Besprechung von Wolfram Schrems*
Seit der Promulgation des Motuproprio Summorum Pontificum im Sommer 2007 ist das Interesse an der Lateinischen Messe stark angestiegen, besonders unter jungen Menschen. Da die Piusbruderschaft die schändliche Vorgangsweise der offiziellen Kirchenstrukturen in der Corona-Inszenierung in den Jahren 2020 bis 2022 nicht oder – regional verschieden – nur teilweise mitmachte, fanden auf diesem Weg noch einmal mehr Gläubige den Weg zur traditionellen Messe und zum überlieferten Glauben. Seit den tyrannischen Maßnahmen durch Papst Bergoglio und seine Handlanger im Jahr 2021 und danach (Traditionis Custodes und Responsa ad dubia) fragen sich viele, übrigens nicht nur Katholiken, warum es ausgerechnet innerhalb der Hierarchie diesen Haß auf die Tradition gibt.
Auf diesem dunklen und verworrenen Hintergrund strahlt die seit kurzem auf Deutsch vorliegende Publikation von Peter Kwasniewski Der alte und künftige Römische Ritus – Die Rückkehr der traditionellen lateinischen Messe nach 70 Jahren des Exils umso heller: Glaube, Frömmigkeit, Wissenschaft, schriftstellerisches Talent und Witz zeichnen das lesenswerte und Maßstäbe setzende Werk aus. Um es gleich zu sagen: Es verdient weiteste Verbreitung unter Laien, Universitätstheologen, Priestern und Bischöfen. Für suchende oder konversionswillige Nicht-Katholiken mit einiger Vorbildung wäre es ebenfalls eine lohnende Lektüre.
Der Autor und seine Entwicklung

Der thomistische Philosoph Dr. Peter Kwasniewski, geboren 1971 in Chicago, war von 1998 bis 2006 am International Theological Institute und am Austrian Program der Franciscan University Steubenville, damals beides im niederösterreichischen Gaming, tätig, und gehörte danach zum Gründungsteam des Wyoming Catholic College, wo er bis 2018 Aufgaben in Leitung und Unterricht übernahm.
Als Chorleiter wurde er zwangsläufig mit liturgischen Problemen konfrontiert, die damals starke griechisch-katholische Präsenz in Gaming demonstrierte zudem einen völlig anderen Zugang zur Liturgie, als es der Novus Ordo Missae (NOM) ist. Daher nahm er sich immer mehr der Fragen um die Alte Messe an und legte den erwartbaren und logischen Weg (von der „Reform der Reform“ über die „gegenseitige Bereicherung“ bis zur Ablehnung des NOM) zurück. Seitdem produziert er Publikation um Publikation von hoher Qualität. Am Passionssonntag 2017 stellte er die deutsche Übersetzung seines Buches Resurgent in the Midst of Crisis (Neuanfang inmitten der Krise) im Rahmen eines Studiennachmittages in Wien vor.
Er betreibt den Verlag Os justi Press (in dem seine eigenen Werke allerdings nicht erscheinen) und arbeitet u. a. beim Blog Rorate Coeli führend mit.
Im englischen Sprachraum ist er einer der führenden Autoren, die die traditionelle Liturgie verteidigen und den Novus Ordo vernichtend kritisieren. Sein Umfeld ist das New Liturgical Movement (NLM), in dem Priester und Laien für eine Erneuerung der traditionellen Liturgie eintreten.
Er ist verheiratet, das Paar hat einen Sohn und eine Tochter. Er weiß also aus eigener Erfahrung um die Auswirkungen der Liturgie und ihrer Varianten auf das Familienleben.
Kwasniewski nimmt an der hl. Messe bei der Petrusbruderschaft teil und ist auch mit dem Christkönigsinstitut vertraut. Der Piusbruderschaft steht er nach eigenen Angaben wohlwollend, aber zurückhaltend gegenüber. –
Die überlieferte und die künstlich gemachte „neue“ Liturgie – Gesichtspunkte und Details
Das Buch enthält zwölf Kapitel, die auf früheren Publikationen und Vorträgen basieren und gründlich überarbeitet worden sind. Kwasniewski dokumentiert in einem eigenen Abschnitt programmatische Aussagen von Papst Paul VI. zur Liturgiereform und bietet eine umfangreiche Bibliographie.
Die Themen der einzelnen Kapitel sind: Tradition als ultimative Norm; Die Gesetze organischer Entwicklung und der Bruch des Jahres 1969; Hyperpapalismus und liturgische Mutation; Apologia Pauls VI. für die neue Messe; Zwei „Formen“ – liturgisches Faktum oder kanonisches Fiat?; Wie sehr kann der Papst unsere Riten verändern – und warum sollte er überhaupt?; Wachstum oder Verfall? – Katholische versus protestantisch-modernistische Modelle; Der römische Kanon: Tragende Säule und Fundament des römischen Ritus; Die Verschiebung des Mysterium Fidei [aus den Wandlungsworten hinaus]; Byzantinisch, Tridentinisch und Montinisch: Zwei Brüder und ein Fremder; Geborgen aus der Furie des Verschwindens; Der römische Ritus ist der Ritus der Vergangenheit für die Zukunft.
Die Grundaussagen des Werkes sind folgende:
Die göttliche Vorsehung begleitet das Entstehen und die Entwicklung der Liturgie, die auf die Einsetzung durch den Herrn Jesus Christus und die früheste Ausführung durch die Apostel zurückgeht. Die Vorsehung läßt die verschiedenen Liturgien der Kirche, von denen die römische die älteste ist, zum vollen Mannesalter, zur Fülle Christi (vgl. Eph 4, 13), heranreifen. Die authentische liturgische Entwicklung ist also „teleologisch“ (110). Es handelt sich immer um profectus, Fortschritt innerhalb des eigenen Wesens, nicht permutatio, Veränderung des Wesens (59). Die römische Liturgie erreicht nach etwa 1500 Jahren diese Fülle und wird vom hl. Papst Pius V. im Jahr 1570 festgeschrieben. Legitime Änderungen können danach nur selten sein (und waren es auch).
Im 20. Jahrhundert kommt eine gewisse liturgische „Bastelmentalität“ (passim) auf. Diese unterscheidet sich von den legitimen Anliegen der Liturgischen Bewegung.
Kwasniewski kritisiert den starken Eingriff in die Karwochenliturgie durch Papst Pius XII. (1955), der schon mit Annibale Bugnini zusammenarbeitete. 1960 erfolgt eine unnötige Rubrikenreform. 1962 kommt ein neues, reformiertes Meßbuch, wobei in den als bis dahin unveränderlich behandelten Kanon der Name des hl. Joseph eingefügt wird, offenbar bewußt geschaffener Präzedenzfall für weitere revolutionäre Maßnahmen. 1965 wird ein reformiertes Meßbuch promulgiert, vier Jahre später wird dann ein völlig neuer, künstlich zusammengestoppelter Ritus oktroyiert. Kwasniewski vergleicht ihn mit der Kunstsprache Esperanto (113). „Schwierige“ Schriftstellen, etwa aus den Fluchpsalmen, kommen in der unglücklichen neuen Leseordnung nicht mehr vor, die paulinische Warnung vor dem unwürdigen Kommunionempfang ist zum Unverständnis des Autors komplett gestrichen. Nur dreizehn Prozent der traditionellen Orationen werden in den NOM übernommen, alle anderen Gebete werden gestrichen oder verwässert.
Die kirchliche Autorität dekretierte auch massive Eingriffe in den Kalender und Änderungen der anderen Sakramente. Der Überlieferte Ritus wird de facto verboten, ein Novum in der Kirchengeschichte: Nach dem hl. John Henry Newman hat die Kirche „niemals irgendeine Zeremonie, einen Gegenstand oder Gebet, das einmal einen Platz in diesem Gottesdienst eingenommen hat, vollständig aus dem öffentlichen Gottesdienst“ entfernt (112, Fn. 26). –
Grenzen päpstlicher Autorität und päpstliche Fehlentscheidungen
Papst Paul VI. agierte mit der Erschaffung des NOM nach der Meinung von Autoritäten, die von Kwasniewski zustimmend zitiert werden, möglicherweise ultra vires, also über seine Kompetenzen hinaus (84). Der NOM sei auch nicht mehr der römische Ritus und bringe auch weder „in seinen Texten noch in seinen Zeremonien […] die Fülle unseres Glaubens zum Ausdruck“ (94). Kwasniewski bestreitet zudem, daß der NOM „auf den ausdrücklichen Willen des Konzils“ zurückginge, wie Paul VI. behauptete (134).
Auch wenn Kwasniewski nicht grundsätzlich die „Gültigkeit“ des NOM bestreitet, so gehe es in der Liturgie natürlich um mehr als um den Minimalismus der „Gültigkeit“, nämlich um Fruchtbarkeit, Darstellung des vollen Glaubens, Vergegenwärtigung des Mysteriums, Bildung der Persönlichkeit des Glaubenden, kulturprägende Kraft: „Lex orandi – lex credendi – lex vivendi“, wie Kwasniewski an mehreren Stellen in Erinnerung ruft.
Kwasniewski machte die Beobachtung, daß die „Apostel“ des NOM immer zum Trivialen, Banalen und Destruktiven tendieren.
Die Entdeckung der Alten Messe sei für ihn ein persönlicher Wendepunkt gewesen:
„Diese Liturgie zu finden und sich ihr hinzugeben, war das Ende einer Suche, von der ich nicht einmal wusste, dass ich sie begonnen hatte“ (93).
Kwasniewski hält sich mit der „Reform der Reform“ und der „gegenseitigen Bereicherung“ nicht mehr auf (vor einigen Jahren sah er das nach eigenen Angaben noch anders). Es kann für ihn nur eine Rückkehr zu klassischen Liturgie des Westens gehen, wie sie vor den willkürlichen und mechanischen Eingriffen des Jahres 1955 ausgerechnet durch Pius XII. bestand. (Ob er die Verschiebung der Osternacht auf den Abend durch Pius XII. im Jahr 1951 rückgängig machen will, geht aus dem Buch nicht hervor. Martin Mosebach läßt in seinem lesenswerten Vorwort erkennen, daß für ihn die Verschiebung auf den Abend eine sinnvolle Reform war: 11)
Der NOM kommt aus einer Revolution und perpetuiert diese:
„Der Novus Ordo (in den Worten des Consilium-Mitglieds Joseph Gelineau) war als ‚permanente Werkstatt‘ angelegt“ (94).
Daß ein Papst einen solchen Vorgang begünstigte, zeigt eine schwere Krise des Papsttums. Man beachte auch die freimaurerische Diktion von der „Werkstatt“. Liturgie muß – Kwasniewski betont das immer wieder – zu Gottesliebe, Anbetung und Opferbereitschaft führen, nicht zum Herumbasteln.
Kwasniewski kritisiert den Begleitbrief von Papst Franziskus zu Traditionis Custodes, in dem dieser schrieb, daß der NOM ein Ritus sei, „in dem der große Reichtum der römischen liturgischen Tradition aufbewahrt ist“, mit scharfen Worten:
„Meiner Meinung nach gehören solche Aussagen zu den schlimmsten Lügen, die in einem päpstlichen Dokument je zu finden waren“ (103, Fn. 9).
Trotz dem Geist „des Narzissmus, der Trockenheit und der Langeweile“ und trotz „einem erstaunlichen Mangel an Fruchtbarkeit und einem erschreckenden Ausbleiben an Berufungen zum Priester- und Ordensleben im Verhältnis zur Zahl und zu den Bedürfnissen der Katholiken“ (175) hält die Hierarchie fanatisch am NOM fest.
An einer Stelle vollzieht Kwasniewski deutlich eine Unterscheidung der Geister:
„Wenn der Herr will, dass die Kirche in dieser Welt Bestand hat, dann muss eine Zeit kommen, in der die Tradition gerechtfertigt und das Projekt der Modernisierung als der satanische Trick entlarvt wird, der sie immer gewesen ist“ (176).
Sehr interessant ist die Beobachtung Kwasniewskis, daß die kirchliche Hierarchie den 50. Jahrestag der Promulgation des Meßbuchs von Paul VI. im Jahr 2019 – eigentlich paradoxerweise – völlig unterschlug und gerade nicht beging. Das Verschweigen hatte einen raffinierten Grund:
„Es soll keine Kenntnis mehr davon geben, dass der ‚Novus Ordo‘ als solcher überhaupt existiert. Es soll nur noch ‚die Messe‘ geben, Punkt. Die Tatsache, dass jemals Änderungen an der Liturgie vorgenommen wurden, soll mit jedem Jahr tiefer in das Erinnerungsloch hineinrutschen“ (305f).
Resümee
Erstaunlich ist, daß Kwasniewski nie langweilig wird: Es sind doch über 380 eng bedruckte Seiten, also eine erhebliche Stoffmenge. Alles ist interessant und relevant und begünstigt zahlreiche „Aha-Erlebnisse“.
Kwasniewski kann scharf formulieren – und auch humorvoll sein, er kreierte den einen oder anderen Neologismus („in vitro Transsubstantiation“ in einer ansonsten lieblosen neuen Liturgie, 162; „Antiokzidenzien“, antiabendländische Ressentiments, 290) und formuliert über die Beliebigkeit und das Chaos des Novus Ordo Missae in einer Abwandlung des berühmten Dictums Heraklits:
„Man kann nicht zweimal in denselben Novus Ordo einsteigen“ (140). –
Keine ernstzunehmende Revision des Desasters des NOM und überhaupt keine sinnvolle Liturgiewissenschaft kann hinter Kwasniewski zurück. Hier wurden Maßstäbe gesetzt.
Was für einen „traditionalistischen“ Autor überraschend sein mag, ist die positive Bewertung des Barmherzigkeitsrosenkranzes. Die Botschaft der von Johannes Paul II. heiliggesprochenen Sr. Faustyna Kowalska wird nach Beobachtung des Rezensenten in der Tradition normalerweise kritisch oder negativ gesehen. Kwasniewski versteht diese Offenbarung auch als kompensatorische Maßnahme der göttlichen Vorsehung angesichts des damals nur etwa dreißig Jahre in der Zukunft liegenden Verfalls des Opfercharakters der Messe (190, Fn. 110). Damit zeigt er seine geistige Weite. –
Als – milde – Beanstandung muß der Rezensent anführen, daß Kwasniewski gegenüber den Päpsten Johannes Paul II. und Benedikt XVI. zu unkritisch ist. Er zitiert zustimmungswürdige Aussagen beider Päpste, stellt aber nicht die auf der Hand liegende Frage, warum sie dann ihre Autorität nicht in höherem Maß zugunsten des Glaubens und der Tradition, auch in der Liturgie, eingesetzt haben.
Kwasniewski hätte auch den sinistren, negativen, ja diabolischen Charakter des Kampfes gegen die Messe aller Zeiten stärker benennen können (also ausführlicher als etwa auf S. 176, wie oben zitiert). Erzbischof Bugnini brachte sein Programm bekanntlich nur mittels Lügen durch.
Kwasniewski schreibt in einer Tabelle auf S. 284, daß Erzbischof Bugnini „wegen Intrigantentums verbannt“ wurde (nämlich als Pro-Nuntius nach Teheran). Er hätte erwähnen können, daß man – nach gängiger Geschichtsschreibung – Paul VI. einen Beweis für die Mitgliedschaft Bugninis in der Freimaurerei vorgelegt hatte.
Auf S. 44 wird „Dom Karl Wallner“, Mönch des Stiftes Heiligenkreuz „mit jahrzehntelanger Erfahrung in der Jugendarbeit“, zitiert. Leider steht Heiligenkreuz (Stift, Leopoldinum und Hochschule Benedikt XVI.) der Alten Messe (und dem „Integralismus“) feindlich gegenüber. Nach dem Rücktritt von Papst Benedikt hat man sich allzu konformistisch der neuen Linie angepaßt. Pater Wallner ist niemals als Unterstützer der Alten Messe aufgefallen, im Gegenteil. –
In einem Zitat von Martin Mosebach kommt ein typisches Mißverständnis vor: Die Göttliche Liturgie des hl. Johannes Chrysostomos wird zwar heute tatsächlich von der schismatischen „griechischen Orthodoxie“ (119) zelebriert, aber sie ist genauso katholisch wie der Römische Ritus, eben deshalb, weil der hl. Chrysostomos – über sechshundert Jahre vor dem Schisma 1054 – natürlich selbst katholisch war. (Selbstverständlich war auch der hl. Johannes Damascenus katholisch und nicht „orthodox“.)
All das sind freilich untergeordnete Punkte in einem großartigen Werk. –
Extra hervorgehoben sei die ausgezeichnete, sehr gut lesbare und wortschatzreiche Qualität der Übersetzung. Jeder, der schon übersetzt hat, weiß um die diesbezüglichen Herausforderungen. Die (dem Rezensenten namentlich nicht bekannte) Übersetzerin führte auch die deutschen Übersetzungen von zitierten englischsprachigen Werken an. Das ist ebenfalls sehr zu würdigen. Auf knapp vierhundert Seiten finden sich nur sehr wenige zu korrigierende Stellen (etwa wegen idiomatischer Schwächen) und einige wenige Dubia. –
Dank und Anerkennung dem Autor und auch dem Verleger, der wirtschaftlich möglicherweise ein großes Risiko eingegangen ist. Möge sich das Buch AMDG und zum Wohl und Heil der Seelen weit verbreiten.
Peter A. Kwasniewski, Der alte und künftige Römische Ritus – Die Rückkehr der traditionellen Lateinischen Messe nach 70 Jahren des Exils, mit einem Vorwort von Martin Mosebach, St. Stephani Verlags GmbH, Metten, 2024, 393 S. (Orig. The Once and Future Roman Rite – Returning to the Traditional Latin Liturgy after Seventy Years of Exile, TAN Books, Gastonia, 2022)
*Wolfram Schrems, Wien, Mag. theol., Mag. phil., Katechist, Pro-Lifer, nimmt an der Bekämpfung der Alten Messe und der Diskriminierung der traditionellen Gläubigen durch Papst und Bischöfe Anstoß.
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