Die Freimaurerei erklärt von einem Großmeister

Großmeister des Großorients und der Großloge
Giuliano Di Bernardo, von 1990-1993 Großmeister des Großorients von Italien, von 1993-2001 Großmeister der Großloge von Italien, seither "im Aufbau neuer Initiations-Formen" tätig.

Von P. Pao­lo Maria Sia­no FFI*

Am 11. April 2001 strahl­te das ita­lie­ni­sche Staats­fern­se­hen RAI2 die zwölf­te und letz­te Aus­ga­be der Sen­dung Saty­ricon aus. Der Mode­ra­tor Danie­le Lut­taz­zi inter­view­te dar­in als „Haupt­gast“ den dama­li­gen Groß­mei­ster der Regu­lä­ren Groß­lo­ge von Ita­li­en (GLRI), Prof. Giu­lia­no Di Ber­nar­do. Von 1990 – 1993 war Di Ber­nar­do Groß­mei­ster des Groß­ori­ents von Ita­li­en (GOI). 1993 ver­ließ er den Groß­ori­ent und grün­de­te die Groß­lo­ge, deren Groß­mei­ster er wur­de.

Giuliano Di Bernardo im Studio von RAI2
Giu­lia­no Di Ber­nar­do in der Sen­dung Saty­ricon

Die Groß­lo­ge von Ita­li­en erhielt die Aner­ken­nung durch die eng­li­sche Frei­mau­re­rei und der mit ihr ver­bun­de­nen, anglo­phi­len Groß­lo­gen. Von 1996 – 1998 wirk­te Di Ber­nar­do an der Grün­dung der Groß­lo­ge der Ukrai­ne und der Groß­lo­ge von Mol­da­wi­en mit. 2002 ver­ließ Di Ber­nar­do offi­zi­ell die Groß­lo­ge, um sich „dem Auf­bau ande­rer For­men der Initia­ti­on“ zu widmen.((2002 grün­de­te Di Ber­nar­do die Acca­de­mie degli Illu­man­ti (Aka­de­mie der Erleuch­te­ten) mit Sitz an der Piaz­za di Spa­gna in Rom und den neu­en, inter­na­tio­na­len, eso­te­ri­schen Orden Digni­ty Order; Anm. d. Über­set­zers.))

Schau­en wir uns eini­ge Aus­sa­gen in jenem Inter­view von Di Ber­nar­do an, der in den 22 Minu­ten Ein­blick in die initia­ti­sche und eso­te­ri­sche Natur der Frei­mau­re­rei gewährt.

Unge­wollt hilft uns Prof. Di Ber­nar­do dabei, die tie­fe­ren Grün­de für die Unver­ein­bar­keit von Kir­che und Frei­mau­re­rei zu ver­ste­hen. Auf You­tube kann das Inter­view, auf zwei Tei­le auf­ge­teilt, ange­schaut wer­den (Teil 1 + Teil 2). Es ist inter­es­sant, manch­mal beun­ru­hi­gend, die Blicke, Gesten (Hän­de, Fin­ger), Pau­sen und das Lachen des Groß­mei­sters zu beob­ach­ten: eine hie­ra­ti­sche und geheim­nis­vol­le Gestalt. Auf die Fra­ge: „Was ist die Frei­mau­re­rei?“ ant­wor­tet Di Ber­nar­do:

„Die Frei­mau­re­rei ist ein Ver­ständ­nis des Lebens und des Men­schen. Frei­mau­rer sind jene Män­ner, die sich an bestimm­ten Grund­sät­zen aus­rich­ten, die sie ver­in­ner­li­chen und zu den Beweg­grün­den ihres eige­nen Ver­hal­tens machen. […] die Prin­zi­pi­en der Frei­heit, der Tole­ranz, der Brü­der­lich­keit, der Tran­szen­denz und der initia­ti­schen Grund­la­ge.“

Reguläre Großloge von Italien
Regu­lä­re Groß­lo­ge von Ita­li­en

Lut­taz­zi ahnt, daß in der Frei­mau­re­rei die Gefahr des „ethi­schen Volun­ta­ris­mus“ lau­ert und nennt zum Ver­gleich die Fran­zö­si­sche Revo­lu­ti­on, die von der „Frei­heit“ aus­ging, aber im Ter­ror ende­te. Di Ber­nar­do bemüht sich, dadurch zu ant­wor­ten, daß er die frei­mau­re­ri­schen Grund­sät­ze von „Abir­run­gen“ unter­schei­det.

Der „ethi­sche Volun­ta­ris­mus“ schim­mert auch im Arti­kel „Bio­eti­ca“ (Bio­ethik) in der Zeit­schrift De Homi­nis Digni­ta­te (2002) der Groß­lo­ge durch, in dem Di Ber­nar­do sich auf die „Ver­nunft Kants“ beruft und den Aus­schluß von Theo­lo­gen und Reli­gi­ons­ver­tre­tern aus staat­li­chen Bio­ethik-Komi­tees for­dert (S. 11–18).

Lut­taz­zi nimmt in der Sen­dung eine Zeit­schrift zur Hand und zeigt ein Bild, auf dem Di Ber­nar­do in der Klei­dung eines Groß­mei­sters der Groß­lo­ge zu sehen ist, wie er auf einem Fuß­bo­den mit frei­mau­re­ri­schem Schach­brett­mu­ster steht.

Lut­taz­zi hält das Bild in die Kame­ra und sagt:

„Es ist unter ande­rem schon etwas unheim­lich für jemand, der Schach spielt, weil das Schach­brett unge­ra­de ist. Es beginnt mit einem schwar­zen Feld und endet mit einem schwar­zen Feld, wäh­rend bekannt­lich ein Schach­brett gleich ist… Das will nichts bedeu­ten, aber es ist mir auf­ge­fal­len.“

Di Ber­nar­do lächelt.

Etwas spä­ter im Inter­view erklärt der Groß­mei­ster, daß das Schwarz im frei­mau­re­ri­schen Schach­brett­bo­den das Böse reprä­sen­tiert…

De Ber­nar­do weist auf die frei­mau­re­ri­sche Initia­ti­on hin:

„Frei­mau­rer wird man durch eine Initia­ti­on. […] Die Initia­ti­on ist ein kon­sti­tu­ti­ver Akt, durch den dem Men­schen eine Dimen­si­on ver­lie­hen wird, die er zuvor nicht hat­te. Ver­gleich­ba­res fin­den wir in der Tau­fe. Man wird nicht als Christ gebo­ren, son­dern wird Christ durch die Tau­fe. Eben­so wird man Frei­mau­rer durch die Initia­ti­on. […] Das bedeu­tet, daß man, wenn man durch die Initia­ti­on Frei­mau­rer wird, für den Rest sei­nes Lebens Frei­mau­rer bleibt.“

Di Ber­nar­do wird noch deut­li­cher:

“Auch wer die christ­li­che Reli­gi­on ablehnt, bleibt Christ. Genau­so bleibt man Frei­mau­rer, auch wenn man die Frei­mau­re­rei ablehnt. Das ist der Sinn der Sakra­li­tät. […] Auch wenn man im Schlaf ist, auch wenn man zum Feind der Frei­mau­re­rei wird, bleibt man immer Frei­mau­rer, weil man die Initia­ti­on emp­fan­gen hat, und die Initia­ti­on ist ein hei­li­ger Akt.“

Dann sagt Di Ber­nar­do:

„War­um ver­sam­meln wir Frei­mau­rer uns im Tem­pel? Weil wir im Tem­pel die Sakra­li­tät zum Aus­druck brin­gen. Aber Vor­sicht: Die Sakra­li­tät hat nichts mit Reli­gio­si­tät zu tun. Das sind zwei völ­lig ver­schie­de­ne Kon­zep­te. Es ist die Reli­gi­on, die ab einem bestimm­ten Punkt Aus­druck der Sakra­li­tät ist.“

Der Groß­mei­ster erklärt dann, daß für den Ein­tritt in die Frei­mau­re­rei not­wen­dig ist, an ein Höhe­res Wesen zu glau­ben. Auf die Fra­ge: „Kann ein Athe­ist Frei­mau­rer sein?“ ant­wor­tet Di Ber­nar­do:

„Nein. Nein.“

Giuliano di Bernardo, Großmeister des Großorients und der Großloge
Groß­mei­ster seit 1990

Was das Höhe­re Wesen anbe­langt, an das zu glau­ben eine Grund­vor­aus­set­zung der Frei­mau­re­rei ist, so ver­steht es Di Ber­nar­do als ein Ord­nungs­prin­zip im Sin­ne Kants (also kein per­sön­li­ches Wesen).

Reka­pi­tu­lie­ren wir kurz. Ein Athe­ist kann nicht Frei­mau­rer sein? Und doch habe Di Ber­nar­do, wie die Tages­zei­tung Libe­ro im Febru­ar 2016 berich­te­te, dem Jour­na­li­sten Gia­co­mo Ama­do­ri erklärt:

„Ich war immer Athe­ist und Dar­wi­nia­ner.“

Soll­te die Nach­rich­ten stim­men, stellt sich die Fra­ge: Ist dann für die eng­li­sche Frei­mau­re­rei die Initia­ti­on und das frei­mau­re­ri­sche Groß­mei­ster­tum von Di Ber­nar­do gül­tig?

Was die Erken­nungs­zei­chen der Frei­mau­rer angeht, sagt Di Ber­nar­do mit einem Lächeln zu Lut­taz­zi:

„Natür­lich gibt es Zei­chen. Das ist eine Art, sich zu erken­nen. Das aber ist Teil des Rah­mens, wenn wir so wol­len, der alle For­men von Gesell­schaf­ten mit Initia­ti­ons-Cha­rak­ter kenn­zeich­net.“

Zu den phi­lo­so­phi­schen Ursprün­gen der 1717 in Lon­don gegrün­de­ten Frei­mau­re­rei sagt Di Ber­nar­do:

„Wenn wir die frei­mau­re­ri­schen Ritua­le lesen, die Ritua­le der eng­li­schen Frei­mau­re­rei, die die älte­sten Ritua­le sind, fin­den wir Spu­ren von dem, was okkul­te Phi­lo­so­phie genannt wird. Die okkul­te Phi­lo­so­phie ist jene, die einen ihrer füh­ren­den Ver­tre­ter in Pico del­la Miran­do­la hat­te und die aus der Her­me­tik, der christ­li­chen Kab­ba­la, der Alche­mie, der Magie und dem Rosen­kreu­zer­tum besteht. Die eng­li­sche Frei­mau­re­rei ist aus der Rezep­ti­on von all dem ent­stan­den.“

Di Ber­nar­do schreibt sich fol­gen­des Ver­dienst zu:

„Ich habe eine neue Obö­di­enz geschaf­fen, ein­fach des­halb, um Ita­li­en eine Frei­mau­re­rei tra­di­tio­nel­len Typs zurück­zu­ge­ben, und die Frei­mau­re­rei tra­di­tio­nel­len Typs ist die eng­li­sche. Ich habe von der eng­li­schen Frei­mau­re­rei Kon­sti­tu­tio­nen, Regeln und Ritua­le über­nom­men.“

Giuliano Di Bernardo
Giu­lia­no Di Ber­nar­do

Di Ber­nar­do erklärt, daß der Mensch und die Gesell­schaft in die­sem Moment eine „radi­ka­le“ Kri­se durch­ma­chen, wie es sie zuvor viel­leicht nie gege­ben hat, weil der wis­sen­schaft­li­che Fort­schritt und sei­ne Anwen­dun­gen die Welt auf tief­grei­fen­de und abrup­te Art ver­än­dern. Der Mensch fühlt sich fremd und beküm­mert, weil er nicht schritt­hal­ten kann.

Der Mensch, der die Lösung nicht in der wirk­li­chen Welt fin­den kann, löst sich schritt­wei­se von ihr, er „fliegt“ in Rich­tung Uto­pie, dem Ide­al. Indem er aus der Wirk­lich­keit hin­aus­tritt, kön­ne er die­se bes­ser sehen, und so kön­ne der Mensch mit Hil­fe der Uto­pie die Wirk­lich­keit neu gestal­ten.

Di Ber­nar­do kommt dann erneut auf die Fra­ge zurück, war­um sich die Frei­mau­rer im Tem­pel ver­sam­meln:

„Ver­sam­meln bedeu­tet im Tem­pel zusam­men­kom­men, also an einem hei­li­gen Ort. Im Tem­pel fin­den wir jenen berühm­ten, schach­brett­ar­ti­gen Fuß­bo­den in schwarz und weiß. Sie stel­len das Gute und das Böse dar, den Kon­flikt zwi­schen dem Guten und dem Bösen. […] Wenn der Mensch in die Frei­mau­re­rei initi­iert wird, berei­tet er sich dar­auf vor, eben in die­sem Kampf zwi­schen dem Guten und dem Bösen. Nicht daß ihn die Initia­ti­on sofort gut macht, aber im Tem­pel erin­nert er sich immer, daß es den Kampf zwi­schen dem Guten und dem Bösen gibt, und daß er den frei­mau­re­ri­schen Grund­sät­zen zu fol­gen hat, damit das Gute über das Böse die Ober­hand habe.“

Di Ber­nar­do erklärt dem Publi­kum nicht die Sym­bo­lik, die der Ver­bin­dung der Gegen­sät­ze (Gut und Böse, Schwarz und Weiß, Licht und Fin­ster­nis …) zugrun­de liegt, die den frei­mau­re­ri­schen Mei­stern in Sachen Initia­ti­on und Eso­te­rik so kost­bar ist …

In der Tat ist es ein zu „heik­les“ The­ma, um es im Fern­se­hen vor „Nicht­ein­ge­weih­ten“ zu behan­deln.

*Pao­lo Maria Sia­no ist katho­li­scher Prie­ster und gehört dem Orden der Fran­zis­ka­ner der Imma­ku­la­ta (FFI) an. Der Kir­chen­hi­sto­ri­ker, des­sen For­schungs­schwer­punkt die Geschich­te des Fran­zis­ka­ner­or­dens ist, gilt zudem als einer der fach­kun­dig­sten Ken­ner der Frei­mau­re­rei und ande­rer initia­ti­scher Geheim­ge­sell­schaf­ten. 2012 ver­öf­fent­lich­te er zwei Stan­dard­wer­ke über die Logen: „La mas­so­neria tra eso­te­ris­mo, ritua­li­tà  e sim­bo­lis­mo“ (Die Frei­mau­re­rei zwi­schen Eso­te­rik, Ritus und Sym­bo­lik) und „Un manua­le per cono­s­ce­re la mas­so­neria“ (Ein Nach­schla­ge­werk, um die Frei­mau­re­rei zu ken­nen). Katholisches.info ver­öf­fent­lich­te zuletzt von ihm den Auf­satz: Baron Yves Mar­s­audon – Ein Hoch­grad­frei­mau­rer im Mal­te­ser­or­den.

Über­set­zung: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Lanfarte/Antimafia/Youtube (Screen­shots)




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1 Kommentar

  1. Das ver­schwie­ge­ne Geheim­nis ist wohl, dass in Gott auch das Böse wäre, das nach einer mysti­schen Rich­tung des Juden­tums, der Kab­ba­la, als dunk­ler Hin­ter­grund das Hell-Gute in Gott sicht­bar mache und in unse­rem Sin­ne böse wer­de, nur weil es aus Gott in die Welt gefal­len sei. Dage­gen weiß der hl. Augu­sti­nus das Böse als blo­ßen Man­gel an Gutem (durch­aus etwas Schreck­li­ches, als kei­ne Sub­stanz). — Übri­gens: Frei­mau­rer muss nie­mand auf immer sein! Die hl. Beich­te kann von der Frei­mau­re­rei rei­ni­gen.

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