Tradition zwischen Geduld und Vorsehung – und neuen Bischofsweihen

Ein Essay zu den angekündigten Bischofsweihen der Priesterbruderschaft St. Pius X.


Bischofsweihe im 14. Jahrhundert (Miniatur)
Bischofsweihe im 14. Jahrhundert (Miniatur)

Von einem Gläubigen*

Die Ankün­di­gung neu­er Bischofs­wei­hen durch die Prie­ster­bru­der­schaft St. Pius X. berührt Grund­fra­gen kirch­li­cher Ord­nung, geist­li­cher Frei­heit und geschicht­li­cher Ver­ant­wor­tung. Daß sie auf­hor­chen läßt, ist daher nicht ver­wun­der­lich. In der Bru­der­schaft selbst mischt sich die Schwe­re des Augen­blicks mit Erleich­te­rung. Seit Jah­ren wird die Not­wen­dig­keit neu­er Bischö­fe emp­fun­den, ja mit wach­sen­der Dring­lich­keit. Zugleich hat­te man die­sen Schritt immer wie­der hin­aus­ge­zö­gert – aus Hoff­nung auf eine Ver­stän­di­gung mit Rom, aus Loya­li­tät, viel­leicht auch aus Geduld.

Doch Geduld lebt vom Dia­log. Auch nach dem Tod von Papst Fran­zis­kus und der Wahl Leos XIV. blieb die­ser erneut aus. Das römi­sche Schwei­gen wirkt dabei kei­nes­wegs neu­tral. Es erzeugt eine Lage, in der Han­deln unaus­weich­lich wird – was man­chen auch am Tiber nicht unge­le­gen scheint, denn gera­de die­ses Han­deln läßt sich anschlie­ßend leicht als „Unge­hor­sam“ brand­mar­ken. Das Werk Erz­bi­schof Lefeb­v­res erscheint dann aber­mals als kirch­li­cher Son­der­fall, als Pro­blem­zo­ne, die man mar­kie­ren, vor­zei­gen und gege­be­nen­falls sank­tio­nie­ren kann. Es ist eine Form von Kir­chen­po­li­tik, deren Mecha­nis­men nicht neu sind.

Beson­ders ver­traut sind sie den Gemein­schaf­ten, die seit 1988 unter dem Stich­wort Eccle­sia Dei in vol­ler Gemein­schaft mit Rom ste­hen. For­mal inte­griert, erfah­ren sie sich doch nicht sel­ten als bloß gedul­det. Ihre Frei­heit ist begrenzt, ihre Ent­fal­tung von Vor­be­hal­ten beglei­tet. Der Zustand laten­ter Span­nung konn­te nie wirk­lich abge­baut wer­den und äußert sich in vor­sorg­li­cher Zurück­hal­tung: Mis­sio­na­ri­scher Eifer wird gedämpft, Sicht­bar­keit ver­mie­den. Nicht auf­fal­len – das ist vie­ler­orts zur stil­len Maxi­me gewor­den. Der Druck kommt dabei nicht allein von pro­gres­si­ven Kräf­ten. Auch kon­ser­va­ti­ve Milieus bie­ten wenig Halt, da sie die Tra­di­ti­on oft eher als Abgren­zungs­flä­che nut­zen, aber ja nicht als gemein­sa­me Sache. Die Fol­ge ist eine Kas­ka­de von Selbst­schutz­me­cha­nis­men, die zwar kurz­fri­stig Sta­bi­li­tät ver­spre­chen, lang­fri­stig aber lähmen.

Vor die­sem Hin­ter­grund wäre für die Eccle­sia-Dei-Gemein­schaf­ten jeden­falls im Moment Zurück­hal­tung gebo­ten. Jene Tei­le der Tra­di­ti­on, die in kano­ni­scher Gemein­schaft mit Rom ste­hen, sind von den ange­kün­dig­ten Bischofs­wei­hen nicht unmit­tel­bar betrof­fen. Nie­mand hat sie um öffent­li­che Stel­lung­nah­men gebe­ten. Par­tei sind allein Rom und die Pius­bru­der­schaft. Schwei­gen wäre hier nicht Aus­druck von Gleich­gül­tig­keit, son­dern von klu­ger Selbst­ver­or­tung – eine Hal­tung, die der Sache mehr dient als vor­schnel­le Kom­men­tie­rung, schon gar kei­ne Verurteilung.

Zumal die Geschich­te der letz­ten Jahr­zehn­te zeigt, wie sehr die ver­schie­de­nen Gestal­ten der Tra­di­ti­on – trotz aller Span­nun­gen – indi­rekt von­ein­an­der pro­fi­tiert haben. Das blei­ben­de Ver­dienst Erz­bi­schof Lefeb­v­res besteht dar­in, die Tra­di­ti­on in einer Zeit tief­grei­fen­der Umbrü­che orga­ni­sa­to­risch gesi­chert zu haben. Mit den Bischofs­wei­hen von 1988 setz­te er alles auf eine Kar­te, um den Fort­be­stand zu gewähr­lei­sten. Ohne die­sen Schritt gäbe es die heu­ti­gen Tra­di­ti­ons­ge­mein­schaf­ten nicht.

Die zweit­äl­te­ste unter ihnen, diePrie­ster­bru­der­schaft St. Petrus, ent­stand unmit­tel­bar aus der Pius­bru­der­schaft. Ihr rascher kano­ni­scher Sta­tus wird zu Recht als außer­ge­wöhn­lich her­vor­ge­ho­ben. Weni­ger gern wird jedoch erin­nert, daß die­se Geschwin­dig­keit vor allem kir­chen­po­li­tisch moti­viert war. Sie dien­te der Auf­spal­tung des Lefeb­v­re-Werks, das zuvor jah­re­lang aus­ge­grenzt und dif­fa­miert wor­den war. Der rote Tep­pich für eine Abspal­tung stand in schar­fem Kon­trast zur Behand­lung des Gan­zen. Daß dabei auch red­li­che Moti­ve eini­ge hoher Kir­chen­män­ner eine Rol­le spiel­ten, steht außer Fra­ge. Doch es bleibt ein ambi­va­len­tes Kapi­tel römi­scher Geschichte.

Eben­so ambi­va­lent ist der Umgang mit dem über­lie­fer­ten Ritus selbst. Über Jah­re hin­weg wur­de er bekämpft, mar­gi­na­li­siert, fak­tisch ver­bo­ten – um erst dann wie­der vor­sich­tig zuge­las­sen zu wer­den, als Lefeb­v­re mit den Bischofs­wei­hen Ernst mach­te. Ruhm hat Rom dabei nicht erworben.

Und doch zeigt sich gera­de hier jene Iro­nie der Heils­ge­schich­te, die mensch­li­che Stra­te­gien regel­mä­ßig über­steigt. Die Wei­hen von 1988 wur­den – ent­ge­gen vie­ler Erwar­tun­gen – zum Segen. Zum Segen für die Pius­bru­der­schaft, die ohne sie kaum über­lebt hät­te, da Lefeb­v­re nur weni­ge Jah­re spä­ter starb. Zum Segen für die Kir­che ins­ge­samt, weil sie zwan­zig Jah­re nach der Lit­ur­gie­re­form erst­mals die Rea­li­tät einer orga­ni­sier­ten Tra­di­ti­on aner­ken­nen muß­te. Die Zahl der Tra­di­ti­ons­ge­mein­schaf­ten wuchs, eben­so ihre inne­re Vita­li­tät – trotz anhal­ten­der Wider­stän­de. Gewach­sen sind glei­cher­ma­ßen sowohl die Pius­bru­der­schaft als auch die aus der Spal­tung her­vor­ge­gan­ge­nen Eccle­sia-Dei-Gemein­schaf­ten.

Lefeb­v­res Schritt eröff­ne­te der Tra­di­ti­on durch die römi­sche Reak­ti­on dar­auf einen Hand­lungs­spiel­raum, den sie zuvor nicht beses­sen hat­te. Zugleich wirk­te die Exi­stenz der Tra­di­ti­ons­ge­mein­schaf­ten inner­halb der kano­ni­schen Ord­nung zurück auf die Wahr­neh­mung jener Tra­di­ti­on, die außer­halb stand. Was innen gedul­det war, konn­te außen nicht län­ger als grund­sätz­lich ille­gi­tim erschei­nen. So tru­gen bei­de Sei­ten – gewollt oder unge­wollt – zur schritt­wei­sen Nor­ma­li­sie­rung bei.

Einen Höhe­punkt fand die­se Ent­wick­lung unter Bene­dikt XVI. Mit Sum­morum Pon­ti­fi­cum und der öffent­lich kom­mu­ni­zier­ten Begeg­nung mit dem Gene­ral­obe­ren der Pius­bru­der­schaft wur­den Zei­chen gesetzt, die über blo­ße Dis­zi­pli­nar­fra­gen hin­aus­gin­gen. Es waren Schrit­te aus der Qua­ran­tä­ne. Auch unter Fran­zis­kus setz­te sich die­se Dyna­mik fort, wenn­gleich sein per­sön­li­ches Ver­hält­nis zur Tra­di­ti­on ableh­nend distan­ziert blieb. Daß Sum­morum Pon­ti­fi­cum von ihm schließ­lich wie­der auf­ge­ho­ben wur­de, mar­kier­te jedoch eine kla­re Zäsur.

Die unter Bene­dikt begon­ne­ne Aus­strah­lung tra­di­tio­nel­ler For­men in den Novus Ordo hin­ein wur­de wie­der kon­se­quent zurück­ge­drängt. Eini­ge Orte über­leb­ten – still, unauf­fäl­lig, unter Bedin­gun­gen stän­di­ger Vor­sicht. Die Tra­di­ti­on fährt nach wie vor mit ange­zo­ge­ner Brem­se. Auch dies ist kein Ruh­mes­blatt Roms.

Was also ist von neu­en Bischofs­wei­hen zu erwar­ten? Gewiß neue Span­nun­gen, viel­leicht neue Ver­let­zun­gen, auf per­sön­li­cher wie auf insti­tu­tio­nel­ler Ebe­ne. Und doch lehrt die Erfah­rung, daß gera­de sol­che Schrit­te im Rück­blick oft frucht­ba­rer waren, als es die Zeit­ge­nos­sen ahn­ten. Es darf daher gehofft wer­den, daß auch die­ser Akt – so umstrit­ten er sein mag – der Tra­di­ti­on und damit der Kir­che ins­ge­samt zum Segen gerei­chen wird.

Zum Segen für die Pius­bru­der­schaft. Zum Segen für die in kano­ni­scher Gemein­schaft mit Rom ste­hen­den Tra­di­ti­ons­ge­mein­schaf­ten. Und letzt­lich zum Segen der Kir­che selbst. Denn Tra­di­ti­on ist kei­ne Last, son­dern eine Quel­le. Mehr Tra­di­ti­on bedeu­tet nicht Rück­schritt, son­dern Erneue­rung. Mehr Gemein­schaf­ten der Tra­di­ti­on bedeu­ten nicht Spal­tung, son­dern Blüte.

Das Ziel bleibt die Frei­heit des über­lie­fer­ten Ritus und die Frei­heit der Tra­di­ti­on ins­ge­samt. Sie ist nicht die Ver­gan­gen­heit der Kir­che, son­dern ihre Zukunft. Gott sichert sie – auf Sei­ne Wei­se. Wer die viel­be­schwo­re­nen „Zei­chen der Zeit“ nüch­tern betrach­tet, wird erken­nen, unter wel­chem Schutz sie steht: Ver­bot, Dis­kre­di­tie­rung und Mar­gi­na­li­sie­rung hat sie über­stan­den. Heu­te ist sie trotz aller Repres­si­on, aller Ket­ten und Hür­den leben­di­ger als in jedem ande­ren Moment ihrer über fünf­zig­jäh­ri­gen nach­kon­zi­lia­ren Geschichte.

Die Eccle­sia-Dei-Gemein­schaf­ten täten gut dar­an, zu den Bischofs­wei­hen zu schwei­gen – und sich viel­leicht sogar ins­ge­heim zu freu­en. Denn die Pius­bru­der­schaft ist die ein­zi­ge Tra­di­ti­ons­ge­mein­schaft mit eige­nen Bischö­fen. Nicht aus Zufall, son­dern weil nur die­se ech­te Eigen­stän­dig­keit ihren Bestand sichert. Gemein­schaf­ten ohne Bischö­fe lie­gen am Gängelband.

Vor allem aber soll­ten sich Eccle­sia-Dei-Ver­tre­ter nicht in kir­chen­po­li­ti­sche Stell­ver­tre­ter­rol­len drän­gen las­sen, um jene Angrif­fe zu über­neh­men, die tra­di­ti­ons­feind­li­che Tei­le der Kir­chen­füh­rung nun gegen die Pius­bru­der­schaft füh­ren wollen.

Es gibt gute Grün­de zur Hoff­nung. Auch wenn wir noch nicht wis­sen, wie und wo sich der Segen zei­gen wird.

*Von einem Gläu­bi­gen, ohne Kon­tak­te zur Pius­bru­der­schaft, der mit einer Eccle­sia-Dei-Gemein­schaft ver­bun­den ist

Bild: MiL

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