Personalwechsel, alte Fronten und wenig Hoffnung für die Tradition

Die Liturgie unter Leo XIV.

Vor der Apostolischen Nuntiatur in Paris protestieren traditionsverbundene Katholiken, bekannt als "Les Veilleurs" (die Wächter) seit dem 17. Juli 2021, dem Tag nach der Veröffentlichung von Traditionis custodes, für die Freiheit des überlieferten Ritus
Vor der Apostolischen Nuntiatur in Paris protestieren traditionsverbundene Katholiken, bekannt als "Les Veilleurs" (die Wächter) seit dem 17. Juli 2021, dem Tag nach der Veröffentlichung von Traditionis custodes, für die Freiheit des überlieferten Ritus

Chri­sti­an Mar­quant ana­ly­siert für Paix Lit­ur­gi­que die per­so­nel­len Ver­än­de­run­gen im vati­ka­ni­schen Dik­aste­ri­um für den Got­tes­dienst und die Sakra­men­ten­ord­nung. Sei­ne Ein­schät­zung ist ernüch­ternd: Eine Wen­de zugun­sten der über­lie­fer­ten Mes­se sei nicht in Sicht. Viel­mehr deu­te vie­les auf eine Fort­set­zung des bis­he­ri­gen Kur­ses hin.

Papst Leo XIV. berief Erz­bi­schof Vitto­rio Fran­ces­co Vio­la als Sekre­tär des Got­tes­dienst­dik­aste­ri­um ab und ernann­te ihn zum Erz­prie­ster des Peters­doms sowie zum Gene­ral­vi­kar für die Vati­kan­stadt. Für Mar­quant ist die­se Per­so­nal­ent­schei­dung ein wich­ti­ges Signal für die künf­ti­ge Lit­ur­gie­po­li­tik Roms.

Vittorio Viola: Vom Liturgiedikasterium an den Petersdom

Der 60jährige Fran­zis­ka­ner Vio­la gilt als ent­schie­de­ner Unter­stüt­zer von Tra­di­tio­nis cus­to­des, mit dem Papst Fran­zis­kus 2021 sei­ne Abnei­gung gegen die Tra­di­ti­on in repres­si­ve Maß­nah­men goß und die Zele­bra­ti­on des über­lie­fer­ten römi­schen Ritus erheb­lich ein­schränk­te. Vio­la stu­dier­te am Päpst­li­chen Lit­ur­gi­schen Insti­tut Sant’Anselmo und steht dem pro­gres­si­ven Lit­ur­gie­wis­sen­schaft­ler Andrea Gril­lo nahe. Die­ser soll über Vio­la gesagt haben: „Er ist pro­gres­si­ver als ich.“ Das erklärt, war­um Vio­la den Bug­nini-Ring trägt.

Da Vio­la nun die Ver­ant­wor­tung für den Peters­dom über­nimmt, befürch­tet Mar­quant eine wei­te­re Ein­schrän­kung der tra­di­tio­nel­len Mes­se an die­ser bedeu­tend­sten Kir­che der Chri­sten­heit. Zugleich beschreibt er den Erz­bi­schof als arbeit­sa­men, durch­set­zungs­star­ken Kir­chen­mann, der das Ver­trau­en des Pap­stes genie­ße. Vio­la ste­he für eine wür­di­ge Fei­er des Novus Ordo – nicht jedoch für eine Reha­bi­li­tie­rung des über­lie­fer­ten Ritus.

Aurelio García Macías: Kontinuität statt Kurswechsel

Neu­er Sekre­tär des Dik­aste­ri­ums wird Erz­bi­schof Aure­lio Gar­cía Mací­as, bis­lang Unter­se­kre­tär der Behör­de. Der 60jährige Spa­ni­er gilt Mar­quant als effi­zi­en­ter und loya­ler Ver­wal­tungs­fach­mann. Er war für Fra­gen des über­lie­fer­ten Ritus zustän­dig und ver­schick­te regel­mä­ßig Ableh­nun­gen von Anträ­gen auf Geneh­mi­gung der tra­di­tio­nel­len Mes­se für neu geweih­te Priester. 

Mit die­ser Geneh­mi­gungs­pflicht, die durch Tra­di­tio­nis cus­to­des ein­ge­führt wur­de, soll die Hin­nei­gung der jun­gen Prie­ster­ge­ne­ra­ti­on zum über­lie­fer­ten Ritus abge­blockt und unmög­lich gemacht wer­den. Die­se Fäl­le sind Rea­li­tät auch im deut­schen Sprach­raum. Es gibt weni­ge Obe­re, die den über­lie­fer­ten Ritus dul­den oder gar för­dern, aber vie­le, die ihn ein­schrän­ken und bekämp­fen, ob auf römi­scher oder diö­ze­saner Ebe­ne oder auch in den Klöstern.

Gar­cía Mací­as sei kein aus­ge­präg­ter Ideo­lo­ge, so Mar­quant, aber ein zuver­läs­si­ger Funk­tio­när, der nach­ein­an­der Kar­di­nal Robert Sarah, des­sen Nach­fol­ger Kar­di­nal Arthur Roche und schließ­lich Erz­bi­schof Vio­la gedient habe. Auch dem näch­sten Prä­fek­ten wer­de er loy­al zuar­bei­ten, unab­hän­gig von des­sen Ausrichtung.

In lit­ur­gi­scher Hin­sicht ste­he Gar­cía Mací­as dabei durch­aus auf der Linie Roches und Vio­las: Die Schön­heit und Wür­de des Novus Ordo soll­ten stär­ker her­vor­tre­ten. Dazu paßt sei­ne spa­ni­sche Über­set­zung des Wer­kes Lit­ur­gie und Schön­heit. Nobi­lis pulchri­tu­do von Pie­ro Mari­ni, dem lang­jäh­ri­gen päpst­li­chen Zere­mo­nien­mei­ster von Johan­nes Paul II. und Weg­ge­fähr­ten Anni­ba­le Bug­ninis, des Archi­tek­ten der nach­kon­zi­lia­ren Lit­ur­gie­re­form von 1969.

Gar­cía Mací­as ver­tritt den Grund­satz, daß die Lit­ur­gie nicht denen gehö­re, die sie fei­ern. Eigen­mäch­ti­ge Ver­än­de­run­gen und folk­lo­ri­sti­sche Ein­la­gen lehnt er dem­nach ab. So soll er auch Bestre­bun­gen mexi­ka­ni­scher Bischö­fe ent­ge­gen­ge­tre­ten sein, einen eige­nen „Maya-Ritus“ zu entwickeln.

Für Mar­quant greift die­ser Ansatz jedoch zu kurz: Eine wür­dig gefei­er­te neue Mes­se blei­be immer die neue Mes­se. Die Auf­wer­tung des Novus Ordo beant­wor­te nicht die ent­schei­den­de Fra­ge nach dem Platz der über­lie­fer­ten Lit­ur­gie in der Kirche.

Wer folgt auf Kardinal Roche?

Da Kar­di­nal Arthur Roche das 75. Lebens­jahr bereits über­schrit­ten hat, rückt sei­ne Nach­fol­ge in den Blick. Als mög­li­che Kan­di­da­ten nennt Mar­quant Erz­bi­schof Die­go Ravel­li, den päpst­li­chen Zere­mo­nien­mei­ster von Fran­zis­kus, der auch unter Leo XIV. im Amt ist, aber auch Erz­bi­schof Gui­do Mari­ni, der die­ses Amt unter Bene­dikt XVI. und noch bis 2021 unter Fran­zis­kus innehatte.

Mar­quant sieht in kei­nem der bei­den einen Hoff­nungs­trä­ger für den über­lie­fer­ten Ritus. Gui­do Mari­ni könn­te wegen sei­ner Ver­bin­dung zur Lit­ur­gie Bene­dikts XVI. zwar Erwar­tun­gen wecken, ste­he aber pri­mär eben­falls für eine wür­di­ge Fei­er des Novus Ordo, nicht aber für die über­lie­fer­te Liturgie.

Die Poin­te von Mar­quants-Kri­tik: Eine fei­er­lich zele­brier­te neue Mes­se ist noch kei­ne Nähe zur tra­di­tio­nel­len Mes­se. Wer bei­des ver­wechs­le, könn­te von einer ver­meint­lich tra­di­ti­ons­freund­li­chen Per­so­nal­ent­schei­dung schwer ent­täuscht werden.

Wer tat­säch­lich auf Kar­di­nal Roche fol­gen wird, ist offen. Auch eine Ver­län­ge­rung sei­ner Amts­zeit um eini­ge Jah­re ist denk­bar. Auch die Ernen­nung von Gar­cía Mací­as bewei­se noch nicht, wel­chen Kurs Leo XIV. künf­tig ein­schla­gen wer­de. Sie deu­tet für Mar­quant aller­dings eher auf Kon­ti­nui­tät als auf einen Neu­an­fang in Rich­tung Tra­di­ti­on hin.

Wenig Optimismus, aber Hoffnung

Die ent­schei­den­de Fra­ge ist, ob Leo XIV. die lit­ur­gi­schen Span­nun­gen über­win­den und der über­lie­fer­ten Mes­se wie­der mehr Raum geben wird oder ob er die unter Fran­zis­kus ver­schärf­ten Ein­schrän­kun­gen fortsetzt.

Die bis­he­ri­gen Per­so­nal­ent­schei­dun­gen bie­ten nach Mar­quants Ein­schät­zung wenig Anlaß zu Opti­mis­mus. Vio­la und Gar­cía Mací­as ste­hen für eine Ord­nung, in der sich alles auf den Novus Ordo kon­zen­triert und die Zele­bra­ti­on des über­lie­fer­ten Ritus mas­si­ven restrik­ti­ven Geneh­mi­gungs­ver­fah­ren unterliegt.

Ob der Papst die­sen Kurs bei­be­hal­ten wird, muß sich erst zei­gen. Mar­quants Fazit fällt den­noch ein­deu­tig aus: wenig Opti­mis­mus, aber wei­ter­hin Hoff­nung. Der Streit um die Lit­ur­gie, beson­ders um den über­lie­fer­ten Ritus ist für Mar­quant kei­nes­wegs beendet.

Text: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Ripo­ste Catholique

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*