Neue Töne zum überlieferten Ritus?

Kardinalstaatssekretär Parolin


Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin äußerte sich zum überlieferten Ritus und läßt versöhnliche Töne anklingen
Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin äußerte sich zum überlieferten Ritus und läßt versöhnliche Töne anklingen

Der vati­ka­ni­sche Kar­di­nal­staats­se­kre­tär Pie­tro Paro­lin hat sich erneut zur Fra­ge des über­lie­fer­ten Römi­schen Ritus geäu­ßert – und dabei einen Ton ange­schla­gen, der teils als bemer­kens­wer­te Kurs­kor­rek­tur wahr­ge­nom­men wird. 

Anlaß war eine Jour­na­li­sten­fra­ge am Ran­de einer Ver­an­stal­tung der Vati­ka­ni­schen Apo­sto­li­schen Biblio­thek, die sich auf ein jüngst ver­öf­fent­lich­tes Schrei­ben bezog, das Kar­di­nal Paro­lin im Namen von Papst Leo XIV. an die fran­zö­si­schen Bischö­fe unter­zeich­net hatte.

In die­sem Schrie­ben ging es auch um die über­lie­fer­te Mes­se, die seit Jah­ren Gegen­stand inner­kirch­li­cher Span­nun­gen ist. Paro­lin beton­te nun: 

„Alle tei­len die­se Sor­ge: Die Lit­ur­gie darf nicht zum Anlaß von Kon­flikt und Spal­tung unter uns werden.“ 

Zugleich unter­strich er die Not­wen­dig­keit, „eine For­mel zu fin­den, die den legi­ti­men Anlie­gen ent­ge­gen­kommt“. Ent­schei­dend sei dabei, daß dies gesche­he, „ohne die Lit­ur­gie zu einem Schlacht­feld zu machen“.

Die­se Aus­sa­gen ste­hen erkenn­bar im Ein­klang mit der Linie des Pap­stes. In sei­nem Schrei­ben an die Bischö­fe hat­te Papst Leo XIV. von einer „schmerz­li­chen Wun­de“ gespro­chen, die sich im Zusam­men­hang mit der Meß­fei­er in der Kir­che auf­tue, und dazu auf­ge­ru­fen, „die Gläu­bi­gen, die auf­rich­tig am Vetus Ordo hän­gen, groß­zü­gig ein­zu­be­zie­hen“. Damit wird ein Akzent gesetzt, der auf Befrie­dung und Inte­gra­ti­on abzielt, ohne die bestehen­den Span­nun­gen zu verharmlosen.

Das Schrei­ben ist ins­ge­samt die erste Stel­lung­nah­me von Leo XIV. zum über­lie­fer­ten Ritus. Bis­her hat­te er sich gänz­lich zurück­ge­hal­ten. Ein­zig eine Geste gab es, indem Kar­di­nal Ray­mond Bur­ke im Okto­ber 2025 die Erlaub­nis erteilt wur­de, im Peters­dom ein Pon­ti­fi­kal­amt im über­lie­fer­ten Ritus zu zele­brie­ren, nach­dem Fran­zis­kus die­sen aus der bedeu­tend­sten Kir­che der Chri­sten­heit ver­bannt hatte.

Bemer­kens­wert an der neu­en Äuße­rung ist vor allem die Ton­la­ge vor dem Hin­ter­grund frü­he­rer Ent­wick­lun­gen. In den ver­gan­ge­nen Jah­ren waren unter dem Pon­ti­fi­kat von Papst Fran­zis­kus deut­li­che Ein­schrän­kun­gen für die Fei­er der tra­di­tio­nel­len Lit­ur­gie erlas­sen wor­den, ins­be­son­de­re durch das Motu pro­prio Tra­di­tio­nis cus­to­des. Die­se Maß­nah­men wur­den von den betrof­fe­nen Gläu­bi­gen als hart und ein­sei­tig emp­fun­den. Kri­ti­sche Stim­men – dar­un­ter etwa der genann­te Kar­di­nal Bur­ke – spra­chen damals sogar von einer „Ver­fol­gung“ tra­di­tio­nell ori­en­tier­ter Katholiken.

Vor die­sem Hin­ter­grund erscheint Paro­lins jet­zi­ge Wort­mel­dung mög­li­cher­wei­se als Teil eines vor­sich­ti­gen Neu­an­sat­zes. Beob­ach­ter ver­wei­sen dar­auf, daß die lit­ur­gi­schen Aus­ein­an­der­set­zun­gen der ver­gan­ge­nen Jah­re tie­fe Grä­ben hin­ter­las­sen haben. Gera­de in Län­dern wie Frank­reich sind die­se Span­nun­gen beson­ders sicht­bar gewor­den. Der Auf­ruf des Pap­stes, „kon­kre­te Lösun­gen“ zu fin­den, die eine groß­zü­gi­ge Ein­bin­dung ermög­li­chen, zielt daher auf eine tat­säch­li­che Über­win­dung der Polarisierung.

Daß Kar­di­nal­staats­se­kre­tär Paro­lin nun aus­drück­lich von „legi­ti­men Anlie­gen“ spricht, ist dabei mehr als eine blo­ße rhe­to­ri­sche Nuan­ce. Es signa­li­siert die Aner­ken­nung, daß die Bin­dung an die über­lie­fer­te Lit­ur­gie für vie­le Gläu­bi­ge kein Rand­phä­no­men, son­dern ein ernst­zu­neh­men­der Aus­druck kirch­li­chen Lebens ist. Zugleich bleibt der Anspruch bestehen, die Ein­heit der Kir­che zu wah­ren und die Lit­ur­gie als das zu schüt­zen, was sie ihrem Wesen nach ist: Quel­le und Aus­druck der Gemeinschaft.

Ob die­ser neue Ton tat­säch­lich zu einer nach­hal­ti­gen Ent­span­nung führt, wird sich erst zei­gen. Dazu wird eine Kor­rek­tur von Tra­di­tio­nis cus­to­des unum­gäng­lich sein. Klar ist jedoch, daß die Wor­te des Kar­di­nal­staats­se­kre­tärs eine Rich­tung mar­kie­ren: weg von der Kon­fron­ta­ti­on, hin zu einer Lösungs­su­che, die die gewach­se­nen lit­ur­gi­schen Tra­di­tio­nen nicht als Pro­blem, son­dern als Teil der kirch­li­chen Wirk­lich­keit ernst nimmt.

Das Schrei­ben von Papst Leo XIV. an Frank­reichs­bi­schö­fe und die damit in Zusam­men­hang ste­hen­de Wort­mel­dung von Kar­di­nal Paro­lin signa­li­sie­ren, daß sich der Hei­li­ge Stuhl des Pro­blems völ­lig bewußt ist, das Papst Fran­zis­kus durch sei­ne tra­di­ti­ons­feind­li­che Hal­tung erzeugt hat. Die­ses Pro­blem hat sich seit Anfang Febru­ar noch ver­schärft, als die tra­di­ti­ons­ver­bun­de­ne Prie­ster­bru­der­schaft St. Pius X. neue Bischofs­wei­hen auch ohne päpst­li­che Erlaub­nis ankündigte. 

In Rom ist man sich auf­grund einer Rei­he von Gesprä­chen, die Leo XIV. in den ver­gan­ge­nen Mona­ten führ­te – frei­lich aus­schließ­lich mit Kle­ri­kern und nie mit tra­di­ti­ons­ver­bun­de­nen Gläu­bi­gen –, bewußt, daß sich auch jen­seits der Pius­bru­der­schaft beträcht­li­che Tei­le der tra­di­ti­ons­ver­bun­de­nen Gläu­bi­gen nach den schlech­ten Erfah­run­gen mit Papst Fran­zis­kus nicht mehr ein­fach abspei­sen las­sen werden.

Text: Giu­sep­pe Nar­di
Bild: MiL

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