Von einem Gläubigen*
Die Ankündigung neuer Bischofsweihen durch die Priesterbruderschaft St. Pius X. berührt Grundfragen kirchlicher Ordnung, geistlicher Freiheit und geschichtlicher Verantwortung. Daß sie aufhorchen läßt, ist daher nicht verwunderlich. In der Bruderschaft selbst mischt sich die Schwere des Augenblicks mit Erleichterung. Seit Jahren wird die Notwendigkeit neuer Bischöfe empfunden, ja mit wachsender Dringlichkeit. Zugleich hatte man diesen Schritt immer wieder hinausgezögert – aus Hoffnung auf eine Verständigung mit Rom, aus Loyalität, vielleicht auch aus Geduld.
Doch Geduld lebt vom Dialog. Auch nach dem Tod von Papst Franziskus und der Wahl Leos XIV. blieb dieser erneut aus. Das römische Schweigen wirkt dabei keineswegs neutral. Es erzeugt eine Lage, in der Handeln unausweichlich wird – was manchen auch am Tiber nicht ungelegen scheint, denn gerade dieses Handeln läßt sich anschließend leicht als „Ungehorsam“ brandmarken. Das Werk Erzbischof Lefebvres erscheint dann abermals als kirchlicher Sonderfall, als Problemzone, die man markieren, vorzeigen und gegebenenfalls sanktionieren kann. Es ist eine Form von Kirchenpolitik, deren Mechanismen nicht neu sind.
Besonders vertraut sind sie den Gemeinschaften, die seit 1988 unter dem Stichwort Ecclesia Dei in voller Gemeinschaft mit Rom stehen. Formal integriert, erfahren sie sich doch nicht selten als bloß geduldet. Ihre Freiheit ist begrenzt, ihre Entfaltung von Vorbehalten begleitet. Der Zustand latenter Spannung konnte nie wirklich abgebaut werden und äußert sich in vorsorglicher Zurückhaltung: Missionarischer Eifer wird gedämpft, Sichtbarkeit vermieden. Nicht auffallen – das ist vielerorts zur stillen Maxime geworden. Der Druck kommt dabei nicht allein von progressiven Kräften. Auch konservative Milieus bieten wenig Halt, da sie die Tradition oft eher als Abgrenzungsfläche nutzen, aber ja nicht als gemeinsame Sache. Die Folge ist eine Kaskade von Selbstschutzmechanismen, die zwar kurzfristig Stabilität versprechen, langfristig aber lähmen.
Vor diesem Hintergrund wäre für die Ecclesia-Dei-Gemeinschaften jedenfalls im Moment Zurückhaltung geboten. Jene Teile der Tradition, die in kanonischer Gemeinschaft mit Rom stehen, sind von den angekündigten Bischofsweihen nicht unmittelbar betroffen. Niemand hat sie um öffentliche Stellungnahmen gebeten. Partei sind allein Rom und die Piusbruderschaft. Schweigen wäre hier nicht Ausdruck von Gleichgültigkeit, sondern von kluger Selbstverortung – eine Haltung, die der Sache mehr dient als vorschnelle Kommentierung, schon gar keine Verurteilung.
Zumal die Geschichte der letzten Jahrzehnte zeigt, wie sehr die verschiedenen Gestalten der Tradition – trotz aller Spannungen – indirekt voneinander profitiert haben. Das bleibende Verdienst Erzbischof Lefebvres besteht darin, die Tradition in einer Zeit tiefgreifender Umbrüche organisatorisch gesichert zu haben. Mit den Bischofsweihen von 1988 setzte er alles auf eine Karte, um den Fortbestand zu gewährleisten. Ohne diesen Schritt gäbe es die heutigen Traditionsgemeinschaften nicht.
Die zweitälteste unter ihnen, diePriesterbruderschaft St. Petrus, entstand unmittelbar aus der Piusbruderschaft. Ihr rascher kanonischer Status wird zu Recht als außergewöhnlich hervorgehoben. Weniger gern wird jedoch erinnert, daß diese Geschwindigkeit vor allem kirchenpolitisch motiviert war. Sie diente der Aufspaltung des Lefebvre-Werks, das zuvor jahrelang ausgegrenzt und diffamiert worden war. Der rote Teppich für eine Abspaltung stand in scharfem Kontrast zur Behandlung des Ganzen. Daß dabei auch redliche Motive einige hoher Kirchenmänner eine Rolle spielten, steht außer Frage. Doch es bleibt ein ambivalentes Kapitel römischer Geschichte.
Ebenso ambivalent ist der Umgang mit dem überlieferten Ritus selbst. Über Jahre hinweg wurde er bekämpft, marginalisiert, faktisch verboten – um erst dann wieder vorsichtig zugelassen zu werden, als Lefebvre mit den Bischofsweihen Ernst machte. Ruhm hat Rom dabei nicht erworben.
Und doch zeigt sich gerade hier jene Ironie der Heilsgeschichte, die menschliche Strategien regelmäßig übersteigt. Die Weihen von 1988 wurden – entgegen vieler Erwartungen – zum Segen. Zum Segen für die Piusbruderschaft, die ohne sie kaum überlebt hätte, da Lefebvre nur wenige Jahre später starb. Zum Segen für die Kirche insgesamt, weil sie zwanzig Jahre nach der Liturgiereform erstmals die Realität einer organisierten Tradition anerkennen mußte. Die Zahl der Traditionsgemeinschaften wuchs, ebenso ihre innere Vitalität – trotz anhaltender Widerstände. Gewachsen sind gleichermaßen sowohl die Piusbruderschaft als auch die aus der Spaltung hervorgegangenen Ecclesia-Dei-Gemeinschaften.
Lefebvres Schritt eröffnete der Tradition durch die römische Reaktion darauf einen Handlungsspielraum, den sie zuvor nicht besessen hatte. Zugleich wirkte die Existenz der Traditionsgemeinschaften innerhalb der kanonischen Ordnung zurück auf die Wahrnehmung jener Tradition, die außerhalb stand. Was innen geduldet war, konnte außen nicht länger als grundsätzlich illegitim erscheinen. So trugen beide Seiten – gewollt oder ungewollt – zur schrittweisen Normalisierung bei.
Einen Höhepunkt fand diese Entwicklung unter Benedikt XVI. Mit Summorum Pontificum und der öffentlich kommunizierten Begegnung mit dem Generaloberen der Piusbruderschaft wurden Zeichen gesetzt, die über bloße Disziplinarfragen hinausgingen. Es waren Schritte aus der Quarantäne. Auch unter Franziskus setzte sich diese Dynamik fort, wenngleich sein persönliches Verhältnis zur Tradition ablehnend distanziert blieb. Daß Summorum Pontificum von ihm schließlich wieder aufgehoben wurde, markierte jedoch eine klare Zäsur.
Die unter Benedikt begonnene Ausstrahlung traditioneller Formen in den Novus Ordo hinein wurde wieder konsequent zurückgedrängt. Einige Orte überlebten – still, unauffällig, unter Bedingungen ständiger Vorsicht. Die Tradition fährt nach wie vor mit angezogener Bremse. Auch dies ist kein Ruhmesblatt Roms.
Was also ist von neuen Bischofsweihen zu erwarten? Gewiß neue Spannungen, vielleicht neue Verletzungen, auf persönlicher wie auf institutioneller Ebene. Und doch lehrt die Erfahrung, daß gerade solche Schritte im Rückblick oft fruchtbarer waren, als es die Zeitgenossen ahnten. Es darf daher gehofft werden, daß auch dieser Akt – so umstritten er sein mag – der Tradition und damit der Kirche insgesamt zum Segen gereichen wird.
Zum Segen für die Piusbruderschaft. Zum Segen für die in kanonischer Gemeinschaft mit Rom stehenden Traditionsgemeinschaften. Und letztlich zum Segen der Kirche selbst. Denn Tradition ist keine Last, sondern eine Quelle. Mehr Tradition bedeutet nicht Rückschritt, sondern Erneuerung. Mehr Gemeinschaften der Tradition bedeuten nicht Spaltung, sondern Blüte.
Das Ziel bleibt die Freiheit des überlieferten Ritus und die Freiheit der Tradition insgesamt. Sie ist nicht die Vergangenheit der Kirche, sondern ihre Zukunft. Gott sichert sie – auf Seine Weise. Wer die vielbeschworenen „Zeichen der Zeit“ nüchtern betrachtet, wird erkennen, unter welchem Schutz sie steht: Verbot, Diskreditierung und Marginalisierung hat sie überstanden. Heute ist sie trotz aller Repression, aller Ketten und Hürden lebendiger als in jedem anderen Moment ihrer über fünfzigjährigen nachkonziliaren Geschichte.
Die Ecclesia-Dei-Gemeinschaften täten gut daran, zu den Bischofsweihen zu schweigen – und sich vielleicht sogar insgeheim zu freuen. Denn die Piusbruderschaft ist die einzige Traditionsgemeinschaft mit eigenen Bischöfen. Nicht aus Zufall, sondern weil nur diese echte Eigenständigkeit ihren Bestand sichert. Gemeinschaften ohne Bischöfe liegen am Gängelband.
Vor allem aber sollten sich Ecclesia-Dei-Vertreter nicht in kirchenpolitische Stellvertreterrollen drängen lassen, um jene Angriffe zu übernehmen, die traditionsfeindliche Teile der Kirchenführung nun gegen die Piusbruderschaft führen wollen.
Es gibt gute Gründe zur Hoffnung. Auch wenn wir noch nicht wissen, wie und wo sich der Segen zeigen wird.
*Von einem Gläubigen, ohne Kontakte zur Piusbruderschaft, der mit einer Ecclesia-Dei-Gemeinschaft verbunden ist
Bild: MiL
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