Honey from the Rock. Sixteen Jews Find the Sweetness of Christ — Eine Buchbesprechung zu einem tabuisierten Thema

Honey from the Rock. Sixteen Jews Find the Sweetness of ChristMit einem Tabu befaßt sich der öster­rei­chi­sche Theo­lo­ge und Phi­lo­soph Wolf­ram Schrems in sei­nem jüng­sten Gast­kom­men­tar, näm­lich dem Tabu­the­ma der Kon­ver­si­on von Juden zur Katho­li­schen Kir­che. Was eigent­lich auf den ersten Blick ganz ein­fach aus­sieht, ist zu einer risi­ko­rei­chen Grat­wan­de­rung auf Berg­hän­gen mit Stein­schlag­ge­fahr, zahl­rei­chen abschüs­si­gen Stel­len und bedro­li­chen Fels­klüf­ten gewor­den zu sein. Kir­chen­in­tern scheint ein Denk­ver­bot um sich zu grei­fen, lei­se, schlei­chend, meist unaus­ge­spro­chen. Zu spü­ren bekommt es, dann aller­dings hef­tig, wer sich nicht dar­an hal­ten mag. Soll man sich dar­an hal­ten oder liegt dem Denk­ver­bot ein grund­sätz­li­cher Denk­feh­ler zugrun­de. Die­ser Fra­ge geht der Autor anhand eines in den USA erschie­ne­nen Buches nach.
Zuletzt wur­de von Wolf­ram Schrems in die­sem Forum der Auf­satz Was will Kar­di­nal Schön­born eigent­lich? – Neu­es von der Zer­stö­rung der Kir­che von innen – Oder: Wo der Schuh drückt ver­öf­fent­licht.

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Honey from the Rock. Sixteen Jews Find the Sweetness of Christ — Eine Buchbesprechung zu einem tabuisierten Thema

Gast­kom­men­tar von Wolf­ram Schrems*

Anläß­lich der in häu­fig wie­der­keh­ren­den Inter­val­len — zuletzt etwa Mit­te Okto­ber d. J. — kam­pag­ni­s­ier­ten Dis­kus­sio­nen um bzw. Ver­leum­dun­gen von Papst Pius XII. und des­sen Selig­spre­chungs­pro­zeß, anläß­lich der damit in Zusam­men­hang ste­hen­den heil­lo­sen Ver­wir­rung in einem sen­si­blen The­ma und anläß­lich bekla­gens­wer­ter rezen­ter Vor­gän­ge inner­halb der Kir­che soll hier eine rela­tiv rezen­te, aber vor allem inhalt­lich über­aus bemer­kens­wer­te und in ihrer Trag­wei­te kaum zu über­schät­zen­de, in den USA erschie­ne­ne Publi­ka­ti­on gewür­digt wer­den.

Dabei geht es eigent­lich um eine Selbst­ver­ständ­lich­keit. In Zei­ten all­ge­mein aner­kann­ter und außer­or­dent­lich weit inter­pre­tier­ter „Reli­gi­ons­frei­heit“ soll­te es für einen suchen­den und gei­stig wachen Men­schen kein Pro­blem sein, sei­ner Ein­sicht zu fol­gen und eine Kon­ver­si­on zu voll­zie­hen. Aller­dings sind die Kon­ver­ti­ten dem zeit­ge­nös­si­schen kirch­li­chen Leben irgend­wie pein­lich gewor­den, dem welt­li­chen Den­ken erschei­nen sie als skur­ril und pathe­tisch. Bei­spiel­haft dafür ist, wie etwa Chri­sti­an Heid­richs pro­fun­des und umfang­rei­ches Buch Die Kon­ver­ti­ten – Über reli­giö­se und poli­ti­sche Bekeh­run­gen (Han­ser, München/Wien, 2002) eine gewis­se Unru­he im Feuil­le­ton aus­ge­löst hat­te, frei nach dem Mot­to: „Haben wir das gebraucht? Ist das wirk­lich ein The­ma?“ Die Kon­ver­ti­ten zei­gen aber durch ihren oft sehr teu­er erkauf­ten Schritt, daß es eben nicht egal ist, wor­an man glaubt.

Ein Tabuthema

Unter allen Tabu­the­men unse­rer Tage ist jedoch ein Reli­gi­ons­wech­sel der bri­san­te­ste: die Kon­ver­si­on von Juden zur Katho­li­schen Kir­che. Zu erfolg­reich war die durch­ge­führ­te Ver­dun­ke­lung des Evi­den­te­sten, näm­lich der inne­ren Aus­rich­tung des Alten Bun­des auf den „Neu­en Bund“ (Jer 31, 31–34).

Das Kar­frei­tags­ge­bet der Kir­che für die Juden wur­de durch die gene­rel­le Reha­bi­li­tie­rung des alt­über­lie­fer­ten Meß­ri­tus im Jahr 2007 zum Ärger­nis: Ein Gebet als Poli­ti­kum? Die Ver­kün­di­gung des christ­li­chen Glau­bens unter Juden wur­de von jüdi­scher Sei­te mit emo­tio­na­len und zeit­wei­lig abwe­gi­gen Wor­ten ver­ur­teilt und sei­tens der Kir­che prak­tisch ein­ge­stellt.

Seit Jahr­zehn­ten hört man aber gleich­zei­tig sei­tens des­sel­ben kirch­li­chen Lehr­am­tes und der aka­de­mi­schen Theo­lo­gie, daß das Neue Testa­ment im Alten wurz­le und daß die Kir­che ohne Juden­tum gar nicht zu ver­ste­hen sei, daß also bei­des jeweils zusam­men­ge­hö­re. Die ein­schlä­gi­ge Kon­zils­er­klä­rung Nostra aeta­te (1965) ist, näher betrach­tet, ein müh­sa­mer Kom­pro­miß kon­trä­rer Posi­tio­nen und alles ande­re als ein ver­ständ­li­cher und stim­mi­ger Text.

Die Ver­wir­rung ist also groß, das The­ma tabui­siert, die Sach­kennt­nis nicht immer vor­han­den.
Dem schafft die gegen­ständ­li­che Publi­ka­ti­on Abhil­fe.

Ein Strom von Konvertiten

Eine ein­drucks­vol­le Liste von zum Teil pro­mi­nen­ten jüdi­schen Kon­ver­ti­ten im 19. und 20. Jahr­hun­dert belegt das Selbst­ver­ständ­lich­ste und Offen­kun­dig­ste, näm­lich, daß die Ver­kün­di­gung der alt­te­sta­ment­li­chen Pro­phe­ten zu Jesus Chri­stus führt und daß die inne­re Logik der hebräi­schen Bibel die Zuwen­dung zum mensch­ge­wor­de­nen Logos, der „in sein Eigen­tum kommt“ (Joh 1, 11), nahe­legt.

Damit soll übri­gens nicht geleug­net wer­den, daß die Moti­va­ti­on der Kon­ver­ti­ten im deut­schen Sprach­raum des spä­ten 19. Jahr­hun­derts und danach oft nicht immer rein reli­gi­ös gewe­sen sein wird. Der Wunsch, in einer mehr­heit­lich for­mell christ­li­chen (katho­li­schen oder pro­te­stan­ti­schen) Gesell­schaft (ver­meint­lich oder wirk­lich) „dazu­zu­ge­hö­ren“ oder die Absicht, gesell­schaft­li­chen Res­sen­ti­ments aus­zu­wei­chen und den Auf­stieg nicht zu behin­dern, mag oft aus­schlag­ge­bend oder in ver­schie­de­nen Antei­len doch „dazu­ge­mischt“ gewe­sen sein. (Am Bei­spiel Edmund Husserls z. B. kann man auch den Fall stu­die­ren, daß eine eher äußer­lich abge­wickel­te, pro­te­stan­ti­sche, Tau­fe spä­ter zu einem tie­fer erfaß­ten Glau­ben führt. Dar­über Prä­lat Johan­nes Oester­rei­cher, s. u.) Die Fra­ge des Assi­mi­la­ti­ons­wil­lens ohne reli­giö­sen Glau­ben wür­de für eine gründ­li­che­re histo­ri­sche Stu­die berück­sich­tigt wer­den müs­sen.

Hier ist aber, vom Buch vor­ge­zeich­net, die aus rein reli­giö­sen Grün­den voll­zo­ge­ne Kon­ver­si­on The­ma. Die­se zeich­net sich dadurch aus, daß sich die betref­fen­den Men­schen, ihren Schritt oft sehr viel kosten las­sen, bis hin zu einem Bruch mit ihrer Fami­lie oder der Been­di­gung der Berufs­lauf­bahn. Die­se Art der Kon­ver­ti­ten betä­tigt sich dann auch selbst mis­sio­na­risch – und liegt ihrer Umge­bung anfäng­lich manch­mal etwas auf­dring­lich in den Ohren. „Kon­ver­ti­ten sind lästig“, wie der bekann­te Ex-Kom­mu­nist und Kon­ver­tit André Fros­sard („Gott exi­stiert – Ich bin ihm begeg­net“, 1969) selbst ein­mal sag­te.

Zurück zur histo­ri­schen Ein­ord­nung:

Das II. Vati­ka­ni­sche Kon­zil hat zwar, wie oben gesagt, eine gewis­se Dis­kon­ti­nui­tät in die kirch­li­che Leh­re gebracht („gewis­se“ des­we­gen nur, weil nie­mals for­mell ein Glau­bens­in­halt bzw. ein Dog­ma revi­diert wur­de) — ob das aber den Strom an Kon­ver­ti­ten redu­ziert hat, kann hier nicht erho­ben wer­den. Er ist jeden­falls nicht ver­siegt.

Die gewis­ser­ma­ßen größt­mög­li­che Kon­ver­si­on ist von der Reli­gi­on der Ableh­nung des mensch­ge­wor­de­nen Logos hin zum Glau­ben an eben­die­sen. Daher ist sie auch die auf­se­hen­er­re­gend­ste – bezeich­nen­der­wei­se auch bei laut ver­kün­de­ter und gefor­der­ter Reli­gi­ons­frei­heit und in einem angeb­lich so reli­gi­ons­in­dif­fe­ren­ten Zeit­al­ter.

Roy Schoeman – ein hebräischer Katholik

Wen­den wir uns daher dem Autor (bzw. eigent­lich Kom­pi­la­tor) des jetzt vor­zu­stel­len­den Buches zu: Roy Schoeman ist der Sohn deutsch-jüdi­scher Eltern, die der Ver­fol­gung durch die Nazis ent­ka­men, die Mut­ter nur sehr knapp. Er wuchs in einer sub­urb von New York City auf und stu­dier­te das Juden­tum bei pro­mi­nen­ten Rab­bi­nern. Er absol­vier­te Stu­di­en am Mas­sa­chu­setts Insti­tu­te of Tech­no­lo­gy und an der Har­vard Busi­ness School. 1992 wur­de er nach inten­si­ven geist­li­chen Erfah­run­gen und eini­gen Wir­run­gen durch Tau­fe und Fir­mung in die Katho­li­sche Kir­che auf­ge­nom­men. Sein erstes Buch Sal­va­ti­on is from the Jews: The Role of Juda­ism in Sal­va­ti­on Histo­ry from Abra­ham to the Second Com­ing (2003) wur­de 2007 auf Deutsch publi­ziert: Das Heil kommt von den Juden: Got­tes Plan für sein Volk (Sankt Ulrich Ver­lag, Aug­burg).

„Honey from the Rock“ – Honig aus dem Fel­sen, der Titel die­ses Buches, bezieht sich auf Psalm 81, 16: Gott wer­de sein Volk, wenn es auf ihn hör­te, „mit Honig aus dem Fel­sen sät­ti­gen“. Die im Buch vor­ge­stell­ten sech­zehn Kon­ver­ti­ten beken­nen, in Chri­stus die­se „sweet­ness“ gefun­den zu haben.

Der Titel spielt for­mal übri­gens auf ein älte­res Buch mit Por­traits von jüdi­schen Kon­ver­ti­ten an. Im Jahr 1952 brach­te der Kon­ver­tit und Prie­ster Prä­lat Johan­nes Oester­rei­cher (1904 – 1993) sein berühm­tes Werk Walls are Crumb­ling – Seven Jewish Phi­lo­so­phers Dis­co­ver Christ mit sie­ben Por­träts jüdi­scher Den­ker, die Chri­stus „ent­deckt“ haben und von denen eini­ge auch die Tau­fe ange­nom­men haben, her­aus (die­ser Titel bezieht sich sei­ner­seits auf den Ephe­ser­brief des Apo­stels Pau­lus, dem­ge­mäß Chri­stus durch sei­nen Tod „die tren­nen­de Wand der Feind­schaft“ zwi­schen Juden und Hei­den nie­der­ge­ris­sen hat: Eph 2, 14). Zu nen­nen ist in die­sem Zusam­men­hang auch der inter­es­san­te Sam­mel­band von Univ.-Prof. Prä­lat Fer­di­nand Hol­böck, Wir haben den Mes­si­as gefun­den. Die seli­ge Edith Stein und ande­re Juden­kon­ver­ti­ten vor und nach ihr, Salz­burg 1986, 2. Aufl., 1987.

Schoeman prä­sen­tiert die histo­ri­schen Per­so­nen Alp­hon­se Ratis­bon­ne, Her­mann Cohen (P. Augu­sti­nus Maria vom Hei­lig­sten Sakra­ment), David Gold­stein, Sonia Katz­mann (Sr. Mary Samue­le), Char­lie Rich, Redemp­to­ri­sten-Pater Arthur B. Kly­ber und den Rab­bi­ner Euge­nio Israe­le Zolli. Por­trai­tier­te Zeit­ge­nos­sen sind Ron­da Cher­vin, David Moss, Rosa­lind Moss, Judith Cab­aud, Mari­lyn Pre­ver, Pater Peter Sab­bath, Ste­ven Block, Bob Fish­man und Schoeman selbst. Meist kom­men sie selbst zu Wort, man­che Infor­ma­tio­nen sind vom Kom­pi­la­tor.

Ein brei­tes Spek­trum an Cha­rak­te­ren kommt dabei zum Aus­druck. Alle sind zwar intel­li­gen­te und ernst­haf­te Men­schen, eini­ge sogar eher schwer­blü­tig, man­che sind humor­vol­le Gei­ster mit Schalk und Witz – man­che ken­nen bei­des. Auf­fäl­lig ist, daß in allen Por­traits aus­ge­spro­chen sym­pa­thi­sche Per­sön­lich­kei­ten zum Vor­schein kom­men.

Bei­spiel­haft soll aus jeder der bei­den Grup­pen, der histo­ri­schen bzw. der zeit­ge­nös­si­schen Per­so­nen, eine vor­ge­stellt wer­den:

Der „Rabbi von Rom“ während des Pontifikates von Papst Pius XII. und der deutschen Besetzung Roms

Der viel­leicht pro­mi­nen­te­ste Kon­ver­tit ist Euge­nio Pio Zolli (gebo­re­ner Isra­el Anton Zol­ler), der „Rab­bi von Rom“ (so auch die deut­sche Aus­ga­be sei­ner auf Eng­lisch erschie­ne­nen Auto­bio­gra­phie Befo­re the Dawn, ital. Pri­ma dell‘ alba). Er wur­de 1881 in Bro­dy, Öster­rei­chisch-Gali­zi­en, heu­te Ukrai­ne, gebo­ren und nach Lebens­sta­tio­nen in Wien, Tri­est und Padua 1938 zum Ober­rab­bi­ner Roms ernannt.

Sein Weg in die Kir­che führ­te nach vie­lem Nach­den­ken, Stu­die­ren und Medi­tie­ren von Kind­heits­ta­gen an über eine außer­or­dent­li­che inne­re Erfah­rung wäh­rend sei­ner Zeit als Rab­bi­ner:

„Es war am Ver­söh­nungs­tag im Herbst 1944 und ich stand einer reli­giö­sen Zere­mo­nie im Tem­pel vor. Der Tag neig­te sich und ich war völ­lig allei­ne inmit­ten einer gro­ßen Zahl von Men­schen. Ein Gefühl stell­te sich ein, als wür­de Nebel in mei­ne See­le zie­hen. Er wur­de immer dich­ter und ich ver­lor völ­lig den Kon­takt zu den Men­schen und Din­gen um mich her­um. Und genau dann sah ich mit mei­nem inne­ren Auge eine anstei­gen­de Wie­se in saf­ti­gem Grün. In die­ser Wie­se sah ich Jesus Chri­stus, weiß­ge­klei­det und über sei­nem Haupt den blau­en Him­mel. Ich erfuhr den größ­ten inne­ren Frie­den. (…) In mei­nem Her­zen fand ich die Wor­te: ‚Du bist zum letz­ten Mal hier‘. Ich erwog sie mit der größ­ten Gelas­sen­heit mei­ner Seele.Die Ant­wort mei­nes Her­zens war: So ist es, so soll es sein, so muß es sein. (…) Eini­ge Tage spä­ter gab ich mei­ne Stel­lung in der Israe­li­ti­schen Gemein­de auf und ging zu einem rela­tiv unbe­kann­ten Prie­ster, um Unter­richt zu bekom­men. Eini­ge Wochen ver­gin­gen bis zum 13. Febru­ar, als ich das Sakra­ment der Tau­fe emp­fing und in die Katho­li­sche Kir­che, den Mysti­schen Leib Chri­sti, ein­ge­glie­dert wur­de.“ (Der „rela­tiv unbe­kann­te Prie­ster“ war übri­gens der Jesu­it P. Pao­lo Dez­za, der 1981 zum Dele­ga­ten Papst Johan­nes Pauls II. für den unter dem Gene­ra­lat von P. Pedro Arru­pe in einen rapi­den Nie­der­gang geführ­ten Jesui­ten­or­den ernannt und 1991 zum Kar­di­nal kre­iert wer­den soll­te.)

Er wur­de zusam­men mit sei­ner zwei­ten Frau (die erste war 1917 ver­stor­ben) getauft (die Toch­ter Myri­am folg­te ein Jahr spä­ter) und nahm als Tauf­na­men den von Papst Pius XII. und des­sen Papst­na­men an. Damit woll­te er dem Papst, der uner­meß­li­che und risi­ko­rei­che Lei­stun­gen zur Ret­tung der römi­schen Juden erbracht hat­te, Dank­bar­keit und Ver­eh­rung erwei­sen. Zolli wur­de aus der Syn­ago­ge aus­ge­sto­ßen, die Zeit­schrift der Israe­li­ti­schen Gemein­de erschien mit Insi­gni­en der Trau­er.

Auf­grund der mas­si­ven und hoch­emo­tio­na­len Kri­tik an sei­nem Schritt frag­te er sich: „Ist die Kon­ver­si­on eine Untreue, eine Untreue gegen­über dem zuvor bekann­ten Glau­ben?“, wor­auf er die Ant­wort gab: „Glau­be ist eine Anhäng­lich­keit, nicht an eine Tra­di­ti­on, eine Fami­lie oder einen Stamm, nicht ein­mal an ein Volk. Es ist eine Anhäng­lich­keit unse­res Lebens und unse­rer Taten an den Wil­len Got­tes, wie er jedem in der Inti­mi­tät des Gewis­sens geof­fen­bart wird. Kon­ver­si­on besteht in der Ant­wort an einen Ruf Got­tes.“

Nach Jah­ren aka­de­mi­scher Tätig­keit als Pro­fes­sor für Bibel­wis­sen­schaft starb er am 2. März 1956, dem 80. Geburts­tag sei­nes gro­ßen Freun­des, Papst Pius XII.

Bezeich­nend ist, daß die­se bemer­kens­wer­te Geschich­te heut­zu­ta­ge sowohl in kirch­li­chen als auch säku­la­ren Krei­sen wei­test­ge­hend unbe­kannt ist. Weder Papst Johan­nes Paul II. noch Papst Bene­dikt XVI. nann­ten, soweit dem Rezen­sen­ten bekannt, jemals sei­nen Namen.

Damit zu den Zeit­ge­nos­sen:

Eine Konvertitin mit Humor

Der humor­voll­ste Bei­trag im Buch ist der von Mari­lyn Pre­ver, die ihre Odys­see durch Sek­ten und Grup­pen poin­ten­reich und mit sou­ve­rä­ner Selbst­iro­nie schil­dert: Vom Sh’ma Yis­ra­el zu Hare Krish­na zu Ave Maria. Geben wir ihr selbst das Wort:

„Zuerst leb­ten wir in der 57. Stra­ße [Brook­lyn, New York], die ita­lie­nisch und – natür­lich – katho­lisch war. Die Katho­li­ken waren sehr nett zu uns (…). Jeder hat sich förm­lich ein Bein aus­ge­ris­sen, um gegen­über unse­rer Reli­gi­on Respekt zu zei­gen – obwohl wir gar kei­ne hat­ten. (…) Die ein­zig nega­ti­ve Erfah­rung, die ich mit Katho­li­ken hat­te, war, als mich jemand aus dem ita­lie­ni­schen Freun­des­kreis schlug, weil ich ‚Chri­stus getö­tet‘ hät­te. ‚Das war nicht ich, das war mein Opa!‘, ant­wor­te­te ich, aus einem vagen Wis­sen her­aus, daß es zwi­schen unse­ren Vor­fah­ren Schwie­rig­kei­ten gege­ben hat­te. Aber das waren Erwach­se­nen­pro­ble­me. Wir waren am näch­sten Tag schon wie­der Freun­de.“

Die Kri­se der Puber­tät führt sie in die Rebel­li­on gegen die Gedan­ken­welt der Eltern, die Lek­tü­re von Freud, Dar­win, Nietz­sche und Bert­rand Rus­sell stürzt sie in eine Kri­se. Hei­rat und die Ankunft ihrer Kin­der kön­nen die nagen­de Fra­ge nach dem Lebens­sinn nicht beant­wor­ten. Sie über­sie­delt mit ihrer Fami­lie ins hl. Land: „Ich wer­de trotz­dem eine Sache über unse­re Zeit in Isra­el erwäh­nen: Ich bin dort echt reli­gi­ös gewor­den. Ich wur­de Bud­dhi­stin.“

Das konn­te natür­lich nicht lan­ge hal­ten. Die Wen­de kam nach exzes­si­ver Lek­tü­re: „Ich den­ke, das, was mich ret­te­te (unter der Gna­de Got­tes), waren Bücher. (…) Die bud­dhi­sti­schen und hin­du­isti­schen Schrif­ten – wenig­stens soweit ich sie ver­stand, was nicht viel war – gaben mir wenig­stens eine Idee davon, was ein ernst­haf­tes, dis­zi­pli­nier­tes und auf das Eine kon­zen­trier­te Leben sein soll. Sie bestä­tig­ten für mich die grund­le­gen­de Mora­li­tät des Natur­ge­set­zes, das ‚in unse­re Her­zen geschrie­ben ist‘. (…) Die Autoren, die mich schließ­lich nach Hau­se in die Kir­che führ­ten, waren im wesent­li­chen drei: C. S. Lewis, G. K. Che­ster­ton und die hl. Tere­sa von Avi­la. (…) Juden schei­nen eine spe­zi­el­le Nähe zur hl. Tere­sa zu haben, viel­leicht, weil sie selbst teil­wei­se jüdi­scher Abkunft war.“

Mari­lyn Pre­ver und ihr Mann kom­men über die Ver­mitt­lung einer evan­ge­li­ka­len Gemein­de zum Glau­ben an Chri­stus, gera­ten aber dann in die Sek­te der „Kin­der Got­tes“. Danach wen­det sich ihr Mann an eine chas­si­di­sche jüdi­sche Gemein­de, um mit ihnen über die Inter­pre­ta­ti­on des Alten Testa­men­tes zu dis­ku­tie­ren. Das Gespräch mit dem jüdi­schen Bibel­ex­per­ten hat einen para­do­xen Effekt: „Anstatt, daß es uns zurück ins Juden­tum geführt hät­te, führ­te es uns schließ­lich zum katho­li­schen Glau­ben, weil es uns ver­an­laß­te, unse­re Inter­pre­ta­ti­on des Neu­en Testa­men­tes, beson­ders der pau­li­ni­schen Brie­fe, in Fra­ge zu stel­len. Man hat­te uns eine Leh­re über die Bezie­hung von Gesetz und Gna­de ver­mit­telt, die angeb­lich pau­li­nisch war — aber sie war vol­ler Wider­sprü­che. Zu die­ser Zeit sag­te uns ein ex-katho­li­scher Freund etwas zu einer damit im Zusam­men­hang ste­hen­den theo­lo­gi­schen Mate­rie, das mir im Bewußt­sein haf­ten blieb: Er sag­te, wir inter­pre­tier­ten die Evan­ge­li­en im Licht der Apo­stel­brie­fe und schlug vor, daß es umge­kehrt sein soll­te. Zu die­sem Zeit­punkt stell­ten wir zu vie­le Fra­gen, wie man sich vor­stel­len kann, um noch in einer fun­da­men­ta­li­sti­schen oder evan­ge­li­ka­len Kir­che will­kom­men zu sein.“ Schließ­lich beschrei­tet die Fami­lie, wenn auch auf zwei Grup­pen auf­ge­teilt, den Weg in die Katho­li­sche Kir­che. Dort erlebt sie so vie­les, daß die Autorin noch wei­te­re Publi­ka­tio­nen ankün­digt.

Unkenntnis des Glaubens und dessen Behebung

Was in dem Bericht her­aus­sticht, ist ein Satz, der sich als sym­pto­ma­tisch für vie­le im Buch dar­ge­stell­te Per­so­nen erweist. Frau Pre­ver erzählt über die Unter­wei­sung, die sie als Kind über die Bibel erhal­ten hat. Die Bedeu­tung und Trag­wei­te die­ser Geschich­ten wird ihr aber nicht ver­mit­telt: „Es ist mir nie ein­ge­fal­len, irgend­je­mand um eine Erklä­rung die­ser Din­ge zu bit­ten.“ Das ist der sprin­gen­de Punkt in man­gel­haf­ter reli­giö­ser Unter­wei­sung, nicht nur im Juden­tum: Alles ist auf die Auto­ri­tät der Auto­ri­tä­ten hin zu glau­ben, aber Inhal­te, Zusam­men­hän­ge, Hin­ter­grün­de, ja die inne­re Logik selbst, wer­den nicht erklärt. Als ein­zig wich­tig wird es dar­ge­stellt, Bräu­che ein­zu­hal­ten – von wo die Bräu­che kom­men und ob sie ggf. weni­ger wich­tig sind als zen­tra­le Glau­bens­in­hal­te und Gebo­te, wird nicht the­ma­ti­siert. Zu Recht sagen daher vie­le der por­trai­tier­ten Per­so­nen auf die eine oder ande­re Wei­se, sie sei­en gar nicht „rich­tig“ jüdisch gewe­sen, was die Reli­gi­on betrifft. Man­che haben auch über­haupt nie prak­ti­ziert.

Was den Rezen­sen­ten doch ver­blüfft hat, ist eben die Tat­sa­che, daß fast alle der genann­ten Kon­ver­ti­ten in Jugend und Erwach­se­nen­al­ter nur ober­fläch­li­che oder gar kei­ne Kennt­nis­se der Bibel hat­ten: Des Neu­en Testa­men­tes ohne­dies nicht, aber auch des Alten Testa­men­tes, der „hebräi­schen Bibel“, wie man­che auch sagen, nicht. Man fei­er­te Pes­sach, hielt viel­leicht den Sab­bat ein und beach­te­te die Spei­se­vor­schrif­ten. Oder auch nicht. Wor­um es im Glau­ben Isra­els im Kern geht, wuß­te aber kei­ner.

Es ist also kein Cha­rak­te­ri­sti­kum der zeit­ge­nös­si­schen Katho­li­ken allei­ne, daß sie sich in Glau­ben, Bibel und Tra­di­ti­on nicht aus­ken­nen. Der Weg zur Wahr­heit führt aber über die Aneig­nung der Glau­bens­in­hal­te: „Wer die hl. Schrift nicht kennt, kennt Chri­stus nicht“, sag­te der hl. Bibel­über­set­zer Hie­ro­ny­mus. Hier aber sind Men­schen, die wis­sen, wem sie geglaubt haben und von der nagen­den Unru­he zum inne­ren Frie­den gelangt sind.

Resümee

Es ist dem Kom­pi­la­tor des Buches und dem Ver­le­ger, dem Jesui­ten­pa­ter Joseph D. Fes­sio, Grün­der und Chef des Ver­lags Igna­ti­us­press, San Fran­cis­co, zu dan­ken, die­se inter­es­san­ten und aus­sa­ge­kräf­ti­gen Bio­gra­phien einem brei­te­ren Publi­kum bekannt gemacht, damit ein Tabu über­wun­den und histo­ri­sches Dun­kel erhellt zu haben. Nicht zuletzt geht es auch, wie ein­gangs erwähnt, um die Ehre von Papst Pius XII. und die vol­le histo­ri­sche Wahr­heit. Nur die Wahr­heit kann frei machen.

Honey from the Rock – Six­teen Jews Find the Sweet­ness of Christ, com­pi­led by Roy Schoeman, Igna­ti­us, San Fran­cis­co, 2007. 289 Sei­ten. Lei­der (noch) kei­ne deut­sche Über­set­zung: www.ignatius.com

* MMag. Wolf­ram Schrems, Linz und Wien, katho­li­scher Theo­lo­ge, Phi­lo­soph, kirch­lich gesen­de­ter Kate­chist, umfang­rei­che Vor­trags- und Publi­ka­ti­ons­tä­tig­keit

3 Kommentare

  1. Im NT ist fest­ge­hal­ten, wie die Juden in der Ver­pflich­tung zum Apo­sto­lat ste­hen. So zu tun, als sei das heu­ti­ge Juden­tum sakro­sankt und dür­fe nicht mis­sio­niert wer­den, wider­spricht der katho­li­schen Leh­re.

  2. Die Irri­ta­tio­nen kom­men wohl vom Doku­ment NOSTRA AETATE des 2. Vati­ka­nums her. Die dor­ti­gen Aus­füh­run­gen sind gera­de nicht dazu ange­tan, die Mis­sio­nie­rung zu betrei­ben. Wie ein roter Faden fin­det man auch hier wie­der den Grund in dem ver­meint­lich pasto­ra­len Kon­zil.

  3. Viel­leicht soll­te die Fra­ge der Kon­ver­si­on hier etwas dif­fe­ren­zier­ter betrach­tet werden:forward.com/articles/159955/converts-who-changed-the-church/?p=all

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