Warum Kardinal Sarah der größte Alptraum aller liberalen Katholiken ist

Warum Kardinal Robert Sarah "für alle Liberalen ein Alptraum ist". Diese Frage geht Matthew Schmitz nach.
Warum Kardinal Robert Sarah "für alle Liberalen ein Alptraum ist". Diese Frage geht Matthew Schmitz nach.

(Rom) War­um ist die Vor­stel­lung, daß Kar­di­nal Robert Sarah der „erste schwar­ze Papst“ wer­den könn­te, der größ­te Alp­traum aller libe­ra­len Katho­li­ken? Die­ser Fra­ge geht Mat­thew Schmitz in einer aus­führ­li­chen Spu­ren­su­che in der aktu­el­len Aus­ga­be des bri­ti­schen Catho­lic Herald nach.

Der „gefährlichste Mann der Christenheit“?

Schmitz nennt den Kar­di­nal aus Gui­nea im Titel den „gefähr­lich­sten Mann der Chri­sten­heit“. Eine „immer grö­ße­re“ Anzahl von Per­so­nen for­de­re „den Kopf von Kar­di­nal Robert Sarah auf einem Sil­ber­tel­ler“. Man kön­ne „irgend­ein libe­ra­les, katho­li­sches Blatt“ auf­schla­gen. Die Wahr­schein­lich­keit sei groß, dar­in eine Emp­feh­lung an Fran­zis­kus zu fin­den, den schwarz­afri­ka­ni­schen Prä­fek­ten der römi­schen Got­tes­dienst­kon­gre­ga­ti­on zu ent­las­sen.

„Der Moment ist für Papst Fran­zis­kus gekom­men, Kar­di­nal Sarah aus­zu­tau­schen“,

schrieb bei­spiels­wei­se Mau­re­en Fied­ler im Natio­nal Catho­lic Repor­ter.

„Es könn­te neu­er Wein an der Kon­gre­ga­ti­on für den Got­tes­dienst von Nöten sein“,

schrieb Chri­sto­pher Lamb im The Tablet.

„Die Kuri­en­ver­tre­ter, die sich wei­gern, dem Pro­gramm von Fran­zis­kus anzu­pas­sen, soll­ten zurück­tre­ten. Oder der Papst sol­le sie irgend­wo anders hin­schicken“,

ließ Robert Mickens im Com­mon­weal wis­sen.

„Kar­di­nä­le wie Robert Sarah mögen glau­ben, daß es bei einem Pon­ti­fi­kat, das in die fal­sche Rich­tung geht, eine Pflicht sei, Wider­stand zu lei­sten. Das heißt aber nicht, daß Fran­zis­kus sich ihnen erge­ben soll“ (The Tablet).

Die Rede von den  apokalyptischen Tiere

Die Anbetung der Apokalyptischen Tiere
Die Anbe­tung der Apo­ka­lyp­ti­schen Tie­re

Das sei nicht immer so gewe­sen. Als Sarah 2014 von Fran­zis­kus ernannt wur­de, behan­del­ten ihn auch jene wohl­wol­lend, die ihn heu­te angrei­fen. Mickens schrieb damals, der Kar­di­nal aus Gui­nea sei „nicht ehr­gei­zig, ein guter Zuhö­rer und obwohl er eine ein­deu­tig kon­ser­va­ti­ve Sei­te gezeigt habe, seit er nach Rom gekom­men ist“, sei er „ein Mann des Zwei­ten Vati­ca­num“. Lamb ging sogar soweit, aus­zu­füh­ren, daß Sarah selbst „den Libe­ra­len gefal­len wer­de“. Der Doy­en der pro­gres­si­ven Vati­ka­ni­sten, John Allen, mein­te gar, Sarah sei „warm­her­zig, sym­pa­thisch und beschei­den“, letzt­lich unauf­fäl­lig. Heu­te gilt die Ernen­nung von Kar­di­nal Sarah als größ­ter „Betriebs­un­fall“ in der Per­so­nal­po­li­tik von Fran­zis­kus.

Obwohl es schon vor­her im Gebälk kni­ster­te, aber von libe­ra­ler Sei­te noch bereit­wil­lig weg­schaut wur­de, änder­te sich die Stim­mung schlag­ar­tig am 6. Okto­ber 2015. Am drit­ten Tag der umkämpf­ten zwei­ten Bischofs­syn­ode über die Fami­lie wur­den die Syn­oda­len mit zwei gegen­sätz­li­chen For­de­run­gen kon­fron­tiert. Einer­seits auf jene Per­so­nen zuzu­ge­hen, die sich auf­grund ihrer sexu­el­len Nei­gun­gen von der Kir­che stig­ma­ti­siert füh­len, ande­rer­seits mutig einer feind­lich gesinn­ten Welt die Wahr­heit über Gott, den Men­schen und das Heil zu ver­kün­den. An jenem Tag erhob sich im Syn­oden­saal Kar­di­nal Sarah, jener„unauffällige“ Mann, der viel­leicht gele­gent­lich – weil Schwarz­afri­ka­ner — von sei­nen euro­päi­schen Kol­le­gen sogar mil­de belä­chelt wur­de, und hielt jene Rede über die „Apo­ka­lyp­ti­schen Tie­re“. Der Kar­di­nal wider­sprach west­li­chen Syn­oda­len und beharr­te mit Vehe­menz dar­auf, daß bei­de For­de­run­gen ver­ein­bar und erfüll­bar sind. „Wir kämp­fen nicht gegen Geschöp­fe aus Fleisch und Blut.“ Allen Men­schen sei wohl­wol­lend und ent­ge­gen­kom­mend zu begeg­nen. „Die Kir­che muß aber wei­ter­hin die Wahr­heit ver­kün­den ange­sichts der bei­den gro­ßen Her­aus­for­de­run­gen: einer­seits die Ver­göt­zung der west­li­chen Frei­heit, ande­rer­seits der isla­mi­sche Fun­da­men­ta­lis­mus — athe­isti­scher Säku­la­ris­mus gegen reli­giö­sen Fana­tis­mus“, so Sarah.

Atheistischer Säkularismus und islamischer Fundamentalismus

Die west­li­che Frei­heit und der isla­mi­sche Fun­da­men­ta­lis­mus, so Sarah wei­ter, sei­en wie die bei­den „Tie­re der Apo­ka­lyp­se“. Die Rede erin­nert in der Grund­aus­sa­ge an jene denk­wür­di­ge Regens­bur­ger Rede von Papst Bene­dikt XVI. von 2006. Sarah wur­de nur noch etwas deut­li­cher. Die Gehei­me Offen­ba­rung des Johan­nes spricht von zwei Tie­ren, von denen die Kir­che ange­grif­fen wird. Ein Tier mit sie­ben Köp­fen, zehn Hör­ner und Got­tes­lä­ste­run­gen auf den Lip­pen wird aus dem Meer auf­tau­chen. Das ande­re Tier tritt auf dem Land auf und wird gro­ße Wun­der wir­ken und die Welt davon über­zeu­gen, das erste Tier anzu­be­ten.

Kardinal Sarah, der Alptraum seiner Kritiker
Kar­di­nal Sarah, Alp­traum sei­ner Kri­ti­ker

Die­se selt­sa­me Dyna­mik ver­schie­de­ner Bedro­hun­gen, die die Men­schen dazu ver­lei­te, sich einer an den Hals zu wer­fen, um der ande­ren zu ent­ge­hen, sieht der Kar­di­nal, so Schmitz, auch heu­te am Werk. Die Angst vor der reli­giö­sen Unter­drückung [durch den Islam] ver­an­las­se die einen eine göt­zen­ähn­li­che, fal­sche Frei­heit zu ver­eh­ren. Schmitz schil­dert dazu ein per­sön­li­ches Erleb­nis, als er am Ende einer Rede von Aya­an Hirsi Ali sit­zen­blieb, als die­se das Publi­kum auf­ge­for­dert hat­te, „der Blas­phe­mie“ eine ste­hen­de Ova­ti­on zu brin­gen.

Umge­kehrt drän­gen die Angrif­fe gegen die mensch­li­che Natur man­che, sich in die fal­sche Sicher­heit des reli­giö­sen Fun­da­men­ta­lis­mus zu flüch­ten, die ihr schreck­lich­stes Sym­bol in der schwar­zen Fah­ne des Isla­mi­schen Staa­tes (IS) habe. Jedes Übel sei eine Ver­su­chung, sich aus Furcht dem ent­ge­gen­ge­setz­ten Übel anzu­schlie­ßen. Das sei ver­gleich­bar mit dem gro­ßen Kampf des 20, Jahr­hun­derts zwi­schen Kom­mu­nis­mus und Natio­nal­so­zia­lis­mus. In Wirk­lich­keit gel­te es, sich bei­den zu wider­set­zen.

„Hohes theologisches und intellektuelles Niveau“

Der Vor­sit­zen­de der Pol­ni­schen Bischofs­kon­fe­renz, Erz­bi­schof Sta­nis­law Gadecki, lob­te das “hohe theo­lo­gi­sche und intel­lek­tu­el­le Niveau“ der Rede. „Ande­re“, so Schmitz, „schei­nen den Sinn er Rede aber nicht ver­stan­den zu haben.“ Der Erz­bi­schof von Bris­bane, Mark Cole­ridge, echauf­fier­te sich über die „apo­ka­lyp­ti­sche Spra­che“: „Den jun­gen Leu­ten gefällt es nicht, wenn man sie an das Gericht erin­nert“, wit­zel­te der austra­li­sche Syn­oda­le nach Sarahs Rede. „Da drängt sich die Fra­ge auf, was der Erz­bi­schof wohl vom Rest der Gehei­men Offen­ba­rung denkt“, so Schmitz.

Ein “wich­ti­ger Beob­ach­ter vati­ka­ni­scher Din­ge“ habe ihm aus Rom geschrie­ben, so Schmitz wei­ter, daß Sarah mit die­ser Rede sich als Papa­bi­le wohl selbst aus dem Ren­nen genom­men habe:

“Sarah sprach heu­te über die zwei Tie­re der Apo­ka­lyp­se. Sein Poten­ti­al als Papa­bi­le hat einen schwe­ren Schlag bekom­men.“

Der Jesu­it James Mar­tin erklär­te sogar empört, Sarah habe mit sei­ner Rede gegen den Kate­chis­mus ver­sto­ßen, der „ver­langt, die LGBT-Per­so­nen mit ‚Respekt, Mit­ge­fühl und Emp­find­sam­keit‘ zu behan­deln“.

„Man fragt sich, ob es für Katho­li­ken wie Pater Mar­tin über­haupt Wor­te gibt, mit denen die Leh­re der Kir­che zum Geschlecht ver­tei­digt wer­den kann, weil sie sie nie benut­zen“, so Schmitz‘ Anmer­kung. Die ableh­nen­den Reak­tio­nen auf Sarahs Rede dürf­ten weni­ger grund­sätz­li­cher Natur gewe­sen sein, son­dern mehr mit einem ver­brei­te­ten Analpha­be­ten­tum zu tun haben. Der süd­afri­ka­ni­sche Kar­di­nal Wilf­red Napier hat­te kurz vor Syn­oden­be­ginn gesagt, daß die Euro­pä­er unter einer „ver­brei­te­ten Unkennt­nis der kirch­li­chen Leh­re und auch der Hei­li­gen Schrift“ lei­den.

Kaspers Bannspruch

Kar­di­nal Wal­ter Kas­per, der Wort­füh­rer der „neu­en Offen­heit“, hat­te sich bereits im Jahr zuvor über die afri­ka­ni­schen Wort­mel­dun­gen beklagt. Wegen sei­ner antiafri­ka­ni­schen Aus­sa­gen wur­de ihm sogar Ras­sis­mus vor­ge­wor­fen.

Er kön­ne nur für Deutsch­land spre­chen, wo eine brei­te Mehr­heit eine Öff­nung gegen­über den wie­der­ver­hei­ra­te­ten Geschie­de­nen wol­le. Das­sel­be gel­te für Groß­bri­tan­ni­en und über­all. In Afri­ka sei das anders. Die Afri­ka­ner „sol­len uns nicht zu sehr erklä­ren, was wir zu tun haben.“

Kas­pers Wor­te lösten unter Schwarz­afri­ka­ner hef­ti­ge Empö­rung aus. Obia­nu­ju Ekeocha, eine katho­li­sche Nige­ria­ne­rin, die gegen die Abtrei­bung kämpft, schrieb:

„Ihr könn­te euch nicht mei­nen Schock vor­stel­len, als ich heu­te die Wor­te eines der wich­tig­sten Syn­oden­vä­ter gele­sen habe … Als afri­ka­ni­sche Frau, die heu­te in Euro­pa lebt, sehe ich mei­ne Über­zeu­gun­gen und mora­li­schen Wer­te stän­dig als ‚afri­ka­ni­sche Ange­le­gen­hei­ten‘ dis­kre­di­tiert.“

Glei­cher Mei­nung war Kar­di­nal Napier:

„Es ist besorg­nis­er­re­gend, Wor­te wie die des ‚Theo­lo­gen des Pap­stes‘ zu lesen … Kas­per zeigt nicht viel Respekt vor der afri­ka­ni­schen Kir­che und ihren Hir­ten.“

Kas­pers Erklä­rung war für ande­re offen­bar das Signal für einen Damm­bruch in der Debat­te und im inner­kirch­li­chen Umgang mit­ein­an­der. Für Kar­di­nal Sarah bedeu­te­te es, daß er seit sei­ner Rede zum Abschuß frei­ge­ge­ben wur­de.

Welle der Kritik

Eine Wel­le der Kri­tik und unter­grif­fi­ger Beschul­di­gun­gen stürz­te auf ihn ein. Plötz­lich wur­de er als „arro­gant“, „igno­rant“ und „poten­ti­el­ler Kri­mi­nel­ler“ hin­ge­stellt. Plötz­lich waren unge­wohn­te Töne zu hören.

Micha­el Sean Win­ters vom Natio­nal Catho­lic Repor­ter mahn­te:

„Die Kuri­en­kar­di­nä­le sind im Grun­de Ange­stell­te, respek­tier­te Ange­stell­te, aber Ange­stell­te.“

Pater Wil­liam Grim bezeich­ne­te in La Croix, der Tages­zei­tung der Fran­zö­si­schen Bischofs­kon­fe­renz, die Rede des Kar­di­nals als „Ese­lei“, „offen­sicht­li­che Dumm­heit“ und „Idio­tie“. Der ita­lie­ni­sche Para­de­li­be­ra­le unter den Lit­ur­gi­kern, Andrea Gril­lo, tön­te nun, man beach­te den Hin­weis „seit Jah­ren“:

„Sarah hat sich im lit­ur­gi­schen Bereich seit Jah­ren als sub­stan­ti­ell unge­eig­net und inkom­pe­tent erwie­sen.“

Pater Antho­ny Ruff maß­re­gel­te den Kar­di­nal im The Tablet:

„Es wäre gut, wenn er die Refor­men etwas genau­er stu­die­ren und bei­spiels­wei­se die Bedeu­tung von ‚Geheim­nis‘ in der katho­li­schen Theo­lo­gie bes­ser zu ver­ste­hen wür­de.“

Der Ruf nach dem Staatswanwalt

Mas­si­mo Fag­gio­li, Kir­chen­hi­sto­ri­ker und „Vati­ka­nist, der die römi­schen Eis­die­le fre­quen­tiert“ (Schmitz), merk­te so ganz zufäl­lig an, daß Sarahs Rede über die apo­ka­lyp­ti­schen Tie­re „in einen Staa­ten straf­recht­lich rele­vant“ wäre. Im Gegen­satz zu Fag­gio­li hat Sarah sechs­zehn Jah­re unter der bru­ta­len, kom­mu­ni­sti­schen Dik­ta­tur des Mus­lim Ahmed Sék­ou Tou­ré erlebt, davon fünf Jah­re als Erz­bi­schof von Cona­kry. Ihn muß man nicht dar­an erin­nern, daß das Bekennt­nis zum christ­li­chen Glau­ben von Regi­men zum Ver­bre­chen erklärt und ver­folgt wer­den kann.

Als Papst Fran­zis­kus, hin­ter den Kulis­sen von ver­schie­de­nen Kir­chen­krei­se gedrängt, die Auf­for­de­rung Sarahs zurück­wies, die Prie­ster soll­ten die Hei­li­ge Mes­se wie­der Rich­tung Osten zu zele­brie­ren, explo­dier­te die Ver­ach­tung gegen den Kar­di­nal regel­recht.

„Der Papst hat Sarah eine lau­te Ohr­fei­ge ver­paßt und sein Gesicht nur ein biß­chen gewahrt“,

so Antho­ny Ruff in Pray Tell.

„Es ist aus­ge­spro­chen sel­ten für den Vati­kan, einen Kir­chen­für­sten öffent­lich zu ohr­fei­gen, den­noch ver­wun­dert es nicht ganz, so wie Kar­di­nal Sarah sich benom­men hat“,

Chri­sto­pher Lamb in The Tablet.

„Der Papst ohr­feigt Sarah“,

so Robert Mickens auf Twit­ter.

„Papst Fran­zis­kus hat ihn geohr­feigt“,

immer Mickens im Com­mon­weal.

„Eine wei­te­re Ohr­fei­ge“,

Mickens in La Croix.

Der neue Nationalismus liberaler Katholiken

Die Rhe­to­rik der Sarah-Kri­ti­ker läßt eine nicht unbe­deu­ten­de Ent­wick­lung im katho­li­schen Leben erken­nen, so Schmitz:

„In den dok­tri­nel­len, mora­li­schen und lit­ur­gi­schen Dis­pu­ten sind die libe­ra­len Katho­li­ken zu kirch­li­chen Natio­na­li­sten gewor­den.“

Bei den der Tra­di­ti­on ver­bun­de­nen Katho­li­ken sei das heu­te anders, so Schmitz:

„Sie sind nicht ent­setzt über die Art, wie die Afri­ka­ner über die Homo­se­xua­li­tät spre­chen oder die Chri­sten des Nahen Ostens über den Islam.“

Sie bevor­zu­gen die Kir­chen­spra­che Latein oder for­dern zumin­dest eine mög­lichst genaue Über­set­zung des latei­ni­schen Ori­gi­nals in die Volks­spra­chen. Die libe­ra­len Katho­li­ken hin­ge­gen behar­ren auf freie Über­set­zun­gen, die von der jewei­li­gen Bischofs­kon­fe­renz beschlos­sen wer­den soll. Die Staats­gren­zen wer­den damit zu Kir­chen­gren­zen, denn jen­seits der Gren­ze kann die dor­ti­ge Bischofs­kon­fe­renz etwas ganz ande­res ent­schie­den haben.

Der Grund für den neu­en Natio­na­lis­mus der Libe­ra­len sei „der Vor­teil“, einer dok­tri­nel­len Aus­ein­an­der­set­zung auf welt­kirch­li­cher Ebe­ne aus dem Weg gehen zu kön­nen. Man müs­se nicht ein­mal argu­men­tie­ren, denn inner­halb der Bischofs­kon­fe­renz inter­es­sier­ter Län­der, bei­spiels­wei­se der deut­schen, hät­ten die Libe­ra­len eine Mehr­heit und sind sich ohne gro­ße Dis­kus­si­on, ohne Fak­ten­prü­fung und ohne Rechen­schaft geben zu müs­sen einig. Jenen in Stutt­gart und Ber­lin sei ja ganz egal, ob die Afri­ka­ner dann wei­ter­hin an der kirch­li­chen Leh­re fest­hal­ten.

Was, wenn Kardinal Sarah zum Papst gewählt wird?

Was aber, wenn der „geohr­feig­te“ Sarah, den man­che schon im Gefäng­nis sehen wol­len, weil er sich nicht um die west­li­chen Spiel­re­geln einer poli­tisch kor­rek­ten Spra­che küm­mert, nicht von sei­nem Amt ent­fernt, son­dern zum Papst gewählt wird?

„Das ist es, was sei­ne Kri­ti­ker am mei­sten fürch­ten.“

Mehr oder weni­ger jeder libe­ra­le Kom­men­ta­tor hat die­se Mög­lich­keit bereits mit Schau­dern erwähnt. Schmitz fin­det die Vor­stel­lung von Sarah als ersten schwar­zen Papst „wun­der­bar“:

„Sarahs Eltern, zwei Kon­ver­ti­ten im ent­le­ge­nen Dorf Ourous in Gui­nea, waren noch er Über­zeu­gung, daß nur Wei­ße Prie­ster wer­den könn­ten und lach­ten, als ihr Sohn ihnen sag­te, ins Prie­ster­se­mi­nar ein­tre­ten zu wol­len.“

„Jener wich­ti­ge Beob­ach­ter vati­ka­ni­scher Ding“, der mir im Herbst 2015 gesagt hat­te, daß Sarahs Chan­cen sich im frei­en Fall befin­den, sagt heu­te, daß sei­ne Aus­sich­ten bes­ser wer­den: ‚Die Leu­te haben alle Angrif­fe gese­hen und sei­ne groß­zü­gi­ge Wei­ge­rung, im sel­ben Ton zu ant­wor­ten‘.“

Es ist tat­säch­lich bemer­kens­wert, mit wel­cher Geduld der Kar­di­nal die unzäh­li­gen, teils wüsten Angrif­fe über sich erge­hen ließ. In sei­nem neu­en Buch „Die Kraft der Stil­le“ nimmt er dazu Stel­lung. Es sei wich­tig ruhig zu blei­ben und in der Stil­le aus­zu­har­ren. Die Gna­de dür­fe nie für Haß, Groll oder ein Gefühl der Ohn­macht auf­ge­ge­ben wer­den.

Er wird sich vor den Karren keiner kirchlichen Fraktion spannen lassen

Ent­schei­dend ist jedoch, so Schmitz, daß Kar­di­nal Sarah weder bezwun­gen noch gebro­chen wur­de. In sei­nem Buch wie­der­hol­te er sei­nen Auf­ruf an die Prie­ster Rich­tung Osten zu zele­brie­ren, obwohl ihm Fran­zis­kus zuvor wider­spro­chen hat­te.  Er hat sich jenen, die nun in Rom das Sagen haben, weder ange­bie­dert noch unter­wor­fen. Er wird sich auch vor den Kar­ren kei­ner ande­ren kirch­li­chen Frak­ti­on span­nen las­sen, son­dern ein „demü­ti­ger Die­ner des Herrn“ blei­ben. Sei­ne inni­ge „Lie­be für die Schwa­chen und Lei­den­den“ kann man in sei­nen Büchern nach­le­sen, wenn er aus sei­ner Hei­mat berich­tet oder sei­nen zahl­rei­chen Begeg­nun­gen welt­weit.

Blair 2003 an George W. Bush
Tony Blair 2003 an Geor­ge W. Bush

Er emp­fin­det eine tie­fe Abnei­gung gegen Mili­tär­in­ter­ven­tio­nen, auch jene, die „im Namen der Demo­kra­tie“ erfol­gen. Er zeig­te sich „ent­setzt“ über die Aktio­nen west­li­cher Regie­run­gen im Irak, in Liby­en, Afgha­ni­stan oder Syri­en. Er spricht sogar von einem „göt­zen­die­ne­ri­schen Blut­ver­gie­ßen im Namen der Göt­tin Demo­kra­tie“ und im Namen der west­li­chen Frei­heit, „einem ande­ren Göt­zen des Westens“. Sol­che Wor­te schmei­cheln selbst­ver­wöhn­ten west­li­chen Ohren nicht.

Sarah wider­setzt sich auch einer „Reli­gi­on ohne Gren­zen und einer neu­en glo­ba­len Ethik“. Schmitz erin­nert in die­sem Zusam­men­hang dar­an, daß Tony Blair am 26. März 2003, sechs Tage nach­dem der US-ame­ri­ka­ni­schen Beschuß von Bag­dad begon­nen hat­te, Geor­ge W. Bush eine Denk­schrift zukom­men ließ, in der er schrieb: „Unser Ehr­geiz ist groß: eine glo­ba­le Agen­da zu schaf­fen, um die her­um wir die Welt ver­ei­nen kön­nen …, um unse­re Wer­te der Frei­heit, Demo­kra­tie und Tole­ranz zu ver­brei­ten“. Sarah sieht in einem sol­chen Pro­gramm etwas Ähn­li­ches wie Blas­phe­mie.

Auch zu Wirt­schafts­fra­gen hat der Kar­di­nal kla­re Vor­stel­lun­gen: „Die Kir­che wür­de einen fata­len Feh­ler machen, wenn sie sich im Ver­such ver­schlei­ßen wür­de, der moder­nen Welt eine Art von sozia­lem Ant­litz geben zu wol­len.“

Krieg, Ver­fol­gung, Aus­beu­tung, Miß­brauch sind Kräf­te, die für den Kar­di­nal aus Gui­nea Teil einer „Dik­ta­tur des Lärms“, deren end­lo­sen  Slo­gans, die Men­schen ablen­ken und die Kir­che dis­kre­di­tie­ren. Um die­ser Dik­ta­tur wider­ste­hen zu kön­nen, emp­fiehlt Kar­di­nal Sarah als siche­res Gegen­mit­tel die Stil­le, den sie ermög­li­che zu hören, was nur Hei­li­ge hören konn­ten.

Text: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Catho­lic Herald/Wikicommons/BBC (Screen­shots)

6 Kommentare

  1. Top Arti­kel, einer der besten, die Ich in den letz­ten Mona­ten gele­sen habe. Sehr tief­grün­dig recher­chiert und über­sicht­lich dar­ge­stellt. Erfüllt mich noch mehr mit Respekt für Kar­di­nal Sarah.

    • Der Beur­tei­lung von Ober­schle­si­en möch­te ich mich voll inhalt­lich anschlie­ßen“ Der Arti­kel erfüllt mich noch mehr mit Respekt für Kar­di­nal Sarah. Er ist der Hoff­nungs­trä­ger in einer Kir­che immer mehr schis­ma­tisch wird. Nicht so, als wür­de ich in ihm einen Ersatz­past oder gar den zukünf­ti­gen Papst sehen. Er ver­kör­pert für mich das Ver­läss­li­che an unse­rem Glau­ben. Wenn ich Sarah in sei­ne Augen schaue, weiß ich war­um ich geglaubt habe und wei­ter glau­be. Er bringt kei­ne Neue Dok­trin oder neue Glau­bens­in­hal­te, aber er erklärt die alten Inhal­te so, dass kein Zwei­fel an der kirch­li­chen Tra­di­ti­on auf­kom­men kann. Dabei ist gleich­gül­tig, in wel­che Ecke Fran­zis­kus ihn abschie­ben wird.
      Dan­ken wir Chri­stus für die­sen wah­ren Hir­ten.

    • Kaum vor­stell­bar, dass Kar­di­nal Sarah zum Papst gewählt wür­de, die libe­ra­len Kol­le­gen lie­ßen es sicher nicht so weit kom­men.
      Der katho­li­schen Kir­che und uns allen täte eine mora­li­sche und gei­sti­ge Grö­ße wie Robert Sarah gut.

  2. Beten wir für Kar­di­nal Sarah zum Wohl der Kir­che. Die Rei­ni­gung hat begon­nen. Die Spal­tung geht durch die Bischofs­kon­fe­ren­zen. Und da wird die Spal­tung auch durch die Staa­ten und Gesell­schaf­ten gehen, des­sen Grund­la­ge das Reich Got­tes ist. Auf der einen Sei­te der recht­schaf­fe­ne Rechts­staat, auf der andern Sei­te der dem Mam­mon die­nen­de Rechts­staat.

  3. Deo Gra­zi­as !
    … für die­sen, einen der letz­ten wah­ren Hir­ten.

    Si Deus pro nobis, quis con­tra nos?

    • Wenn ein Mann wie Car­di­nal Sarah Vor­sit­zen­der der Deut­schen Bischofs­kon­fe­renz wür­de, wäre tat­säch­lich eine Kon­so­li­die­rung
      des Katho­li­schen Glau­bens in Deutsch­land nicht aus­ge­schlos­sen.
      Doch so, wie die Kon­stel­la­ti­on ist, ist es hoff­nungs­los.

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