Der Prozeß Jesu und die römischen Spione – eine historische Überlegung

Historische Zuverlässigkeit des Neuen Testaments bekennen


Pilatus läßt die jüdischen Volksmenge entscheiden, ob Jesus oder Barabbas freigelassen werden soll. Die jüdischen Führer forderten die Hinrichtung des Messias von Pilatus allein deshalb, weil die Römer ihnen Hinrichtungen verboten hatten. Andernfalls wäre Jesus zu diesem Zeitpunkt wohl schon tot gewesen
Pilatus läßt die jüdischen Volksmenge entscheiden, ob Jesus oder Barabbas freigelassen werden soll. Die jüdischen Führer forderten die Hinrichtung des Messias von Pilatus allein deshalb, weil die Römer ihnen Hinrichtungen verboten hatten. Andernfalls wäre Jesus zu diesem Zeitpunkt wohl schon tot gewesen

Von Wolf­ram Schrems*

Seit Jah­ren wird sei­tens kirch­li­cher Amts­trä­ger und aka­de­mi­scher Theo­lo­gen die histo­ri­sche Glaub­wür­dig­keit der Evan­ge­li­en in Fra­ge gestellt. Häu­fig geht es dabei um die Mini­mie­rung der Rol­le der jüdi­schen Auto­ri­tä­ten und des Vol­kes bei der Pas­si­on Jesu Chri­sti. Man hat den Ein­druck, daß die­se Ten­denz in den letz­ten Jah­ren, beson­ders im deut­schen Sprach­raum, immer stär­ker wird (Kon­zil hin oder her, dort wird die Apo­sto­li­zi­tät der neu­te­sta­ment­li­chen Schrif­ten bekannt: Dei ver­bum §7).

Vor allem zum „Tag des Juden­tums“, der jähr­lich am 17. Jän­ner auf Initia­ti­ve des Öku­me­ni­schen Rates der Kir­chen in Öster­reich began­gen wird, fin­det fol­ge­rich­tig die­se Art von Geschichts­klit­te­rung statt. Im ver­gan­ge­nen Jahr ver­stieg sich der Lin­zer Bischof Man­fred Scheu­er zu der Behaup­tung, die Evan­ge­li­en „mit ihrer bis­wei­len pole­mi­schen Ten­denz“ wären erst „zum Ende des 1. Jahr­hun­derts“ (!) ent­stan­den. Exzel­lenz impli­ziert mehr oder weni­ger deut­lich (sprach­lich ist es nicht ganz klar for­mu­liert), daß sie eine anti­jü­di­sche Pole­mik in die Zeit Jesu zurück­pro­ji­zie­ren würden.

Ich habe auf die­sen Unsinn bereits hier reagiert.

Man bekommt über die Jah­re den Ein­druck, daß ein Lang­zeit­plan exi­stiert, die Evan­ge­li­en umzu­schrei­ben. Kirch­li­che Amts­trä­ger und aka­de­mi­sche Theo­lo­gen machen dabei ger­ne mit. Ein Prä­ze­denz­fall für eine sol­che Vor­gangs­wei­se ist das Her­um­dok­tern an der Kar­frei­tags­für­bit­te für die Juden, das nun schon etwa ein­hun­dert Jah­re andau­ert und eine eige­ne Unter­su­chung ver­die­nen würde.

Hier soll jedoch etwas ande­res auf­ge­grif­fen werden:

Ein Lieb­lings­to­pos der zeit­geist­kon­for­men Geschichts­klit­te­rung auf Kosten der Glaub­wür­dig­keit der Evan­ge­li­en ist die­ser: Die römi­sche Besat­zungs­macht habe aus eige­nem Antrieb den Schau­pro­zeß und die Hin­rich­tung Jesu betrie­ben. Die von den Evan­ge­li­en bezeug­te Ver­ant­wor­tung der jüdi­schen Obrig­keit wird damit her­un­ter­ge­spielt oder geleug­net – aus wel­chen Grün­den auch immer.

Aber natür­lich ist das falsch und wider­sin­nig. Daher hier ein Gedan­ken­ex­pe­ri­ment zur nun­mehr begin­nen­den Karwoche:

Die Besatzungsmacht und ihre Informanten

Palä­sti­na ist zur Zeit Jesu von den Römern besetzt. Nicht all­zu lan­ge zuvor war Rom der Ver­bün­de­te der Mak­ka­bä­er gegen die Grie­chen gewe­sen (1 Makk 8).

Wie jede Besat­zungs­macht unter­hal­ten auch die Römer ein Netz von Kol­la­bo­ra­teu­ren, Infor­man­ten und Bericht­erstat­tern. Sie wer­ben Spit­zel an und bezah­len sie mehr oder weni­ger gut. Oder – weni­ger sub­til – sie befeh­len Füh­rungs­per­sön­lich­kei­ten oder ein­fa­che Leu­te unter Andro­hung schwe­rer Stra­fe zum Rapport.

Das Auf­tre­ten Jesu zieht gro­ße Men­schen­men­gen an. Die Besat­zungs­macht wird hell­hö­rig und ord­net die Über­wa­chung die­ser Vor­gän­ge an. Trotz erheb­li­chen Andrangs kommt es zu kei­nen nen­nens­wer­ten Rei­be­rei­en, geschwei­ge denn zu Ausschreitungen.

Nach dem Auf­tritt Jesu am Rand einer klei­nen Stadt eilt der ein­hei­mi­sche Infor­mant zu sei­nem römi­schen Füh­rungs­of­fi­zier. Er teilt die­sem mit, was ihn am mei­sten inter­es­siert, näm­lich, ob das Volk gegen die Besat­zungs­macht auf­ge­wie­gelt wur­de. Nein, das sei nicht pas­siert, von einem Auf­ruf zum bewaff­ne­ten Auf­stand ganz zu schwei­gen. Der Infor­mant erklärt, es sei nur um Fra­gen der Reli­gi­on gegangen.

Ein ande­rer Spit­zel berich­tet dem Römer anläß­lich einer Ver­samm­lung mit Jesus eini­ge Zeit spä­ter, daß er Augen­zeu­ge auf­se­hen­er­re­gen­der Ereig­nis­se gewor­den sei. Denn allem Anschein nach sei­en bei die­ser Zusam­men­kunft schwer­kran­ke Per­so­nen plötz­lich gesund gewor­den. Nach­dem – so der Spit­zel wei­ter – alle Anwe­sen­den glaub­wür­dig über­rascht wirk­ten, am mei­sten der Gesun­de­te, sei eine Insze­nie­rung unwahr­schein­lich. Der römi­sche Nach­rich­ten­of­fi­zier fragt sich, wel­chen Zweck eine sol­che Insze­nie­rung ohne­hin haben soll, wenn sie dann nicht in poli­ti­sche oder revo­lu­tio­nä­re Akti­vi­tä­ten umge­setzt wird. Das Gan­ze ist sehr merk­wür­dig. Viel­leicht über­treibt der Spit­zel auch und will sich wich­tig machen?

Der zwei­te Spit­zel, der unab­hän­gig vom ersten und ohne des­sen Wis­sen – der Füh­rungs­of­fi­zier will sicher gehen – sei­nen Bericht ablie­fert, gibt zu Pro­to­koll, daß nach dem, was die Leu­te bei den Zusam­men­künf­ten mit Jesus von Naza­reth mit­ein­an­der spre­chen, die Stim­mung gegen­über der Besat­zungs­macht zwar nicht gut sei, daß Jesus aber nicht zur Revo­lu­ti­on auf­ge­ru­fen habe. Die­ser Bericht­erstat­ter sei eben­falls Augen­zeu­ge von Hei­lun­gen gewor­den. Er kön­ne eine Schmie­ren­ko­mö­die aus­schlie­ßen, weil einer der Geheil­ten ein Ver­wand­ter von ihm sei.

Die­ser Füh­rungs­of­fi­zier und dazu eini­ge ande­re schrei­ben ihre Berich­te an den Statt­hal­ter. Bei Pila­tus gehen über die drei Jah­re des öffent­li­chen Wir­kens die­ses selt­sa­men Pre­di­gers etli­che sol­cher Berich­te ein. Sie kon­ver­gie­ren dar­in, daß sei­tens des Beob­ach­tungs­ob­jek­tes nicht zum Auf­stand gegen die Besat­zungs­macht auf­ge­ru­fen wird. Das ist das, was den Statt­hal­ter am mei­sten inter­es­siert. Offen­sicht­lich unter­schei­det sich die­ser Gali­lä­er von einer Grup­pe ande­rer Gali­lä­er, die nie­der­zu­met­zeln Pila­tus sich auf­ge­ru­fen fühl­te (Lk 13, 1).

Aus den Spit­zel­be­rich­ten geht her­vor, daß eine schar­fe Front­stel­lung zwi­schen Jesus und den reli­giö­sen Auto­ri­tä­ten besteht, näm­lich mit den hit­zi­gen Pha­ri­sä­ern und den mehr oder weni­ger geschmei­dig kol­la­bo­rie­ren­den Sad­du­zä­ern, die die Tem­pel­ari­sto­kra­tie ausmachen.

Dafür fühlt sich Rom aber nicht zustän­dig, solan­ge kein Flä­chen­brand dar­aus wird. Sei­tens der römi­schen Herr­schaft gibt es kei­nen Grund zum Ein­schrei­ten. Soll­te die­ser Jesus jedoch ein fal­sches Wort zum The­ma Rom sagen, ist er sofort weg von der Bildfläche.

An einem Früh­lings­tag scheint sich die Feind­schaft der jüdi­schen Auto­ri­tä­ten zu Jesus zuzu­spit­zen. Die Spit­zel im Dienst der Besat­zer erzäh­len von einem Streit­ge­spräch im Tem­pel, bei dem es um die Legi­ti­mi­tät der Steu­er­ein­he­bung geht – für eine ver­haß­te Besat­zungs­macht ein vita­les The­ma. Nach den Spit­zel­be­rich­ten ruft das Objekt der Beob­ach­tung zwar zur Bezah­lung der Steu­er auf, mahnt aber die Fra­ge­stel­ler (die auf den Spit­zel den Ein­druck raf­fi­nier­ter und mal­evo­len­ter Dis­ku­tan­ten mach­ten), vor allem ihre reli­giö­sen Pflich­ten bes­ser zu erfül­len. Auch hier liegt kein Grund zu einer Ver­haf­tung vor.

Als dann ein Frei­tag kommt, fühlt sich Pila­tus von der plötz­lich her­vor­bre­chen­den Vehe­menz der Ankla­ge gegen Jesus, der bereits in Gewahr­sam genom­men und übel zuge­rich­tet wor­den ist, über­rum­pelt. Der völ­li­ge Stim­mungs­um­schwung der Öffent­lich­keit von vor eini­gen Tagen zuvor ist ihm unerklärlich.

Die Klä­ger und Auf­wieg­ler sind offen­bar gut vor­be­rei­tet und außer­or­dent­lich dreist. Sie ver­lan­gen die Kreu­zi­gung des merk­wür­di­gen Pre­di­gers. Die auf­ge­wie­gel­te Mas­se ist bestens instru­iert. Die Wort­füh­rer dro­hen: „Dann bist du kein Freund des Kai­sers“, und schrei­en: „Wir haben kei­nen König außer dem Kai­ser!“ (vgl. Joh 19, 12.15). Da sind sie plötz­lich kai­ser­treu, denkt er sich mit Verachtung.

Aber Pila­tus war immer Prag­ma­ti­ker, nie­mals Prin­zi­pi­en­rei­ter oder Fun­da­men­ta­list. Er läßt sich nach ernst gemein­tem, aber nicht ent­schlos­se­nem Wider­stand über­re­den. Daher opfert er auch – römi­sches Recht hin oder her – einen Unschuldigen.

Nach drei Jah­ren Auf­klä­rungs­be­rich­ten sei­ner Leu­te weiß er genau, daß nach römi­schem Recht nichts Straf­wür­di­ges vor­liegt. Den­noch kippt er.

„Du hät­test kei­ne Macht über mich, wenn es dir nicht von oben gege­ben wäre; dar­um hat auch der eine grö­ße­re Sün­de, der mich dir aus­ge­lie­fert hat“ (Joh 19, 11), klingt ihm zwar noch in den Ohren und im Gewis­sen, aber er unter­drückt das. Die Inter­ven­ti­on sei­ner Frau igno­riert er auch, weil Frau­en von poli­ti­scher Prag­ma­tik nichts ver­ste­hen und er um kei­nen Rat gebe­ten hat (Mt 27, 19).

Resümee: die Sünde und die Verantwortung

Recht­lich trägt Pila­tus die Haupt­ver­ant­wor­tung für die unge­rech­te Behand­lung, für die zu einem medi­zi­nisch kri­ti­schen Zustand füh­ren­de Gei­ße­lung und die grau­sa­me Hin­rich­tung. Das Cre­do erin­nert uns jedes Mal dar­an. Die Initia­ti­ve zum Justiz­mord ging aber nicht von der römi­schen Besat­zungs­macht, son­dern von der jüdi­schen Füh­rungs­eli­te und dem auf­ge­wie­gel­ten Mob aus. Das ist die Grund­aus­sa­ge der neu­te­sta­ment­li­chen Berich­te, wie es etwa Petrus am Pfingst­tag der Men­ge vorhält:

„Israe­li­ten, hört die­se Wor­te: Jesus, den Nazo­rä­er, einen Mann, den Gott vor euch beglau­bigt hat durch Macht­ta­ten, Wun­der und Zei­chen, die er durch ihn in eurer Mit­te getan hat, wie ihr selbst wisst, ihn, der durch Got­tes Rat­schluss und Vor­se­hung dahin­ge­ge­ben wur­de, habt ihr durch die Hand der Hei­den ans Kreuz geschla­gen und getö­tet“ (Apg 2, 22f).

Natür­lich kann man den ein­gangs erwähn­ten Bischö­fen und Theo­lo­gen nicht mit dem Text der Evan­ge­li­en und der Apo­stel­ge­schich­te kom­men, weil die­se in ihren Augen sehr spät ent­stan­den sind und eine (nach der Ideo­lo­gie die­ser Kir­chen­leu­te uner­klär­li­che) Situa­ti­on spä­te­rer Feind­se­lig­keit widerspiegeln. –

Nach dem Glau­ben der Kir­che sind alle Sün­der am Tod Jesu schul­dig (KKK 598). Eine aus­schließ­li­che Zuord­nung die­ser Ver­ant­wor­tung an eine Grup­pe ist daher unstatt­haft, frei­lich ist auch nie­mand aus­ge­nom­men, auch die­je­ni­gen nicht, die die­sen Tod („aus Neid“, wie Pila­tus von sei­nen Infor­man­ten wuß­te: Mt 27, 18) mit Hil­fe lüg­ne­ri­scher Zeu­gen­aus­sa­gen vor dem San­he­drin und orche­strier­ter Unru­he im Hof des Pro­ku­ra­tors betrie­ben haben. –

Es wäre gut, alle die­se Din­ge in der Kar­wo­che zu beden­ken. Es wäre auch schön, wenn die amt­li­chen Ver­kün­der des Glau­bens alle, auch die Juden, zum Honig aus dem Fel­sen füh­ren würden.

Vor allem muß der über­lie­fer­te Glau­be wie­der gut und rich­tig dar­ge­legt wer­den. Dazu gehört beson­ders das Bekennt­nis zur histo­ri­schen Zuver­läs­sig­keit der neu­te­sta­ment­li­chen Schriften.

*Wolf­ram Schrems, Wien, Mag. theol., Mag. phil., Kate­chist, Pro Lifer, nimmt seit Jahr­zehn­ten Anstoß an der Bestrei­tung der Glaub­wür­dig­keit der neu­te­sta­ment­li­chen Schrif­ten durch Bischö­fe, Prie­ster und Theologieprofessoren.

Bild­un­ter­schrift: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: Ecce Homo von Anto­nio Cis­e­ri, 1871

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