Von Roberto de Mattei*
Am selben Oktobertag, dem Fest Unserer Lieben Frau vom Rosenkranz, fanden in Rom, nur wenige hundert Meter voneinander entfernt, zwei bedeutende Veranstaltungen ihren Auftakt. Die erste war das von Leo XIV. für den Zeitraum vom 7. bis zum 14. Oktober einberufene Treffen. Daran nahmen rund 250 Bischöfe teil, darunter die Vorsitzenden der Bischofskonferenzen und die Verantwortlichen der katholischen Ostkirchen, außerdem Familien und Fachleute. Gegenstand der Beratungen war das nachsynodale Apostolische Schreiben Amoris laetitia von Papst Franziskus.
Die zweite Veranstaltung war der internationale Kongreß „De Maria numquam satis. Die allerseligste Jungfrau Maria in Dogma und Kult“, der am 7. und 8. Oktober in der Aula Magna des Patristischen Instituts Augustinianum in unmittelbarer Nähe des Petersdoms stattfand. Zu diesem Kongreß kamen namhafte Referenten und mehrere Hundert Zuhörer aus aller Welt zusammen.
Das im April 2016 veröffentlichte Apostolische Schreiben Amoris laetitia, das auf die beiden Familiensynoden von 2014 und 2015 folgte, hat bekanntlich heftige Bedenken und Kontroversen ausgelöst. Dazu zählen die im September 2026 von vier Kardinälen bei der Kongregation für die Glaubenslehre eingereichten Dubia (Zweifel) sowie die am 11. August 2017 an den Papst gerichtete Correctio filialis, die anschließend von mehr als zweihundert Persönlichkeiten aus der katholischen Welt unterzeichnet wurde. Aus diesem Grund wollte Leo XIV. zehn Jahre nach der Veröffentlichung des Dokuments eine Bestandsaufnahme seiner Umsetzung innerhalb der katholischen Kirche vornehmen.
Was sich im Laufe dieser Jahre als spaltend erwiesen hat, war nicht allein das Apostolische Schreiben Amoris laetitia, das in einigen Passagen in offenem Widerspruch zum vorausgehenden moralischen Lehramt der Kirche zu stehen schien, sondern ganz allgemein auch die verworrene Methode der Synodalität, die bislang als leitendes Prinzip angewandt wurde.
Wenn sich der Austausch darauf beschränkt, örtliche Erfahrungen zusammenzutragen, ohne gemeinsame lehrmäßige Maßstäbe zu klären, läuft der synodale Prozeß Gefahr, eine ungelöste Meinungsverschiedenheit in eine Vielfalt unterschiedlicher Praktiken zu verwandeln. Dadurch verfestigt sich der Eindruck, die Sakramentendisziplin hänge vom jeweiligen Ort oder von der persönlichen Ausrichtung des einzelnen Oberhirten oder Seelsorgers ab.
Ist das Verhältnis zwischen der Wahrheit der Glaubenslehre und dem pastoralen Konsens nicht eindeutig geklärt, wird die Methode der Synodalität somit zwangsläufig zum Instrument der Spaltung. Der Konsens einer Versammlung kann zwar helfen, pastorale Bedürfnisse zu erkennen, darf aber niemals zum Maßstab der lehrmäßigen Wahrheit werden.
Wenn eine Versammlung wie die derzeit stattfindende zudem lediglich beratenden Charakter hat, ihre Schlußfolgerungen jedoch als Ausdruck dessen dargestellt werden, was der Heilige Geist von der Kirche verlangt, besteht die Gefahr, Vorschlägen, die letztlich menschliche und daher notwendigerweise diskutierbare Urteile bleiben, eine geistliche Autorität zuzuschreiben, die ihnen gar nicht zukommt.
Eine Synodalität ohne klaren Bezug zur Wahrheit droht folglich, Spannungen und Polarisierungen innerhalb der Kirche zu verschärfen und ihre Einheit zu zerreißen.
Das erste Kennzeichen der Kirche ist die Einheit, und zwar vor allem die Einheit in der Wahrheit (Joh 17,21). Die Kirche ist eins, weil sie einzigartig ist, nach dem Bild Christi, der derselbe ist gestern, heute und in Ewigkeit. Als vollkommener Widerschein der Person ihres göttlichen Sohnes und nach dem Vorbild der Kirche, deren Mutter sie ist, weist auch die selige Jungfrau Maria die Einheit als ihr erstes Wesensmerkmal auf.
Man könnte sagen, die Gottesmutter sei die Schatzkammer der Einheit der Kirche. Der Einheit der Kirche stehen Häresien, Schismen, Irrtümer sowie lehrmäßige, liturgische und disziplinäre Spaltungen entgegen. Maria ist jene, die Irrtümer und Häresien besiegt, die Gläubigen zur Einheit des Glaubens und der Liebe zurückführt, jede Spaltung befriedet und jede Wunde heilt.
Während der beiden Veranstaltungstage bot der Kongreß im Augustinianum ein Bild jener glücklichen Eintracht, die sich in der Kirche zeigt, wenn sich die Gläubigen in ihrer Liebe zur Jungfrau Maria vereinen. Denn sie ist, wie der heilige Augustinus lehrt, die Mutter der Glieder Christi, weil sie durch ihre Liebe dazu beigetragen hat, daß die Gläubigen in der Kirche geboren werden (De sancta virginitate, 6, 6; PL 40, 399).
Die beiden Kardinäle, die den Kongreß eröffneten beziehungsweise abschlossen – Raymond Leo Burke und Gerhard Ludwig Müller –, stellten die Mitwirkung Marias an der Erlösung (Miterlösung) und ihre universale Mittlerschaft als Glaubenswahrheiten dar, die in der göttlichen Offenbarung enthalten seien. Mit ihren Worten begeisterten sie die Anwesenden.
Um diese Wahrheiten und zahlreiche weitere, die von den Referenten verkündet wurden, versammelte sich die einmütige Zustimmung der Teilnehmer. Dazu gehörten die göttliche Mutterschaft Marias, ihre Unbefleckte Empfängnis, ihre immerwährende Jungfräulichkeit, ihre glorreiche Aufnahme in den Himmel, ihre Königswürde im Himmel und auf Erden, ihr siegreicher Kampf gegen die Häresien sowie ihre unfehlbare Hilfe für die Christen.
Wenn die Synodalität spaltet, dann vereint die selige Jungfrau Maria. Die Verkündigung ihrer Größe ist der Königsweg, um die Einheit innerhalb der Kirche und um die Kirche herum wiederherzustellen. Unter ihrem Mantel lernen die Gläubigen, einander als Kinder derselben Mutter und als Glieder desselben Leibes zu erkennen: vereint in der Wahrheit, in der Gnade und in der Liebe ihres Sohnes.
In seiner Enzyklika Adiutricem populi vom 5. September 1895, die dem Rosenkranz und der Einheit der Kirche gewidmet ist, schreibt Papst Leo XIII.: „Ihr gebührt das Verdienst, daß die Verkehrtheit der Irrtümer besiegt wurde. Heerführer und Päpste von Rom, Hüter und Verteidiger des Glaubens, die einen bei der Führung heiliger Kriege, die anderen durch die Verkündung feierlicher Dekrete, riefen den Namen der göttlichen Mutter an und erfuhren stets, wie mächtig und gnädig ihre Hilfe ist.“
Weiter heißt es: „Man muß auf Maria vertrauen, man muß Maria inständig anflehen! Wie viel kann sie durch ihr Eingreifen dazu beitragen, daß ein einziges Glaubensbekenntnis die Herzen und den Verstand der christlichen Völker vereint und ein einziges Band vollkommener Eintracht ihre Willen miteinander verbindet, sodaß der so sehnlich erwartete und ersehnte Triumph der Religion Wirklichkeit wird!
Und was wird sie nicht alles tun wollen, damit alle Völker vereint wandeln ‚im wunderbaren Licht Gottes‘, wenn doch ihr eingeborener Sohn den Vater inständig um ihre größtmögliche Einheit bat und sie selbst, indem er einen unermesslichen Preis dafür entrichtete, dazu berief, durch die Taufe an demselben ‚Erbe des Heils‘ teilzuhaben?
Und wie viel Güte und Weisheit wird sie nicht selbst aufwenden wollen, um die lang anhaltenden Mühen der Kirche, der Braut Christi, zu lindern, damit in der christlichen Familie jene Gabe der Einheit erlangt werde, die die kostbarste Frucht ihrer Mutterschaft ist?“
Dies ist der Weg, zu dessen Beschreitung der Kongreß im Augustinianum eingeladen hat. Dank der Hilfe der Auxilium Christianorum – der Helferin der Christen – ging er mit einem Erfolg zu Ende, der alle Erwartungen übertraf.
*Roberto de Mattei, Historiker, Vater von fünf Kindern, Professor für Neuere Geschichte und Geschichte des Christentums an der Europäischen Universität Rom, Vorsitzender der Stiftung Lepanto, Autor zahlreicher Bücher, zuletzt in deutscher Übersetzung: Verteidigung der Tradition: Die unüberwindbare Wahrheit Christi, mit einem Vorwort von Martin Mosebach, Altötting 2017, und Das Zweite Vatikanische Konzil. Eine bislang ungeschriebene Geschichte, 2. erw. Ausgabe, Bobingen 2011.
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Übersetzung: Giuseppe Nardi
Bild: Corrispondenza Romana
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