Kardinal Pizzaballa kritisiert internationale Doppelmoral

Über den Frieden sprechen


Kardinal Pizzaballa (rechts im Bild), der Lateinische Patriarch von Jerusalem, übte gestern deutliche Kritik an der internationalen Gemeinschaft. Bildmitte: Kardinal Zuppi, Vorsitzender der Italienischen Bischofskonferenz, rechts von ihm Michele De Pascale, der Regierungschef der Emilia-Romagna
Kardinal Pizzaballa (rechts im Bild), der Lateinische Patriarch von Jerusalem, übte gestern deutliche Kritik an der internationalen Gemeinschaft. Bildmitte: Kardinal Zuppi, Vorsitzender der Italienischen Bischofskonferenz, rechts von ihm Michele De Pascale, der Regierungschef der Emilia-Romagna

Bei der gest­ri­gen Ver­an­stal­tung am 24. Febru­ar mit dem Titel „Um wei­ter über den Frie­den zu spre­chen“ („Per con­ti­nu­are a parl­a­re di pace“) im Regio­nal­par­la­ment der Emi­lia-Roma­gna kri­ti­sier­te Kar­di­nal Pier­bat­ti­sta Piz­za­bal­la, Latei­ni­scher Patri­arch von Jeru­sa­lem, die inter­na­tio­na­le Gemein­schaft. Die Ver­an­stal­tung fand anläß­lich des vier­ten Jah­res­tags des Beginns des rus­sisch-ukrai­ni­schen Krie­ges statt.

Per Video­kon­fe­renz zuge­schal­tet, äußer­te der Kar­di­nal – der als mög­li­cher näch­ster Erz­bi­schof von Mai­land im Gespräch ist – in Anwe­sen­heit des Regie­rungs­chefs der Emi­lia-Roma­gna sowie von Kar­di­nal Matteo Zup­pi, Erz­bi­schof von Bolo­gna und Vor­sit­zen­der der Ita­lie­ni­schen Bischofs­kon­fe­renz, deut­li­che Kritik.

„Hier [im Hei­li­gen Land] sind die Men­schen sehr wütend auf die inter­na­tio­na­le Gemein­schaft: weil die inter­na­tio­na­le Gemein­schaft Isra­el erlaubt, in Palä­sti­na zu tun, was sie Ruß­land nicht erlaubt, in der Ukrai­ne zu tun.“

Die­se Stel­lung­nah­me wur­de vom Publi­kum mit Applaus auf­ge­nom­men. Piz­za­bal­la schil­der­te die huma­ni­tä­re Not­la­ge in Gaza und der Westbank:

„Sowohl in Gaza als auch in der West­bank bleibt die Situa­ti­on sehr ernst. 53 Pro­zent des Gaza­strei­fens ste­hen noch unter direk­ter Kon­trol­le Isra­els, und zwei Mil­lio­nen Men­schen – ich wie­der­ho­le: zwei Mil­lio­nen – sind fast alle ver­trie­ben. Es gibt einen erheb­li­chen Man­gel an Anti­bio­ti­ka und grund­le­gen­der medi­zi­ni­scher Ver­sor­gung. Die mei­sten Men­schen leben in Zel­ten, und die Schu­len sind seit fast drei Jah­ren geschlos­sen. Die Per­spek­ti­ven für Gaza sind schwer vorherzusagen.“

Auch die poli­ti­sche Lage beschrieb er als chao­tisch und unsicher:

„Die Gover­nan­ce ist sehr unklar und chao­tisch, man ver­steht nicht, wie sich die Situa­ti­on ent­wickeln wird. Über die West­bank spricht nie­mand. Dort gibt es stän­dig Check­points, der palä­sti­nen­si­sche Kata­ster wird nicht aner­kannt, und Ver­trags­ab­schlüs­se wer­den nicht aner­kannt. Der Krieg hat tie­fes Miß­trau­en und Haß erzeugt, obwohl es immer noch vie­le Men­schen gibt, die ein nor­ma­les Leben auf­bau­en wol­len. Es ist nicht die Zeit, gro­ße Hoff­nun­gen in inter­na­tio­na­le Insti­tu­tio­nen zu setzen.“

Er appel­lier­te an Eigen­ver­ant­wor­tung und akti­ves Engagement:

„Wir kön­nen nicht auf eine Art Heils­brin­ger von außen war­ten. Inter­na­tio­na­le Abkom­men haben ihre Schwä­che gezeigt. Die Gro­ßen ent­schei­den nach eige­nen Kri­te­ri­en, die nicht dem Gemein­wohl die­nen. Den Frie­den müs­sen wir selbst vor­be­rei­ten, wir dür­fen kei­ne Angst haben, uns zu enga­gie­ren und Gesicht zu zeigen.“

Piz­za­bal­la erin­ner­te auch an die tra­gi­sche Situa­ti­on in der Ukraine:

„Hier ist der Krieg noch nicht vor­bei: Der groß­flä­chi­ge Ein­satz von Waf­fen mag been­det sein, aber die Men­schen ster­ben weiterhin.“

Text: Ila­ria De Boni
Bild: Face­book (Screen­shot)

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