Zur Frage der Bischofsweihen vom 1. Juli 2026

Eine wirkliche Lösung wird ohne und gegen den Römischen Papst nicht gefunden werden können


Bei der Priesterbruderschaft St. Pius X. in Ecône
Bei der Priesterbruderschaft St. Pius X. in Ecône

Von Rober­to de Mattei*

Was ist von den von der Prie­ster­bru­der­schaft St. Pius X. für den 1. Juli in Écô­ne ange­kün­dig­ten Bischofs­wei­hen und von der dar­auf fol­gen­den Exkom­mu­ni­ka­ti­on latae sen­ten­tiae zu hal­ten, wel­che vom Hei­li­gen Stuhl bekräf­tigt wer­den wird? Und wie soll man sich ange­sichts die­ser Ereig­nis­se verhalten?

Die erste Fest­stel­lung ist, daß wir, falls dies geschieht, vor einer schmerz­li­chen Prü­fung nicht nur für die Welt der katho­li­schen Tra­di­ti­on ste­hen wür­den, zu der die Prie­ster­bru­der­schaft St. Pius X. seit ihrer Grün­dung am 1. Novem­ber 1970 durch Msgr. Mar­cel Lefeb­v­re gehört, son­dern auch für Papst Leo XIV. Der Papst hat die inne­re Ver­söh­nung der Kir­che als eines der Haupt­zie­le sei­nes Pon­ti­fi­kats bezeich­net und sähe sich kaum mehr als ein Jahr nach sei­ner Wahl mit einer neu­en Zer­rei­ßung des kirch­li­chen Gefü­ges kon­fron­tiert, ver­bun­den mit der Gefahr, Spal­tun­gen zu ver­schär­fen, die seit Jahr­zehn­ten auf eine Lösung warten.

Was den Kern der Kon­tro­ver­se betrifft, so kann man nicht umhin, auf etwas hin­zu­wei­sen, das wie ein ech­tes Para­do­xon erscheint. Unter den zahl­rei­chen Grün­den, die Msgr. Lefeb­v­re 1988 und heu­te die Prie­ster­bru­der­schaft St. Pius X. zur Recht­fer­ti­gung von Bischofs­wei­hen ohne päpst­li­ches Man­dat anfüh­ren, ist der Hin­weis auf den Not­stand der Gläu­bi­gen ange­sichts der Schwe­re der Kir­chen­kri­se zugleich das schwäch­ste und das stärk­ste Argument.

Der Not­stand ist näm­lich sei­nem Wesen nach ein Aus­nah­me­zu­stand, der es erlaubt, von der gewöhn­li­chen Anwen­dung bestimm­ter Nor­men abzu­wei­chen, um ein höhe­res Gut zu sichern, das im Fal­le der Kir­che das Heil der See­len ist. Doch wer besitzt die Auto­ri­tät, das Vor­lie­gen eines sol­chen Not­stan­des fest­zu­stel­len und sei­nen Beginn sowie sein Ende zu bestim­men? Offen­kun­dig kann die­se Beur­tei­lung nicht dem Urteil der­sel­ben Prie­ster­bru­der­schaft St. Pius X. über­las­sen wer­den. Wäre dies der Fall, müß­te man fol­gern, daß der Not­stand endet, sobald die Bru­der­schaft ihn für been­det hält. Damit wür­de ihr fak­tisch eine Urteils­ge­walt über den Hei­li­gen Stuhl ein­ge­räumt, die mit der hier­ar­chi­schen und sicht­ba­ren Ver­fas­sung der Kir­che unver­ein­bar wäre. Es ent­stün­de somit eine Situa­ti­on, in der eine ein­zel­ne Kör­per­schaft sich zum letz­ten Maß­stab für die Beur­tei­lung des Han­delns der höch­sten Auto­ri­tät aufschwingt.

Wür­de das Prin­zip des Not­stan­des als all­ge­mei­nes Hand­lungs­kri­te­ri­um aner­kannt, könn­te sich jeder Bischof, der die Kir­che von einer schwe­ren Kri­se betrof­fen sieht, berech­tigt oder sogar sitt­lich ver­pflich­tet füh­len, wei­te­re Bischö­fe ohne päpst­li­ches Man­dat zu wei­hen, um die Kon­ti­nui­tät des Glau­bens und der Sakra­men­te zu sichern. Die Fol­ge wäre eine Ver­meh­rung par­al­le­ler Juris­dik­tio­nen und von epis­co­pi vagan­tes, die über die gan­ze Welt ver­streut wären, mit unver­meid­li­chen Fol­gen der Zer­split­te­rung, Unord­nung und Ver­wir­rung gera­de für jene Gläu­bi­gen, die man schüt­zen möchte.

Die Exi­stenz einer von Msgr. Richard Wil­liam­son abstam­men­den Bischofs­li­nie – Wil­liam­son war einer der vier von Msgr. Lefeb­v­re im Jah­re 1988 geweih­ten Bischö­fe und wur­de spä­ter aus der Prie­ster­bru­der­schaft St. Pius X. aus­ge­schlos­sen – zeigt kon­kret, wie die Logik des Not­stan­des, sobald sie von einem höhe­ren Auto­ri­täts­prin­zip gelöst wird, das sie begrenzt und ord­net, wei­te­re Spal­tun­gen her­vor­ru­fen kann. Unab­hän­gig von jeder Beur­tei­lung der betei­lig­ten Per­so­nen zeigt die­ses Phä­no­men das inne­re Risi­ko von Bischofs­wei­hen, die auf sub­jek­ti­ven Ein­schät­zun­gen eines Not­stan­des beruhen.

Und den­noch erweist sich die­ses Argu­ment, das auf theo­lo­gi­scher und kano­ni­scher Ebe­ne so schwach ist, auf pasto­ra­ler Ebe­ne als das stärk­ste. Msgr. Lefeb­v­re war weder ein spe­ku­la­ti­ver Theo­lo­ge noch ein Kano­nist, son­dern ein Mis­sio­nar und See­len­hir­te. In sei­nem Brief an die Prie­ster vom 27. April 1987 schrieb er:

„Die noch katho­lisch geblie­be­nen Gläu­bi­gen befin­den sich vie­ler­orts in einer ver­zwei­fel­ten geist­li­chen Lage. Die­sen Ruf hört die Kir­che; für sol­che Situa­tio­nen gewährt sie die Juris­dik­ti­on durch das Gesetz der ergän­zen­den Zuständigkeit.“

Das ent­schei­den­de Kri­te­ri­um war für ihn nicht die Behaup­tung eines eige­nen Rechts der Bru­der­schaft, son­dern die geist­li­che Not der Gläu­bi­gen. Die Bischofs­wei­hen von 1988 soll­ten eine Ant­wort auf die­sen Hil­fe­ruf der See­len sein.

Damit ste­hen wir vor dem Para­do­xon. Die Prie­ster­bru­der­schaft St. Pius X. beruft sich auf den Not­stand und grün­det einen wesent­li­chen Teil ihrer Recht­fer­ti­gung auf den Vor­rang pasto­ra­ler Erfor­der­nis­se gegen­über streng recht­li­chen und lehr­mä­ßi­gen Erwä­gun­gen. Damit über­nimmt sie gera­de jenen Pri­mat der pasto­ra­len Pra­xis, der ein zwin­gen­des Ver­mächt­nis des Zwei­ten Vati­ka­ni­schen Kon­zils ist. Umge­kehrt beruft sich das Dik­aste­ri­um für die Glau­bens­leh­re auf das Zwei­te Vati­ka­ni­sche Kon­zil, erkennt jedoch das Gewicht des pasto­ra­len Argu­ments nicht an und ver­wen­det gegen­über der FSSPX Begrif­fe und Kon­zep­te der vor­kon­zi­lia­ren Theo­lo­gie im Namen der Ver­bind­lich­keit von Leh­re und Recht.

In die­ser ver­wor­re­nen Lage kann den Unent­schlos­se­nen nur ein ver­nünf­ti­ger Rat gege­ben wer­den: sich an den Grund­satz der Logik und des Rechts zu hal­ten, der besagt:

In dubi­is stan­dum est pro sta­tu quo, donec ratio cer­ta con­tra­ri­um per­sua­de­at
(„In zwei­fel­haf­ten Situa­tio­nen hat man am bestehen­den Zustand fest­zu­hal­ten, bis ein siche­rer Beweis das Gegen­teil erweist.“)

Die Ver­nunft legt nahe, daß jeder an dem Platz blei­ben soll­te, an dem er sich befin­det, und wei­ter­hin das tun soll­te, was er bis­her tut. Man soll­te sich nicht in frucht­lo­se Pole­mi­ken und emo­tio­na­le Ver­laut­ba­run­gen hin­ein­zie­hen las­sen, deren ein­zi­ges Ergeb­nis dar­in besteht, alte Wun­den wie­der auf­zu­rei­ßen und Essig in die Wun­den der Kir­che zu gießen.

Das Pro­blem, das sich heu­te stellt, ist weit umfas­sen­der als jenes der Bischofs­wei­hen vom 1. Juli und ihrer kano­ni­schen Fol­gen, so schwer­wie­gend die­se auch sein mögen. Eben­so erschöpft sich die Fra­ge nicht in der Debat­te über die tra­di­tio­nel­le Lit­ur­gie oder in der Aus­le­gung der Doku­men­te des Zwei­ten Vati­ka­ni­schen Kon­zils. Im Mit­tel­punkt der Kon­tro­ver­se steht viel­mehr das geschicht­li­che und theo­lo­gi­sche Urteil über das 20. Jahr­hun­dert, ein Jahr­hun­dert, das das Schick­sal der Kir­che und der moder­nen Welt tief geprägt hat.

Vor etwas mehr als hun­dert Jah­ren setz­te der Brand des Ersten Welt­krie­ges der inter­na­tio­na­len Ord­nung ein Ende, die in den christ­li­chen Jahr­hun­der­ten ent­stan­den war; zugleich ent­zün­de­te die bol­sche­wi­sti­sche Revo­lu­ti­on vom Okto­ber 1917 ein noch grö­ße­res Feu­er in der Welt. Doch im sel­ben Jahr, in dem der Bol­sche­wis­mus die Macht ergriff, erschien die Got­tes­mut­ter den drei Hir­ten­kin­dern von Fati­ma. Sie erklär­te die wah­ren Ursa­chen der Kri­se der moder­nen Welt und ver­hieß nach Stra­fen, Krie­gen und Ver­fol­gun­gen den end­gül­ti­gen Tri­umph ihres Unbe­fleck­ten Herzens.

Die Bot­schaft von Fati­ma rich­te­te sich an die gesam­te Mensch­heit, in beson­de­rer Wei­se jedoch an die Hir­ten der Kir­che, in deren Rei­hen der Moder­nis­mus bereits begon­nen hat­te, sein töd­li­ches Gift zu ver­brei­ten. Gegen die­ses Übel erweck­te die Vor­se­hung den hei­li­gen Pius X. Mit der Enzy­kli­ka Pas­cen­di Domi­ni­ci gre­gis vom 8. Sep­tem­ber 1907, zehn Jah­re vor den Erschei­nun­gen von Fati­ma, pran­ger­te der gro­ße Papst mit pro­phe­ti­scher Klar­heit den Pro­zeß der Selbst­auf­lö­sung an, der die fol­gen­den Jahr­zehn­te kenn­zeich­nen sollte.

Pas­cen­di und Fati­ma bil­den jeweils die lehr­mä­ßi­ge Dia­gno­se und die über­na­tür­li­che Ant­wort auf die Kri­se der Moder­ne. Die­se Ereig­nis­se wie­der­um gewin­nen ihren eigent­li­chen Sinn erst dann, wenn sie in eine umfas­sen­de­re Per­spek­ti­ve ein­ge­ord­net wer­den, die es ermög­licht, die mensch­li­che Geschich­te als die ver­schie­de­nen Pha­sen eines ein­zi­gen Kamp­fes zu ver­ste­hen, der die Jahr­hun­der­te durchzieht.

Hier gewinnt die Sicht des hei­li­gen Augu­sti­nus eine außer­or­dent­li­che Aktua­li­tät. In sei­nem Werk Der Got­tes­staat deu­tet der gro­ße Kir­chen­leh­rer die Geschich­te als den fort­wäh­ren­den Kampf zwi­schen jenen, die ihr Leben auf Gott aus­rich­ten, und jenen, die die gött­li­che Ord­nung zurück­wei­sen. Die augu­sti­ni­sche Tra­di­ti­on mit ihrer Fähig­keit, die geschicht­li­chen Ereig­nis­se im Licht der Vor­se­hung zu deu­ten, bie­tet den not­wen­di­gen Schlüs­sel zum Ver­ständ­nis jener Fra­gen, die wei­ter­hin die Geschicke der Kir­che bestim­men – mit ihren Glau­bens­ab­fäl­len, ihren Ver­fol­gun­gen und ihren Heldentaten.

Das letz­te Wort in die­sem dra­ma­ti­schen Hori­zont kommt jenem zu, der den gött­li­chen Auf­trag besitzt, die Kir­che zu füh­ren und den auch die Prie­ster­bru­der­schaft St. Pius X. als recht­mä­ßi­gen Stell­ver­tre­ter Chri­sti aner­kennt: dem Papst, gegen­wär­tig Leo XIV. Kei­ne wirk­li­che und end­gül­ti­ge Lösung der schwe­ren Pro­ble­me, wel­che den Mysti­schen Leib Chri­sti bedrän­gen, wird außer­halb des Römi­schen Pap­stes oder gegen ihn gefun­den wer­den können.

*Rober­to de Mat­tei, Histo­ri­ker, Vater von fünf Kin­dern, Pro­fes­sor für Neue­re Geschich­te und Geschich­te des Chri­sten­tums an der Euro­päi­schen Uni­ver­si­tät Rom, Vor­sit­zen­der der Stif­tung Lepan­to, Autor zahl­rei­cher Bücher, zuletzt in deut­scher Über­set­zung: Ver­tei­di­gung der Tra­di­ti­on: Die unüber­wind­ba­re Wahr­heit Chri­sti, mit einem Vor­wort von Mar­tin Mose­bach, Alt­öt­ting 2017, und Das Zwei­te Vati­ka­ni­sche Kon­zil. Eine bis­lang unge­schrie­be­ne Geschich­te, 2. erw. Aus­ga­be, Bobin­gen 2011.

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Über­set­zung: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Eco​ne2026​.ch

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