Lateinamerika galt lange als verlässlicher Pfeiler der katholischen Kirche: zahlenmäßig stark, volkskirchlich geprägt, kulturell tief von der Katholizität durchdrungen. Diese Selbstverständlichkeit scheint immer mehr der Vergangenheit anzugehören. Neue Daten des Pew Research Center bestätigen, was sich seit Jahren abzeichnet: Der katholische Glaube befindet sich auf dem Rückzug, während religiöse Bindungslosigkeit rapide zunimmt.
Die im Jahr 2024 erhobene und Anfang 2026 veröffentlichte Studie untersucht sechs der bevölkerungsreichsten Länder des Erdteils – Argentinien, Brasilien, Chile, Kolumbien, Mexiko und Peru –, die zusammen rund drei Viertel der lateinamerikanischen Bevölkerung stellen. Das Ergebnis ist eindeutig: In allen sechs Ländern ist der Anteil der Katholiken seit 2013, dem Beginn des Pontifikats von Papst Franziskus, dem ersten und bisher einzigen Lateinamerikaner auf dem Stuhl Petri, deutlich gesunken, während der Anteil der religiös Ungebundenen stark gewachsen ist.

Zwar bleibt Lateinamerika mehrheitlich christlich, und der Katholizismus ist weiterhin die größte Einzelreligion. Doch von einem sicheren „katholischen Kontinent“ kann keine Rede mehr sein. Je nach Land bezeichnen sich heute nur noch zwischen 46 und 67 Prozent der Erwachsenen als katholisch. Gleichzeitig liegt der Anteil der Religionslosen – Atheisten, Agnostiker und Personen ohne religiöse Selbstzuordnung – bereits zwischen 12 und 33 Prozent.
Zum Vergleich: In allen untersuchten Ländern, ausgenommen Chile, lag der Katholikenanteil 1990 noch bei über 90 Prozent, in Kolumbien und Mexiko bei über 95 Prozent.
Besonders alarmierend ist die Dynamik: In jedem der untersuchten Länder hat der katholische Bevölkerungsanteil innerhalb einer Dekade mindestens neun Prozentpunkte verloren, also Millionen von Gläubigen. Parallel dazu ist der Anteil der religiös Ungebundenen um sieben Prozentpunkte oder mehr gestiegen. In Argentinien, Chile, Kolumbien und Mexiko gibt es inzwischen mehr Menschen ohne religiöse Bindung als Protestanten – ein Befund, der vor zehn Jahren noch undenkbar gewesen wäre.
Noch 2013/14 verfügten alle sechs Länder über klare katholische Mehrheiten von rund 60 Prozent oder mehr. Heute ist diese Mehrheit in Brasilien und Chile auf etwa die Hälfte der Bevölkerung geschrumpft. In Mexiko und Peru sind es noch etwa zwei Drittel, in Argentinien und Kolumbien rund 60 Prozent – überall deutlich weniger als früher.
Der vielfach genannte, aus den USA geförderte „protestantische Vormarsch“ erklärte diese Entwicklung eine Zeitlang, tut dies inzwischen aber nur mehr begrenzt. Während evangelikale und andere protestantische Gruppen in den vergangenen Jahrzehnten stark gewachsen waren, zeigt sich ihr Anteil inzwischen weitgehend stabil. In Brasilien, dem protestantischsten der untersuchten Länder, stieg ihr Anteil lediglich von 26 auf 29 Prozent. Der eigentliche Gewinner der religiösen Verschiebung ist nicht mehr der US-affine freikirchliche Protestantismus, sondern die religiöse Gleichgültigkeit.
Die Gründe für den katholischen Aderlaß sind bekannt und werden nun statistisch untermauert. Genannt werden ideologische Gründe, wie sie das progressive westliche Spektrum gerne hört. Tatsächlich aber ist es die fortschreitende Säkularisierung, jener liberale westliche, bindungslose Laizismus, der breite Teile der Bevölkerung entfremdet, der über die Medien nach westlichem Muster verbreitet wird. Die ständige Berieselung mit kirchenfernen Inhalten und Lebensstilen führt zu einem Mentalitätswechsel. Besonders in Ländern wie Argentinien wenden sich viele Menschen diffusen „spirituellen“ Angeboten zu – das Spektrum ist beliebig und breit, von Yoga über Astrologie bis Tarot –, ohne sich einer Religion zuzuordnen.
Paradox erscheint dabei, daß Lateinamerika trotz des institutionellen Niedergangs der Kirche weiterhin ausgesprochen religiös bleibt. Mindestens neun von zehn Befragten geben an, an Gott zu glauben. In mehreren Ländern erklären mindestens die Hälfte der Erwachsenen, daß Religion „sehr wichtig“ für ihr Leben sei, und in Brasilien, Kolumbien und Peru betet die Mehrheit täglich. Selbst unter den Religionslosen bekennt sich eine Mehrheit weiterhin zum Gottesglauben.
Das Problem ist daher weniger ein Verlust des religiösen Empfindens und des Glaubens an Gott als vielmehr der Verlust der kirchlichen Bindung – und damit der sakramentalen, lehrmäßigen und gemeinschaftlichen Verankerung des Glaubens. Lateinamerika entfernt sich nicht von Religion an sich, sondern von der katholischen Kirche. Emanzipatorischer Individualismus und Bindungslosigkeit sind die beiden Stränge, wie sie es zuvor schon im sogenannten Westen waren. Der Weg führt direkt in den „sprituellen“ Supermarkt, wo man sich aussucht, was man will, selektiv und wandelbar. Die Gemeinschaft zerbröselt, Religion als staatstragendes Element ebenfalls.
Gerade vor dem Hintergrund, daß mit Papst Franziskus direkt und seinem Nachfolger Leo XIV. indirekt – letzterer wirkte zehn Jahre als Bischof in Peru – zwei Päpste aus Lateinamerika stammen bzw. dort lange gewirkt haben, ist dieser Befund ernüchternd. Die Region, die seit den 1960er Jahren als Hoffnungsträger des weltweiten Katholizismus galt, ist zu einem Missionsgebiet im eigenen Haus geworden.
Das Zweite Vatikanische Konzil definierte das Selbstverständnis der Kirche neu, nicht mehr Rom-zentriert und damit europäisch, sondern als „Weltkirche“. Mit der Bischofskonferenz von Medellín (CELAM) im Jahr 1968 wuchs das lateinamerikanische Selbstbewußtsein innerhalb der Kirche, da Lateinamerika als Zukunftsraum der Kirche gesehen wurde. Das geschah parallel zu der vom lateinamerikanischen, aber stark europäisch beeinflußten Episkopat in Medellín vollzogenen Linksverschiebung, einer deutlichen Linksverschiebung, die den institutionellen Durchbruch der marxistischen Befreiungstheologie und der wohlklingenden, aber ideologisch gemeinten Formel von der „Option für die Armen“ markierte. Medellín war die kirchliche Legitimierung und Systematisierung bereits vorhandener Strömungen, vergleichbar der Legitimierung radikalprogressiver Denkweisen in der Kirche durch das Pontifikat von Franzikus.
Die PEW-Zahlen sind keine neue Warnung. Beobachter warnen schon lange davor. Der Aderlaß in Richtung freikirchlichem Protestantismus ist eine direkte Folge der erwähnten Linksverschiebung. Die religiöse Bindungslosigkeit ist nun der nächste Schritt.
Vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil verfügte die katholische Kirche über eine geradezu extrem starke Ausgangsposition, sodaß es rückblickend staunen läßt, wie rasant der Zusammenbruch erfolgen konnte. Kommunismus, Zweites Vaticanum, Medellín, US-Freikirchen und Papst Franziskus sind nur einige Elemente der Gesamtentwicklung, summieren jedoch die Teile zu einem Gesamtbild. Sie greifen als Faktoren ineinander und erzeugten im Laufe der vergangenen 65 Jahre eine Dynamik, die den rasanten Niedergang der katholischen Bindung erklärt.
Die Gesamtdiagnose ist offensichtlich, wird aber innerkirchlich gemieden: Man kann von einer strukturellen Fehlanpassung der Kirche an den ideologischen Großkonflikt des 20. Jahrhunderts sprechen, dessen Folgen bis heute nachwirken, wenngleich sich die jüngere Generation dessen gar nicht mehr bewußt ist.
Die katholische Kirche ist in Lateinamerika nach wie vor sehr stark. Wie aber wird sie auf die Fehler der jüngsten Vergangenheit reagieren?
Text: Giuseppe Nardi
Bild: MiL/PEW (Screenshot)
Hinterlasse jetzt einen Kommentar