Der Wahlsieg der AfD in Sachsen-Anhalt ist zweifellos ein politisches Ereignis von erheblicher Tragweite. Mit 43,8 Prozent wurde sie bei der Landtagswahl vom 6. September weitaus stärkste Kraft und erhielt 39 der 83 Mandate. Eine absolute Mehrheit verfehlte sie allerdings, obwohl sie an den Urnen sogar mehr als 60 Prozent der Stimmen sammeln konnte, bei den Briefwählern jedoch auffallend unterdurchschnittlich abschnitt.
Die Frage der Briefwahl ist ein offenes Thema. Inzwischen ist allerdings selbst US-Präsident Donald Trump mit seiner Forderung, diese bundesweit einzuschränken, vor dem Obersten Gerichtshof der USA gescheitert. Doch darum soll es hier gar nicht gehen.
Die eigentliche Frage lautet: Wie reagiert eine offiziöse katholische Zeitung auf dieses Wahlergebnis?
Das italienische Blatt Avvenire, immerhin die Tageszeitung der Italienischen Bischofskonferenz, veröffentlichte am heutigen 15. September einen Bericht, dessen Überschrift die politische Dramaturgie bereits vollständig vorgibt: „In Deutschland hat die AfD den Kirchen den Krieg erklärt.“ Wie bitte? Wäre man nicht seit einigen Jahren schon einiges an kirchlichen Seltsamkeiten gewohnt, würde man sich ungläubig die Augen reiben. Doch es besteht kein Zweifel: Genau so lautet die Schlagzeile.
Diese Überschrift ist nicht lediglich zugespitzt. Sie ist ein Framing. Der Leser wird bereits vor der eigentlichen Lektüre auf eine bestimmte Interpretation festgelegt: Hier stehen sich offenbar zwei geschlossene Blöcke gegenüber – auf der einen Seite die Kirchen (katholische Kirche und EKD), auf der anderen eine politische Partei, die ihnen den Krieg erklärt hat.
Aus politischer Auseinandersetzung wird so ein Freund-Feind-Schema.
Doch was bedeutet es konkret, wenn eine Partei „den Kirchen den Krieg erklärt“? Was der Avvenire hier seinen Lesern vorsetzt, die kaum über die Verhältnisse in der BRD informiert sind, ist nicht nur unfreundlich, sondern eine Form von Diskreditierung.
Die AfD ist eine politische Partei. Sie kritisiert Kirchenvertreter und kirchliche Stellungnahmen wegen deren einseitiger politischer Einflußnahme. Das kann man zurückweisen. Man kann es sogar für falsch halten.
Aber politische Kritik ist kein Krieg gegen die Kirche.
Warum aber zündelt Avvenire, indem es mit diesem bellikosen Vokabular gleichsam die Geschütze auffährt?
Genau hier beginnt das eigentliche Problem der Darstellung der Tageszeitung der Bischöfe – nicht etwa der italienischen Linksradikalen. Den Unstimmigkeiten zwischen der AfD und der katholischen Kirche in der BRD gingen keineswegs Angriffe der AfD auf die Kirche voraus. Ihnen gingen vielmehr einseitige Anfeindungen durch kirchliche Vertreter voraus.
Es geschahen Ausgrenzungen, sachlich höchst zweifelhaft und menschlich verletzend, die gläubige Christen in der AfD empören mußten. Dadurch entstand zwangsläufig der Eindruck, daß die derzeitige Führung der Ortskirche die Institution Kirche für den politischen Kampf anderer mißbraucht.
Der „Krieg“ wurde sozusagen von Kirchenvertretern eröffnet – nicht umgekehrt.
Das läßt sich zweifelsfrei feststellen.
Eine Chronologie des Verhältnisses der deutschen Ortskirche zur AfD
- Die AfD wurde 2013 gegründet. 2015 begann sie im Zuge der illegalen Masseneinwanderung, die von Regierung und Establishment unterstützt wurde, migrationskritische Positionen zu vertreten. Die Kirchen stellten sich dagegen unter Berufung auf „Solidarität“ und „Nächstenliebe“ dezidiert auf die Seite der Masseneinwanderung – und damit auf die Seite dessen, was aus Sicht ihrer Kritiker einen massenhaften Rechtsbruch darstellte.
Damit war die Frontstellung eröffnet.
- Mit der Zuspitzung der Migrationsfrage begannen Vertreter der katholischen Kirche und der EKD im Jahr 2016 vor einer „Spaltung der Gesellschaft“ durch die AfD zu warnen.
Die Botschaft war bemerkenswert: Wer den Rechtsbruch kritisierte und sich gegen eine unkontrollierte Massenmigration wandte, die zu keinem Zeitpunkt von einer Mehrheit der Bevölkerung gewünscht wurde, „spaltete“ die Gesellschaft.
Die politische Auseinandersetzung wurde im Interesse der Migrationsapologeten mit Hilfe der Kirchen moralisiert. Aus einer politischen Position wurde ein gesellschaftliches Problem. Aus dem politischen Gegner wurde ein Spalter.
Das kam einem Frontalangriff gegen die AfD gleich.
- Vor dem Hintergrund der Bundestagswahl 2017 verschärfte sich die Situation, indem die beiden Kirchen offen auf Distanz zur AfD gingen. Sie gingen sogar so weit, Christen aufzufordern, nicht AfD zu wählen.
Eine solche flächendeckende, explizite Aufforderung gegen eine bestimmte politische Partei hatte es in der deutschen Geschichte in dieser Form noch nicht gegeben. Auch hier handelte es sich um einen einseitigen Schritt der Kirchenvertreter.
Die Kirchenleitungen sprachen der AfD damit faktisch ab, ein legitimer Teil der politischen Landschaft zu sein.
Und weil es um Wahlen ging, ist die Frage nach dem Cui bono? politisch naheliegend.
Sie erklärt auch das zunehmende Empfinden in der AfD, einem Kartell gegenüberzustehen, das die demokratischen Spielregeln und die Grundlagen der staatlichen Ordnung ihr gegenüber außer Kraft setzen wolle.
- 2018 wurde die Debatte über den Umgang mit der AfD kirchlicherseits weiter zugespitzt. Mitglieder in Gremien und Mitarbeiter, die der AfD nahestanden, sie unterstützten oder öffentlich bekundet hatten, sie zu wählen, gerieten unter Druck. Es kam zu Ausschlüssen aus Gremien und Entlassungen.
Schritt für Schritt wurde eine Unvereinbarkeit installiert. Einzelne protestantische Landeskirchen gaben Leitfäden zur Distanzierung von der AfD heraus. Kirchliche Organisationen faßten Unvereinbarkeitsbeschlüsse. Katholische Organisationen veröffentlichten Stellungnahmen, in denen sie erklärten, „die Ideologie“ der AfD abzulehnen.
Einzelne Bischöfe nahmen sogar an Demonstrationen „gegen Rechtsextremismus und Rechtspopulismus“ teil, die vom Establishment und dem linken Spektrum gewollt und vom Mainstream unterstützt wurden. Sie waren zwar offiziell „nicht nur“ gegen die AfD gerichtet. Die Botschaft war dennoch eindeutig. Wiederum handelte es sich um einseitige kirchliche Akte.
- 2019 wurde die Kritik an der AfD weiter intensiviert. Der EKD-Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm und katholische Bischöfe kritisierten die AfD wegen ihrer Rhetorik und eines angeblichen Mangels an christlicher Nächstenliebe. In den sozialen Medien formierten sich kirchliche Initiativen, die sich gegen die AfD engagierten. Ein Unterschied zu den längst bekannten linken Initiativen „gegen rechts“ war kaum noch auszumachen. Und wieder war es die Kirche, die sich politisch positionierte.
Im Gegenzug fühlten sich Christen, die dem Ruck nach links nicht folgen wollten, zunehmend unerwünscht und ausgegrenzt. Sie wurden kirchlicherseits – ausgerechnet von einer Institution, die lautstark verkündete, „Alle, alle, alle“ seien willkommen – wie Paria behandelt. Hier setzte ein Entfremdungsprozeß ein, der auf kirchlicher Seite kein erkennbares Bedauern auslöste. Die „offene“ Pastoral hat doch eindeutige Grenzen. Und auch dieser Prozeß ging nicht von der AfD aus.
Im Gegenteil: Christen organisierten sich dort sogar ausdrücklich in Arbeitskreisen und verteidigten gesellschaftspolitische Positionen, die eigentlich zum ureigensten Auftrag der Kirche gehören, die diese jedoch zugunsten eines weit nach links verschobenen „gesellschaftlichen Konsenses“ längst aufgegeben hatte.
Gleichzeitig hielt der Sprachgebrauch der radikalen Linken Einzug in die kirchliche Sprache. Was links aus durchsichtigen Gründen traditionell als „rechtsextrem“ etikettiert wird, sobald es sich um eine unerwünschte politische Position handelt, wurde im Zuge der allgemeinen Linksverschiebung der bürgerlichen Parteien, allen voran der Unionsparteien, zunehmend auch zum Sprachgebrauch kirchlicher Vertreter.
Eine solche unsachgemäße und rein agitatorische Bezeichnung vergiftet das Klima.
Wiederum einseitig.
- Die Corona-Pseudopandemie führte ab 2020 zu weiteren Konfliktpunkten. Teile der AfD kritisierten die staatlichen Maßnahmen gegen Covid-19 scharf und hielten sie für unverhältnismäßig. Die Kirchen warfen ihnen dagegen mangelnde Verantwortung für die Bewahrung des Lebens vor.
Die Glaubwürdigkeitsschere tat sich immer weiter auf. Denn der Vorwurf kam von jener Seite, die inzwischen teilweise gemeinsame Sache mit dezidierten Abtreibungslobbyisten machte.
In der Corona-Auseinandersetzung wurde erstmals ein Wandel bei der AfD erkennbar. Hatte sie sich trotz jahrelanger Angriffe und Diskreditierungen bislang mit Kritik an den Kirchen zurückgehalten, traten nun erstmals AfD-nahe Gruppen offen gegen politische Positionierungen der Kirchen auf.
Sie bezeichneten diese als Teil eines „politisch-medialen Komplexes“, der repressive Maßnahmen unterstütze. Damit war eine neue Stufe der Auseinandersetzung erreicht.
- Pünktlich zur Bundestagswahl 2021 riefen die Kirchen verstärkt zur Abgrenzung von der AfD auf. Ihre Distanzierung wurde mit „Rechtsextremismus“ begründet – eine Gleichsetzung, die der intellektuellen Redlichkeit entbehrt, aber geeignet ist, unnötig böses Blut zu erzeugen.
Die AfD reagierte erstmals offen mit dem Vorwurf, die Kirchen hätten ihre geistliche Autorität in den Dienst einer einseitigen politischen Auseinandersetzung gestellt.
Die Entfremdung wurde größer. Wer dauernd geschlagen wird, setzt irgendwann einen Schlußstrich.
AfD-Politiker kritisierten die Kirchen zunehmend offen als politisch befangen und wenig dialogbereit. Sie sahen in ihnen zunehmend einen verlängerten Arm jenes Establishments, das die AfD bekämpft.
Anders ausgedrückt: In der AfD setzte sich der Eindruck fest, die Kirchen seien in ihren derzeitigen Amtsträgern Teil jenes Kartells, das es von der Macht zu verdrängen gilt. Das spielt natürlich auch Kräften innerhalb der AfD in die Hände, die aus kirchenfernen Traditionslinien kommen.
Aber kann man der AfD dafür ernsthaft einen Vorwurf machen?
Wahlergebnis in Sachsen-Anhalt: Signal an das politische Establishment
Sind es nicht vielmehr die kirchlichen Amtsträger und Organisationen, die seit Jahren einen dezidierten Kampf gegen die AfD und ihre Positionen führen? Und handelt es sich bei diesen Positionen tatsächlich um solche, die von vornherein außerhalb des demokratisch und christlich Vertretbaren lagen? Oder wurde hier eine Chance verspielt für eine Kirche, deren aktuelles Führungspersonal gar nicht mehr so sehr die katholische Identität verteidigen will, sondern lieber ein anerkannter Akteur im linksbunten, kirchenfernen Reigen ist?
Noch vor nicht allzu langer Zeit wären zahlreiche Positionen der AfD als selbstverständliche Positionen der Unionsparteien verstanden worden. Das ist der entscheidende Punkt.
Die politische Landschaft hat sich verschoben – und zwar nicht zuletzt deshalb, weil Positionen, die gestern noch zum nicht-linken Konsens gehörten, heute als „rechtspopulistisch“ oder völlig sinnwidrig als „rechtsextrem“ etikettiert werden.
Einen entscheidenden Unterschied gibt es allerdings.
Die AfD positioniert sich auch außenpolitisch eigenständiger und fordert nationale Souveränität ein. Genau dieser Punkt dürfte zu einem nicht unwesentlichen Teil erklären, weshalb sich Teile der Union und die ihr nahestehenden Großverbände in der BRD so entschieden gegen die AfD stellen.
Denn hier geht es nicht mehr nur um Migration, Klima-Religion, linke Gesellschaftspolitik oder das Verhältnis von Kirche und Staat. Es geht um die außenpolitische Grundausrichtung. Es geht um die Frage, wie souverän die Bundesrepublik Deutschland sein soll. Und damit um den Verdacht, die AfD könnte auch aus jenem transatlantischen Geflecht ausbrechen, in das die Bundesrepublik seit Kriegsende eingebunden ist.
Vor diesem Hintergrund erhält die Überschrift von Avvenire eine eigentümliche Wendung.
Obrigkeitliche Belehrung statt echter Dialog – eine gefährliche Strategie
Hat die AfD den Kirchen den Krieg erklärt? Oder haben die Kirchen nicht vielmehr jahrelang eine politische Auseinandersetzung geführt, die sie nun nicht mehr unter Kontrolle haben?
Wer den politischen Gegner über Jahre ausgrenzt, moralisch delegitimiert und seine Wähler zu unerwünschten Bürgern erklärt, sollte sich nicht wundern, wenn dieser Gegner irgendwann nicht mehr die Wange hinhält. Das ist aber kein Krieg gegen die Kirche.
Es ist die Reaktion auf einen politischen Kampf, den die Kirchen aufgrund ihrer Verflechtung mit dem politischen Establishment selbst begonnen haben.
Gerade vor diesem Hintergrund wirkt die Überschrift von Avvenire besonders fragwürdig. Denn der Artikel beschreibt nicht etwa einen „Krieg“ der AfD gegen die Kirchen, sondern im Kern einen politischen Konflikt um die Frage, welche Aufgaben Kirchen in einem demokratischen Gemeinwesen wahrnehmen sollen und wie diese finanziert werden. Das ist ein legitimer Gegenstand politischer Auseinandersetzung. Wer daraus einen „Krieg gegen die Kirchen“ macht, ersetzt politische Analyse leichtfertig (und durchsichtig) durch moralische Dramaturgie.
Kirchensteuer und Kirchenasyl
Besonders deutlich wird das bei der Kirchensteuer. Die AfD stellt die staatliche Einziehung der Kirchensteuer infrage. Darüber kann man selbstverständlich streiten. Man kann diese Forderung für falsch, unsozial oder religionspolitisch verfehlt halten. In der AfD, wie allgemein, wissen die meisten gar nicht, worauf das heutige Kirchensteuersystem zurückgeht. Es ist letztlich ein Rest der Abgeltung für den Reichsdeputationshauptschluß von 1803, mit dem alle kirchlichen Erzstifte des Reiches Salzburg, Mainz und Köln, die Fürstbistümer Passau, Eichstätt, Würzburg, Bamberg, Augsburg, Freising, Hildesheim und Paderborn sowie die zahlreichen kleineren geistlichen Reichsstände, darunter rund vierzig reichsunmittelbare Prälaturen, etwa bedeutende Reichsabteien wie Kempten, Ottobeuren, Weingarten, Salem, Quedlinburg, Essen und Werden von den weltlichen Mächten „kassiert“ wurden.
Glaubten die Bischöfe und hauptamtlichen Kirchenfunktionäre, sie könnten wirklich einer Partei beliebig auf dem Kopf herumtanzen, ohne eine Reaktion zu provozieren? In einer säkularen Demokratie gilt es geradezu als normal, daß die Frage nach staatlichen Dienstleistungen für Religionsgemeinschaften politisch diskutiert wird. Die bisher vereinzelten Vorstöße haben sich die Kirchenvertreter selbst zuzuschreiben. Es war für Beobachter nur eine Frage der Zeit, bis die Kirchensteuer in die Debatte aufgenommen würde.
Der Avvenire-Artikel verschweigt zudem einen entscheidenden Aspekt: Die Kirchensteuer ist nicht einfach eine freiwillige Spende, sondern Teil eines historisch gewachsenen öffentlich-rechtlichen Systems. Gerade deshalb darf die Frage, ob und in welcher Form der Staat dabei mitwirken soll, nicht dadurch tabuisiert werden, daß jede Kritik daran als Angriff auf das Christentum etikettiert wird.
Abgesehen davon gibt es schon seit längerem zahlreiche gläubige Katholiken, die im Kirchensteuersystem, unabhängig von seiner historischen Berechtigung, mehr ein Übel denn einen Nutzen sehen. Nicht zuletzt auch deshalb, um das Abdriften der Kirche zu einer NGO im Windschatten der gerade Mächtigen zu beenden.
Und zur Erinnerung: In Italien polemisierten die Radikalen von Marco Pannella und Emma Bonino wiederholt gegen die dortige Regelung der Kirchenabgabe. Emma Bonino tönte: „No Taliban, No Vatican“. Und Papst Franziskus nannte sie eine „ganz Große“. Was vertrat Emma Bonino für Positionen? Als erklärte Antiklerikale keine kirchlichen. Sie vertrat die Positionen jener globalistisch-linken Allianz, die den Westen zu kontrollieren versucht und es in der EU tut.
Noch problematischer ist die Vermischung von Kirchenfinanzierung und kirchlichem Asyl. Der Artikel erweckt den Eindruck, als müsse, wer die Kirchensteuer oder deren staatlichen Einzug kritisiert, zwangsläufig auch gegen humanitäre Hilfe für Flüchtlinge sein. Das ist ein klassischer argumentativer Kurzschluß. Man kann einem Menschen in Not helfen und gleichzeitig darüber diskutieren, ob eine kirchliche Institution politische Aufgaben übernimmt, die eigentlich dem demokratisch legitimierten Staat obliegen.
Genau hier liegt das eigentliche Problem.
Das sogenannte Kirchenasyl existierte im Mittelalter, schützte aber keineswegs vor Straffreiheit. In den modernen Territorialstaaten wurden es durch das staatliche Gewaltmonopol ersetzt, nachem es in der Neuzeit bereits weitgehend seine Bedeutung verloren hatte. In Preußen erfolgte die Abschaffung offiziell 1794. Mit der bereits erwähnten Säkularisierung der geistilichen Fürstentümer wurde ihr letzter entscheidender Faktor beseitigt. Die heutige Behauptung eines Kirchenasyls ist rechtlich in keiner Weise gedeckt.
Ein Bericht, der sein Urteil schon mitbringt
Der Avvenire stellt diese Fragen nicht. Stattdessen übernimmt der Artikel weitgehend die Perspektive der kirchlichen Akteure, die politisch einseitig agieren. Die AfD erscheint als bedrohende Kraft, die Kirche als bedrohtes Opfer. Die politischen Motive der AfD werden nicht erklärt. Das ist kein ausgewogener Journalismus, sondern eine politische Stellungnahme im Gewand eines Nachrichtenberichts. Erschwerend ist, daß das Publikum selbst kaum Kenntnisse über die in der BRD aufgeworfenen Fragen hat. Die Leserschaft wird einseitig geführt.
Besonders bezeichnend ist die Wortwahl. Von der „Ultrarechten“ und der „ultranationalistischen“ Rechten ist die Rede. Allen soll klar werden, wer der „Böse“ ist. Die kirchlichen Gesprächspartner werden dagegen als besorgte Verteidiger humanitärer Werte präsentiert. Damit steht das moralische Urteil bereits fest, bevor der Leser überhaupt Gelegenheit bekommt, sich mit den politischen Argumenten auseinanderzusetzen.
Das ist umso erstaunlicher, als gerade eine katholische Zeitung einen anderen Maßstab anlegen sollte. Die Kirche versteht sich nicht als parteipolitische Organisation. Sie sollte auch nicht das Angängsel der Regierung sein und schon gar nicht ein Sekundant linksradikaler Positionen.
Sie ist ihrem eigenen Anspruch nach universal und soll Menschen mit unterschiedlichen politischen Überzeugungen offenstehen. Ihre Identität definiert sich nicht aus parteipolitischen Positionen, sondern aus dem Wahrheitsanspruch, die auf die Politik umgelegt werden sollen. Wenn jedoch ein erheblicher Teil der kirchlichen Hierarchie über Jahre hinweg den Eindruck vermittelt, bestimmte politische Positionen seien absurderweise mit einem christlichen Leben grundsätzlich unvereinbar, dann darf sie sich nicht wundern, wenn sich Christen politisch von ihr entfremden.
Christliche Werte lassen sich nicht ohne weiteres auf das politische Programm einer bestimmten Richtung reduzieren – und schon gar nicht auf das Konglomerat linker Parteien, deren politische Zielsetzungen mit der kirchlichen Soziallehre und dem christlichen Naturrecht bestenfalls minimalistische Übereinstimmungen aufweisen.
Kirche selbst ein Teil des Problems der gesellschaftlichen Spaltung
Gerade die undifferenzierten Gleichsetzungen migrations‑, corona‑, klimareligions- und kriegskritischer Positionen als „gefährlich“ und „rechtsextrem“ haben dem Ansehen der Kirchen erheblich geschadet.
Denn wenn ein Bürger, der sich für den Schutz der nationalen Grenzen, eine restriktivere Migrationspolitik, traditionelle Familienvorstellungen, Meinungsfreiheit oder eine souveräne Außenpolitik ausspricht, von kirchlichen Amtsträgern immer wieder in die Nähe von „Rechtsextremismus“ gerückt wird, dann entsteht zwangsläufig der Eindruck, daß die Kirche ihre moralische Autorität für einen politischen Lagerkampf einsetzt.
Und genau diesen Eindruck hätte die Kirche vermeiden müssen. Erschreckend an der Sache ist vielmehr, daß sie dies nicht vermieden hat.
Eine Kirche, die tatsächlich „alle“ Menschen erreichen will, kann nicht gleichzeitig einen erheblichen Teil des politischen Spektrums, zudem jenen, der ihr eigentlich in zentralen Punkten ihrer eigenen traditionellen Identität am nächsten steht, moralisch ausgrenzen. Sie muß mit Menschen sprechen, deren Auffassungen ihre aktuellen Amtsträger für falsch halten. Sie kann nicht Dialog predigen, ihn dann aber verweigern.
Das gilt umso mehr nach dem Wahlergebnis in Sachsen-Anhalt.
43,8 Prozent sind keine „Randerscheinung“
60 Prozent der Stimmen an den Urnen und 43,8 Prozent insgesamt lassen sich nicht einfach als Ausdruck einer plötzlich aufgetretenen „rechtsextremen Bedrohung“ diskreditieren. Ein derart hoher Stimmenanteil ist vielmehr ein unübersehbares Signal an das gesamte politische und gesellschaftliche Establishment. Millionen Menschen wählen in der BRD nicht deshalb eine Partei, weil sie von ihr „verführt“ worden sind. Sie tun dies, weil sie mit den etablierten Parteien, den Medien, Verbänden und eben auch den Kirchen unzufrieden sind.
Wer diese Wähler ausschließlich moralisch belehrt, wird den Kontakt zu ihnen verlieren.
Und hier liegt möglicherweise die größte politische Fehleinschätzung der kirchlichen Hierarchie. Die AfD wird nicht dadurch kleiner werden, daß Bischöfe im Interesse anderer Parteien vor ihr warnen, Kirchenverbände Unvereinbarkeitserklärungen verabschieden oder katholische Zeitungen agitatorische Schlagzeiten formulieren. Im Gegenteil: Für einen Teil ihrer Wähler bestätigt diese Haltung gerade das Bild einer politischen und gesellschaftlichen Elite, die sich gegenüber den Sorgen und Einwänden eines erheblichen Teils des Volkes immunisiert hat.
Ah ja, das Volk, im Grundgesetz und am Reichstag in Berlin zwar noch verewigt, wurde von eben diesem Establishment zugunsten einer diffusen, beliebigen Bevölkerung aufgegeben. Auch das ist einer jener Gegensätze, die nicht von der AfD geschaffen wurden, aber die jüngsten Wahlergebnisse erklären.
Die Kirche läuft dabei Gefahr, selbst Teil des Problems zu werden, das sie beklagt.
Wer ständig, apodiktisch und intellektuell wenig redlich vor einer „Spaltung der Gesellschaft“ warnt, sollte sich fragen, ob nicht die eigene Sprache diese Spaltung vertieft oder gar erst schafft. Wer Dialog fordert, sollte sorgfältig zwischen tatsächlichem Extremismus und legitimer politischer Opposition unterscheiden. Genau das aber wird seit Jahren nicht mehr gemacht. Warum das die radikale Linke nicht tut, bedarf keiner Erklärung. Warum das die Unionsparteien und die Kirchen nicht mehr tun, ist dafür umso erklärungsbedürftiger.
Das gilt selbstverständlich auch für die AfD. Auch sie muß sich gefallen lassen, daß konkrete Äußerungen ihrer Funktionäre, politische Programme und eventuelle Verbindungen zu extremistischen Milieus kritisch untersucht werden.
Deshalb wäre eine andere Haltung der Kirchen gegenüber der AfD nicht nur politisch klüger, sondern auch im eigenen Interesse.
Konfliktlösung beginnt bei den kirchlichen Entscheidungsträgern selbst
Statt die AfD pauschal zu dämonisieren, sollten die Kirchen ihre eigenen christlichen Positionen formulieren und sie argumentativ vertreten. Dann wird sich zeigen, zu welchen Parteien es zu welchen Themen Übereinstimmungen gibt.
Das wäre Demokratie. Und es wäre sogar christlicher.
Denn die entscheidende Frage lautet am Ende nicht, ob die AfD „den Kirchen den Krieg erklärt“ hat. Die entscheidende Frage lautet, warum eine Partei, die inzwischen einen so erheblichen Teil der Bevölkerung erreicht, überhaupt zu dem Eindruck gelangt ist, die Kirchen stünden auf der anderen Seite einer politischen Front.
Wer diesen Eindruck beseitigen will, muß nicht zuerst die AfD ändern. Er sollte bei sich selbst anfangen.
Eine Kirche, die sich politisch auf ein bestimmtes Lager festlegt, verliert zwangsläufig Gläubige auf der anderen Seite. Eine Kirche dagegen, die ihre Türen offenhält, auch mit politischen Gegnern spricht und zwischen christlicher Lehre und parteipolitischer Tagespolitik unterscheidet, könnte wieder das werden, was sie ihrem eigenen Anspruch nach sein sollte: ein Ort der Begegnung – und nicht ein Akteur im politischen Kulturkampf, der auf den falschen Barrikaden steht.
Der Avvenire-Artikel zeigt leider das Gegenteil. Er analysiert den Konflikt nicht, sondern reproduziert ihn. Er fragt nicht, warum die AfD bei einem erheblichen Teil der Bevölkerung erfolgreich ist, sondern behandelt ihre Stärke als Bedrohung. Er hinterfragt nicht die politische Rolle der Kirchen, sondern übernimmt weitgehend deren Selbstbeschreibung. Und er macht aus einer Auseinandersetzung über Kirchensteuer, Kirchenasyl und das Verhältnis von Staat und Religionsgemeinschaften einen Kampf zwischen Gut und Böse.
Damit hilft er weder der Kirche noch der Demokratie.
Denn wenn die Kirche wirklich verhindern will, daß sich die Gesellschaft weiter polarisiert, muß sie aufhören, politische Gegner zu Feinden zu erklären.
Text: Giuseppe Nardi
Bild: Katholisches.info
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