Christian Marquant analysiert für Paix Liturgique die personellen Veränderungen im vatikanischen Dikasterium für den Gottesdienst und die Sakramentenordnung. Seine Einschätzung ist ernüchternd: Eine Wende zugunsten der überlieferten Messe sei nicht in Sicht. Vielmehr deute vieles auf eine Fortsetzung des bisherigen Kurses hin.
Papst Leo XIV. berief Erzbischof Vittorio Francesco Viola als Sekretär des Gottesdienstdikasterium ab und ernannte ihn zum Erzpriester des Petersdoms sowie zum Generalvikar für die Vatikanstadt. Für Marquant ist diese Personalentscheidung ein wichtiges Signal für die künftige Liturgiepolitik Roms.
Vittorio Viola: Vom Liturgiedikasterium an den Petersdom
Der 60jährige Franziskaner Viola gilt als entschiedener Unterstützer von Traditionis custodes, mit dem Papst Franziskus 2021 seine Abneigung gegen die Tradition in repressive Maßnahmen goß und die Zelebration des überlieferten römischen Ritus erheblich einschränkte. Viola studierte am Päpstlichen Liturgischen Institut Sant’Anselmo und steht dem progressiven Liturgiewissenschaftler Andrea Grillo nahe. Dieser soll über Viola gesagt haben: „Er ist progressiver als ich.“ Das erklärt, warum Viola den Bugnini-Ring trägt.
Da Viola nun die Verantwortung für den Petersdom übernimmt, befürchtet Marquant eine weitere Einschränkung der traditionellen Messe an dieser bedeutendsten Kirche der Christenheit. Zugleich beschreibt er den Erzbischof als arbeitsamen, durchsetzungsstarken Kirchenmann, der das Vertrauen des Papstes genieße. Viola stehe für eine würdige Feier des Novus Ordo – nicht jedoch für eine Rehabilitierung des überlieferten Ritus.
Aurelio García Macías: Kontinuität statt Kurswechsel
Neuer Sekretär des Dikasteriums wird Erzbischof Aurelio García Macías, bislang Untersekretär der Behörde. Der 60jährige Spanier gilt Marquant als effizienter und loyaler Verwaltungsfachmann. Er war für Fragen des überlieferten Ritus zuständig und verschickte regelmäßig Ablehnungen von Anträgen auf Genehmigung der traditionellen Messe für neu geweihte Priester.
Mit dieser Genehmigungspflicht, die durch Traditionis custodes eingeführt wurde, soll die Hinneigung der jungen Priestergeneration zum überlieferten Ritus abgeblockt und unmöglich gemacht werden. Diese Fälle sind Realität auch im deutschen Sprachraum. Es gibt wenige Obere, die den überlieferten Ritus dulden oder gar fördern, aber viele, die ihn einschränken und bekämpfen, ob auf römischer oder diözesaner Ebene oder auch in den Klöstern.
García Macías sei kein ausgeprägter Ideologe, so Marquant, aber ein zuverlässiger Funktionär, der nacheinander Kardinal Robert Sarah, dessen Nachfolger Kardinal Arthur Roche und schließlich Erzbischof Viola gedient habe. Auch dem nächsten Präfekten werde er loyal zuarbeiten, unabhängig von dessen Ausrichtung.
In liturgischer Hinsicht stehe García Macías dabei durchaus auf der Linie Roches und Violas: Die Schönheit und Würde des Novus Ordo sollten stärker hervortreten. Dazu paßt seine spanische Übersetzung des Werkes Liturgie und Schönheit. Nobilis pulchritudo von Piero Marini, dem langjährigen päpstlichen Zeremonienmeister von Johannes Paul II. und Weggefährten Annibale Bugninis, des Architekten der nachkonziliaren Liturgiereform von 1969.
García Macías vertritt den Grundsatz, daß die Liturgie nicht denen gehöre, die sie feiern. Eigenmächtige Veränderungen und folkloristische Einlagen lehnt er demnach ab. So soll er auch Bestrebungen mexikanischer Bischöfe entgegengetreten sein, einen eigenen „Maya-Ritus“ zu entwickeln.
Für Marquant greift dieser Ansatz jedoch zu kurz: Eine würdig gefeierte neue Messe bleibe immer die neue Messe. Die Aufwertung des Novus Ordo beantworte nicht die entscheidende Frage nach dem Platz der überlieferten Liturgie in der Kirche.
Wer folgt auf Kardinal Roche?
Da Kardinal Arthur Roche das 75. Lebensjahr bereits überschritten hat, rückt seine Nachfolge in den Blick. Als mögliche Kandidaten nennt Marquant Erzbischof Diego Ravelli, den päpstlichen Zeremonienmeister von Franziskus, der auch unter Leo XIV. im Amt ist, aber auch Erzbischof Guido Marini, der dieses Amt unter Benedikt XVI. und noch bis 2021 unter Franziskus innehatte.
Marquant sieht in keinem der beiden einen Hoffnungsträger für den überlieferten Ritus. Guido Marini könnte wegen seiner Verbindung zur Liturgie Benedikts XVI. zwar Erwartungen wecken, stehe aber primär ebenfalls für eine würdige Feier des Novus Ordo, nicht aber für die überlieferte Liturgie.
Die Pointe von Marquants-Kritik: Eine feierlich zelebrierte neue Messe ist noch keine Nähe zur traditionellen Messe. Wer beides verwechsle, könnte von einer vermeintlich traditionsfreundlichen Personalentscheidung schwer enttäuscht werden.
Wer tatsächlich auf Kardinal Roche folgen wird, ist offen. Auch eine Verlängerung seiner Amtszeit um einige Jahre ist denkbar. Auch die Ernennung von García Macías beweise noch nicht, welchen Kurs Leo XIV. künftig einschlagen werde. Sie deutet für Marquant allerdings eher auf Kontinuität als auf einen Neuanfang in Richtung Tradition hin.
Wenig Optimismus, aber Hoffnung
Die entscheidende Frage ist, ob Leo XIV. die liturgischen Spannungen überwinden und der überlieferten Messe wieder mehr Raum geben wird oder ob er die unter Franziskus verschärften Einschränkungen fortsetzt.
Die bisherigen Personalentscheidungen bieten nach Marquants Einschätzung wenig Anlaß zu Optimismus. Viola und García Macías stehen für eine Ordnung, in der sich alles auf den Novus Ordo konzentriert und die Zelebration des überlieferten Ritus massiven restriktiven Genehmigungsverfahren unterliegt.
Ob der Papst diesen Kurs beibehalten wird, muß sich erst zeigen. Marquants Fazit fällt dennoch eindeutig aus: wenig Optimismus, aber weiterhin Hoffnung. Der Streit um die Liturgie, besonders um den überlieferten Ritus ist für Marquant keineswegs beendet.
Text: Giuseppe Nardi
Bild: Riposte Catholique
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