te gestern ein Inter­view mit Joseph Shaw, einem der Initia­to­ren der Cor­rec­tio filia­lis. Shaw, ein Sohn des 3. Baron Crai­gmyle, ist Pro­fes­sor der Phi­lo­so­phie an der Uni­ver­si­tät Oxford.

Prof. Joseph Shaw
Prof. Joseph Shaw

Die Cor­rec­tio filia­lis, ist eine Zurecht­wei­sung wegen der Ver­brei­tung von Häre­si­en, die eine inter­na­tio­na­le Grup­pe von Kle­ri­kern und Lai­en, an Papst Fran­zis­kus gerich­tet haben. Dem Papst wird vor­ge­wor­fen, in sei­nem umstrit­te­nen nach­syn­oda­len Schrei­ben Amo­ris lae­ti­tia min­de­stens sie­ben häre­ti­sche The­sen zu för­dern. Da das Schrei­ben, das ihm am 11. August über­ge­ben wur­de, kei­ne Ant­wort erhielt, sind die Unter­zeich­ner am ver­gan­ge­nen Sonn­tag damit an die Öffent­lich­keit gegan­gen. Seit­her ist Feu­er am Dach der Kir­che. Il Giorna­le spricht von einer „in der jün­ge­ren Geschich­te bei­spiel­lo­sen Akti­on“, die von Papst Fran­zis­kus ein mea cul­pa for­dert.

Il Giorna­le: Wie ent­stand die Idee zu die­sem Doku­ment?

Prof. Shaw: Es han­delt sich um einen Text, der von einer Grup­pe von Theo­lo­gen, Aka­de­mi­ker und Hir­ten, aus­ge­ar­bei­tet wur­de, die besorgt sind über die mut­maß­li­che Zustim­mung von Papst Fran­zis­kus zu Posi­tio­nen der Öff­nung von Amo­ris lae­ti­tia, die ein­deu­tig der kirch­li­chen Leh­re wider­spre­chen.

Il Giorna­le: Wer kann unter­schrei­ben, wie vie­le Unter­schrif­ten gibt es und woher kom­men sie?

Prof. Shaw: Als das Doku­ment dem Papst über­ge­ge­ben wur­de, waren es 40 Unter­zeich­ner, Theo­lo­gen und Prie­ster. Dann wur­de der Text ver­öf­fent­licht und jeden Tag kom­men neue nam­haf­te Unter­schrif­ten. Im Augen­blick sind es 146, doch sie nimmt stän­dig zu. Die Unter­schrif­ten stam­men aus 20 Län­dern mit einer star­ken Prä­senz der angel­säch­si­schen Staa­ten und Ita­li­ens.

Il Giorna­le: Kann auch ein ein­fa­cher Gläu­bi­ger unter­schrei­ben?

Prof. Shaw: Für die ein­zel­nen Gläu­bi­gen, die das Doku­ment unter­stüt­zen wol­len, gibt es die Peti­ti­on auf Change.org. Jede Unter­schrift wird dem Papst ein­zeln zuge­lei­tet. Der­zeit sind es bereits mehr als 10.600, die sie unter­schrie­ben haben und es wer­den von Stun­de zu Stun­de immer mehr.

Il Giorna­le: Was den­ken Sie über die Maß­nah­me, daß der Vati­kan den Zugang zu Ihrer Sei­te gesperrt hat?

Prof. Shaw: Das bedeu­tet zunächst, daß die Initia­ti­ve ernst­ge­nom­men wird. Es ist bedau­er­lich, daß man ver­sucht, die Men­schen, die im Vati­kan woh­nen und arbei­ten, dar­an zu hin­dern, an der statt­fin­den­den Dis­kus­si­on teil­zu­neh­men. Wer unter­schrei­ben will, wird den­noch den Weg dafür fin­den.

Il Giorna­le: Gibt es einen Kon­takt mit dem Papst?

Prof. Shaw: Wir haben Ber­go­glio am 11. August den Brief über­mit­telt, aber es kam kei­ne Ant­wort.

Il Giorna­le: Was for­dern Sie?

Prof. Shaw: Wir wol­len, daß der Papst öffent­lich die in Amo­ris lae­ti­tia ent­hal­te­nen, häre­ti­schen Posi­tio­nen zurück­weist. Die The­sen betref­fen Schlüs­sel­fra­gen der Dok­trin sind mit dem katho­li­schen Glau­ben unver­ein­bar. Das Doku­ment ist ein Bei­trag zur lau­fen­den Dis­kus­si­on über das Pro­blem der Kom­mu­ni­on für die wie­der­ver­hei­ra­te­ten Geschie­de­nen. Es han­delt sich um sehr prak­ti­sche Fra­gen, und die Bischö­fe und Prie­ster müs­sen wis­sen, wel­che Ent­schei­dun­gen zu tref­fen sind. Ohne kla­re Richt­li­ni­en ste­hen sie unter­schied­li­chen und wir­ren Inter­pre­ta­tio­nen gegen­über.

Il Giorna­le: War­um hat kein Kar­di­nal das Doku­ment unter­schrie­ben?

Prof. Shaw: Wir haben ent­schie­den, kei­ne Kar­di­nä­le ein­zu­be­zie­hen. Wir wol­len, daß es sich um eine unab­hän­gi­ge Initia­ti­ve han­delt und ohne Per­so­nen, die dem Papst nahe­ste­hen.

Il Giorna­le: Was ant­wor­ten Sie jenen, die Ihnen vor­wer­fen, gegen Canon 749 zu ver­sto­ßen, der die Unfehl­bar­keit des Pap­stes vor­sieht?

Prof. Shaw: Ich sage ihnen, daß es in die­sem Fall nicht um die Unfehl­bar­keit des Pap­stes geht. Und ich füge hin­zu, daß Absatz 3 die­ses Canons besagt, daß eine Leh­re nun dann als unfehl­bar defi­niert anzu­se­hen ist, wenn dies offen­sicht­lich fest­steht.

Einleitung/Übersetzung: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Vatican.va/Patheos (Screen­shots)