Besprechung von Wolfram Schrems*
Der mittlerweile auch im deutschen Sprachraum weithin bekannte US-Theologe Peter Andrew Kwasniewski veröffentlichte nur kurze Zeit nach seinem großartigen, hier vor kurzem vorgestellten Werk Der alte und künftige Römische Ritus eine weitere hochinteressante Publikation zur Alten Messe: Semper Sanctus – Warum die Alte Messe immer heilig ist.
Es handelt sich wiederum um die Zusammenstellung und Überarbeitung älterer Aufsätze (Second Thoughts Are Best Thoughts: Die zweiten Gedanken sind die besten, wie es ein hervorragender Lehrer der Philosophie einst sagte.).
Der Gesichtspunkt dieser Publikation ist die Widerlegung von populären Einwänden gegen die Alte Messe („Rücken zum Volk“, „Hofritual“, „unverständliche Sprache“ etc.). Diese waren zuerst von den Verschwörern der liturgischen Revolution gestreut worden und gehören nunmehr zum fixen Repertoire vieler Novus-Ordo-Katholiken, vor allem der Funktionärskaste.
Es geht Kwasniewski um die Widerlegung u. a. des schädlichen „Volksaltars“, der Trivialisierung des Priesters und der Liturgie und des Irrglaubens des „Verstehens“:
Warum wir in Richtung Osten beten; Warum der Priester von den Gläubigen [in der Liturgie räumlich] getrennt ist; Warum die traditionelle Messe so majestätisch ist; Warum wir ererbten Ritualen und strengen Rubriken folgen; Warum wir uns im traditionellen Gottesdienst wiederholen; Warum wir ein einjähriges Lektionar verwenden; Warum wir auf Lateinisch beten; Warum es besser ist, nicht alles sofort und auf der Stelle zu verstehen; Warum wir zum Kommunionempfang knien und die Kommunion auf die Zunge empfangen; Die Messe ist der Glaube, und der Glaube ist die Messe.
Angehängt sind ein Epilog, ein Handlungsvorschlag und ein Interview mit Professor Kwasniewski durch seinen Verleger Stephan Schlattl, Gründer und Inhaber des St. Stephani – Verlags.
Kwasniewskis Ansatz: „Modernität“ ist kein Kriterium – die Weisheit der Überlieferung
Professor Kwasniewski erklärt seine Vorgangsweise:
„Ich möchte so vorgehen, dass ich die umstrittensten vormodernen Aspekte der TLM verteidige, indem ich allgemeine Einwände gegen sie vorbringe und dann ausführlich auf diese Einwände antworte. Die Weisheit der Tradition ist zwar häufig überraschend und paradox, ja sogar provokant, aber niemals zufällig oder sinnlos. Ich habe oft das Gefühl, dass sich moderne Menschen so sehr in ihre sonderbaren Kognitionsknoten verstrickt haben, dass es ihnen schwerer fällt, das wahrzunehmen, was einst offensichtlich war. In meinen Gesprächen mit Menschen im Laufe der letzten Jahrzehnte habe ich gelernt, dass Kritiker der alten Messe durchaus nicht dazu in der Lage sind, das, was man ihnen als deren tödliche Schwächen dargestellt hat, aufzuzeigen; dass sie vielmehr nur ein ganz oberflächliches Verständnis davon haben, wie diese Messe funktioniert und warum sie funktioniert – Dinge, welche die ‚Kleinen‘ – also Kinder aufgrund ihres Alters oder Kinder im Geiste – leicht nachvollziehen können“ (10).
Kwasniewski hilft uns die mentalen Bande abzuschütteln, die uns seit Jahrzehnten am Denken und Wahrnehmen hindern. Die Banalisierung der Liturgie war dem Mysterium nicht angemessen. Es braucht im Gegenteil Geduld, Ehrfurcht und Gottesliebe.
Der Novus Ordo Missae mit seiner durch die Umkehrung der Gebetsrichtung des Priesters gegebene Verschlossenheit der liturgischen Versammlung in sich selbst fördert die Abdichtung der Gemeinde und der Einzelseele gegenüber Gott:
„[Das] Mysterium, besagt, dass wir nicht so anbeten sollten, dass wir Gefahr laufen, uns selbst oder unsere Gemeinschaft zu vergöttern. Unsere Anbetung soll nach außen und nach oben gerichtet sein, um in uns durch eindeutige, nachvollziehbare Zeichen die Tatsache zu bestärken, dass wir uns nicht selbst erlösen können, sondern die Erlösung außerhalb von uns suchen müssen. Es stimmt natürlich, dass die Seele der Tempel der Heiligen Dreifaltigkeit ist, aber es kann gefährlich sein, den öffentlichen Gottesdienst an der Immanenz Gottes in unserer Seele auszurichten, weil gefallene Menschen zu Selbstbezogenheit und Selbstverherrlichung neigen“ (32).
Die Liturgie soll den Menschen aus seiner Verstrickung in sich selbst herausholen, sowohl individuell als auch kollektiv. Die Ausrichtung nach Osten, also die gemeinsame Gebetsrichtung von Priester (im NOM übrigens meist „Vorsteher“ genannt!) und Volk ist normativ.
Kwasniewski hält verdienstvollerweise auch fest, daß in den sechziger Jahren nicht die Gläubigen nach Reformen in der Liturgie verlangten, „sondern vielmehr die ‚Experten‘, die behaupteten, sie wüssten am besten, was die Leute vermissen und was sie brauchen“ (36). Die „Experten“-Herrschaft ist also schon ein älteres Phänomen.
Heiligung des Priesters: Option für die Alte Messe – ohne Illusionen
Kwasniewski streicht einen für den Zustand der Kirche sehr wichtigen Punkt heraus, nämlich die im NOM erfolgte Abschaffung von „fast sämtliche[n] Priestergebete[n]“ (53), die der Priester im Bewußtsein seiner menschlichen Schwächen und Unzulänglichkeiten für sich selbst betet. Wenn nun der Glaubenssinn darum weiß, daß man bekommt, worum man betet, und daß man eben nicht bekommt, worum man nicht betet, dann ist der moralische und menschliche Verfall des Klerus nachvollziehbar.
Natürlich sollten wir über den Zustand des Klerus in vergangenen Zeiten keine Illusionen haben. Das weiß auch Kwasniewski, stellt aber auch das Offenkundige unserer klerikalen Situation post „Liturgiereform“ fest:
„Natürlich streiten wir nicht ab, dass es auch vor dem Konzil moralische und lehrmäßige Probleme im Klerus gegeben hat, trotzdem sehen wir seit dem Konzil und insbesondere seit der Einführung des modernen Ritus von Papst Paul VI. einen exponentiellen Anstieg, eine Flutwelle klerikaler Pflichtvergessenheit und Korruption“ (54).
Zu viele Worte im neuen Ritus – Folge der Liturgiekonstitution Sacrosanctum Concilium
Kwasniewski kritisiert die extreme Wortlastigkeit des NOM. Diese ergibt sich paradoxerweise aus der Vereinfachung des Ritus. Der schaut ja jetzt phänotypisch meist wie eine Vortragsveranstaltung oder ein Seniorentreff aus, jedenfalls nicht wie ein göttliches Mysterium:
„Wenn ein Ritus allerdings zu offensichtlich, zu kurz, zu geradlinig, zu entschlackt ist, dann bedarf es einer immensen Menge an Erklärung, um die Menschen davon zu überzeugen, dass etwas Wichtiges, Numinoses, Verwandelndes oder Wunderbares geschieht“ (112).
Kwasniewski macht daher ein Gedankenexperiment, wie der einschlägige und sich als desaströs erweisende Absatz in der Konzilskonstitution Sacrosanctum Concilium (SC) 34 geklungen haben könnte, wenn dessen Autoren über die nötige Demut gegenüber der Liturgie verfügt hätten:
„Die Riten sollen die Schönheit einer in sich geeinten Komplexität ausstrahlen, die in gewisser Weise die unendliche Einfachheit Gottes und die geordnete Vielfalt Seiner Schöpfung widerspiegelt. Die Riten sollten sowohl Klarheit als auch Rätselhaftigkeit, Effektivität und Muße enthalten; sie sollten sinnvolle Wiederholungen pflegen, symbolische Objekte und Handlungen betonen, und auf verbale Erklärungen verzichten. Für die Gläubigen, die nach Heiligkeit streben, sollten die Riten eine lebenslange Lehrzeit in der höchsten Gebetsform der Kirche bieten“ (113).
Hätte das Konzil den Text so verfaßt, dann hätte es auch keine Veränderungen gebraucht, sondern das, was maßgebliche Protagonisten der Liturgischen Bewegung gefordert hatten, nämlich mehr liturgische Bildung („Mystagogie“). So aber erwies sich SC als Illusion und falsche Weichenstellung:
„Jedenfalls ist Abschnitt 34 von Sacrosanctum Concilium das, was er ist: nichts weiter als ein Zeugnis für die Oberflächlichkeit und Kurzsichtigkeit kirchlicher Kreise in den 1960er Jahren“ (113).
Neue Leseordnung: Desaster für den Opfercharakter der Messe und für die Bibelkenntnis der Laien
Das aus der Sicht des Rezensenten besonders gut gelungene Kapitel über die traditionelle Leseordnung in der Liturgie ist für Leser, die sich für die hl. Schrift und ihre Vermittlung interessieren, von größter Bedeutung.
Kwasniewski kritisiert die neue Leseordnung, also den Dreijahreszyklus für die Sonntage, den Zweijahreszyklus für die Wochentage und die Vernachlässigung der Heiligenfeste.
Die Lesungen haben nach Kwasniewski wie alles in der Liturgie zuerst latreutischen Charakter (136). Sie haben sodann natürlich auch belehrenden Charakter. Das funktioniert aber offenbar nicht mehr, weil die Kenntnis der hl. Schrift unter den Gläubigen durch die Meßreform nicht größer sondern geringer geworden ist. Mit anderen Worten: Rein mnemotechnisch hat sich das neue Lektionar nicht bewährt.
Der Autor zeigt auf, daß wie alles bei der „Liturgiereform“ auch die Neugestaltung der Leseordnung überstürzt wurde:
„Erstens zeigt die neue Leseordnung ebenso wie vieles andere in der unter Papst Paul VI. durchgeführten Liturgiereform Zeichen von ungebührlicher Eile, übersteigertem Ehrgeiz und Missachtung von Prinzipien, die die Konzilsväter vorgegeben hatten“ (152).
Kwasniewski zeigt richtigerweise auf, daß die Lesungen primär zur Opferhandlung hinführen sollen. Das neue Lektionar überschüttet die Meßteilnehmer gleichsam mit Texten, die aber gegenüber dem Wesen der Messe sozusagen ein Eigenleben haben. Kwasniewski dazu sehr gut beobachtend:
„Das überarbeitete Lektionar passt sich nicht geschmeidig dem Opfercharakter der Messe an, sondern formuliert, insofern als es einer didaktischen Funktion zu dienen scheint, ein anderes Ziel, gewissermaßen unabhängig von der Darbringung des Opfers. Die Verwendung der Begriffe ‚Liturgie des Wortes‘ und ‚Liturgie der Eucharistie‘ unterstreicht das Problem: Es wirkt, als seien hier zwei Liturgien zusammengeklebt worden“ (153).
Gegen die Diktatur von Traditionis Custodes und die Ideologisierung durch die Bugnini- Schule
Kwasniewski kritisiert die Tyrannei von Papst Franziskus gegen die Alte Messe und die ihr verbundenen Gläubigen scharf.
Sodann bringt er, einen modernen Liturgiker zitierend, den NOM mit einer „neuen Weltordnung“, also dem Novus Ordo Seclorum, in Verbindung und bietet eine in Lateinischen mögliche Alternativübersetzung zu den „Wächtern der Tradition“:
„Die neue Liturgie ist eine soziale Bewegung, die auf der Ablehnung der traditionellen katholischen Weltanschauung beruht. Die Alte Messe ist jetzt zu unzeitgemäß, als dass sie weiterbestehen dürfte; das ist es, woran die ‚Gefängniswächter des Verrats‘ glauben“ (173, Fn. 302).
Kwasniewski widerlegt dann die Fehleinschätzung von Erzbischof Bugnini, daß die Alte Messe den Gläubigen nicht „zugänglich“ wäre. Die derzeitige, für viele Kirchenleute und Funktionäre überraschende Renaissance der Alten Messe bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen („eine gewaltige Ironie“) zeigt, daß sie sogar „zugänglicher als die neuen Riten“ sind (186). Kwasniewski betont mit dem hl. Augustinus (De doctrina christiana), daß „dunkle Stellen“ in Schrift und Liturgie darüber hinaus gut und wichtig sind. Sie regen zu vertieftem Nachfragen an. Immerhin geht es um den unendlichen Gott (191).
Spitzensätze und Zitate
Kwasniewski sind einige besonders zitierwürdige Spitzensätze gelungen:
Zum Thema „moderne Kunst“ bzw. Kunst ohne Gott sagt er:
„Das Christentum ist nicht nur die Kunst der Erlösung, es ist die Erlösung der Kunst“ (80).
Zum Thema Unabnützbarkeit der Alten Messe sagt er, sie sei „Zeit außerhalb der Zeit“ (201).
Sehr schön sind die Zitate großer Konvertiten, etwa des vormaligen anglikanischen Predigers St. John Henry Kardinal Newman (1801 – 1890; Loss and Gain, Reverence in Worship, The Idea of University) und des ebenfalls früheren anglikanischen Predigers und als Katholik Verfassers großartiger historischer Romane (By What Authority?, 45) Msgr. Robert Hugh Benson (1871 – 1914), der sogar Sohn des anglikanischen Erzlaien von Canterbury war.
Kwasniewski zitiert auch wiederum Martin Mosebachs Häresie der Formlosigkeit (2002, ²2007), das im deutschen Sprachraum erhebliches Aufsehen auslöste. Manchen Katholiken mag es zum Durchbruch zur Tradition verholfen haben. Es sei mit dem Ausdruck des Dankes ausdrücklich gewürdigt.
Resümee: der Wert des Verlorenen – Fazit für die Hierarchie
Was man nicht hat, schätzt man vielleicht umso mehr. Kwasniewski bietet eine geschichtstheologische Deutung der Vorgänge um die Ersetzung der Überlieferten Liturgie durch einen selbstgemachten Abklatsch:
„Wir wissen, dass alles, was geschieht, entweder ein von Gott gewolltes Gut ist, weil es Ihm so gefällt; oder ein Übel, das von Ihm zugelassen ist, der in Seiner Allmacht daraus ein größeres Gut hervorgehen lassen kann – indem Er beispielsweise die Heiligen prüft und die Kirche reinigt. Es gibt das Argument, dass die radikalen Veränderungen in der Liturgie nicht direkt von Gott gewollt sein können. Aber könnten wir nicht doch in der Lage sein, einige der Vorteile zu erkennen, die Er durch die göttliche Zulassung der liturgischen Revolution bewirkt hat? Ich glaube, das können wir durchaus. Erstens: Eben weil sie fast ausgelöscht wurde, wurde die traditionelle Liturgie nie inniger geliebt, wertgeschätzt, intensiver studiert und gefördert wie jetzt von jenen, die daran arbeiten, ihr den Ehrenplatz zurückzugeben, der ihr gebührt. […] Die in den letzten Jahren entstandene umfangreiche Literatur über die inhärenten Grenzen der päpstlichen Autorität, die Verpflichtung des Papstes, als Diener der Diener Gottes und nicht als orientalischer Despot zu handeln, und die innere Verbindung zwischen Liturgie, Dogma und Moral deuten auf ein wiedererwachtes Bewusstsein für Rechte und Pflichten, Axiome und Gesetze hin, die uns als Katholiken definieren“ (106ff).
Mittlerweile sollte allen denkenden Katholiken klar geworden sein, daß die Liturgiereform von Papst Paul VI. ein Desaster war. Sie zerstörte den Glauben bei vielen Katholiken, entchristlichte ganze Nationen, primitivisierte die Kultur und erwies sich in all dem als nicht Gott wohlgefällig. Der Hierarchie und den Funktionären im Apparat ist das offenbar entweder egal oder aber durchaus recht. –
In wenigen Wochen sollen vier neue Bischöfe der Piusbruderschaft geweiht werden. Wie wir uns alle mittlerweile eingestehen müssen – manche taten es früher, andere später –, wäre die Überlieferte Liturgie ohne den Akt scheinbaren Ungehorsams durch Erzbischof Marcel Lefebvre im Sommer 1988 vermutlich verschwunden, mit ihr die Erinnerung an den überlieferten Glauben.
Professor Kwasniewskis eigener religiöser und theologischer Weg ist paradigmatisch für viele, die nicht von Haus aus der Tradition (in oder außerhalb der Piusbruderschaft) verbunden sind und sich ihren Weg zur Tradition gewissermaßen selbst erkämpfen (und erleiden) mußten. Für seine Orientierungshilfen sei ihm herzlich gedankt. –
Die sehr gute Leistung der Übersetzerin Susanne Held soll wiederum ausdrücklich gewürdigt werden. Sie ist flüssig und liest sich nicht wie eine Übersetzung. Einige kleine Fehler und Dubia wurden schon durchgegeben.1
Sehr wichtig für die Leser: Man kann „a former Anglican cleric“ nicht mit „vormals selbst anglikanischer Priester“ übersetzen, weil die anglikanischen Weihen nach Leo XIII. Apostolicae Curae (1896) null und nichtig sind und daher der betreffende Konvertit kein „Priester“ war.
Das sollte übrigens auch Papst Leo XIV. beherzigen.
Peter A. Kwasniewski, Semper Sanctus – Warum die Alte Messe immer heilig ist, übersetzt aus dem Amerikanischen von Susanne Held, St. Stephani Verlags GmbH, Metten 2025, 263 S. (Originaltitel: Turned Around: Replying to Common Objections Against the Traditional Latin Mass, TAN Books, Gastonia, 2024)
*Wolfram Schrems, Mag. theol., Mag. phil., Katechist, Pro-Lifer, Vertreter der „Osmose“ zwischen FSSPX und den offiziellen Strukturen, gelangte im vierten Lebensjahrzehnt über die katholischen Ostkirchen zur Lateinischen Messe.
1 Eine Korrektur zur Besprechung von Der alte und künftige Römische Ritus: Dort steht: „Er betreibt den Verlag Os justi Press (in dem seine eigenen Werke allerdings nicht erscheinen)“. Die Information im Klammerausdruck ist falsch, mindestens eines seiner Bücher hat Kwasniewski tatsächlich selbst verlegt.

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