Von Wolfram Schrems*
Vor etwa zwölf Jahren äußerte ich mein (und höchstwahrscheinlich vieler anderer) Unbehagen über damals aktuelle Selig- und Heiligsprechungen (hier die Teile der Serie: Teil 1, Teil 2, Teil 3/1, Teil 3/2).
Die zentralen Punkte der Serie waren die Kritik an der Heiligsprechung des Konzilspapstes Johannes XXIII. (der die Fatima-Botschaft bekämpfte und mit dem Zweiten Vaticanum Verwirrung und Glaubensabfall verursachte), die Ablehnung der damals noch bevorstehenden Seligsprechung des Konzilspapstes Paul VI. (der dem gläubigen Volk eine künstlich gemachte Liturgie oktroyierte, die Alte Messe de facto verbot und für einen in der Kirchengeschichte nie dagewesenen Glaubensabfall mitverantwortlich war), und das Unverständnis darüber, daß Sr. Lucia von Fatima und einige andere – der modernen bzw. modernistischen Kirchenhierarchie offenbar inopportune – Kandidaten nicht seliggesprochen werden.
Mit anderen Worten: Die offenkundige Politisierung der Selig- und Heiligsprechungen zulasten des Glaubens und daher gegen das Empfinden der Gläubigen erregten Unverständnis. –
Mittlerweile ist mehr als ein Jahrzehnt ins Land gezogen. In diesen Jahren ereigneten sich bis dahin kaum vorstellbare Katastrophen in Kirche und Welt.
Was Dogma und Moral betrifft, steht kein Stein mehr auf dem anderen. Die kirchliche Obrigkeit, die nicht den Eindruck väterlicher und pastoraler Fürsorge erweckte, sondern eher die Gesinnung von Usurpatoren, stellte alle Glaubenswahrheiten zur Disposition. Sie will aber vermutlich ernstgenommen werden, was die Selig- und Heiligsprechungen betrifft. Sonst würde sie sie ja nicht vornehmen. –
Daher sei hier noch eine Reihe von drei kurzen Artikeln veröffentlicht, die diese Fragen neu aufgreift. Denn klarerweise machen sich immer mehr Katholiken Gedanken über diese Vorgänge, auch akademische Theologen:
Peter A. Kwasniewski, Sind Heiligsprechungen unfehlbar?
Professor Kwasniewski, dessen jüngstes Werk in deutscher Übersetzung Semper Sanctus – Warum die Alte Messe immer heilig ist vor kurzem hier vorgestellt wurde, schlug mir die Konsultation des von ihm im Jahr 2021 herausgegebenen Sammelbandes Are Canonizations Infallible? (Sind Heiligsprechungen unfehlbar?) vor.
Es ist eine augenöffnende Lektüre.
Die Beiträge stammen von Phillip Campbell, P. Thomas Crean OP, Prof. Roberto de Mattei, William Matthew Diem, Christopher Ferrara, Msgr. Brunero Gherardini (†), Hw. John Hunwicke (†), Peter Kwasniewski, John R.T. Lamont, Joseph Shaw, P. Jean-François Thomas SJ und José Antonio Ureta.
Leider liegt der Band nicht auf Deutsch vor.1
Daher hier im ersten Teil der Serie eine kurze Auswertung für den deutschsprachigen Leser. Der zweite Teil wird sich mit den Ausführungen von Dr. Kwasniewski zur absurden Heiligsprechung von Paul VI. befassen. Der dritte Teil schließt die Serie mit Erkenntnissen des bedeutenden Theologen Brunero Gherardini, dessen Werk Das Zweite Vatikanische Konzil – ein ausstehender Diskurs hier bereits vorgestellt wurde, und einigen praktischen Überlegungen zu den rezenteren Heilig- und Seligsprechungen ab.
Wichtige Informationen zur Geschichte der Heiligsprechungen
Die Grundaussagen des Sammelbandes sind:
Formale und offizielle Heiligsprechungen wurden schrittweise und spät durchgeführt, zuerst unter Kontrolle der Bischöfe, dann manchmal mit Zustimmung und Genehmigung des römischen Pontifex. Das begann im sechsten Jahrhundert und auf eine feierlichere Weise im Jahr 993 mit der Proklamation der Heiligkeit von Ulrich von Augsburg durch Papst Johannes XV.
Der Ausdruck „Heiligsprechung“ (canonisatio) wird erst am Beginn des elften Jahrhunderts verwendet.
Papst Alexander III. rief den König von Schweden zur Ordnung, indem er ihm mitteilte, daß nur der Papst einen cultus eines potentiellen Heiligen autorisieren könne. Das päpstliche Privileg wurde durch das Vierte Laterankonzil im Jahr 1215 unter Papst Innozenz III. ratifiziert. Dennoch gab es viele Ausnahmen bis ins 17. Jahrhundert, als die Reformen von Trient nach und nach implementiert wurden. Die Regeln wurden erst unter Benedikt XIV. (1740–1758) definitiv fixiert.
Die Heiligen wurden also zunächst von kleinen Gemeinschaften, dann von Ortskirchen und schließlich von der Gesamtkirche anerkannt.
Es gab auch schon Heiligsprechungen ohne formales Verfahren („äquipollente Heilige“), weil eben ein ununterbrochener cultus des Betreffenden existierte (Bruno der Kartäuser, Cyrill und Method, Albertus Magnus, Hildegard von Bingen). Franziskus machte ebenfalls Gebrauch davon (Angela von Foligno, Peter Faber). –
Der Hauptzweck der Heiligsprechung von Märtyrern und Bekennern war immer, den Gläubigen Vorbilder vor Augen zu führen.2
Theologische Meinungen – keine unfehlbare kirchliche Lehrentscheidung
Thomas von Aquin erkennt den Heiligsprechungen eine sehr hohe Verbindlichkeit zu (Questiones quodlibetales, q. 9).
Es war aber nie offizielle kirchliche Lehre, daß Selig- und Heiligsprechungen im strengen Sinn „unfehlbar“ sind. Die Meinung des gelehrten Kardinals Prosper Lambertini, Fehler und Irrtümer bei den Heiligsprechungen seien ausgeschlossen, stammt aus der Zeit, als er noch nicht (als Benedikt XIV.) Papst war.
Zudem ist zu berücksichtigen, daß die „Unfehlbarkeit“ durch die Definition des I. Vaticanums sehr eng umgrenzt ist. Sie bezieht sich auf Fragen des Glaubens und der Moral, nicht auf Fakten, die streng genommen nicht zum Glaubensgut gehören, wie daß Person XY im Himmel ist.
Gemäß den Autoren des Sammelbandes war es Mehrheitsmeinung der Theologen, daß Heiligsprechungen unfehlbar sind (nicht jedoch Seligsprechungen). Allerdings mehrten sich im Lauf der Zeit die „errantistischen“ Stimmen (also die Fehler und Irrtümer bei den Heiligsprechungen für möglich halten).
Schließlich ist durch die Reform des Heiligsprechungsprozesses zuerst im Jahr 1969, danach 1983, dessen Qualität sehr stark gesunken (Reduktion der Wartefrist nach dem Tod des Heiligsprechungskandidaten, Reduktion der verlangten Wunder auf die Fürsprache des Kandidaten von je zwei pro Seligsprechungs- und Heiligsprechungsverfahren auf je eines).
Die Position des promotor fidei, im kirchlichen Sprachgebrauch auch advocatus diaboli genannt, wurde 1983 gestrichen. Seine Aufgabe im Rahmen des Prozesses (der Heiligsprechungsprozeß war tatsächlich nach einem Gerichtsprozeß modelliert) war es, das Kritikwürdige, ja das weniger Vollkommene im Leben eines Kandidaten herauszustellen. Sogar die Motivation der tugendhaften Akte sollte auf allfällige selbstsüchtige Motive untersucht werden. Die dem Kandidaten zugeschriebenen Wunder wurden auf natürliche Ursachen überprüft. Diese rigorose Vorgangsweise gibt es nicht mehr.
Es mußten auch alle Zeugen gehört werden, auch die kritischen, und alle Schriftstücke untersucht werden. Im Fall von Paul VI. wurde das „auf Befehl von oben“ gerade nicht durchgeführt (Information eines ungenannt bleiben wollenden Informanten an Prof. Kwasniewski, 227).
Inflation der Heiligsprechungen nach dem Zweiten Vaticanum
Papst Johannes Paul II. kanonisierte 482 Personen, mehr als alle (formal kanonisierenden) Vorgängerpäpste zusammen.
Es wird vermerkt, daß Johannes Paul II. mit der hohen Anzahl der Heiligsprechungen die – durchaus nachvollziehbare – Absicht hatte, viele Beispiele der Heiligkeit in allen möglichen Situationen des Lebens vorzustellen und so den Aufruf zur allgemeinen Heiligkeit des II. Vaticanums zu verstärken. Den Gläubigen sollte vor Augen geführt werden, daß Heiligkeit die Berufung aller ist und daher auch von allen erreicht werden kann. Das ist per se nicht zu beanstanden. Zu Recht wird allerdings kritisiert, daß man nicht „mehr“ Heilige „machen“ kann, wenn man die Standards senkt. –
Papst Franziskus kanonisierte in der ersten Zeremonie die 813 Märtyrer von Otranto, die im Jahr 1480 von den Mohammedanern abgeschlachtet wurden, und zwei lateinamerikanische Nonnen, womit er in einem einzigen Akt die Anzahl der Heiligsprechungen seines Vorvorgängers praktisch verdoppelte.3
Franziskus machte, wie oben gesagt, Gebrauch von Heiligsprechungen wegen der bestehenden Verehrung (per viam cultus). Für die Heiligsprechung von Johannes XXIII. wurde auf den Nachweis eines Wunders verzichtet. Franziskus habe gesagt, die Einberufung des Konzils sei schon das Wunder (!) gewesen (13).
Wenn wieder ordentliche Zustände in die Kirche eingekehrt sind und ein gläubiger und väterlicher Papst gewählt ist, muß das gesamte Bergoglio-Desaster aufgeräumt werden.
(Fortsetzung in Kürze.)
*Wolfram Schrems, Wien, Mag. theol., Mag. phil., Katechist, Pro-Life-Aktivist, wundert sich sehr darüber, daß sich so viele Katholiken dumm stellen, wenn es um Konzil, neue Messe und deren Adepten in der Hierarchie geht.
1 Denjenigen Lesern von Katholisches.info, die mit der englischen Sprache vertraut sind, wird der Erwerb des Bandes natürlich empfohlen. Er ist auf Amazon leicht greifbar.
2 Die Ausführungen nach P. Thomas, im zit. Werk 1ff.
3 Nach dem Beitrag von José Antonio Ureta, im zit. Werk S. 21.
Hinterlasse jetzt einen Kommentar