Israel und die USA führen einen Angriffskrieg gegen den Iran, den sie „Präventivkrieg“ nennen, eine Kategorie, die das Völkerrecht nicht kennt. Es handelt sich um den dritten direkten Angriff mit nachfolgendem Schlagabtausch seit 2024. Die im Iran anerkannte katholische Kirche macht gerade eine bittere Erfahrung. Die Katholiken erleben nicht nur Bombardierungen, wie sie aufgrund der provozierten iranischen Gegenschläge auch ihre Glaubensbrüder im Heiligen Land erleben müssen, sondern wurden alleingelassen. Das Oberhaupt der katholische Kirche im Iran brachte sich in Sicherheit nach Rom.
Der belgische Kirchenmann Dominique Joseph Mathieu OFMConv ist seit dem 7. Dezember 2024 Kardinal der römisch‑katholischen Kirche – er wurde an diesem Tag von Papst Franziskus im Konsistorium zum Kardinalpriester mit der Titelkirche Santa Giovanna Antida Thouret erhoben.
Als Erzbischof der einzigen lateinischen Diözese in der Islamischen Republik Iran, nämlich Teheran‑Isfahan, lebte und wirkte Kardinal Mathieu seit 2021 in einem der geopolitischen Brennpunkte der Welt. Die katholische Gemeinde im Iran ist mit weniger als 30.000 Gläubigen klein. Sie existiert in einem politisch aufgeladenen Umfeld zwischen Machtdemonstrationen und permanenten Spannungen mit Israel und den USA. Ihr Eigenleben wird vom Staat garantiert. Eine missionarische Arbeit ist ihr jedoch verboten. Konversionen sind nur im Geheimen möglich. Sie werden theoretisch mit der Todesstrafe bedroht. Allerdings fand die letzte Hinrichtung 1990 statt. Seither müssen Konvertiten mit Verhaftung und Verhören rechnen. Sie werden besonders überwacht und können auch zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt werden.
Doch ausgerechnet in einer Zeit größter Gefahr für die Katholiken, läßt das kirchliche Oberhaupt viele Gläubige mit einem Gefühl der Verlassenheit zurück.
Am 8. März 2026 wurde der Kardinal – begleitet von der Delegation der italienischen Botschaft – aus Teheran „evakuiert“. Er erreichte Rom, wo er gestern von Papst Leo XIV. in Audienz empfangen wurde. Diese Evakuierung mag aus Sicht diplomatischer oder persönlicher Schutzüberlegungen nachvollziehbar sein, wirft aber zugleich brennende Fragen auf. Was bedeutet es für einen Oberhirten, wenn sie sich in Sicherheit bringen läßt, während seine Gemeinde unter Krieg, Unsicherheit und tödlicher Bedrohungen leidet?
Für viele Katholiken im Iran dürfte der Abzug ihres Oberhirten nicht tröstlich, sondern beunruhigend wirken. Gerade in Extremsituationen erwarten Gläubige von ihrem geistlichen Leiter mehr als eine symbolische Verbundenheit aus der Ferne. In der Kirchengeschichte gibt es zahlreiche herausragende Beispiele von Bischöfen und Ordensleuten, die inmitten von Verfolgung, Epidemien oder Kriegen an der Seite ihrer Gemeinden blieben – oft unter Einsatz ihres Lebens. Daß ein Kardinal sein eigenes Wohlergehen sichert, während andere, denen er dienen soll, in Gefahr bleiben, führt zu bitterer Enttäuschung bei denen, die auf seelsorgliche Nähe hoffen.
Es ist nicht allein eine Frage der persönlichen Entscheidung; es ist eine Frage der Verantwortung, Wo in Krisenzeiten die Hierarchie der Kirche auf Distanz geht, müssen sich die Zurückgelassenen nicht nur allein fühlen – sie müssen sich hintergangen fühlen.
Auch im Heiligen Land leben die Katholiken derzeit in Angst. Auch sie tragen keine Mitschuld am Angriff, den die israelische Regierung gestartet hat. Doch ihr geistliches Oberhaupt, Kardinal Pierbattista Pizzaballa, der als Franziskaner aus derselben Ordensfamilie stammt, ist bei ihnen.
Als israelische Panzer die einzige katholische Pfarrei im Gazastreifen angegriffen und den Pfarrer verletzt und mehrere Katholiken getötet hatten, begab sich Kardinal Pizzaballa unverzüglich persönlich nach Gaza. Er verteidigte die Kirche und ihre Gläubigen und ließ sich auch nicht den Mund verbieten durch jene westlichen Stimmen – selbst von manchen Katholiken –, die aus sicherer Entfernung meinen in einem Krieg, der nichts mit der Sache Christi zu tun hat, einen religiös verbrämten Krieg um Machtpositionen und Geopolitik, Partei für die eine oder die andere nicht-katholische Seite ergreifen zu müssen.
Text: Giuseppe Nardi
Bild: VaticanMedia (Screenshot)
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