Loyalität, Wahrheit und Ambivalenz unter dem Pontifikat von Papst Franziskus

Loyalität entfaltet nur dann legitime Wirkung, wenn sie der Wahrheit dient


Allegorie der Kirche als Hüterin der Wahrheit: Fresko von Andrea di Bonaiuto im Spanischen Saal der Dominikanerkirche Santa Maria Novella in Florenz (um 1365–1367)
Allegorie der Kirche als Hüterin der Wahrheit: Fresko von Andrea di Bonaiuto im Spanischen Saal der Dominikanerkirche Santa Maria Novella in Florenz (um 1365–1367)

Von Con­tra Ambilavent

Die fol­gen­de Ana­ly­se ver­steht sich als Bei­trag zum theo­lo­gi­schen Dis­kurs auf Grund­la­ge öffent­lich zugäng­li­cher Tex­te und Ereig­nis­se. Sie erhebt weder dis­zi­pli­nä­re Auto­ri­tät noch mora­li­sche Ankla­ge, son­dern zielt auf begriff­li­che Klärung.

1. Anschluss an den ersten Aufsatz – Ambivalenz als Voraussetzung der Loyalitätsfrage

Im vor­aus­ge­hen­den Auf­satz „Zur inne­ren Logik des Pon­ti­fi­kats von Papst Fran­zis­kus und sei­ner ekkle­sio­lo­gi­schen Spreng­kraft“ wur­de die The­se einer struk­tu­rel­len Ambi­va­lenz ent­fal­tet. Dort wur­de gezeigt, dass das Pon­ti­fi­kat nicht durch offe­ne lehr­amt­li­che Brü­che, son­dern durch eine syste­ma­tisch wirk­sa­me Mehr­deu­tig­keit geprägt ist: For­ma­le Lehr­kon­ti­nui­tät wird gewahrt, wäh­rend zugleich pasto­ra­le Öff­nun­gen ermög­licht wer­den, deren nor­ma­ti­ve Reich­wei­te bewusst unbe­stimmt bleibt.

Die­se Ana­ly­se bil­det die not­wen­di­ge Vor­aus­set­zung für die nun fol­gen­de Unter­su­chung. Denn Ambi­va­lenz bleibt nicht fol­gen­los. Sie erzeugt einen spe­zi­fi­schen inner­kirch­li­chen Span­nungs­raum, in dem sich die Fra­ge neu stellt: Wor­in besteht Loyalität?

Wo nor­ma­ti­ve Klar­heit zurück­tritt, gewinnt Loya­li­tät an Bedeu­tung – aber zugleich ver­än­dert sich ihr Inhalt. Der zwei­te Auf­satz rich­tet daher den Blick nicht pri­mär auf ein­zel­ne Doku­men­te oder Ent­schei­dun­gen, son­dern auf die Trans­for­ma­ti­on des Loya­li­täts­be­griffs selbst. Unter wel­chen Bedin­gun­gen wird Loya­li­tät per­so­nen­be­zo­gen? Wann bleibt sie wahr­heits­ge­bun­den? Und wel­che ekkle­sio­lo­gi­schen Kon­se­quen­zen erge­ben sich aus die­ser Verschiebung?

2. Heilige Schrift, Tradition, Lehramt

2.1. Biblische Grundlegung: Treue als Wahrheitsbindung

Im bibli­schen Kon­text steht Loya­li­tät nicht pri­mär für Per­so­nen­bin­dung, son­dern für Bun­des-Treue.
Das Alte Testa­ment beschreibt die Bezie­hung zwi­schen Gott und sei­nem Volk als Bund, des­sen Kern­be­griff „emu­nah“ – Treue, Ver­läss­lich­keit – ist. Die­se Treue ist nie­mals blind, son­dern an Got­tes Wahr­heit und Gebot gebunden.

Im Neu­en Testa­ment wird die­se Dimen­si­on ver­tieft. Chri­stus selbst bezeich­net sich als „der Weg, die Wahr­heit und das Leben“ (Joh 14,6). Die Bin­dung an Chri­stus ist daher kei­ne bloß per­so­na­le Gefolg­schaft, son­dern eine Bin­dung an die Wahr­heit Gottes.

Gleich­zei­tig zeigt das Neue Testa­ment, dass per­so­na­le Auto­ri­tät rela­ti­viert wer­den kann, wenn sie der Wahr­heit wider­spricht. Pau­lus wider­steht Petrus „ins Ange­sicht“ (Gal 2,11), nicht aus Illoya­li­tät, son­dern aus Treue zum Evan­ge­li­um. Die­se Sze­ne ist ekkle­sio­lo­gisch ent­schei­dend: Apo­sto­li­sche Auto­ri­tät steht nicht über der Wahr­heit des Evan­ge­li­ums, son­dern unter ihr.

Damit wird ein fun­da­men­ta­les Prin­zip sichtbar:

Bibli­sche Loya­li­tät ist immer wahr­heits­ge­bun­den, nicht wahrheitsersetzend.

2.2. Tradition: Gehorsam in geordneter Hierarchie

Die kirch­li­che Tra­di­ti­on ent­fal­tet Loya­li­tät vor allem unter dem Begriff des Gehor­sams. Doch auch hier ist Gehor­sam nie abso­lut personalisiert.

Tho­mas von Aquin unter­schei­det klar zwi­schen legi­ti­mer Auto­ri­tät und deren mora­li­scher Bin­dung an die gött­li­che Ord­nung. Gehor­sam ist Tugend, sofern er sich auf recht­mä­ßi­ge und mora­lisch geord­ne­te Anwei­sun­gen bezieht. Ein Befehl, der dem gött­li­chen Gesetz wider­spricht, ver­pflich­tet nicht im Gewissen.

Damit ent­steht eine hier­ar­chi­sche Ordnung:

  • Gott und gött­li­che Offenbarung
  • Über­lie­fer­te Leh­re (Depo­si­tum fidei)
  • Kirch­li­che Auto­ri­tät als die­nen­de Instanz

Auto­ri­tät ist in die­ser Sicht funk­tio­nal: Sie dient der Bewah­rung und authen­ti­schen Aus­le­gung der Offen­ba­rung, nicht deren Substitution.

Die Tra­di­ti­on kennt daher durch­aus Span­nun­gen zwi­schen per­sön­li­cher Amts­au­tori­tät und Wahr­heits­bin­dung – jedoch nie im Sin­ne einer Kon­kur­renz, son­dern als geord­ne­te Unter­ord­nung des Amtes unter die Wahrheit.

2.3. Lehramtliche Präzisierung: Autorität als Dienst an der Wahrheit

Das Zwei­te Vati­ka­ni­sche Kon­zil for­mu­liert in Lumen gen­ti­um eine ent­schei­den­de Prä­zi­sie­rung: Das Lehr­amt steht nicht über dem Wort Got­tes, son­dern dient ihm. Es ist nicht Quel­le der Offen­ba­rung, son­dern deren authen­ti­scher Interpret.

Damit wird die ekkle­sio­lo­gi­sche Grund­struk­tur eindeutig:

  • Der Papst besitzt höch­ste Jurisdiktionsgewalt.
  • Die­se Gewalt ist jedoch nicht abso­lu­ti­stisch, son­dern theo­lo­gisch gebunden.
  • Die Auto­ri­tät ist mini­ste­ri­al, nicht mon­ar­chisch im meta­phy­si­schen Sinn.

Auch der kirch­li­che Gehor­sam der Gläu­bi­gen ist kein blin­der Gehor­sam. Er setzt vor­aus, dass das Lehr­amt im Rah­men sei­ner Sen­dung han­delt. Die Treue der Gläu­bi­gen gilt letzt­lich Chri­stus und der über­lie­fer­ten Wahrheit.

Zwi­schen­fa­zit

Aus Schrift, Tra­di­ti­on und Lehr­amt ergibt sich ein kla­res Ordnungsprinzip:

  • Loya­li­tät ist eine Tugend.
  • Sie ist not­wen­dig für kirch­li­che Einheit.
  • Sie ist jedoch nicht pri­mär personenbezogen.
  • Ihre letz­te Refe­renz ist die Wahr­heit der Offenbarung.

Damit ist theo­lo­gisch aus­ge­schlos­sen, Loya­li­tät von der Wahr­heits­bin­dung zu ent­kop­peln. Eine sol­che Ent­kopp­lung wür­de das hier­ar­chi­sche Gefü­ge ver­keh­ren: Das Amt wür­de zum Maß­stab der Wahr­heit, nicht mehr deren Diener.

3. Loyalität unter dem Pontifikat von Papst Franziskus – Beobachtung einer funktionalen Verschiebung

Vor dem Hin­ter­grund der klas­si­schen theo­lo­gisch-nor­ma­ti­ven Grund­le­gung lässt sich unter dem Pon­ti­fi­kat von Papst Fran­zis­kus eine funk­tio­na­le Ver­schie­bung des Loya­li­täts­be­griffs beob­ach­ten. Die­se Ver­schie­bung bestand nicht in einer aus­drück­li­chen Neu­de­fi­ni­ti­on von Loya­li­tät, son­dern in ihrer dis­kur­si­ven Umco­die­rung inner­halb kirch­li­cher Auseinandersetzungen.

Wäh­rend die Tra­di­ti­on Loya­li­tät pri­mär als wahr­heits­ge­bun­de­ne Treue ver­stand – gebun­den an Offen­ba­rung und Depo­si­tum fidei –, trat im kirch­li­chen Dis­kurs jener Jah­re zuneh­mend eine per­so­na­le Loya­li­täts­di­men­si­on in den Vor­der­grund. Maß­stab kirch­li­cher Zuge­hö­rig­keit wur­de nicht sel­ten die Hal­tung zur Per­son des Pap­stes und zu sei­nem pasto­ra­len Stil.

Die­se Ent­wick­lung war eng mit der im ersten Auf­satz beschrie­be­nen struk­tu­rel­len Ambi­va­lenz ver­bun­den. Wo lehr­amt­li­che Tex­te bewusst Inter­pre­ta­ti­ons­räu­me eröff­ne­ten, ent­stand ein erhöh­ter Bedarf an Ein­heits­wah­rung. In sol­chen Situa­tio­nen gewinnt Loya­li­tät als Sta­bi­li­sie­rungs­ka­te­go­rie an Gewicht. Aller­dings ver­schob sich dabei der Refe­renz­punkt: Nicht die objek­ti­ve Klä­rung theo­lo­gi­scher Fra­gen stand im Zen­trum, son­dern die Demon­stra­ti­on der Ver­bun­den­heit mit dem amtie­ren­den Papst.

Kri­tik – selbst wenn sie sich aus­drück­lich auf tra­di­tio­nel­le Lehr­be­stän­de berief – wur­de in Tei­len des kirch­li­chen Dis­kur­ses nicht pri­mär inhalt­lich geprüft, son­dern hin­sicht­lich ihrer Loya­li­tät bewer­tet. Damit ver­schob sich die Bewer­tungs­lo­gik: Nicht mehr aus­schließ­lich die Kohä­renz mit der über­lie­fer­ten Leh­re war ent­schei­dend, son­dern die wahr­ge­nom­me­ne Nähe oder Distanz zur päpst­li­chen Person.

Die­se funk­tio­na­le Umco­die­rung wirk­te bis über das Ende des Pon­ti­fi­kats hin­aus fort. Die ein­ge­führ­ten Kom­mu­ni­ka­ti­ons­for­men, die dis­kur­si­ve Sen­si­bi­li­sie­rung gegen­über „Illoya­li­tät“ und die mora­li­sche Auf­la­dung von Zustim­mung prä­gen wei­ter­hin inner­kirch­li­che Debatten.

Die zen­tra­le Fra­ge lau­tet daher nicht, ob Loya­li­tät not­wen­dig ist – sie ist es unbe­streit­bar –, son­dern wor­auf sie sich letzt­lich bezieht: auf die Per­son des Amts­trä­gers oder auf die Wahr­heit, der auch das Amt unter­ge­ord­net ist.

4. Typologie der Loyalitätsformen

Die Ana­ly­se der kirch­li­chen Dis­kur­se unter dem Pon­ti­fi­kat von Papst Fran­zis­kus zeigt, dass Loya­li­tät nicht mono­li­thisch ist, son­dern dif­fe­ren­zier­te For­men annimmt. Die­se las­sen sich auf einer begriff­lich-theo­lo­gi­schen Ebe­ne wie folgt typisieren:

4.1 Personenloyalität

Defi­ni­ti­on: Treue oder Zustim­mung pri­mär zur Per­son des Pap­stes, unab­hän­gig von der objek­ti­ven theo­lo­gi­schen oder mora­li­schen Sub­stanz sei­ner Aussagen.

Merk­ma­le:

  • Prä­fe­renz für den Füh­rungs­stil und die Sym­bo­lik des Papstes
  • Kri­tik wird schnell als Illoya­li­tät interpretiert
  • Legi­ti­ma­ti­on basiert auf per­sön­li­cher Nähe und sub­jek­ti­ver Identifikation

Bei­spiel: Ver­tei­di­ger, die die pasto­ra­le Offen­heit von Amo­ris lae­ti­tia oder Gesten Fran­zis­kus‘ prio­ri­sie­ren, selbst wenn theo­lo­gi­sche Span­nun­gen bestehen (z.  B. kon­ser­va­ti­ve Apo­lo­ge­ten wie Pater Karl Wall­ner oder Pfar­rer Dr. Richard Kocher).

4.2 Amtsloyalität

Defi­ni­ti­on: Loya­li­tät gegen­über dem Amt des Pap­stes und der struk­tu­rel­len Auto­ri­tät der Kir­che, nicht unbe­dingt gegen­über der Per­son oder jeder Aussage.

Merk­ma­le:

  • Ach­tung der kirch­li­chen Hierarchie
  • Ver­tei­di­gung des Lehr­amts als Institution
  • Ver­su­che, Kon­ti­nui­tät zwi­schen dem Pon­ti­fi­kat und der über­lie­fer­ten Leh­re herzustellen

Bei­spiel: Kar­di­nal Woel­ki, der theo­lo­gi­sche Ein­wän­de gegen syn­oda­le Refor­men erhebt, aber gleich­zei­tig die Ent­schei­dungs­macht des Pap­stes oder der Welt­kir­che respektiert.

4.3 Wahrheitsloyalität

Defi­ni­ti­on: Pri­mä­re Treue gilt der über­lie­fer­ten Leh­re (Depo­si­tum fidei) und der objek­ti­ven Wahr­heit, die das Amt des Pap­stes ver­mit­telt, nicht der Per­son oder sym­bo­li­schen Gesten.

Merk­ma­le:

  • Kri­tik an Ambi­va­len­zen erfolgt aus theo­lo­gi­scher Verantwortung
  • per­sön­li­che Nach­tei­le oder Sank­tio­nen wer­den in Kauf genom­men, um die Inte­gri­tät der Leh­re zu
    wah­ren
  • Inte­gri­tät von Amt, Leh­re und kirch­li­cher Gemein­schaft steht im Vordergrund

Bei­spiel: Kar­di­nal Ray­mond Leo Bur­ke oder Kar­di­nal Ger­hard Lud­wig Mül­ler, die kla­re Rück­fra­gen for­mu­lier­ten und die Wahr­heit der Leh­re über per­sön­li­che Loya­li­tät stell­ten, auch unter Risi­ko von Ent­mach­tung oder Marginalisierung.

4.4 Analyse

Die­se Typo­lo­gie zeigt, dass Loya­li­tät nicht nur ethisch, son­dern auch funk­tio­nal und struk­tu­rell wirk­sam ist.

  • Per­so­nen­loya­li­tät kann kurz­fri­stig sta­bi­li­sie­rend wir­ken, birgt jedoch die Gefahr der Rela­ti­vie­rung theo­lo­gi­scher Maßstäbe.
  • Amts­loya­li­tät dient der insti­tu­tio­nel­len Kohä­renz, kann aber in Ambi­va­lenz­fäl­len zu tak­ti­scher Anpas­sung führen.
  • Wahr­heits­loya­li­tät ist nor­ma­tiv ide­al, erzeugt aber Kon­flikt­po­ten­zi­al, wenn sie der Per­so­nen­loya­li­tät widerspricht.

Damit ist der Boden berei­tet für den näch­sten Abschnitt:

Dis­kurs­me­cha­nis­men der Loya­li­täts­um­co­die­rung, also wie unter syste­mi­scher Ambi­va­lenz die Wahr­neh­mung, Bewer­tung und Kon­trol­le von Loya­li­tät operiert.

5. Diskursmechanismen der Loyalitätsumcodierung

Die zuvor ent­wickel­te Typo­lo­gie der Loya­li­täts­for­men erklärt noch nicht hin­rei­chend, war­um sich unter dem Pon­ti­fi­kat von Papst Fran­zis­kus bestimm­te Loya­li­täts­mu­ster struk­tu­rell durch­set­zen konnten.

Um dies zu ver­ste­hen, ist eine Ana­ly­se jener Dis­kurs­me­cha­nis­men erfor­der­lich, durch die Loya­li­tät kom­mu­ni­ka­tiv neu codiert, mora­lisch auf­ge­la­den und funk­tio­nal ver­scho­ben wur­de. Die Ambi­va­lenz man­cher lehr­amt­li­cher Tex­te wirk­te dabei nicht nur als theo­lo­gi­sches Pro­blem, son­dern als dis­kur­si­ver Katalysator.

5.1 Frühe Pontifikatsjahre: Umcodierung der Loyalitätslogik

Gera­de in den Anfangs­jah­ren des Pon­ti­fi­kats zeig­te sich ein bemer­kens­wer­ter Rol­len­wech­sel. Libe­ra­le Kräf­te, die unter Bene­dikt XVI. Gehor­sam häu­fig als Denk- und Rede­ver­bot kri­ti­siert oder als pro­ble­ma­ti­sche Form auto­ri­ta­ti­ver Über­deh­nung inter­pre­tiert hat­ten, for­der­ten nun gegen­über Fran­zis­kus einen Gehor­sam mit einer Rigo­ro­si­tät, die an den Papis­mus des Ultra­mon­ta­nis­mus erinnerte.

Damit ent­stand eine para­do­xe Konstellation:

  • Kon­ser­va­ti­ve Kon­se­quenz: Die kon­ser­va­ti­ve Sei­te sah sich genö­tigt, die­sen Gehor­sams­an­spruch theo­lo­gisch zu inte­grie­ren und zugleich die nor­ma­ti­ve Kon­ti­nui­tät der Leh­re abzusichern.
  • Libe­ra­le Dyna­mik: Pro­gres­si­ve Akteu­re nutz­ten den ein­ge­for­der­ten Gehor­sam, um kri­ti­sche Stim­men zu mar­gi­na­li­sie­ren und eige­ne Les­ar­ten als Aus­druck kirch­li­cher Loya­li­tät zu privilegieren.

Die­ser Rol­len­wech­sel macht sicht­bar, wie Loya­li­tät zuneh­mend nicht mehr pri­mär an der Wahr­heit der Leh­re ori­en­tiert war, son­dern stär­ker durch per­so­nen­be­zo­ge­nen Gehor­sam und insti­tu­tio­nel­le Sta­bi­li­täts­lo­gik bestimmt wurde.

5.2 Wettbewerb um Deutungshoheit

Zwi­schen kon­ser­va­ti­ven und pro­gres­si­ven Ver­tei­di­gern des Pon­ti­fi­kats ent­wickel­te sich ein regel­rech­ter Wett­be­werb um die Deu­tungs­ho­heit über päpst­li­che Aussagen.

In die­sem Wett­be­werb besa­ßen pro­gres­si­ve Kräf­te – gera­de auf­grund der Ambi­va­lenz ein­zel­ner Tex­te – einen struk­tu­rel­len Vor­teil. Sie konn­ten Mehr­deu­tig­kei­ten kohä­rent im Sin­ne kirch­li­cher Öff­nung inter­pre­tie­ren und als Ent­wick­lung markieren.

Kon­ser­va­ti­ve Ver­tei­di­ger hin­ge­gen stan­den vor der Auf­ga­be, pro­ble­ma­ti­sche Aspek­te zu rela­ti­vie­ren oder durch dif­fe­ren­zie­ren­de Her­me­neu­tik in die bestehen­de Leh­re ein­zu­ord­nen. Zuge­spitzt for­mu­liert: Was nicht passt, wird pas­send gemacht.

Hier zeigt sich ein para­do­xes Phä­no­men: Lehr­amtstreue Theo­lo­gen bemü­hen sich, ein ambi­va­len­tes Pon­ti­fi­kat zu sta­bi­li­sie­ren, indem sie des­sen pro­ble­ma­ti­sche Tex­te in eine kon­ser­va­ti­ve Les­art inte­grie­ren. Ziel ist es, den Ein­druck theo­lo­gi­scher Kon­ti­nui­tät zu wah­ren und das Lehr­amt vor dem Vor­wurf der Inko­hä­renz zu schützen. 

Fak­tisch jedoch ersetzt die­se Apo­loge­tik häu­fig die not­wen­di­ge Klar­stel­lung und trägt so unbe­ab­sich­tigt zur Sta­bi­li­sie­rung der Ambi­va­lenz bei.

5.3 Moralische Codierung von Loyalität

Par­al­lel zu die­sem her­me­neu­ti­schen Wett­be­werb voll­zog sich eine mora­li­sche Auf­la­dung des Loya­li­täts­be­griffs. Zustim­mung zur Per­son des Pap­stes erschien viel­fach als Aus­druck kirch­li­cher Gesin­nung, wäh­rend sach­lich begrün­de­te Kri­tik rasch als Illoya­li­tät mar­kiert wurde.

Damit ver­schob sich der Maß­stab: Nicht mehr pri­mär die inhalt­li­che Wahr­heit einer Aus­sa­ge stand im Zen­trum, son­dern die Hal­tung gegen­über dem amtie­ren­den Papst.

Die­se Ver­schie­bung begün­stig­te per­so­nen­be­zo­ge­ne Loya­li­tät gegen­über wahr­heits­be­zo­ge­ner Loyalität.

5.4 Selektive Hermeneutik und Verantwortungstransfer

Die Mehr­deu­tig­keit ein­zel­ner Tex­te führ­te zudem zu einer Ver­schie­bung der Ver­ant­wor­tung vom Lehr­amt auf die Rezipienten.

Da ein­deu­ti­ge Klar­stel­lun­gen aus­blie­ben, muss­ten Theo­lo­gen, Bischö­fe und Gläu­bi­ge selbst ent­schei­den, wel­che Les­art sie für ver­bind­lich hiel­ten. Das Ergeb­nis war kei­ne for­ma­le Lehr­ver­än­de­rung, wohl aber eine fak­ti­sche Plu­ra­li­sie­rung der Praxis.

Loya­li­tät wur­de damit zur indi­vi­du­el­len Posi­ti­ons­ent­schei­dung inner­halb eines offe­nen Interpretationsraums.

Ein exem­pla­ri­scher Fall für die­se Balan­cie­rung ist Georg Gäns­wein. Als lang­jäh­ri­ger Pri­vat­se­kre­tär Bene­dikts XVI. beton­te er zunächst die Kon­ti­nui­tät zwi­schen den Pon­ti­fi­ka­ten. Spä­ter ent­wickel­te er dif­fe­ren­zier­te­re Akzen­te, die erken­nen lie­ßen, dass Loya­li­tät nicht mit har­mo­ni­sie­ren­der Ver­ein­heit­li­chung iden­tisch ist, son­dern auch kri­tisch-reflek­tie­rend am nor­ma­ti­ven Maß­stab der Wahr­heit ori­en­tiert sein kann.

Gäns­wein illu­striert damit die Spann­wei­te und Ela­sti­zi­tät kirch­li­cher Loya­li­täts­me­cha­nis­men unter Bedin­gun­gen ambi­va­len­ter Textlagen.

5.X Fallstudien: Dokumente und ihre Diskurswirkungen

5.X.1 Amoris laetitia

Die­ses Schrei­ben ist para­dig­ma­tisch für struk­tu­rel­le Ambi­va­lenz. Es ver­bin­det die bis­he­ri­ge Moral­leh­re affir­ma­tiv mit offen for­mu­lier­ten pasto­ra­len Richt­li­ni­en, deren nor­ma­ti­ve Reich­wei­te unbe­stimmt bleibt.

  • Pro­gres­si­ve Ver­tei­di­ger beto­nen die pasto­ra­le Öff­nung und legi­ti­mie­ren Praxispluralität.
  • Kon­ser­va­ti­ve Ver­tei­di­ger ent­wickeln kom­ple­xe her­me­neu­ti­sche Model­le, um Kon­ti­nui­tät sicht­bar zu
    machen.

Die Fol­ge: Ambi­va­lenz wird sta­bi­li­siert; Loya­li­tät ver­schiebt sich von der Leh­re auf die Per­son des Papstes.

5.X.2 Document on Human Fraternity

Die Erklä­rung von Abu Dha­bi betont Brü­der­lich­keit und reli­giö­se Plu­ra­li­tät als Aus­druck gött­li­cher Weisheit.

Kon­ser­va­ti­ve Inter­pre­ten ver­su­chen, den uni­ver­sel­len Wahr­heits­an­spruch des Chri­sten­tums durch die Unter­schei­dung zwi­schen posi­ti­vem und zulas­sen­dem Got­tes­wil­len zu ret­ten. Pro­gres­si­ve Les­ar­ten hin­ge­gen ver­ste­hen die Mehr­deu­tig­keit als Öff­nung hin zu einer fak­ti­schen Rela­ti­vie­rung die­ses Wahrheitsanspruchs.

Hier berührt die Pro­ble­ma­tik einen zen­tra­len Punkt: In einer moder­nen plu­ra­li­sti­schen Les­art wird der uni­ver­sel­le Wahr­heits­an­spruch der Kir­che fak­tisch sus­pen­diert. Damit wird die Gren­ze eines noch theo­lo­gisch legi­ti­men Inklu­si­vis­mus überschritten.

Die Loya­li­täts­lo­gik ersetzt hier nicht die not­wen­di­ge dog­ma­ti­sche Prä­zi­sie­rung, son­dern sta­bi­li­siert Ambivalenz.

5.X.3 Fiducia supplicans – Exkurs

Die­ses Doku­ment ver­dient eine eige­ne Analyse.

Per­for­ma­ti­ve Dis­kre­panz: Theo­re­tisch wird zwi­schen posi­ti­ven Ele­men­ten einer Bezie­hung und mora­lisch pro­ble­ma­ti­schen Struk­tu­ren unter­schie­den; fak­tisch wird jedoch die Bezie­hung als Gan­ze geseg­net. Das heißt der Segen mani­fe­stiert die theo­re­ti­sche vor­ge­nom­me­ne Dif­fe­ren­zie­rung in sei­ner per­for­ma­ti­ven Sym­bo­lik nicht. 

Kon­sti­tu­ti­ve Struk­tur von Bezie­hun­gen: Posi­ti­ve Begleit­ele­men­te ver­än­dern nicht den mora­li­schen Sta­tus einer objek­tiv unge­ord­ne­ten Struktur.

Nor­ma­ti­ve Ent­gren­zung: Kar­di­nal Mül­ler ver­weist auf Extrem­fäl­le, etwa die Bezie­hung zwi­schen einer Frau, die einen Schwan­ger­schafts­ab­bruch durch­füh­ren lässt, und dem Arzt, der den Ein­griff voll­zieht. Wür­de man iso­lier­te posi­ti­ve Ele­men­te seg­nen, wür­den nor­ma­ti­ve Gren­zen fak­tisch auf­ge­ho­ben. Der Dif­fe­ren­zie­rungs­me­cha­nis­mus von Fidu­cia sup­pli­cans erweist sich damit als prin­zi­pi­ell entgrenzend

Dif­fe­ren­zie­rungs­stra­te­gien lau­fen Gefahr, die nor­ma­ti­ve Gren­ze fak­tisch zu suspendieren. 

Ent­kopp­lung von Segen und objek­ti­ver Ordnung

Tra­di­tio­nell bezieht sich der Segen auf eine Wirk­lich­keit, die auf Umkehr, Hei­lung und Ord­nung hin­ge­ord­net ist. Wird die­se Ord­nung sus­pen­diert, ver­liert der Segen sei­ne inne­re Logik und sta­bi­li­siert fak­tisch das, was er nach eige­ner Aus­sa­ge nicht legi­ti­mie­ren soll.

Hier zeigt sich beson­ders deut­lich: Loya­li­tät gegen­über Auto­ri­tät darf nicht an die Stel­le kla­rer lehr­mä­ßi­ger Bestim­mung treten.

5.X.4 Integration in die Leitthese

Alle Fall­stu­di­en ver­deut­li­chen eine dop­pel­te Dynamik:

  • Kon­ser­va­ti­ve sichern for­mal die Kontinuität.
  • Pro­gres­si­ve bewir­ken fak­ti­sche Praxisverschiebungen.
  • Bei­de Lager sta­bi­li­sie­ren – trotz Gegen­sät­zen – das Pon­ti­fi­kat und ver­hin­dern sowohl for­ma­le Klä­rung als auch offe­nes Schisma.

Doch damit stellt sich die ekkle­sio­lo­gi­sche Grundfrage:

Darf kirch­li­che Ein­heit dau­er­haft durch Mehr­deu­tig­keit gesi­chert werden?

Vor dem Hin­ter­grund der bibli­schen For­de­rung nach Ein­deu­tig­keit (vgl. Evan­ge­li­um nach Mat­thä­us 5,37) lau­tet die nor­ma­ti­ve Schlussfolgerung:

  • Die Ein­heit der Kir­che ver­langt Klar­heit der Lehre.
  • Ambi­va­lenz mag kurz­fri­stig inte­grie­rend wir­ken. Struk­tu­rell jedoch unter­gräbt sie die Trans­pa­renz des Wahr­heits­an­spruchs und ver­schiebt Loya­li­tät von der Wahr­heit zur Institution.

Und genau hier liegt die ent­schei­den­de ekkle­sio­lo­gi­sche Herausforderung.

6. Vertrauensverlust und Bindungserosion als Folge loyalitätszentrierter Apologetik

Neben den lehr­amt­li­chen und ekkle­sio­lo­gi­schen Fra­gen des Pon­ti­fi­kats von Papst Fran­zis­kus ist eine wei­te­re Dimen­si­on zu berück­sich­ti­gen, die in der inner­kirch­li­chen Dis­kus­si­on bis­lang kaum syste­ma­tisch ana­ly­siert wur­de: die per­so­na­len und milieuspe­zi­fi­schen Fol­ge­wir­kun­gen bestimm­ter Loya­li­täts­stra­te­gien inner­halb lehr­amtstreu­er Kreise.

6.1 Beobachtbare Diskursverschiebung

In Situa­tio­nen lehr­amt­li­cher Mehr­deu­tig­keit oder inter­pre­ta­ti­ver Offen­heit kam es wie­der­holt zu theo­lo­gi­schen Rück­fra­gen sei­tens gläu­bi­ger Katho­li­ken, die sich aus­drück­lich an das über­lie­fer­te Depo­si­tum fidei gebun­den wuss­ten. Die­se Rück­fra­gen beweg­ten sich häu­fig inner­halb der kirch­lich legi­ti­men Band­brei­te theo­lo­gi­scher Klärungsbemühungen.

Pro­ble­ma­tisch wur­de die Situa­ti­on dort, wo sol­che Anfra­gen nicht pri­mär argu­men­ta­tiv beant­wor­tet, son­dern mora­lisch codiert wur­den. Kri­tik erschien nicht sel­ten als Illoya­li­tät; Nach­fra­ge wur­de impli­zit als Gefähr­dung der Ein­heit gedeu­tet. Damit ver­schob sich der Dis­kurs von der Sach­ebe­ne auf die Ebe­ne per­so­na­ler Gesinnung.

Die­se Ver­schie­bung berührt zen­tra­le ekkle­sio­lo­gi­sche Prin­zi­pi­en. Nach der Leh­re des Zwei­ten Vati­ka­ni­schen Kon­zils ist die Kir­che eine com­mu­nio, die im gemein­sa­men Glau­ben grün­det, nicht in blo­ßer Kon­for­mi­tät. Die per­so­na­le Gewis­sens­ver­ant­wor­tung wird aus­drück­lich als inner­ste Mit­te mensch­li­cher Wür­de aner­kannt. Eine Dis­kur­s­kul­tur, die Gewis­sens­an­fra­gen mora­lisch dis­qua­li­fi­ziert, gerät daher in Span­nung zur kon­zi­lia­ren Anthropologie.

6.2 Vertrauenssoziologische Perspektive

Insti­tu­tio­nel­les Ver­trau­en ent­steht dort, wo nor­ma­ti­ve Erwar­tun­gen sta­bil erfüllt oder trans­pa­rent geklärt wer­den. Niklas Luh­mann beschreibt Ver­trau­en als Mecha­nis­mus zur Reduk­ti­on sozia­ler Kom­ple­xi­tät. Blei­ben nor­ma­ti­ve Erwar­tun­gen dau­er­haft ambi­va­lent oder wer­den legi­ti­me Rück­fra­gen mora­lisch sank­tio­niert, erhöht sich die wahr­ge­nom­me­ne Unsi­cher­heit. Dies kann zu Ero­si­on von Ver­trau­en füh­ren – nicht not­wen­dig öffent­lich sicht­bar, wohl aber inner­halb von Bin­dungs­struk­tu­ren wirksam.

Aus die­ser Per­spek­ti­ve ist plau­si­bel, dass loya­li­täts­zen­trier­te Ver­tei­di­gungs­stra­te­gien unbe­ab­sich­tig­te Neben­fol­gen erzeu­gen kön­nen: Wenn die Ver­tei­di­gung des Amtes funk­tio­nal über die Klä­rung von Wahr­heits­fra­gen gestellt wird, ver­schiebt sich der Bezugs­punkt kirch­li­cher Orientierung.

6.3 Der spezifische Bruch konservativer Milieus

Beson­de­re Bri­sanz erhält die­ses Phä­no­men dadurch, dass ent­spre­chen­de Loya­li­täts­mo­ra­li­sie­run­gen nicht pri­mär von pro­gres­si­ven Akteu­ren aus­gin­gen, son­dern viel­fach inner­halb kon­ser­va­ti­ver oder lehr­amtstreu­er Milieus selbst arti­ku­liert wur­den. Gera­de dort, wo zuvor Ori­en­tie­rung, Iden­ti­fi­ka­ti­on und mora­li­sche Maß­stä­be erfah­ren wur­den, konn­te eine impli­zi­te Dele­gi­ti­mie­rung theo­lo­gi­scher Rück­fra­gen als Ver­trau­ens­bruch erlebt werden.

Die hier ent­ste­hen­de Span­nung betrifft nicht ledig­lich unter­schied­li­che Mei­nun­gen, son­dern die Inte­gri­tät inner­kirch­li­cher Bin­dung. Wenn natür­li­che Ver­bün­de­te im Rin­gen um Lehr­klar­heit ein­an­der impli­zit Loya­li­täts­de­fi­zi­te zuschrei­ben, ver­schiebt sich die Grund­la­ge der com­mu­nio von der gemein­sa­men Wahr­heits­su­che hin zu einer Konformitätsstruktur.

6.4 Methodische Einordnung

Eine syste­ma­ti­sche empi­ri­sche Erhe­bung die­ser Pro­zes­se liegt bis­lang nicht vor. Die hier vor­ge­leg­te Ana­ly­se erhebt daher kei­nen quan­ti­ta­ti­ven Anspruch, son­dern rekon­stru­iert aus ekkle­sio­lo­gi­scher und ver­trau­ens­theo­re­ti­scher Per­spek­ti­ve struk­tu­rel­le Fol­ge­wir­kun­gen bestimm­ter Dis­kurs­mu­ster. Als ana­ly­ti­sche The­se lässt sich formulieren:

Wo Loya­li­tät pri­mär als Schutz­me­cha­nis­mus insti­tu­tio­nel­ler Sta­bi­li­tät ver­stan­den wird und nicht aus­drück­lich der Wahr­heits­su­che unter­ge­ord­net bleibt, ent­steht die Gefahr einer schlei­chen­den Ero­si­on per­so­na­ler Bin­dung. Kir­che lebt jedoch nicht allein von nor­ma­ti­ver Set­zung, son­dern von Ver­trau­en. Wird die­ses Ver­trau­en beschä­digt, ver­liert auch for­ma­le Ein­heit an inne­rer Substanz.

7. Schlussteil

Führungspersönlichkeiten zwischen Loyalität und Wahrheit

Ein beson­ders illu­stra­ti­ves Bei­spiel für kon­ser­va­ti­ve Loya­li­tät auf höch­ster Ebe­ne bie­tet Rai­ner Maria Woelki.

Er wider­setz­te sich zen­tra­len theo­lo­gi­schen Postu­la­ten des Syn­oda­len Weges in der deut­schen Orts­kir­che und nahm dafür erheb­li­che sozia­le und inner­kirch­li­che Stig­ma­ti­sie­rung in Kauf. Gleich­zei­tig signa­li­sier­te er, sich einem posi­ti­ven Urteil des Pap­stes oder einer ver­bind­li­chen Ent­schei­dung der Welt­kir­che unter­ord­nen zu wollen.

Hier zeigt sich eine kom­ple­xe Loyalitätsstruktur:

Einer­seits die Ver­tei­di­gung des über­lie­fer­ten Glau­bens­guts, ande­rer­seits die Bin­dung die­ses Glau­bens­guts an eine mög­li­che zukünf­ti­ge Auto­ri­täts­ent­schei­dung. In die­ser Kon­stel­la­ti­on erscheint das Depo­si­tum fidei fak­tisch abhän­gig von der Auto­ri­tät des Pap­stes oder einer Mehrheitsentscheidung.

Es ent­steht die Form eines vor­aus­ei­len­den Gehor­sams: Die erwar­te­te Hal­tung des Pap­stes wird anti­zi­piert und als maß­geb­li­cher Refe­renz­punkt gesetzt.

Die­ses Bei­spiel ver­deut­licht: Loya­li­tät auf Lei­tungs­ebe­ne kann inte­gra­tiv wir­ken und das Pon­ti­fi­kat sta­bi­li­sie­ren – birgt jedoch die Gefahr, die Eigen­stän­dig­keit des Wahr­heits­be­griffs funk­tio­nal zu relativieren.

Gegenmodelle: Wahrheitsorientierte Loyalität

Ein deut­lich ande­res Loya­li­täts­mo­dell ver­kör­pern Ray­mond Leo Bur­ke und Ger­hard Lud­wig Mül­ler. Kar­di­nal Bur­ke stell­te exem­pla­risch die Loya­li­tät zur Wahr­heit über die per­sön­li­che Bin­dung an den Papst. Sei­ne theo­lo­gi­schen Rück­fra­gen erfolg­ten öffent­lich, klar arti­ku­liert und unter Inkauf­nah­me per­sön­li­cher Nach­tei­le. Unter dem Pon­ti­fi­kat von Papst Fran­zis­kus wur­de er sank­tio­niert und fak­tisch entmachtet.

Kar­di­nal Mül­ler, als Prä­fekt der Glau­bens­kon­gre­ga­ti­on, ver­stand sei­ne pri­mä­re Loya­li­tät als Bin­dung an das Depo­si­tum fidei. Sein Amts­ver­lust mani­fe­stier­te eine hohe Opfer­be­reit­schaft. Für ihn besa­ßen Amt, Auto­ri­tät und media­le Prä­senz kei­nen Eigen­wert. Sie waren rein instru­men­tell – rele­vant nur, inso­fern sie der Evan­ge­li­sie­rung und der Ver­mitt­lung der Wahr­heit dienten.

Hier zeigt sich ein ekkle­sio­lo­gisch rele­van­tes Prinzip:

Amt und Auto­ri­tät sind Mit­tel, nicht Ursprung der Wahr­heit. Wenn sie Ambi­va­lenz sta­bi­li­sie­ren statt Klar­heit zu för­dern, ver­lie­ren sie ihre inne­re Rechtfertigung.

Schlussfolgerung – Wahrheit, Loyalität und kirchliche Integrität

Das Pon­ti­fi­kat von Papst Fran­zis­kus macht sichtbar:

Loya­li­tät ent­fal­tet nur dann legi­ti­me Wir­kung, wenn sie der Wahr­heit dient.

Per­so­nen­be­zo­ge­ne Loya­li­tät kann kurz­fri­stig sta­bi­li­sie­ren. Lang­fri­stig jedoch besteht die Gefahr, dass sie Ambi­va­lenz kon­ser­viert und nor­ma­ti­ve Klar­heit ver­drängt. Wird Loya­li­tät pri­mär als Schutz­me­cha­nis­mus des Pon­ti­fi­kats ver­stan­den, ver­schiebt sich das Bezugs­sy­stem: Nicht mehr die Wahr­heit trägt das Amt, son­dern das Amt defi­niert funk­tio­nal die Wahrheit.

Ambi­va­lenz mag in kom­ple­xen histo­ri­schen Situa­tio­nen fak­tisch auf­tre­ten. Sie darf jedoch nicht zum struk­tu­rel­len Leit­prin­zip kirch­li­cher Ein­heit werden.

Die Ein­heit der Kir­che grün­det nicht in stra­te­gi­scher Mehr­deu­tig­keit, son­dern in der Klar­heit der Lehre.

Wer sich der Wahr­heit ver­pflich­tet weiß, muss Mut, Ver­ant­wor­tungs­be­wusst­sein und ana­ly­ti­sche Nüch­tern­heit auf­brin­gen – auch unter per­sön­li­chem Risi­ko. Füh­rungs­per­sön­lich­kei­ten ste­hen dabei in beson­de­rer Ver­ant­wor­tung: Ihre Loya­li­tät darf nie­mals vor der Wahr­heit ste­hen, son­dern muss von ihr her bestimmt sein.

Die­ses Prin­zip ist nicht rigo­ri­stisch, son­dern zutiefst evan­ge­li­ums­ge­mäß. Das Evan­ge­li­um for­dert Ein­deu­tig­keit (vgl. Evan­ge­li­um nach Mat­thä­us 5,37), aber es kennt zugleich mensch­li­che Schwä­che. Gera­de hier wird die Figur des Simon Petrus zum theo­lo­gi­schen Schlüssel:

Er schei­ter­te aus Angst und ver­leug­ne­te sei­nen Herrn – und wur­de den­noch zum ersten Papst. Sei­ne Auto­ri­tät grün­de­te nicht in per­sön­li­cher Unfehl­bar­keit, son­dern in der Rück­bin­dung an die Wahr­heit Christi.

Selbst bei Schei­tern oder hohen per­sön­li­chen Kosten bleibt daher die Ori­en­tie­rung an der Wahr­heit das ent­schei­den­de Prin­zip für die Inte­gri­tät von Leh­re, Amt und kirch­li­cher Gemeinschaft.

  • Die Kir­che lebt nicht von Ambi­va­lenz, son­dern von Wahrheit.
  • Loya­li­tät ist nur dann legi­tim, wenn sie der Wahr­heit dient.
  • Das Amt schützt das Depo­si­tum fidei; es ersetzt es nicht.
  • Wo Klar­heit fehlt, ver­liert Ein­heit ihre inne­re Substanz.

Anmerkung

Der Autor hat in der Ver­gan­gen­heit kirch­li­che Miss­stän­de auf dem vor­ge­se­he­nen Instan­zen­weg ange­zeigt und dabei per­sön­li­che und beruf­li­che Nach­tei­le erfah­ren. Die Ent­schei­dung, unter einem Syn­onym zu publi­zie­ren, dient dem Schutz einer sta­bi­len beruf­li­chen Exi­stenz. Die­se Offen­le­gung erfolgt, um deut­lich zu machen, dass die im Text ein­ge­for­der­ten Maß­stä­be der Wahr­heits­loya­li­tät auch für den Autor selbst gelten.

Literaturverweise

Abschnitt 2 – Offenbarung, Tradition und Lehrentwicklung

Zwei­tes Vati­ka­ni­sches Kon­zil, Dei Ver­bum, Nr. 8–10.
Zwei­tes Vati­ka­ni­sches Kon­zil, Dei Ver­bum, Nr. 10.

Abschnitt 3 – Autorität, Gehorsam und Wahrheitsbindung

Mt 5,37; Joh 14,6; Gal 2,11–14.
Zwei­tes Vati­ka­ni­sches Kon­zil, Lumen gen­ti­um, Nr. 12, 18, 25.
Hein­rich Den­zin­ger /​ Peter Hüner­mann (Hg.), Enchi­ri­d­ion Sym­bo­lorum, 43. Aufl., Frei­burg 2010, DH
3060–3075.

Abschnitt 4 – Pastorale Verschiebung und Loyalitätsverständnis

Evan­ge­lii gau­di­um, Nr. 32–33.
Amo­ris lae­ti­tia, Nr. 300–305.

Abschnitt 5a – Depositum fidei und Grenzen des Lehramtes

Zwei­tes Vati­ka­ni­sches Kon­zil, Dei Ver­bum, Nr. 10.
Hein­rich Den­zin­ger /​ Peter Hüner­mann (Hg.), Enchi­ri­d­ion Sym­bo­lorum, DH 3020.

Abschnitt 5 b – Konkrete Fallbeispiele

Amo­ris lae­ti­tia, Nr. 295–312.
Kon­gre­ga­ti­on für die Glau­bens­leh­re, Respon­sum ad dubia, 15.03.2021.
Docu­ment on Human Fra­ter­ni­ty, 4.2.2019.
Fidu­cia sup­pli­cans, Nr. 3–5; 31–41.

Abschnitt 6 – Communio und Vertrauensstruktur der Kirche

Zwei­tes Vati­ka­ni­sches Kon­zil, Lumen gen­ti­um, Nr. 9–14.
Zwei­tes Vati­ka­ni­sches Kon­zil, Gau­di­um et spes, Nr. 16.

Abschnitt 7 – Schluss: Wahrheit und petrinischer Dienst

Mt 5,37; Joh 21,15–17.
Zwei­tes Vati­ka­ni­sches Kon­zil, Lumen gen­ti­um, Nr. 25.

Bild: Wiki­com­mons

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