Sind Heiligsprechungen unfehlbar? War Papst Paul VI. ein heiliger Papst? – Neue Einsichten (1. Teil)

Das gesamte Bergoglio-Desaster muß aufgeräumt werden

Doppel-Kanonisierung: Papst Franziskus übernahm bei seiner Wahl die bereits vorbereitete Heiligsprechung von Johannes Paul II., ergänzte sie jedoch durch die Heiligsprechung von Johannes XXIII. Heiligsprechungen als kirchenpolitisches Instrument?
Doppel-Kanonisierung: Papst Franziskus übernahm bei seiner Wahl die bereits vorbereitete Heiligsprechung von Johannes Paul II., ergänzte sie jedoch durch die Heiligsprechung von Johannes XXIII. Heiligsprechungen als kirchenpolitisches Instrument?

Von Wolf­ram Schrems*

Vor etwa zwölf Jah­ren äußer­te ich mein (und höchst­wahr­schein­lich vie­ler ande­rer) Unbe­ha­gen über damals aktu­el­le Selig- und Hei­lig­spre­chun­gen (hier die Tei­le der Serie: Teil 1, Teil 2, Teil 3/​1, Teil 3/​2).

Die zen­tra­len Punk­te der Serie waren die Kri­tik an der Hei­lig­spre­chung des Kon­zils­pap­stes Johan­nes XXIII. (der die Fati­ma-Bot­schaft bekämpf­te und mit dem Zwei­ten Vati­ca­num Ver­wir­rung und Glau­bens­ab­fall ver­ur­sach­te), die Ableh­nung der damals noch bevor­ste­hen­den Selig­spre­chung des Kon­zils­pap­stes Paul VI. (der dem gläu­bi­gen Volk eine künst­lich gemach­te Lit­ur­gie oktroy­ier­te, die Alte Mes­se de fac­to ver­bot und für einen in der Kir­chen­ge­schich­te nie dage­we­se­nen Glau­bens­ab­fall mit­ver­ant­wort­lich war), und das Unver­ständ­nis dar­über, daß Sr. Lucia von Fati­ma und eini­ge ande­re – der moder­nen bzw. moder­ni­sti­schen Kir­chen­hier­ar­chie offen­bar inop­por­tu­ne – Kan­di­da­ten nicht selig­ge­spro­chen werden.

Mit ande­ren Wor­ten: Die offen­kun­di­ge Poli­ti­sie­rung der Selig- und Hei­lig­spre­chun­gen zula­sten des Glau­bens und daher gegen das Emp­fin­den der Gläu­bi­gen erreg­ten Unverständnis. –

Mitt­ler­wei­le ist mehr als ein Jahr­zehnt ins Land gezo­gen. In die­sen Jah­ren ereig­ne­ten sich bis dahin kaum vor­stell­ba­re Kata­stro­phen in Kir­che und Welt.

Was Dog­ma und Moral betrifft, steht kein Stein mehr auf dem ande­ren. Die kirch­li­che Obrig­keit, die nicht den Ein­druck väter­li­cher und pasto­ra­ler Für­sor­ge erweck­te, son­dern eher die Gesin­nung von Usur­pa­to­ren, stell­te alle Glau­bens­wahr­hei­ten zur Dis­po­si­ti­on. Sie will aber ver­mut­lich ernst­ge­nom­men wer­den, was die Selig- und Hei­lig­spre­chun­gen betrifft. Sonst wür­de sie sie ja nicht vornehmen. –

Daher sei hier noch eine Rei­he von drei kur­zen Arti­keln ver­öf­fent­licht, die die­se Fra­gen neu auf­greift. Denn kla­rer­wei­se machen sich immer mehr Katho­li­ken Gedan­ken über die­se Vor­gän­ge, auch aka­de­mi­sche Theologen:

Peter A. Kwasniewski, Sind Heiligsprechungen unfehlbar?

Pro­fes­sor Kwas­niew­ski, des­sen jüng­stes Werk in deut­scher Über­set­zung Sem­per Sanc­tus – War­um die Alte Mes­se immer hei­lig ist vor kur­zem hier vor­ge­stellt wur­de, schlug mir die Kon­sul­ta­ti­on des von ihm im Jahr 2021 her­aus­ge­ge­be­nen Sam­mel­ban­des Are Cano­nizati­ons Infal­lible? (Sind Hei­lig­spre­chun­gen unfehl­bar?) vor.

Es ist eine augen­öff­nen­de Lektüre.

Die Bei­trä­ge stam­men von Phil­lip Camp­bell, P. Tho­mas Cre­an OP, Prof. Rober­to de Mat­tei, Wil­liam Matthew Diem, Chri­sto­pher Fer­ra­ra, Msgr. Bru­ne­ro Gherar­di­ni (†), Hw. John Hun­wicke (†), Peter Kwas­niew­ski, John R.T. Lamont, Joseph Shaw, P. Jean-Fran­çois Tho­mas SJ und José Anto­nio Ureta.

Lei­der liegt der Band nicht auf Deutsch vor.1

Daher hier im ersten Teil der Serie eine kur­ze Aus­wer­tung für den deutsch­spra­chi­gen Leser. Der zwei­te Teil wird sich mit den Aus­füh­run­gen von Dr. Kwas­niew­ski zur absur­den Hei­lig­spre­chung von Paul VI. befas­sen. Der drit­te Teil schließt die Serie mit Erkennt­nis­sen des bedeu­ten­den Theo­lo­gen Bru­ne­ro Gherar­di­ni, des­sen Werk Das Zwei­te Vati­ka­ni­sche Kon­zil – ein aus­ste­hen­der Dis­kurs hier bereits vor­ge­stellt wur­de, und eini­gen prak­ti­schen Über­le­gun­gen zu den rezen­te­ren Hei­lig- und Selig­spre­chun­gen ab.

Wichtige Informationen zur Geschichte der Heiligsprechungen

Die Grund­aus­sa­gen des Sam­mel­ban­des sind:

For­ma­le und offi­zi­el­le Hei­lig­spre­chun­gen wur­den schritt­wei­se und spät durch­ge­führt, zuerst unter Kon­trol­le der Bischö­fe, dann manch­mal mit Zustim­mung und Geneh­mi­gung des römi­schen Pon­ti­fex. Das begann im sech­sten Jahr­hun­dert und auf eine fei­er­li­che­re Wei­se im Jahr 993 mit der Pro­kla­ma­ti­on der Hei­lig­keit von Ulrich von Augs­burg durch Papst Johan­nes XV.

Der Aus­druck „Hei­lig­spre­chung“ (cano­ni­sa­tio) wird erst am Beginn des elf­ten Jahr­hun­derts verwendet.

Papst Alex­an­der III. rief den König von Schwe­den zur Ord­nung, indem er ihm mit­teil­te, daß nur der Papst einen cul­tus eines poten­ti­el­len Hei­li­gen auto­ri­sie­ren kön­ne. Das päpst­li­che Pri­vi­leg wur­de durch das Vier­te Late­r­an­kon­zil im Jahr 1215 unter Papst Inno­zenz III. rati­fi­ziert. Den­noch gab es vie­le Aus­nah­men bis ins 17. Jahr­hun­dert, als die Refor­men von Tri­ent nach und nach imple­men­tiert wur­den. Die Regeln wur­den erst unter Bene­dikt XIV. (1740–1758) defi­ni­tiv fixiert.

Die Hei­li­gen wur­den also zunächst von klei­nen Gemein­schaf­ten, dann von Orts­kir­chen und schließ­lich von der Gesamt­kir­che anerkannt.

Es gab auch schon Hei­lig­spre­chun­gen ohne for­ma­les Ver­fah­ren („äqui­pol­len­te Hei­li­ge“), weil eben ein unun­ter­bro­che­ner cul­tus des Betref­fen­den exi­stier­te (Bru­no der Kar­täu­ser, Cyrill und Method, Alber­tus Magnus, Hil­de­gard von Bin­gen). Fran­zis­kus mach­te eben­falls Gebrauch davon (Ange­la von Foli­g­no, Peter Faber). –

Der Haupt­zweck der Hei­lig­spre­chung von Mär­ty­rern und Beken­nern war immer, den Gläu­bi­gen Vor­bil­der vor Augen zu füh­ren.2

Theologische Meinungen – keine unfehlbare kirchliche Lehrentscheidung

Tho­mas von Aquin erkennt den Hei­lig­spre­chun­gen eine sehr hohe Ver­bind­lich­keit zu (Que­stio­nes quod­li­be­ta­les, q. 9).

Es war aber nie offi­zi­el­le kirch­li­che Leh­re, daß Selig- und Hei­lig­spre­chun­gen im stren­gen Sinn „unfehl­bar“ sind. Die Mei­nung des gelehr­ten Kar­di­nals Pro­sper Lam­ber­ti­ni, Feh­ler und Irr­tü­mer bei den Hei­lig­spre­chun­gen sei­en aus­ge­schlos­sen, stammt aus der Zeit, als er noch nicht (als Bene­dikt XIV.) Papst war.

Zudem ist zu berück­sich­ti­gen, daß die „Unfehl­bar­keit“ durch die Defi­ni­ti­on des I. Vati­can­ums sehr eng umgrenzt ist. Sie bezieht sich auf Fra­gen des Glau­bens und der Moral, nicht auf Fak­ten, die streng genom­men nicht zum Glau­bens­gut gehö­ren, wie daß Per­son XY im Him­mel ist.

Gemäß den Autoren des Sam­mel­ban­des war es Mehr­heits­mei­nung der Theo­lo­gen, daß Hei­lig­spre­chun­gen unfehl­bar sind (nicht jedoch Selig­spre­chun­gen). Aller­dings mehr­ten sich im Lauf der Zeit die „erran­ti­sti­schen“ Stim­men (also die Feh­ler und Irr­tü­mer bei den Hei­lig­spre­chun­gen für mög­lich halten).

Schließ­lich ist durch die Reform des Hei­lig­spre­chungs­pro­zes­ses zuerst im Jahr 1969, danach 1983, des­sen Qua­li­tät sehr stark gesun­ken (Reduk­ti­on der War­te­frist nach dem Tod des Hei­lig­spre­chungs­kan­di­da­ten, Reduk­ti­on der ver­lang­ten Wun­der auf die Für­spra­che des Kan­di­da­ten von je zwei pro Selig­spre­chungs- und Hei­lig­spre­chungs­ver­fah­ren auf je eines).

Die Posi­ti­on des pro­mo­tor fidei, im kirch­li­chen Sprach­ge­brauch auch advo­ca­tus dia­bo­li genannt, wur­de 1983 gestri­chen. Sei­ne Auf­ga­be im Rah­men des Pro­zes­ses (der Hei­lig­spre­chungs­pro­zeß war tat­säch­lich nach einem Gerichts­pro­zeß model­liert) war es, das Kri­tik­wür­di­ge, ja das weni­ger Voll­kom­me­ne im Leben eines Kan­di­da­ten her­aus­zu­stel­len. Sogar die Moti­va­ti­on der tugend­haf­ten Akte soll­te auf all­fäl­li­ge selbst­süch­ti­ge Moti­ve unter­sucht wer­den. Die dem Kan­di­da­ten zuge­schrie­be­nen Wun­der wur­den auf natür­li­che Ursa­chen über­prüft. Die­se rigo­ro­se Vor­gangs­wei­se gibt es nicht mehr.

Es muß­ten auch alle Zeu­gen gehört wer­den, auch die kri­ti­schen, und alle Schrift­stücke unter­sucht wer­den. Im Fall von Paul VI. wur­de das „auf Befehl von oben“ gera­de nicht durch­ge­führt (Infor­ma­ti­on eines unge­nannt blei­ben wol­len­den Infor­man­ten an Prof. Kwas­niew­ski, 227).

Inflation der Heiligsprechungen nach dem Zweiten Vaticanum

Papst Johan­nes Paul II. kano­ni­sier­te 482 Per­so­nen, mehr als alle (for­mal kano­ni­sie­ren­den) Vor­gän­ger­päp­ste zusammen.

Es wird ver­merkt, daß Johan­nes Paul II. mit der hohen Anzahl der Hei­lig­spre­chun­gen die – durch­aus nach­voll­zieh­ba­re – Absicht hat­te, vie­le Bei­spie­le der Hei­lig­keit in allen mög­li­chen Situa­tio­nen des Lebens vor­zu­stel­len und so den Auf­ruf zur all­ge­mei­nen Hei­lig­keit des II. Vati­can­ums zu ver­stär­ken. Den Gläu­bi­gen soll­te vor Augen geführt wer­den, daß Hei­lig­keit die Beru­fung aller ist und daher auch von allen erreicht wer­den kann. Das ist per se nicht zu bean­stan­den. Zu Recht wird aller­dings kri­ti­siert, daß man nicht „mehr“ Hei­li­ge „machen“ kann, wenn man die Stan­dards senkt. –

Papst Fran­zis­kus kano­ni­sier­te in der ersten Zere­mo­nie die 813 Mär­ty­rer von Otran­to, die im Jahr 1480 von den Moham­me­da­nern abge­schlach­tet wur­den, und zwei latein­ame­ri­ka­ni­sche Non­nen, womit er in einem ein­zi­gen Akt die Anzahl der Hei­lig­spre­chun­gen sei­nes Vor­vor­gän­gers prak­tisch ver­dop­pel­te.3

Fran­zis­kus mach­te, wie oben gesagt, Gebrauch von Hei­lig­spre­chun­gen wegen der bestehen­den Ver­eh­rung (per viam cul­tus). Für die Hei­lig­spre­chung von Johan­nes XXIII. wur­de auf den Nach­weis eines Wun­ders ver­zich­tet. Fran­zis­kus habe gesagt, die Ein­be­ru­fung des Kon­zils sei schon das Wun­der (!) gewe­sen (13).

Wenn wie­der ordent­li­che Zustän­de in die Kir­che ein­ge­kehrt sind und ein gläu­bi­ger und väter­li­cher Papst gewählt ist, muß das gesam­te Berg­o­glio-Desa­ster auf­ge­räumt werden.

(Fort­set­zung in Kürze.)

*Wolf­ram Schrems, Wien, Mag. theol., Mag. phil., Kate­chist, Pro-Life-Akti­vist, wun­dert sich sehr dar­über, daß sich so vie­le Katho­li­ken dumm stel­len, wenn es um Kon­zil, neue Mes­se und deren Adep­ten in der Hier­ar­chie geht.


1 Den­je­ni­gen Lesern von Katho­li­sches.info, die mit der eng­li­schen Spra­che ver­traut sind, wird der Erwerb des Ban­des natür­lich emp­foh­len. Er ist auf Ama­zon leicht greifbar.

2 Die Aus­füh­run­gen nach P. Tho­mas, im zit. Werk 1ff.

3 Nach dem Bei­trag von José Anto­nio Ure­ta, im zit. Werk S. 21.

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